26. Kap./1 * Ein poetischer Arzt und Naturforscher

Kaum ein anderer ärztlicher Schriftsteller hat die „Magie der Natur“ zur Zeit der Romantik so intensiv thematisiert wie der Weinsberger Oberamtsarzt Justinus Kerner. Wie wurde und wird er in der Literatur dargestellt? In der Regel werden ihm vier Attribute zugeschrieben. Es heißt, er sei Dichter, Arzt, Okkultist und ein „Genie der Freundschaft“ gewesen. Wenn vom „Arztdichter“ oder „Dichterarzt“ die Rede ist, so wird zumeist das ungetrübte Bild des schwäbischen Romantikers gezeichnet. Problematisch und strittig wird es dann, wenn Kerners „Okkultismus“ zur Debatte steht. Dabei wird er von den einen als Wegbereiter der Anthroposophie im Sinne eines „Okkultismus des Herzens“[1] oder als „Pionier der Parapsychologie“[2] gepriesen, von den anderen dagegen, nicht zuletzt von einigen Medizinhistorikern, dagegen als Irrationalist und Mystiker beargwöhnt, als Vertreter der als wissenschaftlich rückschrittlichen Romantik. So meinte der Zürcher Medizinhistoriker Erwin Ackerknecht: „Das regressive Element der romantischen Psychaitrie wird besonders deutlich illustriert durch die Tatsache, daß ein Justinus Kerner (1786-1862) oder K. K. Eschenmeyer [sic] (1768-1852) sogar wieder an Besessenheit glaubten und Exorzismus empfahlen“.[3] Diese Passage übernahm der Autor unverändert einschließlich der fehlerhaften Schreibweise von Eschenmayers Namen in die „3., verbesserte Auflage“ von 1985.[4] Diese Abkanzelung im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts ist nicht verwunderlich, da Ackerknecht der „Zauber der romantischen Naturphilosophie“ per se verhasst war, den er für das niedrige Niveau der klinischen Forschung in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert verantwortlich machte, wenngleich er in diesem Zusammenhang die „Beschreibung des Botulismus durch den Romantiker Justinus Kerner“ wiederum positiv hervorhob.[5]

„Gehört er nicht zu den ,Großen‘, so gehört er zu den menschlich Liebenswerten unter den deutschen Dichtern“, hat Theodor Heuss einmal gesagt und damit die heute gängige Einschätzung Kerners als Dichter auf eine markante Formel gebracht.[6] So erscheint er niemandem als Genie, eher als ein Beispiel „von einer unvollkommen erfüllten Berufung des Dichters, […] einem zu früh erlo­schenen Feuer.“[7] Als naturforschender Arzt wird Kerner für seine klinische Erstbeschreibung des Botulismus („Wurstvergiftung“) freilich immer gelobt, aber „Brennpunkt der Wissenschaft war Justinus Kerner sicher nicht“.[8] Sein „Okkultismus“ wird zumeist als bedauernswerte mystizistische Entgleisung aufge­fasst, welche die wirklichen Verdienste des Dichters und Arztes verdun­kle. Trotz einer Reihe zustimmender Würdigungen Kerners als Okkul­tist fallen die Einschätzungen der wissenschaftlichen Parapsychologen zurückhaltend aus. Unzulänglichkeit der Berichte und dilettantische Arbeitsweise werden bei ihm bemängelt, er habe keinen großen unmittelbaren Einfluß auf die Parapsychologie gehabt, ist zu lesen.[9]

Somit erscheint Kerner allenfalls als eine zwar liebenswerte und originelle, aber keineswegs überragende Gestalt der Literatur- und Medizingeschichte. Nur seine Persönlichkeit erscheint über jeden Zweifel erhaben: „ein Genie der Freundschaft“, Mittelpunkt eines illustren Freundeskreises.[10] Diese persönliche Wirkung Kerners ist bis heute ein Faszinosum geblieben. Sein schwermütiges Tempera­ment – manchmal als „somnambul“, „melancholisch“ oder „depressiv“ bezeichnet –, gepaart mit Selbstironie, Humor und überschäumender Lebendigkeit, ist Gegenstand so mancher Legenden geworden, in denen sich Kerners  Popularität vor allem im schwäbischen Raum spiegelt.

Doch schauen wir uns das Okkultismus-Problem in der Kerner-Rezeption genauer an. Trotz aller Kritik an seiner „Geisterseherei“ wird er zumeist als ehrenwerter und vernünftiger Arzt anerkannt, dem zwar der Geruch des religiösen Sektierers anhaften mochte, nicht aber der des Scharlatans, wie dies bei Mesmer der Fall war. Die „Vielseitigkeit Kerners“ zeichne ihn vor dem „monomanen“ Mesmer aus, habe ihn davor bewahrt, „die ganze Medizin in ein magisches System aufzu­lösen, wie es noch Mesmer (gewiß unabsichtlich) tat“, meinte der Psychiater Wolfgang Kretschmer.[11] Aber gerade an diesem Punkt werden die medizinhistorischen Einschätzungen zumeist unscharf und mangelhaft. „Rationale“ und „magi­sche“ Heilkunde sind keineswegs so trennscharf auseinanderzudividieren, wie dies von vielen angestrebt wird. Kerners Beschäftigung mit der ersteren, etwa bei seiner wissenschaftlichen Untersuchung des „Wurstgifts“, soll seine Neigung für die letztere quasi entschuldigen – im Sinne einer „Ehrenrettung“.[12]

In medizinhistorischen Lehrbüchern und Lexika lassen sich verschiedene Kerner-Bilder ausmachen: Zumeist wird er überhaupt nur noch als Erstbeschreiber des Botulismus registriert.[13] Wenn auf seine Tätigkeit als Magnetiseur eingegangen wird, erscheint er als „Geister­beschwörer“,[14] der auf der „abschüssigen Bahn des Mystizimus […], verführt durch die Sphinx des Somnambulismus“,[15] mit Friederike Hauffe eine „folie en[sic] deux“ entwickelt habe. [16] Noch im ausgehenden 20. Jahrhundert erschien Kerners Vorliebe für okkulte Phämonme als ein romantischer Irrweg und der animalische Magnetismus als eine Angelegenheit, über die man „kein Wort mehr zu verlieren braucht“ und die zu den „Vorwehen der psychosomatischen Medizin“ zu zählen sei.[17] Eine bemerkenswerte Ausnahme macht der betreffende Artikel im „Biographischen Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker“, in dem festgehalten wird, daß er wider seinen Willen als Vorkämpfer der Mystik und des Aberglaubens betrachtet worden und „von der Anschuldigung bewußter Fäl­schung entschieden freizusprechen sei“.[18]


[1] Bock, 1929. [2] Ringger, 1952/53. [3] Ackerknecht, 1957, S. 57. [4] Ackerknecht [1957], 1985, S. 60 f. [5] Ackerknecht, 1977, S. 135. [6] Heuss [1936], 1961, S. 126. [7] Jennings, 1968/69, S. 76. [8] D. Kerner, 1962, S. 374. [9] Jennings, 1966, S. 76. [10] Heuss [1936], 1961, S. 125. [11] W. Kretschmer, 1968/69, S. 147. [12] Glaus, 1957,S. 87; Baerwald, 1925, S. 29. [13] Ackerknecht, 1977, S. 135. [14] Diepen, 1959, S. 82. [15] Neuburger, 1903, S. S. 118. [16] Leibbrand, 1937, S. 150. [17] Theopold, 1985, S. 110. [18] Gurlt, 1931, S. 509.

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