26. Kap./2 * Die „Seherin von Prevorst“

Vor allem die „Seherin von Prevorst“, die herausragende zweibändige Dokumentation einer Krankengeschichte, trug Kerner den Ruf des Okkultisten ein.[1] Dieses Buch zeige, wie es ein Medizinhistori­ker recht salopp und irreführend formulierte, Kerners „konsequente Weiterentwicklung vom Magnetisten zum Spiritisten“.[2] Aber worin besteht der Unterschied zwi­schen einem „Magnetisten“ und einem „Spiritisten“? Genauer gefragt: Worin unterschied sich Kerner als Mesmer-Anhänger und praktizie­render Magnetiseur vom Beobachter und Schilderer somnambuler „Eröffnungen“ und Erscheinungen der „Geisterwelt“? Zunächst müssen wir feststellen, daß beide Funktionen in der Tradition des Mesmerismus wurzelten, die zum Zeitpunkt der Krankenbehandlung der Seherin immerhin schon ein halbes Jahrhundert alt war. Denn Magnetisieren, Übertragen der fluidalen Kraft durch die „Manipulation“ des Arztes einerseits und intensives Wahrnehmen des eigenen Leibes und Fühlen in die Ferne bis hin zur Geisterwelt andererseits waren nur zwei Seiten ein und derselben Medaille. Unter dem Einfluss von pietistischer Erweckungsbewegung und romantischen Naturphilosohie wurde um 1800 die Geisterwelt zu einem viel beachteten Thema. Man interessierte sich vor allem für eine mögliche Kommunikation mit den Geistern Verstorbener und antizipierte ein Stück weit den Spiritismus, freilich ohne dessen naturwissenschaftliches Glaubensbekenntnis, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich werden sollte. So veröffentlichte der Augenarzt und pietistische Schriftsteller Johann Heinrich Jung-Stilling ab 1795 „Scenen aus dem Geisterreiche“ in mehreren Bänden und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling verfasste als Reaktion auf den frühen Tod seiner Frau Caroline im Jahr 1809 die dialogische Schrift „Clara. Oder Über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt“.[3]

Bei Mesmer überwog der erstere (aktive) Aspekt: die Applikation des Magnetismus als Naturheilmittel, die Geisterwelt war ihm eher fremd und suspekt. Bei Kerner überwog im Hinblick auf die „Seherin“ der letztere (passive) Aspekt: die Exploration der somnam­bulen Patientin, die Erforschung der „Nachtseite“ des Seelenlebens. Mesmer konnte sich mit mechanistisch-physikalistischen Begriffen und Modellen begnügen, da es ihm in seinem Selbstverständnis auf die objektive Begründung des „thierischen Magnetismus“ als einer wissen­schaftlich begründeten Medizin ankam. Die Patienten hatten die Rolle der Emp­fänger der magnetischen Heilkraft zu spielen, ihre jeweiligen Wahrnehmungen und Äußerungen erschienen Mesmer und seinen frühen Anhängern nebensäch­lich. Bei Kerner und seinen romantischen Kollegen rückte dagegen der „Somnambulismus“ in den Mittelpunkt des Interesses: die Mitteilungen und Eröffnungen der „Somnambulen“, ihr subjektives Erleben. So spielte die kranke Seherin Friederike Hauffe die aktive Rolle: Sie sah, sprach, roch, fühlte, zeichnete, schrieb. Der Arzt dagegen übernahm die Rolle des teilnehmenden Beobachters und Protokollanten. Sicherlich war Kerner auch weiterhin als „manipulierender“ Arzt, als Magnetiseur, tätig. Aber er tat dies um der subjektiven Mitteilungen der Patientin willen – einerseits, um diese überhaupt hervorzulocken, andererseits, um den gegebenen Anweisungen seiner Patientin Folge zu leisten zu können. Entscheidend war, daß auch in dieser Form des Umgangs die Lehre des „thierischen Magnetis­mus“ verbindlich blieb und als objektive Leitlinie Denken und Handeln der Hauptakteure bestimmte: nicht nur die Verhaltensweisen von Ker­ner, sondern, wie wir noch am Beispiel des „Nervenstimmers“ sehen werden, auch die seiner Patientin

