27. Kap./3 * „Nervenvermählung“ im Mesemerismus

Das Konzept des Mesmerismus vor dem Hintergrund der Elektrizität wurde bereits früher ausführlich dargestellt worden (Kap. 22). Hier soll nur ein wesentliches Moment herausgehoben werden: Die sympathetische Vereinigung beim Magnetisieren, die sogar als „Nervenvermählung“ bezeichnet wurde. „Sympathie“ war, wie gesagt, in der Medizin um 1800 ein Schlüsselbegriff und betraf selbstverständlich auch das zwischenmenschliche Verhältnis. Gerade beim magnetischen rapport sollte eine sympathetische Wechselwirkung erzeugt werden und eine Art rein nervöse Liebesbeziehung in Gang kommen, die den gesamten Organismus, Leib und Seele, in Mitleidenschaft ziehen konnte. So schrieb der Berliner Chirurg C. A. F. Kluge in seinem bekannten Lehrbuch über den animalischen Magnetismus: „Wirken nun zwei Nervensysteme, von denen das eine mehr Wirkungsvermögen, das andere mehr Reizbarkeit hat, auf einander ein, so verschmelzen beide in Eins. Die Somnambule nimmt die Nerventhätigkeit des Magnetiseurs auf; das Nervensystem des Letzteren verlängert sich und findet sein peripherisches Ende im Körper der Erstern“.[1] In diesem Zusammenhang verwies er auf den Begriff „neurogamischer Somnambulismus“, den der Anatom und Physiologe Karl Friedrich Burdach geprägt hatte, wobei dieser das aktive Subjekt mit „männlichem Charakter“ als „Neurander“ (wörtlich: Nervenmann), dasjenige mit „überwiegender Receptivität und Passivität“ als „Neurogyne“ (wörtlich: Nervenfrau) bezeichnete.[2] Wir wollen uns nun Burdachs Ausführungen zuwenden, die eindrücklich zeigen, wie ernsthaft die damaligen Ärzte und Naturforscher bemüht waren, den animalischen Magnetismus als neurophysiologische Erscheinung zu begreifen und mit Hilfe von Metaphern plausibel zu machen.

Im Jahre 1810 veröffentlichte Burdach sein umfassendes, naturphilosophisch inspiriertes Werk „Die Physiologie“. Er war damals als Professor in Leipzig tätig. Seine Bedeutung wird heute vor allem darin gesehen, dass er zu den ersten Forschern gehörte, die die Begriffe „Biologie“ und „Morphologie“ prägten. In unserem Kontext interessieren seine Ausführungen über „Sympathisches“, „Schlaf“, „Neurogamie“ und „Selenogamie“, die im dritten Teil („Spezielle Naturlehre des menschlichen Organismus“) unter dem Abschnitt „Nervensystem der Reproduction“ subsumiert sind.[3] „Sympathie“ war, wie gesagt, ein Schlüsselbegriff der Medizin um 1800. Nach Burdach beruht sie auf der Aktivität des „sympathischen Nerven“ : „Die mechanische Verbindung der Nerven gibt zwar keine hinreichende Erklärung von den Erscheinungen der Sympathie zwischen verschiedenen Organen, denn sie läßt uns nicht einsehen, weshalb die erregte Nerventhätigkeit gerade in dieser Richtung sich fortpflanzt […]; allein diese Continuität der Nerven erklärt uns doch die Möglichkeit der Sympathie“.[4] Als Beispiel gab er die Sympathie von Magen und Lunge an, die neurophysiologisch begründet wurde: „Der sympathische Nerve [sic] hängt mit dem Stimmnerven zusammen, und dadurch kann der Magen mit den Lungen sympathisieren (Husten aus Unreinigkeiten des Magens, und Erbrechen von starkem Husten)“.[5]

Im Folgenden wollen wir Burdachs Beschreibung der Neurogamie genauer verfolgen. Ihn beschäftigte die Frage, wie eine Wirkung ohne körperliche Berührung zustande kommt, wie ein „unsichtbares Band“ Individuen miteinander verbinden kann. Er beantwortete diese Frage mit der Annahme einer „Atmosphäre“, mit denen Nervensysteme aufeinander einwirken könnten. Der Begriff der Atmosphäre entsprach den Vorstellungen zeitgenössischer Naturforscher wie Alexander von Humboldt und Johann Wilhelm Ritter, die damals galvanische Selbstversuche durchführten. Burdach schrieb: „Die Nervensysteme der animalischen Organismen wirken vermöge ihrer Atmosphäre auf einander, wenn sie auch nicht unmittbar und körperlich sich berühren, sie stehen in Sympathie und Antagonismus unter einander, und werden durch ein unsichtbares Band umschlungen. Wir gähnen beim Anblick eines Gähnenden; […] es erzeugen sich Krämpfe durch den Anblick von Krämpfen, und durch Berührung gesunder Thiere oder Menschen werden krankhafte Affectionen des Nervensystems beseitigt; […] manche Menschen könnnen einander nicht leiden, sie wissen nicht, warum; Andre hingegen fühlen sich gegenseitig angezogen, und selbst bey solchen, wo die Liebe nicht ausschließlich im Unterleibe ihren Sitz hat, scheint die Sympathie des niedern Nervensystems den Einklang der Seelen zu begründen und zu verkündigen: sie begegnen sich und würken beym ersten Zusammentreffen auf einander.“[6]

