27. Kap./ 2 * Sympathie zwischen Körper und Seele

In der medizinischen Anthropologie um 1800 diente der Sympathiebegriff vor allem dazu, die Wechselwirkung zwischen Seele und Körper bzw. zwischen „Seelenorgan“, das man im Gehirn lokalisierte, und den Körperorganen zu erklären. In der dritten Fassung seiner medizinischen Dissertation, die schließlich zum Druck angenommen wurde, formulierte Friedrich Schiller dementsprechend: „Man kann in diesen verschiedenen Rüksichten Seele und Körper nicht gar unrecht zweien gleichgestimmten Saiteninstrumenten vergleichen, die neben einander gestellt sind. Wenn man eine Saite auf dem einen rühret, und einen gewissen Ton angibt, so wird auf dem andern eben diese Saite freiwillig anschlagen, und eben diesen Ton nur etwas schwächer angeben. So wekt, Vergleichungsweise zu reden, die fröhliche Saite des Körpers die fröhliche in der Seele, so der traurige Ton des ersten den traurigen in der zweiten. Diß ist die wunderbare und merkwürdige Sympathie, die die heterogenen Principien des Menschen gleichsam zu Einem Wesen macht, der Mensch ist nicht Seele und Körper, der Mensch ist die innigste Vermischung dieser beiden Substanzen.“[1] Die musikalische Resonanz als Metapher für das Zusammenspiel von Körper und Seele lag nahe. Einerseits gab es mit der Glasharfe ein Musikinstrument, das durch seine Sphärenklänge wie kein anderes geeignet schien, über die Nerven auch auf die Seele einzuwirken, was sich Franz Anton Mesmer bei seinen magnetischen Kuren zunutze machte. Andererseits rückte mit dem Aufblühen der Neuroanatomie und -pathologie das Nervensystem als Vermittlungsagentur zwischen Körperlichem und Seelischem verstärkt ins Blickfeld. Die Sympathie zeigte sich für Schiller, der als Mediziner bestens über die physiologische und anthropologische Bedeutung dieses Begriffs unterrichtet war, [2]  als Resonanz nach dem Vorbild der Musik.

Ähnlich wie Schiller pries auch der bekannte Zürcher Arzt Johann Heinrich Rahn die „wunderbare Übereinstimmung“ von Körper und Seele, die „Mitleidenheit oder Sympathie“.[3] Die beiden ganz ungleichen Dinge seien im Menschen miteinander vereint. „Die wunderbare Uebereinstimmung, in welcher die Seele mit dem Körper in wechselseitiger Verbindung stehet“, sei bei dem Menschen „durch ein so enges, genaues und geheimes Bandmit einander so verbunden,[…] daß, so lange das Leben dauret, die Seele allenthalben sey, wo der Körper ist, und der Körper aller Orten sey, wo die Seele ist.“ [4] Band, Seil, Saite oder Faden waren beliebte Metaphern, um die Wirkungsweise der Sympathie zu veranschaulichen. Es lag nahe, die Nerven als Verbindungsapparate zwischen Zentrale und Peripherie anzusehen. So sprach der Johann Christian Reil, der Hirnanatom und Kliniker aus Halle, von „Verbindungsseilen“, um das Nervensystem als Medium, als Vermittlungsinstanz zwischen dem Seelenorgan im Gehirn und den Körperorganen zu charakterisieren. Das Gehirn als Sitz der Seele könne „gleichsam als das Band der Seele und des Körper, als Mittelpunkt aller Lebenskraft […] betrachtet werden.“[5] Die Hauptfunktion der Nerven bestehe darin, „daß sie zu Reizungsmitteln anderer Organe dienen. Man kann sie gleichsam als Seile betrachten, die überall im Körper an eine Menge seiner Organe angeheftet sind und die eigentümliche Tätigkeit dieser Organe erregen, wenn sie angezogen werden.“[6] Recht anschaulich stellte Reil die Vermittlungsfunktion dieser „Nervenseile“ zwischen der „Seele“ einerseits und dem Körper sowie der Außenwelt andererseits dar. Er betrachtete den menschlichen Körper als eine Hohlkugel mit „einer doppelten innern und äussern empfindlichen Oberfläche“. Die innere Oberfläche sei das Organ der Seele, und die äußere der Körper und die Außenwelt. „Von einer dieser Oberfläche zur andern gehen Nerven, gleich Saiten gespannt, innerlich von der Seele, äusserlich von der Welt und dem Körper zur Thätigkeit aufgeregt, vermählen sie den Körper mit der Seele.“[7] Die Metapher der Vermählung zeigt, dass es sich hier nicht um einen Reflexvorgang im modernen Sinn handelt, sondern um eine Wechselwirkung, eine Verschmelzung von Körper und Seele, wie sie dem Sympathieverständnis der natürlichen Magie entsprach.

