27. Kap./4 * Gottvertrauen und Amulette als Schutz

Bekanntlich gehörte es zum Grundwissen der Ärzte, dass die Ansteckungsgefahr in Seuchenzeiten besonders für solche Menschen groß war, die ängstlich und verzweifelt um ihre Gesundheit bangten. Deshalb rieten Ärzte zu einer Art „moralischen Aufrüstung“: Die Menschen sollten sich durch eine positive Lebenseinstellung und angenehme und erfreuliche Lebensumstände gegen die Seuche immunisieren. Dies lässt sich für die Pestepidemien in ausgehendem Mittelalter und früher Neuzeit ebenso nachweisen wie für die Choleraepidemien im 19. Jahrhundert. Im Folgenden wollen wir ein Beispiel aus dem 19. Jahrhundert anführen. Anläßlich der drohenden Choleraepidemie verfasste Justinus Kerner 1831 von Amts wegen ein „Sendschreiben an die Bürger des Oberamts Weinsberg“. Als eine Aufklärungsschrift ist sie in populärem Stil geschrieben und erinnert an politische Agitation. Zunächst will Kerner die Bevölkerung aufrütteln und vor der bevorstehenden Katastrophe warnen: „Wenn der Geldpresser durch’s Dorf geht und da anklopft, wo nichts ist, ists wohl ein Jammer; aber größer ist, ihr Lieben! der Jam­mer, wenn der Tod, der Menschenpresser, von Haus zu Haus geht und die Schuld fordert, oder anklopft an mancher Her­zenskammer in der nichts ist als Weltlust und Todesangst. Das ist ein Jammer!“[1] In bildreicher Sprache schilderte er nun die Ausbreitung der Epidemie, die über Asien, Rußland und Polen nach Mitteleuropa vorgedrun­gen sei. Er dämonisierte die Seuche und personifizierte sie als „giftigen Buben“ und „asiatischen Würger“.

Im Jahre 1770 habe sich, so Kerner, die Cholera in Ostindien zunächst nicht ausgebreitet: „es hatte sie der schlimme Geist (der auch euch hie und da befällt) der des Wanderns, da noch nicht befallen. Erst im Jahre 1817 entwuchs dieser giftige Bube den Kinderschuhen, zog sich die Meilen-Stiefel an und begann nun über Land und Meere zu wandern.“[2] Ker­ner vernachlässigte dabei keineswegs die genaue Information und schilderte Symptomatik und Verlauf der Krankheit bis zum Tode oder zur Genesung. Solche Seuchen seien auch „Finger­zeige Gottes“, ein „Zeiger nach oben“. Zugleich warnte er vor einer falschen Einstellung: „Fürchtet nicht ängstlich den Tod, noch suchet ihn sehnsüchtig, erringt euch ein Leben, ein langes, in Gott.“[3] Anschließend zählte er einen lan­gen Katalog von möglichen hygienischen Gegenmaßnahmen auf, die prophylaktisch die Ausbreitung der Seuche verhin­dern sollten. Dabei spielte die emotionelle Einstellung neben den Nahrungsmitteln und dem Lebensraum eine wichtige Rolle: „Den Furchtsamen, den Verzweifelnden trifft sie [die Cholera] gar leicht, daher waffnet euch, ihr Lieben! […] Den Zornigen, den Rachsüchtigen, den Leiden­schaftlichen trifft die leicht. Suchet eure Leidenschaft, dies Tier in euch zu zähmen“. In dieser predigthaf­ten Diktion zeigte sich sein psychologisches Gespür für die Bedeutung der seelischen Einstellung im Kampf gegen die Krankheit. Mut, Zuversicht und Gottvertrauen wurden als Stärkungs- und Abwehr­mittel verstanden. Hierzu zählten auch die „sympathetischen Heilmittel“ des Volkes, wie folgendes Beispiel belegt.

