27. Kap./1 * Sympathie als „Einsfühlung“

Auf den Begriff der „Einsfühlung“ bei Max Scheler komme ich weiter unten zurück. Er ist geeignet, das Gefühl der Entgrenzung zu kennzeichnen, das Individuen in einer bestimmten geistigen Verfassung, einem bestimmten Bewusstseinszustand erleben können. Hier soll jedoch nicht das massenpsychologische Phänomen ins Auge gefasst werden, bei dem der Einzelne seine Kritikfähigkeit verliert und kopflos wird, sondern das Aufgehen in einer größeren Welt, die sowohl die menschliche Gemeinschaft als auch die Natur schlechthin, das Universum, umfasst. Für religiöse Vereinigungen und soziale Bewegungen war und ist dieses Moment der „Einsfühlung“ entscheidend. Das 1971 vom Ex-Beatle John Lennon veröffentlichte Lied „Imagine“ wurde wohl auch deshalb zu einem Welterfolg, weil es nicht nur eine politische Friedensutopie, sondern auch eine mystische Botschaft der  Einswerdung enthielt, die in dem Vers „[Imagine] A brotherhood of man“ und in den beiden Schlussversen zum Ausdruck kam: „I hope someday you’ll join us / And the world will live as one.“[1] Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ von 1785, die in der späteren Vertonung Ludwig van Beethovens in einer ganz anderen Epoche ebenfalls zu einem Welterfolg wurde, enthielt gegenüber Lennons schlichtem „Imagine“ naturphilosophische, mythologische und theologische Ausmalungen im Geiste des Deutschen Idealismus. Gleichwohl war auch bei Schiller die Friedensbotschaft zentral: „Alle Menschen werden Brüder“. Deutlicher als bei John Lennon griff sie jedoch weit über zwischenmenschliche Sympathie hinaus:

Was den großen Ring bewohnet,

Huldige der Sympathie!

Zu den Sternen leitet sie,

Wo der Unbekannte thronet.

Diese religiös-kosmische Dimension des Sympathiebegriffs war in der Zeit um 1800 durchaus lebendig und wurde durch die Französische Revolution besonders munitioniert. Am Beispiel von Joseph Görres, den wir bereits kurz erwähnt haben (Kap. 17), kann dies aufgezeigt werden (siehe unten). Wie sehr Görres in der romantischen Naturphilosophie beheimatet war, zeigt insbesondere seine frühe Schrift „Glauben und Wissen“.[2] Hier griff er die Sonne als Symbol der allumfassenden Sympathie auf, einen zentralen Topos der Naturphilosophie und  Theosophie: „Mit dem Feuerauge schaut sie [die Sonne] in ihre eigenen Tiefen hinein, und ruft die dunkeln Einheiten, die sie begreift, aus der schwarzen Nacht herauf; hinaus schaut sie in die Tiefen des Universums hin, um das Nichtich zu gewahren, und wie zarte Fühlfäden legen die Lichtstrahlen sich an die fernsten Körper an, um feinfühlend ihr Formen zu betasten, und ihren Umrissen sich anzuschmiegen”.[3] Unwillkürlich erinnert dieses Zitat an die medizinische Anthropologie der Romantik, insbesondere an den Plexus solaris, das so genannte Sonnengeflecht im Oberbauch, das in besonderer Weise sympathetische ”Fühlfäden” in den Makrokosmos senden sollte – eine Vorstellung, die wir in der zeitgenössichen Medizin, etwa bei Justinus Kerner oder Carl Gustav Carus wiederfinden.

