25. Kap./ 4 * Traum als Sprache des Unbewussten

Gotthilf Heinrich Schuberts „Symbolik des Traumes“, ein Dokument der romantischen Naturphilosophie im frühen 19. Jahrhundert par excellence, läßt sich sowohl inhaltlich als auch formal kaum mit der „Traumdeutung“ Sigmund Freuds vergleichen, die am Ende jenes Jahrhunderts konzipiert wurde, sosehr auch die beiden Buchtitel eine gewisse Verwandtschaft suggerieren mögen. Während Freud sich mit der Traumwissenschaft vom Altertum bis zur zeitgenössischen physiologischen Traumforschung kritisch auseinander­setzte und dabei seine eigene Methode der psychoanalytischen Traum­deutung zum Ausgangspunkt seiner Argumentation machte, griff Schu­bert auf bekannte Traumauffassungen zurück und verknüpfte sie mit den Ergebnissen aus anderen Wissensgebieten, insbesondere der Mythologie, der Sprachphilosophie, des tierischen Magnetismus und der Mystik zu einer eigenen naturphilosophisch begründeten Anthropologie. Dabei diente ihm der Traum nur als ein Demonstrationsobjekt neben anderen, woran er die sprachliche Verfassung der Natur, wie sie sich im Seelenleben des Menschen offenbare, erläutern wollte.

Trotz aller Unterschiede zwischen den beiden Autoren gab es doch auch eine Gemeinsamkeit. Freud vertrat in seiner Traumlehre implizit eine Art Sprachtheorie, die gewisse Ähnlichkeiten mit der expliziten Sprachtheorie Schuberts aufwies.[1] Es ist deshalb naheliegend, vor dem Hintergrund der soeben in extenso dargelegten Schubert’schen Argumentation die Freud’sche Traumlehre auf ihre sprachtheoretischen Inhalte hin zu befragen. Dabei ist nicht von einem direkten Einfluss Schuberts auf Freud auszugehen. Freud streifte Schuberts „Symbolik des Traumes“ eher oberflächlich und an peripherer Stelle.[2] So erwähnte er ihn beiläufig in seinem Aufsatz „Über den Gegensinn der Urworte“ (siehe oben). Die Beschäftigung mit Schubert war für den Freud-Biographen Ernest Jones „wieder ein Beispiel, wo Freud von einer Entdeckung Kenntnis nimmt, sie vergißt und dann in anderem Zusammenhang wiederentdeckt.“[3] Bezug nehmend auf den soeben genannten Freud-Aufsatz referierte Stekel die betreffende Passage aus der „Symbolik des Traumes“ und meinte sogar, man könne Schubert „ruhig als einen Vorläufer Freuds bezeich­nen, so tief ist er in manche Probleme der Traumdeutung eingedrungen“.[4] Wenngleich diese Behauptung sicherlich nicht auf die Methodik der Freudschen Traumdeutung („freies Assoziieren“, „Deutungdsarbeit“) zutrifft, so hat sie doch Gültigkeit für die sprachtheoretischen Implikationen seiner Traum­lehre.

Wir wollen die reichhaltige Literatur zur Sprachproblematik des Traums und des Unbewussten übergehen und uns im Folgenden darauf beschränken, Schuberts sprachtheoretische Ansichten mit denen Freuds zu konfrontieren. Der spätere deutsch-israelische Psychoanalytiker Erich Neumann ging in seiner Dissertation von 1927 kursorisch auf „Schuberts Sprachphilosophie in der ,Symbolik des Traumes’“ ein.[5] Er hob das Neue an Schuberts Ansatz hervor: „die Wendung ins allgemein Psychologische, in das, was wir jetzt Parapsychologie und Psychopathologie nennen. […] Für Schubert steht nämlich im Mittelpunkt eine Psychologie des Unbewußten.“ Neumann merkte hierzu an, daß eine „Konfrontierung“ der Ansichten Schuberts mit denen von Freud (und Jung) „vielleicht lohnend für die Geschichte der neuen Psychologie“ wäre.[6]

Ohne Zweifel deckte sich Freuds Grundauffassung des Traumes mit derjenigen Schuberts: Auch für Freud stellte der Traum prinzipiell eine verschlüsselte Sprache dar, eine Bildersprache, die er als eine Art „Hieroglyphenschrift“ wie die „heilige Schrift der Ägypter“ auffasste.[7] Der „manifeste Trauminhalt“ war für Freud eine Art „Bilderrätsel“, ein „Rebus“, in dem sich die innere Natur des Menschen, sein Unbewusstes, zum Ausdruck bringe.[8] Während Schubert allgemein – auch bei der Analyse der Traumsym­bole – seinen Blick auf die „uns umgebende Natur“ richtete, um die Hieroglyphensprache der Natur zu entziffern, hörte Freud mit Hilfe seiner (selbst-)analytischen Methode nach innen, um die unterdrückten Gedanken und Gefühle aus dem Unbewussten ins Bewusstsein zu übersetzen. Während Schubert mit der Entschlüsselung der „Original­sprache“ letztlich einen Beitrag zur Naturforschung leisten wollte, wollte Freud auf seinem Weg der psychologischen Selbsterforschung eine eigene Wissenschaft begründen. Man könnte die Formel aufstellen: Schubert blickte nach draußen in die äußere Natur und nach vorn (in die Zukunft), während Freud sein Augenmerk nach innen (ins Unbewusste) und nach rückwärts (in die Vergangenheit) richtete. Die Begriffe der „Vorahn­dung“ (Schubert) und der „Regression“ (Freud) veranschaulichen diese unterschiedlichen Forschungsperspektiven. Nach Freud war die Überwindung der psychischen Konflikt­struktur des Menschen prinzipiell nicht möglich, während Schubert die Versöhnung der im Menschen voneinander geschiedenen Regionen anstrebte. Dennoch blieb eine wesentliche Gemeinsamkeit im Ansatz der beiden Denker, so unterschiedlich ihre Methoden und therapeutischen Zielsetzungen auch sein mochten: Der Traum war für beide eine „Hieroglyphenspra­che“, ein „heiliger Text“, den es zu dechiffrieren galt.

