28. Kap./3 * Der baquet als Akkumulator

Hier sei eine persönliche Anmerkung eingeschoben. Im Anschluss an Mesmers Geburtstag im Jahre 1984 habe ich an verschiedenen Orten medizinhistorische Ausstellungen zur Geschichte des Mesmerismus organisiert und hierbei auch selbst gebaute „magnetische Kübel“ ausgestellt, die eine gewisse Faszination auf die Ausstellungsbesucher ausübten. Einige meinten sogar, in seiner Nähe Strahlen zu verspüren, obwohl er selbstverständlich keine physikalisch wirkenden Strahlungsgeräte enthielt − vielleicht ein Beispiel für die „Magie der der Pseudomaschine“, wie sie der Parapsychologe und Physiker Walter von Ludcadou beschrieben hat.[1]  Mesmer bezeichnete seinen „magnetischen Kübel“ von Anfang an als „le baquet magnétique“ oder kurz: „baquet“. Dem Französischen folgend, werde ich das Wort im Deutschen als Maskulinum behandeln, obwohl es Anfang des 19. Jahrhunderts im Deutschen zumeist als Neutrum („das baquet“) benutzt wurde. Originale baquets sind heute äußerst seltene Museumsstücke. Außer dem „Nervenstimmer“ von Justinus Kerners „Seherin von Prevorst“ und dem Baquet seines Sohnes Theobald im Kernerhaus in Weinsberg (Kap. 26) sind nur noch zwei weitere Apparate erhalten. Der eine befindet sich in Rouen, der andere in Lyon. Der baquet des Musée d’Histoire de la Médecine in Lyon stammt tatsächlich aus der Glanzzeit Mesmers um 1784. (Abb. [i]) Er wurde von seinen Anhängern benutzt, die sich vergeblich darum bemühten, ihn auch im Krankenhaus zur Anwendung bringen zu dürfen. In einem solchen Apparat sollte nach Mesmer das „Fluidum“ gesammelt werden, das dann als eine Art universel­le Heilkraft den kranken Organen zugeführt werden konnte. Der Bauplan zeigt die verschiedenen Systeme, die im Innern des Gehäuses vereinigt sind: Eisenmagnete (aimants), ein elektrisches System mit einer Leidener Flasche im Zentrum (bouteille de Leyde et ses armatures) − von Mesmer ursprünglich nicht vorgesehen − sowie organische Substanzen (couches vegetables) und Flaschen als Isolatoren (flacons isolants). (Abb. [ii])

Dieser magnetische Kübel wurde nach Mesmers Anweisung 1784 in Paris gebaut und von einem seiner Schüler, dem Apotheker J.-B. Lanoix, nach Lyon gebracht. Da er jedoch im praktischen Gebrauch keine Wirkung zeigte, fügte dieser Magnetiseur eigenhändig ein „elek­trisches System“ ein, wodurch der baquet bei den magnetischen Kuren angeblich hervorragende Wirkung zeigte. Bei einem Besuch 1784 in Lyon prüfte Mesmer diesen Apparat und lobte ausdrücklich die vorge­nommene Veränderung.[2] Die wesentlichen Wirkkräfte dieses Konglo­merats waren jedoch nach Auffassung Mesmers nicht magnetischer oder elektrischer Natur, sondern entsprangen einer viel feineren Sub­stanz, nämlich dem „thierischen Magnetismus“, dem magnetischen „Fluidum“.

Der baquet bildete das Zentrum der magnetischen Gruppenbehand­lung. Die Kranken versammelten sich um ihn wie um eine Heilquelle: Aus den Eisenleitern und Wollseilen schien die Kraft überzuströmen. Die Szene auf einem zeitgenossischen Kupferstich zeigt eine magnetische Kur an Mesmers baquet magnétique im vorrevolutionären Paris, als Mesmer auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt war. (Abb. [iii]) Ein „Leiter“ ist auf das „Hypochondrium“ („Herzgrube“) einer Dame gerichtet, die gleichzeitig von Mesmer magnetisiert („manipuliert“) wird. Die Spiegel an der Wand sollten die Wirkung des tierischen Magnetismus verstärken. Es existiert eine große Anzahl von zeitgenössischen Darstellungen solcher Baquet-Szenen, zumeist in Form von witzigen bis boshaften Karikaturen, die schon lange in medizinhistorischen Standardwerken Beachtung gefunden haben und auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden soll.[3]