Dieser Wechsel in der Blickrichtung der mesmeristischen Ärzte ging einher mit einem Wandel ihrer therapeutischen Zielsetzung. Dies läßt sich an der Gegen­überstellung zweier berühmter Fallgeschichten illustrieren: Mesmers Behandlung der „Jungfer Paradis“ im Jahre 1777 und Kerners Behand­lung der Friederike Hauffe, der „Seherin von Prevorst“, von 1825 bis 1828. Zunächst fällt eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf. Zum Zeitpunkt der Behandlung waren beide Patientinnen etwa gleich alt (zwischen 25 und 30 Jahre), ebenso ihre Ärzte (um 40 Jahre). Damit war eine in der Geschichte der Psychotherapie typische Konstellation erreicht: der Arzt im mittleren Lebensalter behandelte eine deutlich jüngere Patientin. Beide Behandlungen fanden über einen längeren Zeitraum im häuslichen Milieu der Ärzte statt, inmitten ihres Familienlebens. In beiden Fällen kam es zu einer öffentlichen Kontroverse, allerdings mit unterschiedlichem Ausgang; Mesmer verließ als skandalumwitterte Gestalt Wien und wurde dann in Paris weltberühmt; Kerner blieb seinem Heimatort Weinsberg treu, wurde als der Autor der „Seherin von Prevorst“ sehr bekannt und war bis zu seinem Lebensende eine allseits respektierte Persönlichkeit.

Doch die epochalen Unterschiede zwischen beiden Fallgeschichten springen sofort ins Auge, wenn wir das therapeutische Vorgehen der beiden Ärzte miteinander vergleichen. Als Mesmer die blinde Pianistin Paradis im Jahre 1777 mit seinem „thierischen Magnetismus“ behandelte, war sein Ziel, die Patientin wieder sehend zu machen. Aus der Fallbe­schreibung geht hervor, dass Mesmer seine Patientin umfassend behan­delte: durch Magnetisieren, durch konsequente Schulung des Sehens und überhaupt durch eine liebevolle Auseinanderssetzung mit ihrer wechselhaften Krankheitssymptomen.[4] Die Patientin sollte das sehen lernen, was er, Mesmer, selber sah, und sollte die sichtbaren Dinge genau so benennen, wie die Normalsichtigen sie benannten. Mesmer verhielt sich hier durchaus nach dem Verhaltensmuster der Medizin der Aufklärung, welche ja die Kranken in erster Linie umerzie­hen wollte. Auf die Schwierigkeiten der Interpretation dieser berühmten Krankengeschichte sei hier nur hingewiesen, sowohl was die Diagnose der Blindheit als auch was deren Behandlung durch Mesmer betrifft, die als „der misslungene Versuch einer Heilung“ gewertet wurde.[5] Hierin den „Abbruch einer Psychotherapie“ zu vermuten, liegt aus heutiger Sicht nahe.[6] Vor kurz­schlüssigen Erklärungen ist jedoch zu warnen, etwa vor der kaum beweisbaren Formel, es habe sich hierbei „nur“ um „hysterische Blindheit“ gehandelt, die „suggestiv“ behoben worden sei. Der kürzlich erschienene Mesmer-Roman der deutschen Schriftstellerin und Malerin Alissa Walser „Am Anfang war die Nacht Musik“ widersteht einer solchen Versuchung kurzschlüssiger Deutung.[7] Obwohl oder gerade weil die Autorin Mesmeres Verhältnis zur blinden Maria Theresia zum ausschließlichen Gegenstand ihres Romans machte, gelang es ihr meisterhaft, das Erleben des magnetischen Fluidums auf sensible Art vorstellbar zu machen. Ihre Darstellung hebt sich positiv von manch anderem grobschlächtigen Mesmerbild in der Literatur ab, wie etwa dem des schwedischen Schriftstellers Per Olov Enquist.[8]