In der soeben genannten Frühschrift entfaltete Görres das Panorama der romantischen Naturphilosophie, die im Rückgriff auf die Verschränkung von Mikrokosmos und Makrokosmos die gesamte zeitgenössische Naturforschung systematisch einzuordnen versuchte. Hierbei spielten z. B. die „physisch-chemischen Kräfte”, positiv als „Erdelektrizität”, negativ als „Erdmagnetism” definiert, eine Rolle, welche die irdische Sphäre bestimmten. Auffallend sind die archetypisch anmutenden polaren Gegensätze von Licht und Dunkel, Wissenschaft und Kunst, Männlichem und Weiblichem. Magie, Alchemie und Astrologie, wie sie etwa im Paracelsismus zusammenwirkten, erhielten durch Görres einen poetischen Nachklang, indem er das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft mit dem von Venus und Sonne verglich: „ […] in sich selbst gebeugt, steht […] die nackte Schönheit, eine mediceische Venus vor dem strahlenden Sonnengotte da, und wie der Strahlenglanz glitzernd durch die reiche Fülle fährt, schmilzt das Gediegene dahin, die Notwendigkeit ist besiegt, und in der Beschränktheit ihr ein neues Gebiet für die Freyheit abgewonnen”.[4] Eine wichtige Rolle spielte dabei die Metaphorik von Licht, Feuer und Blitz, um die von Görres anvisierte „Mystik der Wissenschaft” als „Reich der Gnade” zu charakterisieren. Dabei ging es um die Theosophie, um einen Einblick in „des Himmels Tiefen” um den „Blitz des Absoluten”, der an den Ideen wie kommunizierenden Leitern herniederfahre.[5] Das mystische Erleben charakterisierte er als „göttlichen Wahnsinn“ und „höchste Selbstvergessenheit”, was an analoge Schilderungen in Gotthilf Heinrich Schuberts „Symbolik des Traumes“ erinnert, die rund ein Jahrzehnt später erschien (Kap. 25).[6]

Elektrizität und Magnetismus waren um 1800 heiß diskutierte Gegenstände des wissenschaftlichen Diskurses. In seinen „Aphorismen über die Organonomie“ verband Görres die für die Medizin maßgeblichen Ideen seiner Zeit.[7] So behandelte er den Galvanismus als Zusammengehen von Elektrizität und Magnetismus, spekulierte über das Verhältnis von Aufbau und Funktion der einzelnen Gehirnteile, wobei die Soemmerring’sche Auffassung vom „Seelenorgan” gleichermaßen eine Rolle spielte wie die Gall’sche Schädellehre, und setzte sich mit der Erregungslehre von John Brown auseinander, welche die medizinische Therapeutik um 1800 maßgeblich prägte. 

Görres führte auch galvanische Versuche mit Froschschenkeln durch, die er sorgfältig protokollierte.[8]Die Verquickung von experimenteller Erfahrung und spekulativer Zusammenschau war typisch für diese Generation romantischer Naturforscher und Naturphilosophen um 1800. Dementsprechend setzte er sich in  seiner Schrift „Exposition der Physiologie“ eingehend mit dem Verhältnis von Spekulation und Empirie auseinander: „Der wahre Empiriker, der Meister ist und Priester im Dienste der Natur und durch alle Erscheinungen ihre Ideen verfolgt, ist gleichen Ranges mit dem spekulativen Forscher, der die Vernunftidee realisiert in Begriffen”.[9] Görres träumte hier regelrecht von einer Vermählung von Poesie und (physiologischer) Wissenschaft, einer „Iatropoetik”: „Waren denn die Zeiten so unglückselig, in denen die Wissenschaft nur in Gesängen lebte und in Liedern sich fortpflanzte? es war der Ausgang aus dem Paradiese, als die Prosa sich von der Poesie losriß”.[10] Er wehrte sich gegen den Vorwurf des Mystizismus, gegen die Unterstellung, er wolle die Astronomie in die Physiologie übertragen.[11] Zu seiner Verteidigung berief er sich auf Paracelsus, mit dessen Redlichkeit und Wahrheitsliebe er sich identifizierte. Bei Paracelsus konnte er beide Bestrebungen wiederfinden, die für ihn selbst so wichtig waren: zum einen den kompromisslosen Kampf gegen die finsteren Mächte und verderblichen Autoritäten, zum anderen das mystische Erleben als ein Sich-Versenken in die göttliche Natur.