Mesmer merkte hierzu an: „Dieses Behältniß stellt ein großes Gefäß oder eine Wanne mit verschiedenen magnetisirten Körpern und Stoffen angefüllt vor: wie Wasser, Sand, Stein, Glasflaschen mit Wasser gefüllt. Es ist ein gemeinschaftlicher Brennpunkt, worin sich der Magnetismus konzentrirt befindet, und aus welchem eine Anzahl Leiter gehen, die aus gekrümmten etwas spitzig zulaufenden Eisenstäben bestehen, deren eines Ende in das Behältniß taucht, indeß das andere an den kranken Theil gebracht werden kann. Diese Zurichtung läßt sich für eine Menge von Kranken gebrauchen, welche, damit sie hier die zu ihrer Heilung nöthigen Krisen bereiten, umhersitzen.“[4] Mesmer schrieb keinen exakten Bauplan vor und überließ es den Magnetiseuren selbst, wie sie sich ihren Apparat konstruieren wollten. So entstanden in der Folgezeit recht verschiedene Konstruktionen. Es kam hierüber zu einem intensiven Gedankenaustausch zwischen Mesmer und seinen erfinderischen Anhängern, der teilweise veröffentlicht wurde.[5] Er belegt, wie offen und undogmatisch Mesmer mit den technischen Apparaturen umging. Im Gegensatz zu vielen Protagonisten der Naturheilkunde bestand er nicht auf einem exakten Bauplan, den er als Patent hätte verkaufen können.

Drei Konstruktionen seien hier kurz vorgestellt, die Mesmer zur Beurteilung zugesandt wurden. Der „Baquet-Octogone“, der „l’Homme-Baquet“ und der „Baquet-Moral“. Der „Baquet-Octogone“ bestand aus einem großen achteckigen Bottich, an dessen Ecken jeweils ein kleiner achteckiger Bottich über ein kurze Wasserleitung mit Hahn angeschlossen war. (Abb. [iv]) Der Apparat war (auf der Zeichnung) mit einer Magnetnadel mit einer Ecke nach Norden ausgerichtet, sodass jeder kleine Bottich einer Himmelsrichtung entsprach und zur Heilung einer bestimmten Krankheit diente. So sollte der Bottich nach Osten gegen plötzlichen Tod schützen und der gegen Südosten gegen Paralyse. Konkrete Berichte über entsprechende Heilungen sollte die Wirksamkeit des Apparats demonstrieren.[6] Ein einzigartgie Modifikation des „Baquet-Octogone“ war der „l’Homme-Baquet“. (Abb. [v]) Eine vergleichbare andere Konstruktion ist mir nicht bekannt. Hier wurde ein menschliche Figur, etwa acht Fuß (d’environ huit pieds) hoch in des Baquet-Octogone gestellt. Das Modell war aus verschiedenen Materialien hergestellt, die großen Körperorgane aus Glas. Die  magnetischen Ströme (courans magnétiques) sollten durch die auf den Kopf ausgerichteten Flaschenhälse das Modell aufladen. Die Kranken konnten sich dann mit einem gebogenen Eisenstab die heilsame Fluidum auf die betroffenen Körperteil ableiten, indem sie das runde Ende des Stabes auf den analogen Körperteil des Modells richteten.[7] Auch durch diesen Apparat sei es zu großartigen Heilwirkungen gekommen. Der „l’Homme-Baquet“ wurde nun weiter modifiziert zum „Baquet-Moral“. (Abb. [vi]) Dieser Apparat sollte auf die Seele einwirken, mit deren Heilung man nun ebenso vertraut sei, wie mit der Heilung physischer Übel.[8] Der linke baquet sollte angeblich die Eigenschaft haben, Laster zu erkennen und auszutreiben  und wurde deshalb „le Baquet-Vice“ genannt, der rechte sollte die entgegengesetzte Tugend stärken und hieß dem gemäß „Baquet-Vertu“. Ersterer Apparat arbeitete am effektivsten bei Vollmond, letzterer bei aufgehender Sonne.[9] Vier Laster waren vier entgegengesetzten Tugenden in den kleinen Bottichen auf der gegenüberliegenden Seite zugeordnet. So gehörte zum Nord-Bottich der Geiz (avarice), zum Süd-Bottich die Freiheit (liberté).[10]

