# 27. Kap. Sympathie: Schlüsselbegriff der Medizin und Naturphilosophie

Der Begriff der Sympathie (gr. sympatheía, lat. consensus) tauchte in der Medizin erstmals in der hippokratischen Schrift „Die Regelung der Lebensweise“ (De diaita, Über die Diät) auf, wo er ein funktionales Zusammenwirken aller Teile des menschlichen Körpers bezeichnet.[1] Der griechische Arzt Galen definierte dann im zweiten nachchristlichen Jahrhundert die Sympathie im Kontext der Säftelehre (Humoralpathologie) als Erkrankung eines Organs, die durch die Erkrankung eines anderen verursacht werde. Diesem physiologischen Verständnis der Sympathie stand bereits in der Antike vor allem bei den Stoikern ein kosmobiologisches gegenüber: Durch die einheitsstiftende Kraft des pneuma sei jeder Einzelkörper mit dem Kosmos als lebendigem Organismus („Weltseele“) verbunden. Die Idee einer Wechselwirkung von Mikrokosmos und Makrokosmos lebte in der alchemistisch-magischen Tradition bis zur frühen Neuzeit fort. Die „natürliche Magie“ (magia naturalis) mit ihren magischen Künsten, bekannt als „Sympathiezauber“ in der Gelehrten- wie der Volksmedizin, hatte auch im Zeitalter der Aufklärung ungeachtet fortschreitender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse weiterhin Konjunktur, wie das illustre Beispiel des so genannten „thierischen“ oder „animalischen“ Magnetismus zeigt. Im Sympathiebegriff um 1800 mischten sich abgesehen von literarischen Motiven naturphilosophische, mystisch-religiöse, (neuro)physiologische, psychosomatische und tiefenpsychologische Elemente. Erst die Konzepte der naturwissenschaftlichen Medizin ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie z. B. die Reflexlehre, brachten diesen Schlüsselbegriff der neuzeitlichen Medizin nahezu zum Verschwinden. Gleichwohl wurde die Idee der Sympathie, teilweise unter anderer Begrifflichkeit weiterhin immer wieder aufgegriffen, zumeist als kulturkritischer Gegenentwurf zur empfundenen Zerrissenheit der modernen Welt. „Sympathie“ bezeichnet in der heutigen Umgangssprache nur noch die emotionale Zuneigung eines Menschen zu einem anderen, während alle anderen Bedeutungsdimensionen (fast) gänzlich verschwunden sind.


[1] Hippokrates, Ed. Diller, 1962, S. 225-261.

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