Die Neurogamie wurde als Verschmelzung von zwei Nervensystemen definiert, wodurch die Personalität aufgelöst und eine Unterordnung geschaffen wurde: Die „dynamische Einwürkung des einen Nervensystems in das andre kann nun bis auf den Grad steigen, daß beyde in Eins verschmelzen […]. Wenn nämlich zwey Nervensysteme, die für einander gestimmt sind, d. h. deren Charakter in einem gewissen Grade sich gleich ist, wovon aber das Eine verhältnißmäßig mehr Würkungsvermögen, das Andre mehr Reizbarkeit hat, auf einander einwürken, so kann sich Erstres mit Letztrem so in Beziehung setzen, daß es mit diesem Eins ausmacht; beyde Nervensystme stellen dann ein Continuum dar, dessen Würkungsvermögen in Erstrem, und dessen Reizbarkeit in Letztrem überwiegend sich darstellt. Wir nennen diesen Zustand Neurogamie, da man ihn bisher mit dem unschicklichen Namen, thierischer Magnetismus, belegte; wir nennen das Subject mit vorwaltendem Würkungsvermögen, in welchem die Activität und der männliche Charakter sich mehr offenbart, den Neurander; das andre hingegen mit überwiegender Receptivität und Passivität die Neurogyne.“[7] Burdach gab zwei Kriterien als „Bedingung des neurogamischen Processes“ an: (1) Der Neurander muss eine stärkeres „jedoch leicht bewegliches Nervensystem“ in Bezug auf die Neurogyne haben und „ruhig und mit Selbstvertrauen zu seiner Unternehmung schreiten“; (2) „Die Neurogyne muß reizbar und empfänglich seyn“, vorzüglich würden sich hierfür „weibliche Individuen“ eignen, „am meisten wenn sie hysterisch sind oder wenn die Periode ihrer Katamenien einzutreten im Begriff ist.“[8]

Burdach wollte offenbar die gängigen Begriffe „animalischer Magnetismus“ und „Magnetisieren“ durch (neuro)physiologisch seriöser klingende Bezeichnungen ersetzen. So sprach er nicht vom Magnetisieren, sondern vom „neurogamischen Process“, vor allem von der „Neurogamie durch verbindende Methode“, die Eberhard Gmelin die „mittheilende“ genannt habe und die stichwortartig zusammengefasst bedeutete: Fingerspitzen auf die Stirn setzen, „Herabfahren“ über Hals, Schultern, Arme bis zu den Daumen, wobei die Daumenspitzen diejenigen der Neurgyne berühren sollen; dann Herabfahren von der Herzgrube bis zu den Fußzehen, dann von der Nabelgegend bis zu den Fußzehen. „Dieses Streichen wiederholt man so lange, bis neurogamische Würkung eintritt.“ Somit würden beide Nervensysteme zu einem „Continuum“ zusammengefügt: Das Gehirn der Neurgyne höre auf, „absoluter Centralpunct des Organismus zu seyn, und wird zu einem relativen depotenzirt: und der ganze Organismus [wird] ein bloßes Rumpfnervensystem, so dass dessen Functionen mit überwiegender Kraft vor sich gehen.“ Die Sekretion werde dann reichlicher, stärker, und die Neurogyne werde schläfrig. Der Schlaf werde befördert, wenn der Neurander „seine Hand an ihre Augenlider, oder Augenbrauen, oder an ihre Herzgrube hält“.[9]

