26. Kap./4 * Auf Mesmers Spuren

Im Folgenden wollen wir Justinus Kerners Person in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Seine Bedeutung nicht nur für die Geschichte des Mesmerismus, sondern auch die Medizin- und Psychiatriegeschichte im Allgemeinen und die „magischen“ Momente der Arzt-Patienten-Beziehung im Besonderen wurde bisher kaum angemessen gewürdigt. In Kerners Lebensgeschichte liefen zwei Leitlinien zusammen: die medizinische Lehre des „thierischen Magnetismus“ und die „som­nambulen“ Wahrnehmungen bzw. Mitteilungen des Subjekts. Letztere waren keineswegs auf die „Seherin von Prevorst“ oder andere Patientinnen Kerners beschränkt, sondern betrafen ihn persönlich, wenngleich in geringerer Intensität und im Rahmen relativer „Normalität“. Sein Leben lang, insbesondere im Alter, fühlte sich Kerner auch krank. Freilich thematisierte er das eigene Kranksein und Leiden nicht in seinen medizinischen und psychologischen („okkulten“) Schriften, umso stärker traten sie in seinem literarischen Werk in Erscheinung, beispiels­weise im Gedicht „Der Kranke an den Arzt“:

Arzt! o laß dein schmerzlich Heilen!

Weh zerreißt dein eignes Herz.

Und doch kannst du tröstend eilen

Täglich, ach! zu neuem Schmerz.[1]

Diesen Vers können wir als Selbstansprache, als Bruchstück seines inneren Dialogs lesen. Seine erste Begegnung mit dem „thierischen Magnetismus“ hatte Kerner als junger Patient. Im autobiographischen „Bilderbuch aus mei­ner Knabenzeit“ schilderte Kerner, wie er als Elfjähriger mit nervösem Magenleiden nach vergeblichen und zum Teil drastischen Behandlungsversuchen schließlich dem namhaften Arzt und Magnetiseur Eberhard Gmelin aus Heilbronn begegnete. Dieser war einer der ersten Mesmer-Anhänger in Deutschland, der (vermutlich ohne Erfolg) versucht hatte, auch seinen Freund Friedrich Schiller zu magnetisieren. Dieser schrieb im Hinblick auf seine bevorstehende „schwäbische Reise“, die er zusammen mit seiner schwangeren Frau im Sommer 1793 unternahm, dass er „auf Gmelins Bekanntschaft und magnetische Geschicklichkeit sehr neugierig“ sei.[2] Allerdings blieb er skeptisch und konnte Gmelins Begeisterung für den animalischen Magnetismus nicht teilen. Justinus Kerner berichtete nun, wie ihn Gmelin einige Jahre später heilte: Er „sah mir mit seinen schwar­zen Augen fest ins Auge und fing mich mit ausgestreckten Händen vom Kopf bis Magengegend zu bestreichen an; er behauchte mir auch mehrmals die Herzgrube. Ich wurde ganz schläfrig und wußte endlich nichts mehr von mir.“[3] Diese einmalige Begegnung mit dem Heilbronner Arzt hatte „magnetische Träume“ zur Folge, wie Kerner anmerkte: Sie hat „ein magnetisches Leben in mir erweckt, das mir von dort an jene voraussa­genden Träume und Ahnungen gab und in mir später selbst eine Vorliebe für die Erscheinungen des Nachtlebens der Natur, für Magne­tismus und Pneumatologie schuf.“[4] Diese somnambulen Selbsterfah­rungen als Träumer und Tagträumer ermöglichten es Kerner, sich in seine Patienten einzufühlen.

Als alter Mann setzte sich Kerner als Mesmer-Biograph noch einmal mit dem „thierischen Magnetismus“ auseinander. Im Jahre 1854 besuchte er Meersburg, den letzten Wohnort Mesmers, um dort die „wenigen Überreste aus seiner Verlassenheit“ zu sammeln.[5] Daraufhin verfaßte er die erste und als Dokumentation bis heute grundlegende Mesmer-Biographie.[6] Es ist interessant, wie Kerner hier Mesmers Ablehnung des Somnambulismus (den man später dem „Okkultismus“ zuordnete) interpretiert. Zunächst meinte er: „Die Hervorru­fung des Somnambulismus, um sich bei den magnetisirten Kranken durch ihr inneres Schauen Rath zu holen, lag allerdings nicht in der Heillehre Mesmer’s.“ Erscheine aber der Somnambulismus während der Krankenbehandlung und schließe sich „dem Kranken dadurch ein inneres Auge für das Bild seiner Krankheit auf; so wäre es allerdings Unrecht gethan, diesen Zustand mit Gewalt zu unterdrücken oder keine Rücksicht auf dieses innere Auge des Kranken zu nehmen“.[7] Nur der Missbrauch habe den „ruhigen, klaren Mesmer“ veranlaßt, den Somnambulismus aus dem „thierischen Magnetismus“ auszugrenzen. Kerners Identifikation mit Mesmer war beachtlich. Es ist bemerkens­wert, wie sehr er dem bewussten Anti-Spiritisten und Nicht-Psychologen Mesmer Beifall zollte – ein weiteres Indiz, dass Kerner sich nicht als Esoteriker der Geisterseherei, sondern als Naturforscher des Seelenlebens verstehen wollte, für den ärztliche Aufgaben im Vordergrund standen.