Die „Heilung der Blinden“ spielte in der Geschichte der religiösen Wunderheilungen eine bedeutende Rolle. Auch im Mesmerismus war häufiger davon die Rede: von Mesmer selbst, der außer der „Jungfer Paradis“ weitere Blinde „geheilt“ haben soll,[9]  bis hin zu Justinus Kerners Sohn Theobald, der „durch animalischen Magnetismus u. durch elektroma­gnetische Einflüsse […] Blinde und Schwerhörende durch manche gelungene Einwirkungen besserte u. auch völlig herstellte.“[10]Als Justinus Kerner fünfzig Jahre nach Mesmers Kur der Maria Theresia Paradis die „Seherin“ behandelte, lebte er in einer anderen Epoche. Mesmers „thierischer Magnetismus“ war inzwischen längst zum „Somnambulismus“ psychologisch verfeinert und in die romantische Naturphilosophie eingepasst worden. Wichtiger als die ärztliche Manipulation wurde nun das subjektive Erleben der „Somnambulen“ selbst: Ihre Wahrnehmungen und Mittei­lungen standen nun im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, und die ärztliche Behandlung sollte jene aktivieren. Der Normalmensch schien den Romantikern blind für die „Nachtseite“. Er war auf die Hilfe von „Seherinnen“ angewiesen, um in die tiefsten und höchsten Geheim­nisse der menschlichen Natur eingeweiht zu werden. So sollten die „Eröffnungen“ der Friederike Hauffe den Mitmenschen die Augen öffnen. Dieser Auftrag entsprang vielleicht mehr dem Wunsche Kerners und seiner Freunde als dem der Kranken. Während es bei Mesmer noch um eine harmonische Einstimmung des einzelnen in diese Welt ging, richtete sich Kerners Interesse auf ein Jenseits, wie es sich im Som­nambulismus zu offenbaren schien.

Mesmer als Arzt der „Jungfer Paradis“ war Heiler und Erzieher, der seiner Patientin beibringen wollte, sehend zu werden und selbständig leben zu lernen. Kerner als Arzt der Seherin war Protokollant, der den Äußerungen der Kranken wie Offenbarungen lauschte. Heilen könne er sie ohnehin nicht, wie er immer wieder betonte. Nirgends manifestierte sich das physikalistisch-apparative Denken Mesmers so eindrucksvoll wie beim „baquet magnetique“, dem magnetischen Kübel oder „Gesund­heitszuber“. In diesem Apparat der Heilung nahm die Idee des „Fluidums“ als einer kosmisch-physikalischen Kraft handgreifliche For­men an. Der „Nervenstimmer“ der Seherin, der heute im Kernerhaus in Weinsberg ausgestellt wird, stellt einen solchen baquet dar. Bis heute wird dieser Apparat als ein Kuriosum aufgefasst, dem allenfalls noch anekdotische Bedeutung zukommt. So wurde in der Neuausgabe der „Seherin von Prevorst“ von 1958 das Kapitel über den „Nervenstimmer“ mit den entsprechenden Zeichnungen ohne Hin­weis ausgelassen. Als Herausgeber erklärte der Psychiater Joachim Bodamer in seinem Vorwort: „Die vorliegende Neubearbeitung hatte zum Ziel, die Geschichte der ,Seherin‘ von allen [!] zeitbedingten Über­lagerungen und Spekulationen zu befreien, um so die beobachteten Tatsachen rein zur Darstellung kommen zu lassen.“30 Diese „Reini­gung“ bedeutete das Ausblenden gerade jener „Spekulationen“, die für Kerners naturphilosophischen Ansatz überaus aufschlussreich waren.

