28. Kap. 2 * Göttliches Fluidum bei den Ägyptern

In der Geschichte der bildenden Kunst wurden sichtbare Ausstrahlungen des menschlichen Körpers immer wieder dargestellt, man denke nur an die große Bedeutung des Heiligenscheins in der christlichen Ikonographie. Dieses Bildmotiv tauchte bereits bei den alten Ägyptern auf. Der Papyrologe Friedrich Preisigke, der ab 1915 als Honoraprofessor in Heidelberg wirkte, publizierte 1920 die Schrift „Vom göttlichen Fluidum nach ägyptischer Anschauung“.[1] Darin legte er anschaulich dar, wie dieses „Fluidum“ vom Sonnengott ausgehend auf andere Gottheiten, den König und die Untertanen übertragen wurde. Ohne dass der Autor selbst auf Theorie und Praxis des Mesmerismus näher einging, stellte seine Studie eine faszinierende Interpretation altägyptischer Zeugnisse dar, die er quasi durch eine mesmeristische Brille betrachtete. Seine hermeneutische Leistung bestand darin, die historischen Zeugnisse mit Hilfe der mesmeristischen Phänomenologie lebendig werden zu lassen, sodass der Leser magisch anmutende Vorgänge leicht nachvollziehen konnte. Der französische Ägyptologe Alexandre Moret, ein Zeitgenosse Preisigkes, war wohl der erste, der die Einwirkung des ägyptischen Sonnengottes mit der eines Magnetiseurs verglich und meinte, „daß der Sonnengott mit seinen Strahlenhänden den Nacken, den Rücken, das Gesicht usw. des Köngis bestreicht, wie der Magnetiseur es tut, daß hierbei die göttliche Kraft (fluide magique, fluide de vie, fluide divin) auf den Körper des Königs übertritt, und daß in den Adern des Königs sodann die Sonnenkraft (la liquide de Râ) fließt.“[2]

Anmerkung vom 17.08.2015

Die Strahlenhände des Sonnengottes tauchen, wenn man so will, in ganz anderem Zusammenhang auf. Auf einem Aquarell aus der Sammlung Prinzhornsammlung sind nämlich (Besitz) ergreifende Sonnestrahlen dargestellt, die offenbar von den skizzierten Menschen als bedrohlich empfunden werden. Näheres siehe mein Supplementary Blog.

Verweilen wir einen Augenblick bei dieser mesmeristischen Interpretation. Inwiefern unterscheidet sie sich von der Interpretation magisch-religiöser Übertragungsvorgänge, die von mesmeristischen Autoren wie Josef Ennemoser im frühen 19. Jahrhundert vorgetragen wurden? Letztere gingen von der These aus, dass alle religiösen und magischen Vorgänge nur eines beweisen würden: die Wirkkraft des „Lebensmagnetismus oder die magischen Wirkungen überhaupt“, wie Carl Gustav Carus seine naturphilosophische Abhandlung betitelte.[3] Sie wollten den animalischen Magnetismus als wissenschaftliche Lehre etablieren, wodurch sie die beobachtbaren Phänomene erklären konnten. Preisigke und wahrscheinlich auch Moret, auf den er sich stützte, wollten jedoch nicht die Stichhaltigkeit des Mesmerismus beweisen, sondern lediglich mit seiner Hilfe die rätselhaften Darstellungen altägyptischer Zeugnisse für den modernen Betrachter aufschlüsseln und plausibel erklären.

Dabei ist unentschieden, wer wen oder was erklären kann – der Mesmerismus die altägyptischen Zeugnisse oder umgekehrt: diese den Mesmerismus. Die Ägypter gingen offenbar von der Vorstellung eines potentiell allgegenwärtigen Fluidums aus, das von einer höchsten Instanz zu einer niedereren überströmen, diese „ganz“ erfüllen könne, und im Falle des Todes der letzteren wieder zu ihrem Ursprung zurückkehre. Die Mitteilung dieses göttlichen Fluidums wurde von den modernen Interpreten als Magnetisieren gedeutet: Die Strahlenhände des Sonnengottes vollführen magnetische Striche, legen Hand auf, segnen die Opfergaben, wie es auf den entsprechenden Bildnereien zu sehen ist. So berührt auf einer Darstellung Aton mit Strahlenhänden Amenophis IV und die Königin. (Abb. [i]) „Durch Handauflegen also wird das göttliche Fluidum in den Körper des Köngis übergeleitet. Dieses Handauflegen ist eine uralte Handlung, die schon bei Erschaffung des ersten Götterpaares durch den Sonnengott angewendet wurde.“[4]