Aber widersprachen dem nicht Kerners Einstellung gegenüber der Dämonologie, die Annahme eines Zustandes von Besessensein in bestimmten Fällen und seine gelegentlichen exorzistischen Behandlungen? Fiel er nicht auf einen „vorwissenschaftlichen“ Standpunkt hinter Mesmer zurück? Doch welche Einstellung hatte Mesmer? Bereits 1775 hatte dieser in der Auseinandersetzung mit dem damals berühmten Exorzisten Gassner das Besessensein auf die „Nervenkrankheit“, insbesondere die „Epilep­sie“, zurückgeführt und die Kraft des Exorzismus auf den „thierischen Magnetismus“. Der Exorzist Gassner erschien ihm also als ein Magnetiseur, „ohne es selbst zu wissen“ (Kap. 6).[8] Damit hatte Mesmer im Sinne der Aufklärung „das Böse“ medizinisch aufgelöst. In seinem Konzept existierte nur eine (sozusagen „gute“) Naturheilkraft: der „thierische Magnetismus“. Krankheit entstand demnach aus Verarmung an dieser Kraft, nicht aus der Besitzergreifung eines teuflischen „Widersachers“. Es gibt nur eine einzige Stelle bei Mesmer, an der doch ein zerstöreri­sches Gegenprinzip erwähnt wird. In seinen „Sätzen“ (18 und 19) von 1775 ist von Körpern die Rede, „welche so sehr die entgegen gesetzte Eigenschafft [zur magnetischen Kraft] besitzen, dass ihre blosse Gegenwart die Wirkung dieses Magnetismus in andere Körper, zerstöhrt“.[9] Aber anders als beim „Od-Vampirismus“ (siehe oben) handelt es sich nicht um ein bloßes Aufsaugen von magnetischer Kraft, die anderen entzogen wird, um das eigene Kräftereservoir zu füllen. Sie sei, wie Mesmer ausdrücklich hervorhebt, „nicht nur eine negative, sondern wirklich, wenn auch entgegen gesetzte, positive Krafft.“ Sie könne also alle Körper durchringen, lasse sich „mittheilen, fortpflanzen, anhäuffen, zusammendrängen, […] durch Spiegel zurücke werfen, und durch Schall fortpflanzen“.

Für Kerner existierte im Gegensatz zu Mesmer ein Zustand des Besessenseins, der „Begeisterung (Besitzung) von einem bösen Geist“. Aber er versuchte, diesen Zustand in die Theorie des „thierischen Magnetismus“ einzuordnen, als dessen „anderer Pol“, was vielleicht Mesmers „entgegen gesetzter Krafft“ entsprach. Den „dämonisch­-magnetischen“ („gut-magnetischen“) Zuständen stellte er die „kakodämonisch-magnetischen“ („bös-magnetischen“) gegenüber, die er durch „das geistige Wort“ und durch eine bestimmte Technik des Magnetisierens zu heilen versuchte (siehe oben).[10]

Kerners Selbstdarstellung als Mensch mit „magnetischem Leben“ begegnet uns vielfach in seinen autobiographischen Zeugnissen: dem Maultrommelspiel zur Überwindung eigener Verstimmun­gen, seinen Gedichten über Tod und Sterben, wobei das Bild des Sarges – etwa in seinem Gedicht „Der Wanderer in der Sägemühle“, das Franz Kafka einmal als sein Lieblingsgedicht bezeichnet hat – eine große Rolle spielt, oder seinen „Kleksographien“, mit deren Hilfe er quälende Dämonen „bannte“. Wie man neuerdings Kerner wegen seines Maultrommel-Spiels als einen „Pionier der Musiktherapie“ würdigt,[11] so sieht man in ihm wegen seiner „Kleksographien“ gerne einen Vorläufer der Psychodiagnostik im Sinne des Rorschach-Tests.[12]