Der „Nervenstimmer“, den Kerner nach den Angaben von Friederike Hauffe baute, entsprach der Tradition der magnetischen Kur, bei der zur Verstärkung der magnetischen Heilkraft auch Apparate, so genannte baquets, eingesetzt wurden – zunächst von Mesmer in Paris (ab 1778) und später von ärztlichen Magnetiseuren wie Karl Christian Wolfart und Dietrich Georg Kieser in Deutschland (Kap. 28). Solche Apparate tauchten in den verschiedensten Modellen auf, unter denen der „Nervenstimmer“ nur eines von vielen darstellte, also keinesfalls als singuläres Phantasieprodukt einer Gei­steskranken aufzufassen ist. Er war Resultat einer langjährigen Bekanntschaft der „Seherin“ mit der Welt des „thieri­schen Magnetismus“. Schon beim Ausbruch ihrer Krankheit im Jahre 1822 zeigte sie eine Vorliebe für das Magnetisieren, nachdem ihre Ärzte es vergeblich mit Aderlaß, Blutegeln und Homöopathie versucht hatten, ihre Leiden zu lindern.[11] Nach­dem ein „nur von ihr gesehener Geist“ sie sieben Abende lang um sieben Uhr magnetisiert hätte, gab sie an; „daß sie durch Magnetisieren zu erhalten sei“.[12] In jener Zeit erschien ihr im Traume ihre verstorbene Großmutter als „Schutzgeist“. Im Traume sah sie dann eine „Maschine“als „Bedingung ihres Gesundwerdens“. Schon damals habe sie diese Vision aufs Papier gezeichnet, ohne sie allerdings in die Wirklichkeit umzusetzen.

„Als nach den starken Rückfällen der Frau H. nach dem Tode ihres Vaters [am 2. Mai 1828] auch die gelindeste magnetische Manipulation zu reizend einwirkte, glaubte man, es werde die Wirkung eines magne­tischen Baquetes [sic] für ihr Nervensystem am passendsten sein“, notierte Kerner.[13] Um diese Wirkung möglichst abzumildern, wurde – ohne Eisenbestandteile – ein Holzgestell mit Behältern für eine „vegetabilische Füllung“ (Kamillen und Malven) angefertigt, wie die Seherin sie sich „im Schlafe“ verordnet hatte. Als auch die Wirkung dieses Apparates sich als zu stark erwies und die Seherin ermattete, trat in einem Träume „ihre Führerin [der Geist ihrer Großmutter] zu ihr und hielt ihr an einem ledernen Bande eine Maschine vor, während sie sprach: „Warum ließest du dieses nicht schon vor sechs Jahren machen, jetzt wärest du gesund?!“[14] Am nächsten Morgen zeichnete die Seherin den Bauplan des Apparats auf, den Kerner in seinem Buch abbildete (Abb. [i]) Die Anwendungsmethode laut Bildlegende implizierte jene selbst­hypnotisch wirkende Augenfixation, wie sie zwanzig Jahre später von James Braid beschrieben wurde.[15] Das starre Blicken auf die Spitze des Drei­ecks entsprach der Einleitung der Hypnose durch „Monoideismus“ (Braid), das Auflegen des Leiters mit der linken Hand auf bestimmte Körperregionen der therapeutischen Manipulation in der Hypnose à la Braid. Doch wir dürfen die medizingeschichtlichen Epochen nicht verwi­schen: Während Braids Hypnose auf einer rein neurophysiologischen Theorie gegründet war und eine Übrtragung von „Fluidum“ strikt ablehnte (Kap. 17), blieb Kerner bis zu seinem Lebensende dem mesmeristischen Denken  verhaftet, bei dem „galvanisch-magnetische Vorrichtungen“ zur Erzeugung des „Somnambulismus“ eingesetzt wurden. Es liegt auf der Hand, daß die zeitgenössi­schen Vorstellungen der Ärzte von der Funktion des baquet daran beteiligt waren, die spe­zielle Vision des „Nervenstimmers“ bei der Seherin zu provozieren Wenn Kerner ihrem Einfall bereitwillig folgte, so zeigt dies Verhalten weniger individuelle Versponnenheit als vielmehr konse­quente Verfolgung des magnetischen Heilkonzeptes. Der Traum der Seherin vom „Nervenstimmer“ nach dem Tod ihres Vaters bestätigte nur den Wunschtraum der Mesmeristen, die Heilkraft zu fassen und handhabbar zu machen.