In diesem Zusammenhang ist die systematische Untersuchung der ägyptischen Bildnerei aus dem Blickwinkel eines modernen Mesmeristen zu erwähnen. Henri Durville, der Sohn des französisch-schweizerischen Magnetiseurs Hector Durville, stellte 1960, wenige Jahre vor seinem Tod, im ersten Band seiner dreibändig geplanten Studie „Le Pouvoir Magnétique“ Ägypten als Wiege des Magnetismus (berceau du magnétisme) dar.[5] Die beiden anderen Bände, die sich der magnetischen Kraft der Hände (Le Pouvoir de la main) bzw. der des Atems (Anhauchens) und der Augen (Le Pouvoir du souffle, le Pouvoir des yeux) widmen sollten, sind nicht erschienen. Der Autor stützte sich explizit auf das Werk seines Vaters sowie auf die Interpretationen des oben erwähnten Ägyptologen Moret. Er sah sich in der Tradition des von Mesmer begründeten Magnetismus und rückte den Begriff des Pouvoir magnétique in den Mittelpunkt. Zugleich berief er sich auf die Forschungen neuzeitlicher Ägyptologen, nicht zuletzt auf den jesuitischen Gelehrten Athanasius Kircher, den der spätere Entzifferer der Hieroglyphen Jean François Champollion geschätzt habe.[6]

Durville war überzeugt, dass die Ägypter ein exaktes Wissen von dem Pouvoir magnétique in Form ihres « fluide Sa », des Lebensfluidums (fluide de vie) hatten: „les prêtres de l’Egypte ancienne possédaient et se transmettaient la théorie et la pratique d’une science psycho-physiologique, non seulement avancée, mais axacte.“ Aus den 164 Abbildungen seines Buchs seien hier zwei ausgewählt, die Durvilles Sichtweise sehr gut verdeutlichen. Auf der Umrisszeichnung, die sich auf des Grab des Sen-Nezem in Theben bezieht, soll man laut Legende den (schakalköpfigen) Anubis, den Gott der Totenriten, bei einem Ritual der Reanimation sehen, der das Fluidum in Richtung auf das Sonnengeflecht überträgt (projette le fluide Sa à hauteur du plexus solaire).[7] (Abb. [ii]) Somit wurde diese Szene als Akt des Magnetisierens verstanden, wobei es vor allem darum ging, das magnetische Fluidum in das Hypochondrium (Solarplexus, „Herzgrube“) zu lenken. Freilich wird die Szene in der Regel anders gedeutet: nämlich als Einbalsamierung. (Abb. [iii]) So heißt es in einer anderen Legende, die sich auf diese Szene bezieht: „Anubis physically embalms the body of the king“.[8] Welche Sichtweise ist die Richtige? Die Beantwortung der Frage hängt ganz von den Vorannahmen des Betrachters und seiner wissenschaftlichen Ausrichtung ab. Auf einer anderen Umrisszeichnung magnetisiert angeblich Isis ihren Sohn Horus. (Abb. [iv]) Dieser steht als kleinere Figur auf der linken Hand der Göttin, die mit der rechten ihr göttliches Kind segnet oder „magnetisiert“ (magnétise). Diese Szene ist dem Relief von Dendera entnommen und diente bereits Henri Durville zur Illustration der uralten Geschichte des Magnetismus.[9]