Wir sollten Kerner jedoch nicht zum musizierenden, schriftstellernden oder psychologisierenden Selbsttherapeuten stilisieren, wenn­gleich manche Aktivitäten derlei nahelegen. Kerner hat sich bei alledem nicht wie einige spätere Tiefenpsychologen explizit und systematisch einer „Selbstanalyse“ unterzogen. Aber er hat in einer Zeit, als die Psychologie noch nicht in der Medizin heimisch war, erste empirische Schritte gemacht, worauf C. G. Jung hingewiesen hat.[13] Die drei gängigen Facetten im Kerner-Bild – Dichter, Arzt, Okkultist – sollten genauer erläutert werden. (1) Als Dichter schilderte Kerner auch eigenes somnambules Erleben, das jedoch seiner Mitteilungsform wegen der Literatur und nicht dem „Okkultismus“ zugerechnet wird. Inwieweit sein literarisches Arbeiten selbsttherapeutischen Charakter hatte, sei dahin­gestellt. (2) Als recht aktiver Amtsarzt war Kerner zugleich durchdrungen vom eigenen Kranksein, das es ihm ermöglichte, okkulte („magnetische“) Phänomene ernst zu neh­men und zu erforschen. (3) Als „Okkultist“ oder „Okkultforscher“ konfrontierte ihn gerade Friederike Hauffe, die „Seherin von Prevorst“, mit eigenen Seelenproblemen, die er nun durch die „objektive“ Beschreibung der Krankengeschichte besser kennenlernen und mit Hilfe mesmeristischer Theorien einordnen konnte.

Das Verhältnis zwischen Arzt und Patientin war eigenartig stabil. Trotz aller Sympathie und „Ansteckungsgefahr“ bewahrte Kerner eine Distanz, die ihn vor einem Scheitern seiner Beziehung zur Seherin schützte und ihn arbeitsfähig erhielt. Beobachten, Niederschreiben, Dokumentieren bedeuteten Objektivieren und Kontrollieren seines Umgangs mit der Kranken. Kerner vergaß dabei nie die vorgegebene ärztliche Rolle, d.h. er begriff die Seherin durchgehend als Schwer­kranke, ja, Todkranke. Dies hinderte ihn jedoch nicht, an ihrer „jenseiti­gen“ Welt Anteil zu nehmen, die er verwundert miterlebte, ohne ihr anheimzufallen. So sehr ihm nach eigenem Bekunden auch das „magnetische Leben“ vertraut gewesen sein mag, so wenig verfing er sich tatsächlich in den „magnetischen Kreisen“ seiner Patientin. Er war sicherlich fasziniert von den Phänomenen, gewissermaßen verstrickt in den „Fühlsfäden“ der Seherin. Aber er konnte sich willkürlich wieder aus dieser Verstrickung lösen und behielt somit die Situation im Griff.

Mit anderen Worten: Er konnte objektive Naturforschung und subjekti­ves Seelenleben bei allen Versuchen, beide miteinander zur Deckung zu bringen, doch auseinanderhalten, wie es auch in seinem Briefwechsel mit Prinz Adalbert von Bayern deutlich geworden ist (siehe oben). Im Gegensatz zu dieser Auffassung sprach Bodamer von einer „mystischen Symbiose“ zwischen Kerner und seiner Patientin.[14] Er übersah, dass Kerners Leistung gerade darin bestand, diese „Symbiose“ ständig wieder aufzulösen, indem er das Erleben seiner Patientin zum Gegenstand seiner Beobachtungen machte und damit sein eigenes davon abgrenzte. Dass aber Kerners Wahrnehmungen mit denen seiner Patienten sensu stricto zu einem gemeinsamen mystischen Erleben verschmolzen wären, ist nirgends dokumentiert. Ein anderer Interpret merkte an, daß unklar sei, ob Frau Hauffe als Patientin oder als mediale Versuchsperson behandelt worden sei. Er stellte einen Konflikt zwischen (Okkult-)Forschung und ärztlicher Behandlung fest.[15] Dies mag zutreffen. Aber ist dieser Gegensatz von Forschung und Behandlung nicht der typische Konflikt jeder Kasuistik in der klinischen Medizin einschließlich der Psychothe­rapie, insbesondere wenn wir an psychoanalytische Krankenge­schichten denken?