Gegenüber den üblichen baquets wies der „Nervenstimmer“ zwei Besonderheiten auf. Zum einen wurde er von der Kranken selbst konzipiert: Sie gab die Anweisungen, ihr Arzt führte sie aus. Zum anderen war er ausschließlich zum Gebrauch einer einzigen Person bestimmt, nämlich der Selbstbe­handlung der Seherin. Im Folgenden sei die Konstruktion des „Nervenstimmers“ in Anlehnung an Kerners Beschreibung vorgestellt.[16] Er bestand aus einem gleichseitigen Dreieck aus Zwetschgenholz, durch bewegliche Stahlstifte konnte das Dreieck hin und her bewegt werden. Im Inneren des Dreiecks verlief ein wollener Leiter und kam an dessen Spitze heraus, mit einem fünf Ellen langen Ende. Ein querliegender hohler Glaszylinder an der Basis des Dreiecks war mit Kamillen und Johanniskraut gefüllt und wies sechs größere Löcher, drei an der Ober- und drei an der Unterseite, sowie 27 kleinere Löcher auf. Am Glaszylinder hingen drei Glasflaschen, die gefüllt waren mit Flusswasser, Rehleder, einem eisernen Nagel oder auch – je nach Angaben der somnambulen Patientin – mit Mineralwasser, Erde, Wasser, deren Ausdünstungen auf die Kräuter im Glaszylinder einwirken sollten. Im Holzdreieck hing Stahlkettchen, welche die magnetische Kraft von den Kräutern im Zylin­der auf den wollenen Leiter übertragen sollten. Diese Kraft wurde dann angeblich an der Spitze des Dreiecks konzentriert. Die Wirkung des Dreiecks mit Zylinder wurde verstärkt, wenn es aus dem Gestell genommen und frei an der Zimmerdecke aufgehängt wurde. Der wollene Leiter mußte nach Anweisung der „Seherin“ von Zeit zu Zeit mit 7, die Maschine mit dem Wasser in den Flaschen mit 14 „Strichen“ magnetisiert werden.

Beim Gebrauche des Geräts, so führte Kerner aus, nahm Friederike Hauffe den wollenen Leiter „in die linke Hand, der nach ihrem Gefühle auch bald an diesen, bald an jenen Theil ihres Körpers gebracht wurde, während sie immer auf die Spitze des Dreiecks unverwandt hinsah. Dann erhielt sie jedesmal sichtbare Erschütterungen wie von einem galvanischen Apparate, worauf mehr oder weniger heftige Krämpfe an ihr ausbrachen, nach denen sie sich immer wieder stärker fühlte. Sie sagte: ,Ich fühle jedesmal nach dem Gebrauche dieser Maschine meine Nerven wieder wie geladen.’ Sie gebrauchte sie täglich drei- bis fünfmal, aber nur wenige Minuten lang bis zum Ausbruch von Krämpfen. Sie nannte diese Maschine Nervenstimmer.“