Auf Görres’ skeptische Einstellung gegenüber der Gall’schen Schädellehre und seinem Festhalten an der Lehrmeinung, der „Mittelpunkt der Persönlichkeit“ falle mit dem „Mittelpunkt des Gehirnes“ zusammen, soll hier nicht näher eingegangen werden.[12] Er lehnte auch Galls Lokalisierung der „Lebenskraft“ in das verlängerte Rückenmark ab. Für ihn kam nur das Gangliensystem in Frage. Damit übernahm er die für die Neurophysiologie jener Zeit so wichtige Gegenüberstellung von Cerebral- und Gangliensystem und antizipierte deren ausführliche Begründung, die Johann Christian Reil erst zwei Jahre später, also 1807 publizierte.[13] (Kap. 25) Mit dieser Theorie eines „Bauchgehirns“ oder einer „Bauchseele” schienen die mesmeristischen Phänomene neurophysiologisch erklärt werden zu können, nicht zuletzt auch die besondere Neigung der Frauen zum Somanmbulismus: „Das bey Weibern jenes Organ [das Gangliensystem] stärker entwickelt ist, zeigt eben die Richtigkeit jener Bestimmung, da bey der größeren Schwäche ihres Muskelsystems der Überschuß der Nervenmasse auf das Gangliensystem sich wirft, und dasselbe verstärkt. Eben in diesem System, und nicht in dem schwieligen Körper [des Gehirns], wird daher auch der Lebenserhaltungstrieb aufgesucht werden müssen.”[14] Görres war kein Arzt und Naturforscher, sondern ein philosophierender Schriftsteller. Immer wieder wollte er Unvereinbares miteinander vereinen. So versuchte er, die Erregungslehre des Brownianismus, die Neurophysiologie des Vitalismus und die Naturphilosophie Schellings in Einklang zu bringen.

Der deutsche Philosoph und Soziologe Max Scheler hat wie kaum ein anderer Autor des frühen 20. Jahrhunderts versucht, den in Vergessenheit geratenen Begriff der „Sympathie“ zu reaktivieren. Es lag für ihn nahe, die oben zitierte „Ode an die Freude“ als ein Musterbeispiel der „metaphysischen Sympathie- und Liebeslehren“ ins Feld zu führen.[15] Er wies nachdrücklich auf den Verlust der kosmischen Bezüge des Menschen durch die Verobjektivierung der Natur hin, insbesondere in seinem Werk „Wesen und Formen der Sympathie“: „Der einseitige, historisch aus dem Judentum hervorgegangene, Nur-Herrschaftsgedanke des Menschen über die Natur, der immer mehr, trotz aller Gegenbewegungen von Urchristentum, Franziskanismus, Goethe, Fechner, Bergson, romantischer Naturphilosophie, ein Axiom gleichsam des abendländischen Weltethos geworden ist und der schließlich die materialistische Absolut­setzung des Naturmechanismus erst zu einer seiner Folgen hatte, muss also prinzipiell für die Zukunft zerbrochen werden. […] Die Bildung des Menschen (auch jene seines Gemütes) hat jeder ‚fachwissenschaftlichen’ Haltung zur Natur als einem zu beherrschenden Gegner vorherzugehen. Darum müssen wir – pädagogisch – die kosmovitale Einsfühlung an erster Stelle geradezu wiederentwickeln und sie aus ihrem Schlafzustande im abendländischen Menschen des kapitalistischen Gesellschaftsgeistes (mit dem zu ihm wesensmäßig gehörigen Weltbild eines Alls bewegbarer Quantitäten) aufs neue erwecken.“[16] Scheler knüpfte damit an die „Sympathie“ an, den Schlüsselbegriff der romantischen Naturphilosophie und des Mesmerismus. Es sei noch einmal hervorgehoben, dass dieser Begriff für die vormoderne Medizin große Bedeutung hatte, sowohl in physiologischer, psychosomatischer, tiefenpsychologischer als auch in therapeutischer Hinsicht.


[1] http://www.lyrics007.com/John%20Lennon%20Lyrics/Imagine%20Lyrics.html (14.01.2011). [2] Görres, 1805 [a] [3] Ebd., S. 53. [4] A. a. O., S. 95 f. [5] A. a. O., S. 111. [6] Schubert [1814],  1968. [7] Görres, 1803. [8] Görres, 1794. [9] Görres, 1805 [c], S. 163. [10] A. a. O., S. 160. [11] A. a. O., S. 155. [12] Görres, 1805 [b], S. 153. [13] Reil, 1807; H. Schott, 1995. [14] Görres, 1805 [b], S.156. [15] Scheler [1913], 1974, S. 14. [16] A. a. O., S. 113.