Manche Kritiker gehen sogar soweit zu behaupten, Kerner habe die Geister der Patientin allererst einsug­geriert und ihre Symptome „durch das magnetisch-hypnotische Behandlungsverfahren direkt gezüchtet oder mindestens gesteigert“.[16]Sicherlich ist es zu einer „wechselseitigen Beeinflussung von Geisterbanner und Geisterseherin“ gekommen, eine Dynamik, die übrigens in jeder Arzt-Patienten-Beziehung angelegt ist. Die Frage ist, welche Form diese Beeinflussung annahm. Dass es zu einer Konfu­sion, einer „folie à deux“ gekommen sei, wie der deutsche Psychiater und Medizinhistoriker Werner Leibbrand behauptete, darf mit Recht bezweifelt werden.[17] Kerner hat zwar die Äußerungen der Seherin zur Geisterseherei als „Tatsachen“ sorgfältig notiert, aber die Patientin immer als schwer, ja hoffnungslos Erkrankte begriffen und zwischen ihrer Wahrnehmung und seiner eigenen unterschieden. Wirkte seine „Okkultforschung“, so wäre zu fragen, die ungeheure Aufmerksamkeit, mit der er seiner Patientin begegnete, nicht selbst schon therapeutisch und lebens­verlängernd? Ein Interpret behauptete, für Kerner habe es nur die Alternative gegeben, „die Patientin aus ihrer Verzauberung herauszureißen oder selbst einer Verzauberung zu verfallen“.[18] Wir wissen, daß Kerner sie nicht aus ihrer „Bauchverzauberung“ – so in einem Brief an Julie Hartmann vom 26. November 1826 – herausreißen konnte und dies nach anfänglichen vergeblichen Bemühungen aufgab.[19] Aber deswegen verfiel er keineswegs selbst einer Verzauberung, wurde also nicht – als Modell des „Karmas der Romantiker“[20] – zum Geisterseher. Er blieb teilnehmender Beobachter, Protokollant, der ein produktives Verhältnis von Nähe und Distanz zu seinem Gegenüber einhielt und gerade dadurch nicht dem Wahn der Seherin verfiel.

Die dreifache Kennzeichnung Kerners als „Dichter“, „Arzt“ und „Okkultist“ entsprach durchaus dem zeitgenössischen romantischen Arztideal. Ausdrücklich kam Kerner auch selbst auf diese Trias zu sprechen: „Nicht ohne tiefere Bedeutung war Apollo der Gott der Dichter, der Seher und der Arzneikunde zugleich. [Im] Schlafwachen geht im Innern die Kraft zu dichten, zu sehen und zu heilen auf.“[21] Insofern kam für Kerner in der kranken Seherin nach dem Vorbilde des Heilgottes Apoll das Bild des idealen Arztes zum Vorschein, der dichten, „sehen“ und heilen kann. Der Somnambulismus, das „Schlafwachen“, war für Kerner die Quelle dieser schöpferischen und heilbringenden Tätigkeit. Sein Gefühlsleben war ohne Zweifel zutiefst von mesmeristischen Überzeugungen gefärbt, etwa von der Vorstellung eines individuelle Grenzen überschreitenden „Nervengeistes“, einer Wechselwirkung zwischen den Menschen, einem Gemein­schaftsgefühl, wie er es bei seinen magnetischen Kuren wahrnehmen konnte. In einem selbstironischen Gedicht über die „Wirkung des Nervengeistes“ schilderte er anschaulich dieses Freundschaft stiftende Gefühl. Er hatte es 1851 für seinen Münchner Freund, den Mineralogen Franz von Kobell, verfasst:

„Wenn ich, mein Lieber! nahe dir,

Wallt rasch mein Blut, das träg sonst schleicht,

Und sprichst du Lieder, wird es mir

Wie einer Gemse luftig leicht.

[…]

So wird’s mir, wenn du nah mir bist!

Das macht allein dein Nervengeist,

Der mich mit dem, was in ihm ist,

Der kräftigen Natur, umkreist.“[22]


[1] J. Kerner [1914], 1974, Teil 2, S. 138. [2] Zit. n. G. Bauer, 1994, S. 30; Schott, 2002, S. 138. [3] J. Kerner [1914], 1974, Teil 1, S. 120. [4] A. a. O., S. 125. [5] J. Kerner, 1856, S. 4 ff. [6] J. Kerner, 1856. [7] Ebd., S. 80. [8] A. a. O., S. 41. [9] Mesmer, 1781, S. 52. [10] J. Kerner, 1834, S. 39. [11] Häfner, 2009. [12] J. Kerner, 1857; Baumgartner-Tramer, 1943; Schott / Tölle, 2006, S. 140. [13] Jung [1935], 1981, S. 834. [14] Bodamer, 1958. [15] Jennings, 1966, S. 81. [16] Glaus, 1957, S. 87. [17] Leibbrand, 1937, S. 150. [18] Jennings, 1966, S. 82. [19] Zit. n. Straumann, 1928, S. 139 f. [20] Ringger, 1959. [21] Zit. n. Silberer, 1911, S. 653. [22] J. Kerner [1914] 1974, Teil 2, S. 252.

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