15. Kap./3 * Überwindung der „Sprachenverwirrung“

Folgen wir Schuberts Argumentation noch ein Stück weiter, die eine bemerkenswerte medizinische Anthropologie entwarf. Er beschrieb, wie oben gezeigt, den jetzigen Zustand des menschlichen Seelenlebens als einen Zustand der Trennung, der Scheidung oder Aufspaltung der Seele in zwei verschiedene seelische Regionen, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden, die zunächst isoliert nebeneinander bestehen, ohne daß die eine Sprache in die andere übersetzbar zu sein scheint. Auf der einen Seite der „Scheidewand“, im Bereich des Cerebralsystems, ist die Sprache des geistigen Sinns, des Selbstbewußtseins zu hören, auf der anderen Seite, dem Bereich des Gangliensystems, wird die Sprache der Leidenschaften, des blinden materiellen Bedürfnisses gesprochen.[1] Schubert vertrat die Auffassung, daß die besagte „Scheidung“ in zwei Sprachregionen durch den Kultureinfluss bis zu einer gewissen Grenze zunehme, jenseits dieser Grenze jedoch gänzlich verschwinde.[2] Er nahm hier den früher geäußerten Gedanken wieder auf, daß die zugespitzte Sprachentfremdung in einen Prozeß der Wiedervereinigung umschlage, dass sozusagen die Folgen der Sprachenkatastro­phe durch eine Art Revolution überwunden werden könnten: „Wenn nämlich die Region unserer bisher sinnlichen und materiellen Neigungen erst gänzlich von einer höheren und geistigen Liebe erfüllt ist, wenn jene materielle Beschränkung, die der selbstsüchtige Trieb sich geschaffen, durch eine der Selbstsucht ganz entgegengesetzte Neigung wieder aufgelöst worden, dann wird auch das in Hinsicht seiner Neigung veredelte und vergeistigte Gebiet des Gangliensystems, dem höheren Gebiet wieder gleichartig, die Schranke zwischen beyden fällt nun hinweg, jene Isolation hört auf, und der Wille empfängt von neuem den Gebrauch seiner höchsten, bisher für ihn unbrauchbar und wie verloren gewesenen Kräfte zurück.“

Eine solche Heilung der inneren Kluft führe dem Menschen neue Kräfte zu, die bisher in ihm brach lagen. Es gehe, so Schubert, um ein „psychisches Freywerden eines vorhin gebundenen“ Seelenvermögens (im Ganglien­system), das zum „Entzücken“ des betreffenden Menschen führe.[3] Diesen Weg der Seelenheilung bezeichnete Schubert auch als „Sinnesänderung“[4], eine „Verwandlung des ganzen inneren Wesens“[5], eine „Veränderung“, eine „neue Geburt“.[6] Allerdings sah er auch Gefahren, die in diesem Verwandlungsprozeß lagen, nämlich die einer entbundenen Neigung zu den „sinnlichen Gegenständen“, die den Menschen zu überwältigen drohe. „Alle Qualen einer im Innern wüthenden Flamme niederer Neigungen und Leiden­schaften“ müssten erduldet werden.[7] Diese Gefahren könnten durch eine „höhere Liebe“ gebannt werden, die sich des „für sie empfänglichen Herzens“ bemächtige und die Verwandlung des Men­schen leite.[8] Diese sei mit „inneren Leiden“ und „kräftigen Aufregungen“ verbunden, die er als „überall nothwendige Begleiter der neuen Geburt“ ansah.[9] Obwohl die von diesen Erschütterungen betroffenen Menschen „schwächer, elender, und von dem gewöhnlichen schönen Deckmantel entblößter als Andre“ erscheinen würden, vertraute Schubert auf das „geistige Heilmittel“, und plädierte für das „geistige Experiment“.[10]

So entwickelte er die Idee einer Wiedergeburt des Menschen im Diesseits, die ihm einen Zugang zum Jenseits verschaffen solle. Diese „neue Verwandlung“, wie Schubert den Neuanfang des Menschen, die Aufhebung der inneren Scheidewand, nannte, geschehe dort, „wo wir gewahr werden, daß diese ganze uns umgebende Sinnenwelt und Region der Gefühle noch immer eine Sprache – ein Wort der höheren, geistigen Region an den Menschen sey, eine geschlossene, leitende Kette, wodurch ein göttlicher höherer Einfluß auf das Gemüth des Menschen einwirket.“[11] Die Natur inner- und außerhalb des Menschen spreche zu ihm wie ein „Deus ex machina, wie der „in der Maschine verborgene, aus ihr herauswirkende Gott“.  Diese Metapher war für Schuberts naturphilosophische Sprachauffassung sehr bedeutsam. Er benutzte sie auch als Überschrift für das letzte, siebente Kapitel seiner „Symbolik des Traumes“, in dem er die Möglichkeiten einer seelischen Heilung des Menschen vom Sprachelend behandelte. Er beschrieb den Heilungs­prozeß als einen Lernprozeß, als Erlernen einer dem Menschen unverständlich gewordenen Natursprache, die jedoch selber wiederum nur „das vermittelnde Organ zwischen Gott und dem Menschen“ sei: „jene Sprache, worin sich die Liebe des Göttlichen zu dem Menschen und die Liebe des menschlichen Gemüthes zur Gottheit lebendig und werkthätig ausgesprochen, das Material, woran jene Liebe sich genähret und geübet“ habe.