Bildliche und literarische Darstellungen zeigen, wie stark diese baquets auf die Menschen wirkten, die sich damals um sie wie um eine Heilquelle gruppierten. Während Mesmer wie gesagt keine strikte Anweisung zum Bau eines baquet gab und ihn mehr oder weniger der Intuition der jeweiligen Magnetiseure überlassen wollte, entbrannte gerade bei den deutschen Mesmer-Anhängern in der Romantik ein Streit über die richtige Bauweise und Wartung des Geräts. Die große Frage war, auf welche Weise das Fluidum, diese wunderbare Heilkraft der Natur, in diesem Apparat am besten gesammelt werden konnte. Der seit 1812 in Jena lehrende Medizinprofessor Dietrich Georg Kieser und spätere Präsident der Leopoldina setzte sich als Mitherausgeber des „Archivs für den Thierischen Magnetismus“ besonders intensiv mit dem baquet auseinander. Er habe sich „von der bisher angenommenen mesmerschen Theorie der Wirkung des Baquets völlig frei gemacht“.[11] Mesmers Angaben seien zu kompliziert und undeutlich. Deshalb wolle er eine eigene Konstruktion empfehlen. Er beschrieb einen viereckigen Holzkasten, in der er einen weiteren Kasten „aus stark verzinntem Eisenblech“ setzte. (Abb. [vii]) Diesen füllte er mit Eisenschlacken, Hammerschlag [schwarzes Eixenoxid], Eisenspänen und Brunnenwasser. Durch den baquet verlief eine senkrechte Stange, die aus der Mitte des Deckels ragte und mit einem Öhr versehen war, an dem unterschiedliche Seile befestigt waren. Zudem ragen bewegliche Eisenstangen mit unterschiedlicher Höhe aus dem Deckel, um sie „bei den Kranken anbringen zu können.“[12]

Im Gegensatz zu Mesmer und Wolfart, die meinten, dass der baquet magnetisiert werden müsse, hielt Kieser ihn von sich aus für magnetisch. „Wie, wenn das Magnetisiren das [des] Baquet ganz gleichgültig zur Wirkung desselben wäre, und die Substanz des Baquets nicht durch vorherige Mittheilung oder Erregung der magnetischen Kraft, sondern aus eigner Kraft und selbstständig magnetisch einwirkten [sic]?“[13] So empfahl er das „Nichtmagnetisieren des Baquets“, was dieselben Wirkungen hervorbringe, wie dessen Magnetisieren. Das beweise die „Unhaltbarkeit der mesmerischen Theorie“.[14] Die Vorstellung, dass ein solcher baquet durch körperliche Berührung seiner Bestandteile beim Bau „auch unwissend magnetisiert sey“, wies er als absurd zurück. Denn dann müssten ja „alle Umgebungen des Menschen am Ende zum Baquet“ werden und die „Errichtung eines besonderen Baquets“ wäre überflüssig und bloße Scharlatanerie.[15]

Es ist aufschlussreich, wie Kieser seine „Anwendungsweise des Baquets“ im Einzelnen darstellte: „Der zu magnetisirende Kranke setzt sich auf einen gewöhnlichen, nicht isolirten Stuhl vor demselben [Baquet]; umwindet den kranken Theil seines Körpers […] mit dem von der mittleren Eisenstange augehenden Seile oder Schnur, und bringt eine oder mehrere der übrigen, gebogenen Eisenstangen in die Magengegend, so daß das stumpfe Ende derselben die Magengegend berührt. So mit dem Baquet auf doppelte Weise in Berührung gebracht, ergreift er nun mit der linken Hand die zur Magengegend führende Eisenstange, reibt dieselbe mit der rechten Hand der Länge nach, gleich als wenn er dieselbe mit der Hand poliren wollte, und bleibt in dieser Verbindung mit dem Baquet ½-1 Stunde lang.“[16] Dies Verfahren, merkte Kieser an, entspreche dem von Mesmer vorgeschriebenen: Das magnetische Fluidum sollte durch die Schnur aus dem baquet in den Körper einströmen und durch die Eisenstange wieder ausströmen. Ein wichtiger Unterschied zeigte sich jedoch in der Einschätzung der Gruppenbehandlung: Für Mesmer waren die Gruppe um den baquet und insbesondere das Bilden einer Menschenkette wichtige Momente, um das Zirkulieren des Fluidums zu verstärkten. Kieser dagegen stellte fest, dass „mehrere Personen am Baquet störend auf einander einwirken“ und die magnetischen Erscheinungen auch dann aufträten, wenn der Kranke auf andere Weise „sich mit dem Baquet in Berührung setzt“, ja, es sogar nicht einmal berühre.[17] Die Behandlung in der Gruppe wird Kieser nach Möglichkeit wohl eher vermieden haben.