Der schottische Arzt und Physiologe Robert Whytt benutzte den Sympathiebegriff, um die Wirkung bestimmter Körperteile auf andere oder auf den ganzen Körper zu beschreiben. So könnten Gerüche und Musik entsprechende Wirkungen entfalten: „Der Geruch gewisser Körper ertheilet im Augenblick dem ganzen Leibe neues Leben und Kraft, da andere Arten vom Geruch bey zärtlichenFrauenzimmern Ohnmachten und Zuckungen hervorbringen. – Verschiedene Töne in der Musik können unterschiedene Leidenschaften erregen und stillen, und man sagt, daß man bisweilen Krankheiten vermittelst ihrer geheilet.“[8]Im späten 18. Jahrhundert wurde Musik zur Linderung von Schmerzen und Heilung pathologischer Emotionen offenbar von Ärzten eingesetzt.[9] Mesmers Spielen der Glasharmonika zur Verstärkung seiner magnetischen Kuren dürfte also kein Einzelfall einer solchen Musiktherapie gewesen sein. Whytt berichtete auch von Tierexperimenten, welche die große Reichweite der Sympathiebegriff im Bereich der Naturforschung anzeigt. Die Einspritzung von Mohnsaft in die Gedärme eines Hundes hätten die Hinterbeine gelähmt und Zuckungen hervorgerufen, die Injektion „in den hohlen Leib dieses nämlichen Hundes“ hätten diesen sofort gelähmt und getötet.[10]

Eine besondere Dimension der Sympathie zwischen Körperorganen bildete die Wirkung der Geschlechtsorgane auf den Organismus. Aus heutiger Sicht antizipierte Whytt endokrinologische Wirkungen und physiologische Reflexvorgänge, wenn er die männliche Pubertät und den Stimmbruch „durch den Reiz des Saamens auf die Nerven der Zeugungstheile verursachet“ sieht, oder wenn er die Ejakulation beim Beischlaf durch die Sympathie der „Saamenbehältnisse“ mit der „Eichel des männlichen Gliedes“ erklärt.[11] Die Symptomenvielfalt bei Gebärmutterleiden („Mutterbeschwerung“) habe dazu geführt, „daß man der Mutter [Gebärmutter] eine mehr ausgedehnte Sympathie, als allen andern Theilen, das Gehirn ausgenommen, zugeschrieben.“ Er zählt nun alle mögliche Leiden auf, insbesondere auch Menstruationsbeschwerden, die alle von der „Uebereinstimmung, die die Mutter mit verschiedenen andern Theilen des Körpers hat“, zeugten.


[1] Schiller, 1780, S. 30. [2] Riedel, 1984. [3] Rahn, 1790, S. 1. [4] A. a. O., S. S. 2. [5] Reil, 1811, S. 8; H. Schott, 1988, 187 f. [6] Reil [1795], 1910, S. 47. f. [7] Reil, 1811, S. 6. [8] Whytt, 1766, S. 9. [9] Campbell, 1777; Kümmel 1977, S. ?? [10] Whytt, 1766, S. 10. [11] A. a. O., S. 20f.

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