Das besprochene Werk von Henri Durville zeigt, dass das Faszinosum Ägypten die Gelehrten, die sich mit der Geschichte der Magie als einem Raum des kosmischen Geheimnisses befassen, bis heute beschäftigt. Im Grund reicht diese Rezeptionsgeschichte, wobei die Rezipienten durchaus unterschiedliche Motive hatten, von der Antike bis zur Gegenwart: von den Griechen und ihrem Interesse an ägyptischen Gottheiten, insbesondere angeregt durch Plutarchs Darstellung des Isis- und Osiriskults, über das Aufblühen des Hermetismus in der Renaissance, vor allem hervorgerufen durch Ficinos Übersetzung des Corpus hermeticum, das der griechisch-ägyptischen göttlichen Gestalt des Hermes Trismegistos zugeschrieben wurde, bis hin zu den Spekulationen über die Hieroglyphen-Sprache als Medium uralter Weisheiten (prisca theologia oder prisca sapientia ), die Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert und die romantischen Naturphilosophen um 1800 anstellten. Auf den Topos von der „Hieroglyphensprache der Natur“ bei Gotthilf Heinrich Schubert sind wir an anderer Stelle eingegangen (Kap. 25). Dass nun im 20. Jahrhundert wiederum Ägypten als kulturhistorische Referenz eine gewisse Wertschätzung gerade bei Vertretern der Psychologie, Psychotherapie und Parapsychologie erfuhr, ist bemerkenswert. Freud widmete nicht nur sein letztes Werk unter dem Titel „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1939) dem Faszinosmus Ägypten, in dem er Moses als einen Ägypter darstellte, er hatte auch, wie eine Radierung von 1913 und ein Foto von 1938 zeigen, jahrzehntelang Statuetten ägyptischer Gottheiten in konstanter Anordnung auf seinem Schreibtisch aufgebaut – dem primären Ort seiner Selbstanalyse (Kap. 18). Mit der oben erwähnten Studie setzte Durville diese Traditionslinie fort, indem er ägyptische Bildzeugnisse als Beleg für die kulturübergreifende physiologische Wirksamkeit des animalischen Magnetismus interpretierte.

Je nach Blickrichtung lässt sich das Verhältnis von altägyptischer und mesmeristischer Fluidumübertragung unterschiedlich begreifen: Wenn wir die naturphilosophisch-physikalistische Theorie des Mesmerismus als Maßstab der Realität zugrunde legen, erscheint das ägyptische Ritual als ein reiner Akt des Magnetisierens. Die Ägypter hätten demnach die mesmeristische Technik auf ihre religiösen Gottesvorstellungen projiziert. Wenn wir die ägyptische Religion als Realität ernst nehmen, erscheint der Mesmerismus nur eine säkulare Form tiefer religiöser Erfahrung. Im ersten Falle wären die Ägypter einem Selbstmissverständnis erlegen: Sie hätten das natürliche Fludium in ihre Götterwelt projiziert und gewissermaßen wahnhaft ausgestaltet. Im zweiten Falle wären die Mesmeristen einer naturalistischen Täuschung unterlegen: Sie hätten den tatsächlichen religiösen Gehalt ihrer Praxis verkannt. Dieses Dilemma entsprach durchaus dem modernen Entweder-Oder, das sich in den Wissenschaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts radikal durchgesetzt hatte: Entweder lässt sich ein Vorgang oder ein Gegenstand objektiv nachweisen und messen, dann ist er real in der Außenwelt vorhanden, oder aber sie treten nur als subjektive Eindrücke in Erscheinung, dann sind sie Gegenstand der Psychologie bzw. Psychiatrie und werden einem psychischen Binnenraum, quasi einer black box zugeschrieben. Auch wenn die heutigen Neurowissenschaften sich anschicken, diesen psychischen Binnenraum zu objektivieren und zu vermessen und ihn gleichsam dem physischen Außenraum anzuschließen, hat sich an der geschilderten Alternative grundsätzlich nichts geändert.


[1] Preisigke, 1920. [2] Ebd., S. 2; Moret, 1902. [3] Carus, 1857. [4] Preisigke, 1902, S. 8. [5] Henri Durville, 1960. [6] Henri Durville, 1960, S. 332. [7] Henri Durville, 1960, S. 133. [8] http://www.panhistoria.com/www/panaegypt/dictionary_of_ae_religion/inpw.html (31.01.2012). [9] A. a. O., S. 178.


[i] Moret, 1902, S. 46 (Fig. 2); → Abb. Aton mit Strahlenhänden Moret, A. (1902) [ii] Henri Durville, 1960, S. 133: Fig. 64; → Abb. Anubis Henri Durville [iii] http://www.american-buddha.com/bookdeadelysisan20.htm (31.01.2011); → Abb. Anubis Einbalsamierung [iv] Henri Durville, 1960, S. 177: Fig. 98;  →  Abb. Isis magnetisiert Horus Henri Durville

Advertisements