Auch heute noch wird häufig mit dem Begriff der Romantik Verinnerlichung, Rückzug ins Individuelle, Abkehr vom gesellschaftlichen Leben assoziiert. Dabei vergisst man, dass gerade mit der romantischen Bewegung eine Hinwendung zu den Lebens­äußerungen des „Volkes“, zum Gemeinschaftsgefühl der Gruppe, zur Popularisierung wissenschaftlicher Theorien befördert wurde. Die romantischen Naturforcher und Ärzte propagierten keine Esoterik in sozialer Abgeschiedenheit, sondern viel­mehr die Öffnung der Universitätsmedizin zu den traditio­nellen Heilweisen der „einfachen Leute“. Sie begriffen „magische“, „magnetische“ oder „sympathetische“ Heilweisen als Ergänzung der „rationellen Medicin“. In einer Rede im Jahre 1843 vor der Versammlung der Oberamtsärzte und Chirurgen zu Heilbronn über die „Heilung durch Sym­pathie“ brachte Kerner seine Einstellung noch einmal unmissverständlich zum Ausdruck.[4] Zunächst beklagte er die Ignoranz der „rationellen Medicin“: „Sympathetische Heilmittel haben sich durch Tra­dition von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt, auch in Büchern bewahrt, während die rationelle Medicin sich zu vornehm denkend, sie nicht beachtete, aber doch hie und da erleben mußte, daß Gebrechen, die auf ihre Weisen nicht zu heilen waren, oft jenen sympathetischen Einwirkungen wichen.“[5] Er forderte die Kollegen dazu auf, die Heilung durch Sympathie vorurteilslos zu erforschen und praktische Erfahrungen zu sammeln. „Die Zeit ist of­fenbar vorüber, wo man sich schämte, vom Katheder zum Volk hinabzusteigen und unter ihm Perlen für die Wissen­schaft zu suchen.“[6] „Magnetische Erscheinungen“ waren für ihn Naturphänomene, „weder als Ausgeburten des Aberglaubens, noch als Wunder zu nehmen“. Er antizipierte hier die spätere Einschätzung der „magischen Erscheinungen“ von Carl Custav Carus.[7]

In einem historischen Exkurs referierte Kerner die verschie­denen sympathetischen Heilweisen: das „Anblasen“ ent­zündeter Körperstellen, das „magnetisierte“ Wasser, die Krankheitsübertragung (transplantatio morborum), Hand­auflegen, sympathetische Blutstillung, Berücksichtigung des Mondeinflusses. Er betonte die Bedeutung der Person des Arztes, „daß dieser zugleich das Heilmittel seyn muß, daß also von der Kraft, die von ihm ausgeht, auch sehr das Ge­lingen solcher Heilungen ausgeht“.[8] So meinte er schließlich, „daß die nähere Erforschung und Erprobung sympathetischer Heilmittel auch gewiß ein Gegenstand des rationellen Arztes ist, besonders desjenigen, der so nahe beim Volke lebt, wie die HH. Landärzte“.[9] Kerner stieß mit diesem Vortrag offenbar auf keinen nen­nenswerten Widerspruch.[10] Allerdings ent­spann sich drei Jahre später darüber eine standespolitische Auseinandersetzung. 1846 behandel­te Kerner den „Hirschwirt Kachel aus Kochersteinsfeld“ wegen Schwindsucht und angeblichem „Todeszauber“ seiner Frau.[11] Neben der üblichen Verordnung herkömmlicher Medikamente aus der Apotheke gab Kerner dem Kranken auch einen beschriebenen Zettel als Amulett zum Umhängen gegen den angenommenen bösen Zauber der Ehefrau. Dies wurde nach dem Tode des Patien­ten bekannt und führte zu einem Nachspiel. In einem Schrei­ben der Regierung an das Medizinalkollegium, die oberste Medizinalbehörde des Landes, ist zu lesen: „Die Anwen­dung sympathetischer Mittel von seiten des Dr. Kerner scheint uns mit seiner Stellung als öffentlich angestellter Gesundheitsbeamter unvereinbar zu sein.“[12]

Anmerkung vom 7.07.2016

In meinem Supplementary Blog hierzu ein Literaturhinweis.

