28. Kap./4 * Sensitive Wahrnehmungen des „Od“

Um 1850 wandte sich der aus Stuttgart stammende Chemiker und Industrielle Karl von Reichenbach dem Studium der so genannten Od-Strahlen zu, die er als Ausdruck einer Kraft in der Natur ansah, die von „sensitiven“ Menschen wahrgenommen werden könne. Er glaubte, damit eine bisher verborgene Naturkraft entdeckt zu haben, die sich vor allem als Licht zu erkennen gebe. Reichbach war ein unruhiger Geist, abenteuerlustig und von einem starken Forscherdrang getrieben. Auf seine recht bedeutenden chemischen Entdeckungen und wirtschaftlichen Erfolge soll hier nicht eingegangen werden. 1835 konnte er das Schloss Reisenberg bei Wien, das sogenannte „Cobenzl“, erwerben, in dem er eine Art naturkundliches Museum und chemisch-physikalisches Laboratorium einrichtete. Der Begriff „Od“ sollte für alle physikalischen Erscheinungen gelten, die sich bei seinen Untersuchungen ergeben hätten „welche unter die Begriffe der bis jetzt angenommenen Dynamide nicht gebracht werden können, sammt der vis occulta, von welcher sie herrühren.“[1] Eine Anekdote, die Reichenbach ausführlich schilderte, war wohl typisch für seinen subjektiven Forschungsstil. Als die „deutsche Naturforscher-Versammlung“ in Wien getagt habe – es handelte sich um die 32. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte vom 16. September bis 3. Oktober 1856[2] –, sei eine „Gesellschaft von etwa 25 Mitgliedern und Frauen derselben“ zu ihm „herauf nach Schloß-Reisenberg“ gekommen. Die Räume seiner Sammlungen, Geräte und Präparate konnten vollkommen abgedunkelt werden, was ja eine Voraussetzung seiner Od-Forschungen war. In ein solches Zimmer, das er „Dunkelkammer“ zu nennen pflegte, führte er die Gesellschaft. „Als meine Freunde hier beisammen waren, schloß ich die Klappe und augenblicklich war die ganze Gesellschaft in vollkommene Finsteniß versenkt.“ [3] Nach einer Weile nahmen manche Personen Lichterscheinungen an den eigenen Händen und den Körperteilen von anderen wahr. Da von außen kein Licht eindrang, schien bewiesen, dass die Körper „eigenes Licht von sich aussenden mussten“. Reichenbach schloss daraus, „daß die wahrgenommenen Glieder Selbstleuchter waren“.

Zwei Grundgedanken zogen sich durch Reichenbachs Od-Lehre. Zum einen gibt es „zweierlei Menschen“: die „Sensitiven“, die unter gewissen Umständen das „Od“ sehen und empfinden können, und diejenigen, die es auf keinen Fall wahrnehmen können, also „Leute, die so blind sind, wie ich“.[4] Reichenbach zählte sich also selber zu den „blinden“, das heißt nicht sensitiven Menschen. Zum anderen stellte er eine Polarität in den Od-Ausstrahlungen wie in den Od-Wahrnehmungen fest. Zunächst sei die „Polarität“ des Lichts auffällig, das polare Körper wie Kristalle und Magnete ausstrahlen: An einem Pol erscheint es „heller und mehr röthlichgelb“, am anderen „dunkler und mehr graubläulich“. Diese Polarität zeige sich auch am menschlichen Körper. Die linke Hand erscheine heller, die rechte matter, bläulicher. Reichbach bemerkte nun bei den Sensitiven einen „Dualismus“ der Od-Warhnehmungen: „Entweder waren die Empfindungen, welche die fühlende Hand erfuhr, widrig laulich oder sie waren wohlbehaglich kühl und in diese beiden Sensationen theilten sich alle Einwirkungen, die hier wahrgnommen wurden.“[5] Wenn gleichfarbige Lichterscheinungen – zum Beispiel die bl äulich leuchtende rechte Hand und der bläulich leuchtende Pol eines Magneten – aufeinandertrafen, fielen die Empfindungen „lauwidrig“ aus, trafen sich ungleichfarbie Lichterscheinungen, waren sie „wohlkühl“. Reichenbach formulierte den allgemeinen Grundsatz einer „odischen Anziehung und Abstoßung“, der nicht nur Menschen untereinander und im Kontakt mit den Naturdingen, sondern auch letztere in ihrem Verhältnis zueinander betraf, „daß nämlich ungleichnamiges Od sich gegenseitig vereingt, verstärkt und anzieht, gleichnamiges sich flieht, schwächt und abstößt.“[6]