Für Kieser waren die praktischen Erfolge, die er mit seinem unmagnetisierten baquet erzielte, überzeugend. So stützte er sich auf eine Fallgeschichte, die „Geschichte eines durch das unmagnetisirte Baquet allein erzeugten Somnambulismus und hiedurch geheilter Epilepsie“.[18] Für ihn eröffneten sich damit neue Möglichkeiten des „thierischen Magnetismus“, da die „magnetische Manipulation“ und auch eine besondere Fähigkeit oder Kenntnis beim Bau eines baquet seiner Meinung nach nicht erforderlich war. Er bezeichnete den Apparat als „anorganischen Magnetiseur“, der gegenüber dem „organischen oder psychischen Magnetiseur“ wichtige Vorteile aufweise.[19] Insbesondere könne er nicht an „psychischen und physischen Verstimmungen“ leiden, die auf den Kranken übertragen werden könnten. Er sei zuverlässig und können nicht krank werden und damit die Kur gefährden, kurzum: Für Kieser sprach die „Sicherheit der Behandlung“ unzweifelhaft für den baquet. Auch die Selbstbehandlung sei möglich: „In einigen Fällen habe ich daher  kein Bedenken getragen, meine Kranken ganz allein zum Baquet gehen zu lassen“, ohne eine Änderung des Erfolges und der Wirkung. Noch weitere Vorteile wusste er zu benennen. Die Befürchtungen im Hinblick auf die Geschlechterkonstellation (männlicher Magnetiseur, weiblicher Patient) wie überhaupt die Angst des kranken Menschen vor einem Überwältigtwerden durch den Magnetiseur würden mit der baquet-Behandlung hinfällig. Denn „der besondere Rapport des Weibes mit einem Manne [dem Magnetiseur], so rein das Verhältniß auch in geschlechtlicher Hinsicht seyn mag und beim Magnetisiren gehalten wird, [hat] im Gefühle des Weibes, wie in der Meinung der Menschen immer etwas gegen sich“.[20] Der baquet trat nun gleichsam als Distanzierungsmittel zwischen Magnetiseur und magnetisierter Person, von einem „sympathetischen Rapport“ könne nun keine Rede mehr sein, „da der Magnetiseur bei der Anwendung des Baquets in keiner näheren Beziehung zu dem Kranken steht, als jeder Arzt zu dem sich ihm anvertrauenden Kranken“.[21] Der Arzt dirigiert zwar dieses „höhere organische Heilmittel“, ohne jedoch selbst in dessen „Kreis der Wirkung“ zu treten.

Kieser versuchte, klare Indikationen bzw. Kontraindikationen für die baquet-Behandlung aufzustellen. Sie komme nicht in schnell verlaufenden Krankheiten in Frage, auch nicht bei solchen, „wo eine kräftige Depotenziirung [sic] auf directem Wege, z. B. durch Aderlässe, Abführungsmittel etc. nöthig ist“.[22] Vorzugsweise sei der baquet bei den „sogenannten chronischen Nervenkrankheiten“ anzuwenden. Überhaupt hielt Kieser jede Krankheit, die durch „dynamische Heilmittel“ heilbar sei, unter bestimmten Voraussetzungen „für durchs Baquet vollkommen heilbar“, ja, viele solcher Krankheiten seien damit „leichter, gründlicher und sicherer zu heilen […], als die bisher gewöhnlichen Mittel.“[23] Kieser sang ein Loblied auf die zunehmenden Erkenntnisse über den thierischen Magnetismus, den er in seinem späteren Hauptwerk „Tellurismus“ taufte.[24] Das Bild von der Enthüllung der Isis als Symbol für die Entdeckung der Geheimnisse der Natur, auf das wir an anderem Ort hingewiesen haben (Kap. 11), wurde von Kieser mit einer unüberbietbaren Erotik ausgemalt: Der „Schleier der Isis“ werde „immer durchsichtiger und verklärter, und im gleichen Maße, wie wir mit treuer Liebe und mit regem Eifer […] uns der Natur hingeben, nicht um unseres niederen persönlichen Interesses, sondern um der Natur selbst willen, kommt sie uns immer mehr mit verklärtem Angesichte entgegen und nimmt die sie Liebenden in ihre liebenden Arme auf.“[25] Die zu entdeckenden inneren Gesetze der Natur stellten sich ihm letztlich als Offenbarungen der „über alles waltenden […] ewigen Gottheit“ dar.