Somit erschien die Natur als Medium einer Kommunikation des Menschen mit Gott, die durch die „Sprachenkatastrophe“ getrübt, deren Weg der Mitteilung unterbrochen war. Schubert erblickte nun in der Region des Gefühls, im Gangliensystem, das zum „Sitz des Egoismus unserer Natur“ geworden sei, jenes Organ der Seele, von dem die Umkehr ausgehen, in dem die Verwandlung stattfinden kann. Indem es sich „von neuem der höheren Liebe gänzlich zum Organ hingiebt, kann das alte und ursprüngliche Verhältnis des Menschen zu Gott und der Welt wieder hergestellt werden.“[12]

Für Schubert konnte nur die christliche Religion, d. h. das Hören auf die Sprache des Gewissens, die Rettung bringen und „unserer Natur die verlorenen eigemhümlichen Kräfte“ zurückgeben.[13] Er zählte eine lange Reihe von Krankengeschichten auf, worauf er bei seinem Literaturstudium gestoßen war und die alle die Heilkraft des Glaubens bezeugen sollten.[14] Ziel war die seelische Wiedervereinigung, das gegenseitige Erkennen, das über die Grenzen des Individuums hinausgriff. Paradigmatisch für dieses Eins­werden war für Schubert der Zustand des magnetischen Somnambulis­mus, bei dem die Hellsehende das „Centrum in dem mit ihrer Natur Eins gewordenen Magnetiseur gefunden“ habe und am „Gedanken-reichthum des Magnetiseurs Theil nimmt“.[15]

Zum Abschluß seiner gesamten Argumentation unterstrich Schubert noch einmal die Notwendigkeit einer Überwindung des pathologischen Zustands des Menschen. Es gelte nämlich, dem allgemeinen Zerstörungs­prozeß im Menschen entgegenzuwirken, der darin bestehe, daß die „Liebe der menschlichen Natur ihren ursprünglichen Gegenstand ver­lassen und sie […] auf ihr eigenes Selbst gewendet“ habe.[16] Diese Wendung gegen das Selbst bringe den Tod. Schubert sprach hier von der „unnatürlichen Richtung“ einer ursprünglich schöpferischen Tätigkeit, einer „tödtenden Liebe“, die alles vernichte und sich zuletzt gegen sich selber wende und ihr „eigenes Werk“ zerstöre. Sein therapeutisches Konzept sollte diesem Prozeß der Selbstzer­störung entgegenwirken; die menschliche Tätigkeit vom falschen Objekt abziehen und auf das ursprüngliche Liebesobjekt richten. Der Mensch sollte nämlich den „ursprünglichen Gegenstand seiner Liebe“ wiederfinden und sich mit ihm wiedervereinigen.[17] Die Entschlüsselung der Hieroglyphensprache der Natur war nur Mittel zu diesem Zweck der Versöhnung. Es ging Schubert nicht um die Sprache als Träger einer Bedeutung, die auf einen materiellen Sachverhalt außerhalb ihrer selbst verweist, sondern um eine Sprache, die sich mit der Sache vereint, versöhnt hat, die endlich aufhört, das zu sein, was sie bisher war: „gewöhnliche Wörtersprache“, „körperlose Stimme“, „Echo“. Die Sprache sollte wieder in ihren Körper zurückkeh­ren, von dem sie abgespalten worden war. Dadurch könne der „alte Zwiespalt unserer Natur“ versöhnt werden und „das bange Sehnen in uns hat den ihm angemessenen Gegenstand wieder gefunden und mit ihm volles Genü­gen, Friede, Freude!“[18]


[1] A. a. O., S. 159. [2] A. a. O., S. 162 f. [3] A. a. O., S. 175 f. [4] A. a. O., S. 169. [5] A. a. O., S. 173. [6] A. a. O., S. 185. [7] A. a. O., S. 184. [8] A. a. O., S. 183. [9] A. a. O., S. 185. [10] A. a. O., S. 198 f. [11] A. a. O., S. 188. [12] A. a. O., S. 190. [13] A. a. O., S. 195. [14] A. a. O., S. 195- 199. [15] A. a. O., S. 200. [16] A. a. O., S. 202. [17] A. a. O., S. 203. [18] A. a. O., S. 204.