Das methodische Problem ergab sich aus der vermeintlichen Tatsache, dass nur Sensitive die betreffenden Wirkungen wahrnehmen konnten, die Nichtsensitiven aber „keinen unmittelbaren Maßstab“ besaßen, die „odische Intensität“ festzustellen. In langen Versuchsreihen mit Sensitiven wollte Reichenbach objektive Maßeinheiten für die odische Intensität finden, etwa die Fernwirkung von Metallen. Über relative vage Feststellungen wie derjenigen, dass mit der Dickenvergrößerung odischer Substanzen auch die „Intensität ihrer odischen Wirkung“ wachse, kam er jedoch nicht hinaus.[7] Die subjektiven Wahrnehmungen ließen sich objektiv nicht quantifizieren, obwohl Reichenbach diese Zielvorstellung wohl nie aufgab. Seine rührenden Bemühungen zeigten sich auch in dem Versuch, die „odische Kraft“ seiner beiden Hände zu messen. Sensitive schätzten ihre Ausstrahlung „gleich der eines Hufeisens von 7½ Pfund Tragkraft.“[8] Einer Quantifizierung entzogen sich vollends die „odischen Ausströmungen von jeder einzelnen Person“, welche Sensitive im Finstern an ihrer „odischen Atmosphäre“ identifizieren konnten. „Sogar das geodete Wasser, versicherten die Hochsensitiven, unterschieden sie stets, je nachdem es von dem einen oder dem andern Arzte oder sonst wem immerhin erzeugt worden sey.“[9]    

In seinem fast 1600 Seiten umfassenden Hauptwerk „Der sensitive Mensch“ erwähnte Reichenbach Franz Anton Mesmer und den Mesmerismus nur beiläufig in wenigen Zeilen seiner „Vorrede“. Dies ist höchst auffällig, erscheint die Od-Lehre doch weithin als eine experimentelle Eruierung mesmeristischer Phänomene und theoretische Spezifizierung ihrer Gesetzmäßigkeiten. Reichenbach entledigte sich des Mesmerismus durch einen Kunstgriff. Er subsumierte ihn seiner Lehre als eine untergeordnete Spezialität: „Der sogenannte Mesmerismus, das magnetische Kuriren ist eine spezielle Anwendung des odischen Dynamids im Heilverfahren, bis hieher leider ohne allen wissenschaftlchen Verband und aus einem bloßen Aggregate unzusammenhängender Wahrnehmungen bestehend. […] Od ist eine Weltkraft und umfaßt die ganze Schöpfung in unendlichem Ergreifen; Mesmerismus ist eine von Dr. Mesmer eingeführte spezielle Anwendung des Odes im Heilverfahren.“[10] Reichenbachs Zielsetzung war von einem ehrgeizigen Wunsch geprägt: Er wollte die „Naturforschung im weitesten Sinne“ von seinen „kernhaften Thatsachen“, die er wissenschaftlich belegen zu können meinte, überzeugen. Die Physik könne nicht das „Krystall-Licht“, die Chemie nicht das „Auftauchen der odchemischen Reihe“, die Physiologie nicht die „Polarität des menschlichen Leibes“, die Medizin nicht  „Krampfstillung und Krampferzeugung durch Odstriche“, die „Magnetiseurs“ nicht die Verladung „positiven und negativen Odes“ aus Sonnenlicht auf ein Stück Holz und die Psychologie nicht die Beraubung des Bewußstseins durch „bloße Berührung der Zehenspitze“ verleugnen.[11] Für Reichbach war der „wissenschaftliche Verband“ und das „konsequent durchgeführte thereoretische Gebäude“, die er hervorgebracht habe, Grund für die Ablehnung durch „so viele gelehrte Gewohnheitsmenschen“.      