Für Schubert ist die „Sprachenverwirrung“, „Sprachenkatastrophe“ der Grund für das Elend des Kulturmenschen: die Abkoppelung der gewöhnlichen Wortsprache von der Sprache des Gefühls. Auch hierzu lässt sich eine frappierende Analogie bei Freud ausfindig machen. Freud ging bei seiner Theorie der „Traumentstellung“ davon aus, daß sich ein ursprünglicher (infantiler) Traumwunsch unter der Herrschaft einer „Traumzensur“ (unter der Botmäßigkeit des Wachbewusstseins) verstel­len müsse. Dieser unbewusste Wunsch spricht gleichsam eine Sprache, die von der Alltragssprache nicht mehr als solche erkannt werden kann und deren Regeln fundamental zuwiderläuft. Auch hier könnte man von einer Sprachenverwirrung sprechen, die darin besteht, daß sich zwei im Seelenleben des Menschen voneinander geschiedene Sprachsphären symptomatisch miteinander vermischen.

Schuberts Metapher des „versteckten Poeten“ entsprach Freuds Redeweise vom „schöpferischen Traumwunsch“, der sich durch die „Traumarbeit“ wie ein Schriftsteller gegenüber einer Zensurbehörde verstelle.[9] Während jedoch Schubert seine systematische Unterscheidung zwischen den verschiedenen „Regionen“ der Sprache noch direkt an den Nervensystemen (Ganglien- und Cerebralsystem) festmachte, war der „psychische Apparat“ bei Freud trotz der neurophysiologischen Terminologie nur als „Gleichnis“ oder „Hilfsvorstellung“ gedacht.[10]

Schubert strebte eine Versöhnung, Wiedervereinigung der voneinander geschiedenen Sprachsphären an, die „Scheidewand“ zwischen ihnen solle wegfallen. Freud dagegen hielt eine grundsätzliche Erlösung des Menschen von der systematischen Aufspaltung seines Seelenlebens (Unbewusstes / Bewusstsein) für ausgeschlossen: Der (neurotische) Mensch sei zwar graduell therapierbar, prinzipiell jedoch unheilbar krank. Dem entsprechend lautete Freuds therapeu­tische Maxime: „hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwan­deln.“[11] Schubert erstrebte das allgemeine menschliche Heil, während Freud – eher skeptisch gegenüber hoch gesteckten Therapiezielen – sich mit einer Verminderung des Unheils zufriedengab.

Trotz einiger Berührungspunkte zwischen Schubert und Freud wäre es sicher falsch, Freud deswegen schon zum „Romantiker“ zu stempeln. Freilich könnte man ihn mit nicht weniger Berechtigung zu einem solchen erklären, wie ihn der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway zum Darwinisten erklärt hat. Er stellte sehr differenziert Freuds Leistung dar, die unterschiedlichen zeitgenössischen Positionen der Sexualwissenschaft aufzugreifen und in einer eigenen Konstruktion von angeborenen und erworbenen Eigenschaften zu integrieren.[12] Allerdingds vernachlässigte er weitest gehend den Einfluss der romantischen Naturphilosophie auf Freud und ging auf Schubert mit keinem Wort ein.[13] Freud, den er zum „biologist of the mind“ deklarierte, war nach unserer Auffassung mindestens ebenso ein romanticist of the mind.[14]

Es sei daran erinnert, dass im Erscheinungsjahr der „Symbolik des Traumes“, nämlich 1814, auch Mesmers zusammenfassendes Hauptwerk „System der Wechselwirkungen“ herausgegeben wurde. Mesmers magnetische Übertragungstechnik und Schuberts naturphilosophische Sinndeutung gehören in der Tat zu den wesentlichen Ausgangspunkten der Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Psychoanalyse. Man kann sagen, daß Freud – überspitzt formuliert – Mesmers energetisches Konzept der Psychotherapie mit Schuberts Konzept einer sprachtheoretischen Deutung kombinierte. Denn Freuds Traumdeutungsprozess ist, wie der analytische Prozeß überhaupt, gekoppelt an eine „Überwindungsarbeit“, die letztlich auf Übertragun­gen psychischer Energie beruht. Vielleicht ist die Vermutung nicht abwegig, dass Mesmerismus und Naturphilosophie für die Wissenschaftler in der naturwissenschaftlichen Ära des ausgehenden des 19. Jahrhunderts trotz ihrer laut geäußer­ten Abkehr noch viel lebendiger, gegenwärtiger waren, als wir heute gemäß unserer wissenschaftshistorischen Periodisierung annehmen möchten.


[1] H. Schott, 1979, S. 53-56. [2] Freud, 1900, S. 66, 357; Freud 1901, S. 656; Freud 1916-17, S. 166. [3] Jones, 1953-57, Bd. 2, S. 369. [4] Stekel, 1911 [a], S. 63. [5] E. Neumann, 1927, S. 112-120. [6] Ebd., S. 115. [7] Freud, 1916-1917, S. 236. [8] Freud, 1900, S. 204. [9] Freud, 1900, S. 184. [10] A. a. O., S. 541. [11] Breuer / Freud, 1895, S. 312. [12] Sulloway, 1979, S. 319. [13] A. a. O., S. 325. [14] H. Schott, 2006 [a].

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