Im Hinblick auf die von Mesmer geübte Gruppenbehandlung äußerte sich Kieser, wie bereits erwähnt, skeptisch. Sie habe den Nachteil, dass die „mit besonders gesteigerter Empfindlichkeit der Nerven versehenen Somnambulen“ durch die Nähe anderer Kranker „sympathetisch“ in Mitleidenschaft gezogen würden.[26] Kieser warnte vor „Ansteckung“: Wenn am baquet mehrere leidende Personen somnambul würden, könne es zu einer gegenseitige Steigerung der Krankheit kommen und die Krankheit „durch organisch-psychische Ansteckung“ übertragen werden. Seine Kranken, so Kieser, fühlten sich unwohl durch die Gegenwart Anderer. Man soll dem „innern Gefühl der Kranken, der leise tönenden Stimme der Natur“ folgen.[27] Und er fügte in einer Art naturmystischem Überschwang hinzu: „Wo uns noch alle sichere Theorie fehlt, können wir nur der Natur selbst uns hingeben, wenn diese mahnend zu uns spricht.“ Die Ärzte sollten, so seine Empfehlung, nicht zu viele Kranke in Behandlung nehmen und wenn man doch viele zu behandeln habe, seien in verschiedenen Zimmern mehrere baquets aufzustellen.[28]

Kieser folgte Mesmers Idee von der „heilsamen Krise“, die er nicht nur naturphilosophisch, sondern auch theologisch interpretierte. Sie sei das Heilmittel selbst, welches „die autocratisch handelnde Natur […] instinctmäßig hervorruft“ oder durch den Mund des zum „hellsehenden Somnambulismus erwachenden Kranken“ befiehlt. Diesem „Befehl des Göttlichen“ entgegenzuhandeln würde „die nothwendige Strafe“ nachfolgen.[29] In seiner Abhandlung über den baquet ging es ihm erklärtermaßen um die „anorganische Sphäre“, weshalb er – aus Gründen der Forschung – meinte, dass magnetische Manipulationen nicht mit der baquet-Behandlung kombiniert werden sollten. Zugleich betonte er, dass die „psychische und organische Sphäre“ gleichermaßen wichtig seien. Der Mesmerismus bewege sich gewissermaßen in verschiedenen „Welten“.[30] Auch pharmazeutische Mittel sollten nicht gegeben werden. In derselben Zeit, wo man die Kranken mit dem „aus dem innersten Heiligthume der Natur quillenden Heilmittel“, dem „ewigen Lebensäther“, behandle, könne man doch nicht „irdische Arznei neben dieser göttlichen“ anwenden wollen.[31] Wie die Anziehungskraft der Himmelskörper von ihrer Größe und die Wirkung von Bodenschätzen auf Rhabdomanten (Wünschelrutengänger) von ihrer Stärke abhängig seien, so hänge die Wirkung des baquet von seiner Größe ab. Kieser spekulierte über die drastischen Wirkungen eines übergroßen baquet. Er könne einerseits das kräftigste Heilmittel, „was unsere medicina magica aufzuweisen vermöchte“, darstellen und selbst Tote wieder erwecken,  andererseits aber „den hellsten Verstand des gesundesten Menschen der Herrschaft der finstern Erdgeister“ unterwerfen.[32] Überhaupt sprach Kieser die allgemeine Warnung aus, vorsichtig bei der magnetischen Behandlung vorzugehen: „eine ewige Nemesis wacht über jeden Frevel an dem Heiligen und Göttlichen“. Jeder, der mit dem baquet Versuche anstelle, müsse acht geben, dass es ihm nicht wie dem Zauberlehrling ergehe, der den hervorgerufenen Zauber nicht wieder bannen konnte. Und er schloss mit Schillers Vers: „Und der Mensch versuche die Götter nicht “.[33]