Höchster Punkt der Neurogamie war erreicht, wenn sich der Zustand des „neurogamischen Somnambulismus“ einstellte. Hier war die Individualität der beiden Organismen aufgehoben, sie stellten nur noch „die entgegengesetzten Pole eines und desselben Nervensystems dar. Der Neurander ist ganz Gehirn: Spontaneität der obern Nervensphäre, Bewußtseyn, Sinnesthätigkeit und Willkühr sind in ihm überwiegend; ─ die Neurogyne ist nichts als Rumpfnerve: Bewußtlosigkeit, Mangel an Empfänglichkeit für äußere Sinneseindrücke, welche nicht durch den Neurander vermittelt werden“. Die Neurogyne verfügte nach Burdach im neurogamischen Somnambulismus außerordentliche Fähigkeiten: Sie konnte etwa den Sitz der Krankheit angeben und deren Ausgang vorhersagen oder passende Arzneimittel angeben. Nach dem Erwachen hatte sie keine Erinnerung an diesen Zustand, bei erneutem Somnambulismus erinnerte sie sich aber an die letzte somnambule Phase, „so daß sie gleichsam einen doppelten Charakter hat, oder ein zweyfaches Leben führt.“ Diese Feststellung entsprach dem, was später als „Doppel-Ich“, „Bewusstseinsspaltung“ oder „multiple Persönlichkeit bezeichnet werden sollte (Kap. 18).

Nach Burdach folgten die neurogamischen Erscheinungen „elektrischen Gesetzen“. Wenn der Neurander seine Hand in Wasser gesteckt habe, „so unterscheidet die Neurogyne dieses Wasser von andrem.“ Auch der Hauch des Neuranders, in einem isolierenden Gefäß aufgefangen und mit der Mündung an die Herzgrube gehalten, habe dieselbe Wirkung, „als wenn der Neurander sie selbst berührte.“[10] Der Mesmerismus hatte eine solche Übertragung des magnetischen Fluidums durch den Magnetiseur vielfach studiert und als Tatsache angenommen, insbesondere durch „magnetisiertes Wasser“ und Anhauchen der „Herzgrube“. Wasser schien besondere „Affinität“ zum magnetischen Fluidum zu haben und dieses anhäufen zu können.[11] Magnetisiertes Wasser, das bestimmten Somnambulen leuchtend erschien, konnte innerlich und äußerlich angewandt werden.[12] Gotthilf  Heinrich Schubert führte dessen Wirkung auf sein „astralisches Wesen“ zurück, überhaupt würde sich bei jeder unserer Körperbewegungen das in ihm enthaltene „Lichtwesen des künftigen (inneren) Leibes“ regen: „wir wirken, ohne es zu wissen, magisch auf die uns umgebende Natur ein.“[13]

Das „Anhauchen“ oder „Adspiriren“ bedeutete eine besondere Technik der Übertragung des magnetischen Fludiums, die auch als Excitans eingesetzt werden und unter Umständen bei der magnetisierten Person eine Krise auslösen konnte, wobei die „Herzgrube“ (cardia ventriculi, Mageneingang, Hypochondrium) besonders sensibel zu sein schien.[14] Aber auch einzelne Körperteile, wie z. B. ein entzündetes Auge, schienen durch „Anhauchen“ geheilt werden zu können.[15] Auch die Tatsache war bekannt, dass wiederholtes Magnetisieren dessen Wirkung verstärkte und Personen, die „öfters in neurogamischer Verbindung gestanden haben“, sich sozusagen aneinander gewöhnten, „einander familiarisirt“ waren, wie Burdach es ausdrückte. Dies zeigte sich auch durch periodische „Anwandlungen zum neurogamischen Zustande“, nämlich durch die Neigung zum Schlafe zur selben Tageszeit und an demselben Ort.[16]

Burdachs kurzer Abriss über „Neurogamie“ stellte eine Zusammenfassung des zeitgenössischen animalischen Magnetismus dar, den er wahrscheinlich aus wissenschaftspolitischen Motiven als Anatom und Physiologe umtaufen wollte. Dass er mit der „Nervenvermählung“ – zumindest aus heutiger Sicht – ungewollt die erotische, ja sexualmagische Potenz des Mesmerismus verdeutlichte, gehört zur Ironie der Wissenschaftsgeschichte. Der „kryptogamische Schlaf“, wie er die Neurogamie hier beiläufig auch bezeichnete, sei „keineswegs Einbildungskraft“ und werde nicht durch mechanisches Streichen der Haut bewirkt. Er sei auch kein „gemeiner Galvanismus“, da er „nicht so ausschließlich auf die Nerven wirke“, und als (neurogamischer) Somnambulismus sei er auch kein Mittelzsutand zwischen Schlafen und Wachen, vielmehr „ein tieferer Schlaf, als der gewöhnliche.“[17]