Er legte größten Wert darauf, dass alle seine Ergebnisse „nach der heutigen Methode der Naturforschung“ gewonnen wurden. Er wollte sich nur auf das verlassen, was er „unmittelbar selbst erprobt“ hatte.[12] Ein einziges Mal habe er der Arbeit eines anderen vertraut und sei enttäuscht worden. Ein Daguerreotypist habe in seinem Auftrag versucht, „Lichtbilder mittelst Odlicht“ darzustellen. Das positive Ergebnis, das auch publiziert wurde, konnte Reichenbach aber selbst nicht replizieren und musste es deshalb widerrufen. „Trau nie einem anderen“, schon gar nicht den Wundergeschichten von Magnetiseuren, so könnte man Reichenbachs Schlussfolgerung verstehen. Er habe sich nicht von den „somnambulen und kataleptischen Erstaunlichkeiten“ fortreißen lassen und sich „zu den höchsten geistigen und geisterhaften Regionen hinauf“ verstiegen, sondern habe den umgekehrten Weg eingeschlagen: „ich habe mich vom Zusammengesetzten in rückgängiger Zergliederung nach dem Einfacheren hingewendet, a posteriori ad prius; und so ist es mir gelungen, inbeständig analytischem Verfahren zu den Ursprüngen der Erscheinungen […] vorzudringen“.[13] Reichenbach beschränkte sich aber keineswegs auf die Analyse. Er wollte vor allem den Ärzten mit seiner Od-Lehre ein neues Hilfsmittel in die Hand geben. „Auf ganze Abschnitte der Medicin muß die gegenwärtige und künftige Entschleierung der Gesetze des Odes einen nahezu umwälzenden Einfluß nehmen.“[14]     

Äußerst erbittert und langatmig reagierte Reichenbach in seiner „Vorrede“ des soeben referierten Buchs auf die Ablehnung des Chemikers Justus von Liebig. Dieser hatte in seiner Münchner Antrittsvorlesung geäußert, die „neue Odwissenschaft habe keinen Eingang in die Naturforschung gefunden“.[15] Immerhin waren zuvor mehrere Arbeiten von Reichenbach in Liebigs Zeitschrift veröffentlicht worden. Liebigs Vorwurf war, dass die Sensitiven als Nervenkranke für Versuche ungeignet und die Untersuchungsergebnisse deshalb unbrauchbar seien. Dem widersprach Reichenbach heftig: „Die Sensitiven sind nervenreizbarer als Nichtsensitive, aber nicht nervenschwächer. […] Sensitive sind auf keine Weise schwach, sondern nervenstark, wenigstens in der Partie ihrer odischen Empfänglichkeit.“[16] Die meisten Sensitiven, mit denen er gearbeitet habe, seien „(im gewöhnlichen Sinne) Gesunde“ gewesen.[17] Er wollte Liebigs Voreingenommenheit mit dem Syllogismus entlarven: „Alle Sensitiven haben nichtgesunde Nervenapparate; nichtgesunde Nervenapparate sind zu Beobachtungen durchaus ungeeignet; Ergo sind Sensitive zu Beobachtungen durchaus ungeeignet.“[18]

Am meisten aber war Reichenbach über Liebigs Einwand erbost, die Od-Phänomene seien lediglich Effekte der Suggestion. Die Sensitiven hätten, so Liebig, von Reichbach, dem „Fragesteller“, auf die Erscheinungen erst „durch seine Fragen aufmerksam gemacht und geleitet werden müssen.“ Reichenbach fühlte sich in seiner Ehre als Naturforscher gekränkt: „Was Hr. von Liebig sich hier herausnimmt, ist nichs weniger als mir öffentlich Versuchsfälschungen zur Last zu legen, indem ich die Reaktionen suggerirt haben soll, die ich dann der Welt als neu gefundene Wahrheiten verkaufe?“ Sein Urteil ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Herr Liebig gleiche „jenem Blinden, der weil Er kein Licht sah, die Dreistigkeit hatte zu behaupten, Licht und Farben existiren nicht.“[19] Reichenbach glaubte auch die Quelle von Liebigs ablehnenden Äußerungen ausfindig machen zu können. Offenbar hatten ihn „einige Herren von der Naturwissenschaft“ auf seinem Schloss besucht, mit denen er nur den „Cicerone“ gemacht und in der Dunkelkammer das Odlicht demonstrierte habe, um ihre Wissbegierde zu befriedigen. Diese seien dann nach Wiesbaden zur Naturforscherverammlung gereist und hätten im Vorbeigehen Herrn von Liebig darüber berichtet. Dies habe Letzterem ausgereicht, „mir und dem Ode gelegentlich – die Bestattung zu ertheilen.“ Liebig hatte tatsächlich nur wenige Sätze über Reichenbachs „Odwissenschaft“ fallen lassen. Diese reichten aber aus, um Reichenbach aufs Äußerste zu reizen. Er spürte sehr genau das siegesbewusste Triumphgefühl eines erfolgreichen Naturwissenschaftlers auf der Gegenseite, der die deutsche (romantische) Naturphilosophie als einen „abgestorbenen Baum“ ansah und alle Spekulationen über okkulte Naturkräfte aus der Naturforschung verbannen wollte.