Ab 1812 setzte der Berliner Arzt und Mesmer-Anhänger Karl Christian Wolfart ein baquet ein, das als Gegenmodell zu dem von Kieser angesehen werden kann.[34] Er enthielt in seinem Inneren einen Eisenkasten mit „Glastafeln und Glasflaschen, Wolle, vegetabilischen Substanzen, Samen, aromati­schen Krautern, Eisenschlacken, zerstoßenem Glas, Eisenfeile, Queck­silber, Stahlspänen und Wasser, welche,,einzeln magnetisirt, in polarischer Ordnung gelegt werden.“[35] Wolfart lieferte eine ausführliche Beschreibung und Gebrauchsanweisung.[36] Für ihn war ent­scheidend, daß die einzelnen Bestandteile beim Zusammenbau des Apparates durch „Striche“ eines Magnetiseurs magnetisiert wurden. Ebenso musste der fertige Baquet von Zeit zu Zeit magnetisiert, d.h. wieder aufgeladen werden. An diesem Punkte entzündete sich Kiesers Kritik an Wolfarts baquet. Dieser sei „eine willkürliche Mischung von siderisch und nicht siderisch“ wirkenden Stoffen.[37] Die anhaltende Kraft der verschiedenen baquets, so Kieser, sei nicht „durch die mitgetheilte magnetische Kraft“ zu erklä­ren, sondern durch die „selbständige siderische Wirkung der im Baquet enthaltenen siderischen [eisenhaltigen] Substanzen“.[38] Joseph Ennemoser resümierte schließlich in seiner voluminösen „Anleitung zur mesmerischen Praxis“ die veschiedenen Modellvarianten des baquet, die offenbar noch um die Jahrhundertmitte in Gebrauch waren.[39] Dabei erwähnte er auch „eine Art Blas- oder Sprachrohr“ (sarbacane), das von französischen Magnetiseuren „zum Anblasen oder Anhauchen auf örtliche Stellen“ angewandt werde.[40] Es handelte sich um „hohle Röhren von 1 – 2 Fuß Länge“, die ein Anblasen von delikaten Körperstellen „beim andern Geschlecht“ erlaubten, „ou la décence ou le dégoût s’oppose“, wie Ennemoser kryptisch-verschämt anmerkte. Möglicherweise wurde hier am Unterleib, wahrscheinlich auch an der Vulva, im Sinne der magnetischen Kur „angeblasen“.

Es sei hier angemerkt, dass die mesmeristische Technik des Anhauchens von dem französischen Magnetiseurs Hector Durville noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts unter der Überschrift „Die Strahlung des Atems“ beschrieben wurde.[41] Ausgehend von dem biblischen „Odem des Lebens“ (Gen. 2,7) unterschied er das „kalte“ und das „warme Anhauchen“. Ersteres rufe aus einer Entfernung von 15 bis 20 cm gemäß seiner Vorstellung von der „Polarität des menschlichen Körpers“ bei bestimmten Körperstellen entgegengesetzte Reaktionen hervor: So versetze das „[kalte]Anhauchen auf den Hinterkopf (Kleinhirn) […] das Medium in Schlaf; auf die Stirne (Grosshirn) erweckt es dagegen.“[42] Das „warme Anhauchen“ dagegen erziele gegenläufige Wirkungen: Es wecke das Kleinhirn und schläfere das Großhirn ein. Durvilles Schlussfolgerung lautete daher: „Der warme Atemhauch ist demnach positiv, der kalte negativ“. Dem entsprechend erhalte Wasser durch kalte Anhauchung für „Sensitive“ (im Sinne Karl von Reichenbachs) einen „lauwidrigen Geschmack“, während die warme Anhauchung dem Wasser zu einem „erfrischenden Geschmack“ verhelfe.[43] Letzteres wertete Durville als „Beweis, dass nicht die Wärmewirkung die Ursache der Empfindungen des Mediums unter dem Atemhauch war, sondern dessen Animismus“. Denn obwohl der warme Hauch die Wassertemperatur etwas erhöhen würde, empfinde der Sensitive das „mit ihm geladene Wasser im Gegenteil erfrischend.“