Die Verordnung von baquets durch Somnambule war seinerzeit keine Seltenheit. Kerner gab selbst weitere Beispiele an, die ihn offenbar zur Nachahmung ermutigten.[17] So meinte der Verfechter des animalischen Magnetismus Joseph Ennemoser, der 1819 als Medizinprofessor an die Universität Bonn berufen wurde, zum baquet, „jede eigentümliche Krankheit würde eine eigenthümliche Maschine erfordern“. Er empfahl zu diesem Zwecke sogar die Ausbildung von Hellsehenden. Ennemoser sprach aus eigener Erfahrung: „So behandle ich z. B. jetzt eine Kranke, die in Erfindung und Angabe solcher Maschinen für verschiedene Kranke gewiß alle anderen übertrifft.“[18] Allerdings lässt sich heute keine solche „Maschine“ aus dem Bonner Umfeld Ennmemosers mehr austreiben, auch entsprechende Baupläne und Gebrauchsanleitungen fehlen.

Einige Parallelen deuten darauf hin, daß Kerner durch eine 1821 publizierte Krankengeschichte mit dem Titel „Ausführliche historische Darstellung einer höchst merkwürdigen Somnambule“ zum Verfassen seiner umfassenden Krankengeschichte inspiriert wurde.[19] Der Vater der betreffenden „Somnambule“, als „rechtschaffen, gewissenhaft und ehrlich“ bezeichnet, protokollierte nämlich den gesamten Krankheitsverlauf der Tochter, teilweise in Gegenwart des behandelnden Arztes.[20] Die Aufzeichnungen wurden jeweils der Patientin vorgelesen und von dieser, falls nötig, korrigiert. Wir können hier auf diese Krankengeschichte nicht näher eingehen und wollen lediglich erwähnen, daß die Entwicklung einer „Magnetisir-Maschine“ (also eines baquet) eine zentrale Rolle spielte, die der Vater nach den Angaben der Tochter zu bauen hatte. Es handelte sich hierbei um einen Apparat, der entsprechend seiner umfangreichen Beschreibung viel komplizierter aufgebaut war als der „Nervenstimmer“.[21] Die fünf graphischen Darstellungen des Apparates zeigen ein wesentlich komplexeres Gebilde als die beiden entsprechenden Zeichnungen des „Nervenstim­mers“. Die selbsttherapeutischen Versuche der Kranken und ihre Verordnun­gen für andere Kranke erinnern an Kerners „Seherin“ und lassen erah­nen, wie sehr solche „Somnambulen“ in ihre Zeit passten. Ein systematischer Vergleich beider Krankengeschichten wäre sicher­lich interessant. Auch die Deutung des Somnambulismus als Folge einer „Entwicklungskrankheit“, bei der das Gangliensystem das Gehirn kräfte­mäßig überwiege, finden wir explizit in Kerners „Geschichte zweyer Somnambulen“ wieder.[22]


[1] J. Kerner, 1829. [2] G. Rath, 1962, S. 88. [3] F.W.J. Schelling [1810], 1842; 1948. [4] Mesmer, 1781, S. 56-64 [Anhang: „Vom Herrn Paradis selbst aufgesetzte Kranken-  eschichte seiner Tocher“]. [5] Fürst, 2005, S. 37-50. [6] Siefert, 1985; Ullrich, 1961/62. [7] Walser, 2010. [8] Enquist [1964], 2002. [9] Deslon, 1781, S. 35, 49, 53. [10] Zit. n. H. Schott, 1986 [b], S. 76. [11] Kerner [1829], 1974, Teil 4, S. 44. [12] A. a. O., S.47. [13] Kerner, 1829, 1. Theil, S. 186. [14] A. a. O., S. 187. [15] Braid, 1843, S. 27 f. [16] Kerner, 1829, 1. Teil, S. 186 ff. [17] A. a. O., S. 192. [18] J. Ennemoser, 1819, S. 72. [19] Römer, 1821. [20] Ebd., S. 4. [21] A. a. O., S. 126-138. [22] A. a. O., S. 8; J. Kerner, 1824, S. 347.


[i] Kerner, 1829, 1. Theil; → Abb. Nervenstimmer