Wissenschaftshistorisch bedeutender als Liebigs Vorbehalt gegen Reichenbach war James Braids experimentelle Widerlegung der Od-Lehre in deren Anfangszeit, womit er demonstrativ den „Hypnotismus“ vom Mesmerismus abgrenzen wollte. 1841 hatte Karl von Reichbach, „der Zauberer vom Cobenzl“, auf seinem Schloss bei Wien mit seinen Od-Forschungen begonnen. 1846 erschien dann Braids kritische Untersuchung „The Power of the Mind over the Body“, deren Untertitel in deutscher Übersetzung lautete: „Eine experimentelle Untersuchung der vom Baron Reichenbach und Anderen einem ‚neuen imponderabeln’ Agens zugeschriebenen Erscheinungen.“[20] Sie wurde an anderer Stelle bereits ausführlich erläutert. (Kap. 17)

Reichbachs Od-Lehre hatte eine große Ausstrahlung und regte insbesondere Literaten an, sich erneut mit dem Mesmerismus und seinen Grenzgebieten auseinanderzusetzen. So verfasste der  populärwissenschaftliche Schriftsteller Carl Gottfried Wilhelm Vollmer unter dem Pseudonym W. F. A. Zimmermann eine romanhafte Erzählung, die in ironischer Weise durch die schillernde Welt des Mesmerismus führte.[21] Das Frontispiz im Querformat (zwischen Titelblatt und Textbeginn) zeigt eine magnetische-hypnotische Szene: Auf der chaise longue liegt im Scheine einer hellen Lampe eine mit einem Tuch bedeckte junge Dame mit geschlossenen Augen und entspanntem Gesichtsausdruck. (Abb. [i]) Neben ihr steht ein Herr in dunklem Gehrock, der sie aufmerksam beobachtet. Die Unterschrift lautet: „Wie wunderbar! Welch langer Schlaf.“ Die Position der Frau verweist auf ihre Funktion als Medium. Auch wenn der männliche Beobachter auf sie herabblickt, ist der Strahlengang eindeutig: Das Licht kommt von oben, von der Lampe als einer Ersatz-Sonne, die Frau spiegelt dieses Licht in ihrem magnetischen Schlaf, während der männliche Beobachter den Abglanz zu erhaschen versucht. Auch wenn dieses Abbildung ironisch gemeint war, brachte sie doch den naturphilosophischen Kern des Somnambulismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck. Ausgiebig stellte der Autor Karl von Reichenbachs „Odlicht“ dar und zitierte aus seinen „odisch-magnetischen Briefen“ (1852). Schließlich gelangte der Icherzähler zur „Heiligsprechung des Herrn von Reichenbach“. Er schilderte dabei seine Erlebnisse in Reichenbachs legendärer Dunkelkammer: „’Oftmals hörte ich in der Dunkelkammer die Bemerkung aussprechen, mein Kopf sei mit einer Strahlenkrone umgeben; ich sei in einem Heiligenschein eingehüllt’ – was Wunder, wer solche Entdeckungen macht, wer so den einzelnen Gegenständen des menschlichen Geistes seinen Platz anweis’t, der muß ja wohl ein Heiliger sein. Wie der Nepomuk, der Heilige des Wassers, wie Florian, der Heilige des Feuers so Reichenbach, der Heilige der Faulenzer“.[22]


[1] Reichenbach, 1849, 2.Bd., S. 20. [2] http://www.oeaw.ac.at/biblio/Archiv/pdf/Naturforscher.pdf (8.04.2010). [3] Reichenbach, 1858, S. 1f. [4] A. a. O., S. 3 f. [5] A. a. O., S. 5. [6] A. a. O., S. 91. [7] Reichenbach, 1855, S. 501. [8] A. a. O., S. 509. [9] A. a. O., S. 510. [10] Reichenbach, 1854, S. XXIX. [11] A. a. O., s. XXX. [12] A. a. O., s. XXXI. [13] A. a. O., S. XXXIII. [14] A. a. O., S. XXXIV. [15] Zit. a. a. O., S. VI.; Liebig, 1852, S. 18 f. [16] A. a. O., S. VIII. [17] A. a. O., S. XI. [18] A. a. O., S. XX. [19] A. a. O., s. XV. [20] Braid [1846], 1982. [21] W. F. A. Zimmermann, 1863. [22] Ebd., S. 536.


[i] W. F. A. Zimmermann, 1863: Frontispiz; → Abb. Zimmermann 1863