Mesmeristische baquets als Heilappara­te hatten zahlreiche historische Vorläufer bzw. Analoga, vor allem Eisen­magnete und elektrische Apparate, aber auch Amulette jeder Art. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden dann „elektro-galvanische“ bzw. „elektro-magnetische“ Apparate sowie Instrumente der Metallotherapie („Metalloskopie“) entwickelt, die ihrerseits Anleihen bei mesmeristischen Techniken machten (Kap. 19).[44] Als rezentes Beispiel wäre hier noch der „Orgon-Akkumulator“ zu erwähnen, der von dem umstrittenen Psychoanalytiker und SexualforscherWilhelm Reich in den 1940er Jahren auf der Grundlage seiner Orgon-Theorie entwickelt wurde und in der „Paramedizin“ gelegentlich auch heute noch in Gebrauch ist und kommerziell angeboten wird.[45] Es handelt sich um eine Gehäuse, dessen Mantel nach Reichs Angaben aus zwei Schichten besteht: außen Holz (oder „Celotex“), innen Metall (Eisen), dazwischen eine Schicht Baumwolle oder Glaswolle.[46] Es ähnelt in seinen Dimensionen, gerade auch mit seinem kleinen Fenster, einem traditionellen frei stehenden Toilettenhäuschen, wobei sich an der Stelle eines herzförmigen Loches in der Tür ein viereckiges findet. Der Kontrast zwischen beiden Heilapparaten springt sofort ins Auge: Während der baquet um 1800 für eine Gruppe von Menschen den Brennpunkt darstellte und insofern eine gesellige, solidarische Gemeinschaft stiftete, isolierte der „Orgon-Akkumulator“ um 1950 das Individuum wie in einem „Brutkasten“.


[1] Lucadou, 2002. [2] Génard, 1982, S. 43 ff. [3] Hollaender, 1905. [4] Mesmer, 1814, S. 116. [5] Mesmer, 1785. [6] Ebd., S. 19-30. [7] A. a. O., S. 46 f. [8] A. a. O., S. 86. [9] A. a. O., S. 93 f. [10] A. a. O., S. 95. [11] Kieser, 1818, S. 44. [12] A. a. O., S. 46. [13] A. a. O., S. 21. [14] A. a. O., S. 47.. [15] A. a. O., S. 48. [16] A. a. O., S. 49. [17] A. a. O., S. 50: Fußn. [18] A. a. O., S. 50-151. [19] A. a. O., S. 161. [20] A. a. O., S. 162. [21] A. a. O., S. 163. [22] A. a. O., S. 164. [23] A. a. O., S. 165. [24] Kieser, 1822; 1826. [25] Kieser, 1818, S. 167. [26] A. a. O., S. 168. [27] A. a. O., S.  169. [28] A. a. O., S. 171. [29] A. a. O., S. 175. [30] A. a. O., S. 176. [31] A. a. O., S. 177. [32] A. a. O., S. 179. [33] A. a. O., S. 180. [34] Artel, 1965. [35] Kieser, 1826, S. 188. [36] Wolfart 1818; 1819. [37] Kieser, 1826, S. 188. [38] A. a. O., S. 189. [39] J. Ennemoser, 1852, S. 209-223. [40] Ebd., S. 222. [41] Hector Durville, 1912, S. 101-104. [42] Ebd., S. 102 f. [43] A. a. O., S. 104.[44] Harrington, 1985. [45]http://www.orgonakkumulator.de/info.htm (5.01.2011). [46] Reich [1948], 1971, S. 132.

 

[i] Génard, 1982, S. 53 ff.; H. Schott, 1986 [b], S. 77; → Abb. Mesmers Baquet [ii] Génard, 1982, S. 53 ff.; H. Schott, 1986 [b], S. 78; → Abb. Mesmers Baquet Konstruktionsskizze [iii] H. Schott, 1984 [c], S. 111; H. Schott, 1986 [b], S. 80; Le Mesmérisme, 1842, S. 277 : nach einem Druck von 1784, unbekannter Autor; → Abb. Baquet-Szene [iv] Mesmer, 1785, nach S. 16; →Abb. baquet octogone  [v] Mesmer, 1785, nach S. 46; → Abb. l’homme-baquet  [vi] Mesmer, 1785, nach S. 8; → Abb. baquet morale [vii] Kieser, 1818, nach S. 180; → Abb. Kieser 1818 Baquet 

 
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