Den Somnambulismus im Sinne der Mondsucht bezeichnete Burdach als „Selenogamie“ (wörtlich: „Mondvermählung“). Auch Gestirne, insbesondere der Mond, könnten ‚“bei einem gewissen Grade von Reizbarkeit“ das Nervensystem beherrschen. Interessanterweise vertauschen sich jedoch die Geschlechterrollen im Verhältnis zur Neurogamie: Männer seien eher betroffen als Frauen, „da das männliche Geschlecht mehr Receptivität für die allgemeinsten Verhältnisse und für die Einwürkungen des Universums hat. […] Die Subjecte werden hier dem Monde unterthan, wie bey der Neurogamie dem Neurander.“ [18] Wenngleich Burdach zur Präferenz des männlichen Geschlechts bezüglich der Mondsucht keine weiteren Angaben machte, lag diese wegen der traditionellen Einschätzung des Mondes als weiblicher Himmelskörper (luna) nahe, der besonders den männlichen Organismus anzog – analog zur weiblichen Natura, welche die männlichen Naturforscher in der frühen Neuzeit fasizinierte (Kap. 36). Beim „selenogamischem Somnambulismus“ sei die Anziehung des Mondes so stark, dass die Betroffenen auf Giebel und Türme steigen würden, um sich dem Monde zu nähern. Das geschehe auch mit fest geschlossenen Augen: „Das exaltirte Gemeingefühl ersetzt die Stelle der pausirenden Sinne“.[19] Selenogamische Subjekte seien häufig zugleich auch neurogamisch und würden in diesem Zustand bekennen, „daß alles blos aus Liebe zum Mond geschehen sey.“ Soviel zu Burdachs Ausführungen, die von manchen späteren Autoren rezipiert wurden.

So griff auch der Dresdner Frauenarzt und Landschaftsmaler Carl Gustav Carus Jahrzehnte später auf die „Neurogamie“ zurück: Beim magnetische Rapport handele es sich, so Carus, „um eine Art von Vermählung zweier Nervenleben“, „und insofern hat auch das magnetische Verhältnis allerdings etwas mit Geschlechtsliebe gemein, welche letztere ebenfalls in ihre höchsten Stimmungen das Bewußte ins Unbewußte eintaucht.“[20] Wir haben es hier mit einer experimentellen – gewissermaßen nervösen – Liebeskrankheit zu tun, die von mesmeristischen Ärzten zu therapeutischen Zwecken erzeugt wurde. Sigmund Freuds Begriff der „Übertragungsliebe“ reflektierte unausgesprochen diese „Neurogamie“ und auch Charcots Vorführungen – in gewisser Weise Verführungen – von Hysterikerinnen könnten hier eingeordnet werden. Den magnetisierenden Ärzten waren die Gefahren dieser künstlich angefachten Liebe vielfach bewusst: Sie konnte nämlich außer Kontrolle geraten, in eine reale Pathologie oder einen gesellschaftlichen Skandal umschlagen, wie dies der oben erwähnte Chirurg Kluge vorsichtig andeutete: „Ist dies sympathische Verhältnis des Somnambulen zum Magnetiseur erst zu einiger Stärke gediehen, so wird es zum Zustand des Wachens mit übertragen und der Kranke fühlt sich dann auch ausser der Krise zu seinem Magnetiseur besonders hingezogen.“[21]

Der Jenaer Arzt und Naturphilosoph Dietrich Georg Kieser, der mit seinem „System des Tellurismus“ eine umfassende Lehre des animalischen Magnetismus entwerfen wollte, kritiserte die Bezeichnung „Neurogamie“ als „unpassend“, da sie nur eine besondere Art der Wechselwirkung, nämlich die des Nervensystems beträfe.[22] In einer anonymen Rezension des oben referierten Werkes „Die Physiologie“ von Burdach wurde diese Bezeichnung ebenfalls kritisiert. Es sei nicht zu billigen, wenn dieser „den sinnvollen Nahmen des thierischen Magnetismus aufhebt, und die unschickliche Benennung Neurogamie substituirt, den Magnetiseur Neurander und die Somnambüle Neurogyne nennt.“[23] Gebe es doch kein treffenderes Bild, um die gänzliche Abhängigkeit der Somnambüle von dem Magnetiseur zu bezeichnen, als den Magneten und das Eisen!


[1] Kluge, 1818.[2] Ebd., S. 205. [3] Burdach, 1810, §§ 163, 166, 167, 168. [4] Ebd., S. 266. [5] A. a. O., S. 267. [6] A. a. O., S. 272. [7] A. a. O., S. 273. [8] A. a. O., S. 274. [9] A. a. O., S. 275. [10] A. a. O., S. 277. [11] Kluge, 1811, S. 489. [12] A. a. O., S. 492 ff. [13] Schubert [1808], 1840, S. 226. [14] Kluge, 1811, S. 183 bzw. 389. [15] Nübling, 1997, S. 90; C. E. Schelling, 1806. [16] Burdach, 1810, S. 278. [17] A. a. O., S. 279 f. [18] A. a. O., S. 280. [19] A. a. O., S. 281. [20] Carus, 1860/1964, S. 241. [21] Kluge, 1818, S. 205. [22] Kieser, 1822, 1. Bd., S. 31. [23] Anonymus, 1810, S. 339.

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