Kerner hatte zuvor sein Handeln in einer Stellungnahme ge­rechtfertigt: „Diß [die Verordnung des Amuletts] geschah von mir mit aller wissenschaftlichen Überlegung und mit al­ler Vereinigung meiner Stellung als Oberamtsarzt als ein auf die Einbildung dieses Mannes psychisch wirkendes Mittel.“[13] Schließlich wurde er in dieser seiner Auffassung be­stätigt: Eine Verfehlung könne ihm „nicht zur Last fallen, da er bei seiner Handlungsweise den wissenschaftlichen Bo­den nicht verlassen hat“, heißt es in der Stellungnahme des Medizinalrats Seeger „von seiten der Medicinalpolizey“.[14] Dessen reflektierte „Aphorismen“ zur sympatheti­schen Behandlungsmethode sind auch heute noch sehr le­senswert. Sie decken sich wohl im Wesentlichen mit Kerners Einstellung. So meinte Seeger, daß der erfolgreichen Erpro­bung der „sympathetischen Curmethode […] eine gewisse Stelle in der Therapie der Krankheiten angewiesen werden“ müsse. Vorzugsweise sollten Ärzte diese Kurmethode an­wenden, da nur sie dieselbe sachgerecht beurteilen könnten. Ähnlich äußerte sich auch der Königliche Obermedizinal­rat Ludwig in seinem Gutachten zum Fall Kerner; als „öf­fentlicher Gesundheitsbeamter“ habe sich Kerner keinerlei Versäumnis zuschulden kommen lassen. Sein Eintreten für sympathetische Heilmittel wirkte also keineswegs sen­sationell oder skandalös. Von einer „Zurechtweisung“ ihres Oberamtsarztes sahen die vorgesetzten Behörden gänzlich ab. In seiner Person ver­einte Kerner den „rationellen“ und den „sympathetischen“ Arzt – Schulmedizin und alternative Medizin, wie wir heu­te vielleicht sagen würden –, der sich der wissenschaftlichen Medizin ebenso verpflichtet fühlte wie den Lebensgewohn­heiten des „Volkes“. Dieses hat er als Aufklärer dort attackiert, wo es ihm dumm und roh erschien, um es eines besse­ren zu belehren. Zugleich hat er sich ihm dort achtungsvoll zugewandt, wo es in seinen Augen noch die „innigste Natur­verbindung“ erkennen ließ.

Kerners Interesse an der „sympathetischen Curmethode“ ist im Kontext der Medizin am Vorabend ihres naturwissenschaftlichen Umbruchs ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu sehen. Ein verbindliches wissenschaftliches „Paradigma“ fehlte, naturphilosophische und mesmeristische Ansätze waren noch unmittelbar sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch in der ärztlichen Praxis gegenwärtig. Von romantischer Naturphilosophie inspirierte Ärzte wie Justinus Kerner vermuteteten in volksmedizinischen Heiltraditionen, namentlich den „magisch-magnetischen“ oder „sympathetisch-magnetischen Kuren“ verborgene Schätze einer wirkungsvollen Medizin. Deshalb interessierten sie sich für Überlieferungen der Volksmedizin, die sie systematisch sammelten und publizistisch aufbereiteten. Sie wollten die alten Haus- und Volksmittel, die ja teilweise immer noch alltäglich angewandt wurden,  wissenschaftlich unvoreingenommen untersuchen und prüfen, wie dies beispielsweise der Rostocker Arzt und Medizinprofessor Georg Friedrich Most in seinem Kompendium über „Die sympathetischen Mittel und Curmethoden“ (1842) und seiner „Encyclopädie der gesamten Volksmedicin“ (1843) ausführlich darlegte.[15] Die „sympathetischen Volksmittel“ könnten dadurch nützen, „daß sie die of schlummernde oder zu schwache Naturaristokratie, d. i. den wahren Arzt im Menschen selbst, die nöthige Kraft und Stärke geben“.[16] Insofern galt für ihn: „Vox populi, vox Dei!“[17] Vor allem wollte er versuchen, „Lebensmagnetismus mit Sympathie […], diese dunkle Lehre auf naturwissenschaftliche Principien zu basiren.“[18] Zugleich ging es Most um die wirksame Propagierung der medizinischen Diätetik im Sinne einer Erfahrungs- und Hausmedizin im Dienste der „Menschenerziehung“.[19] Überhaupt: „Arzt und Volk sollen nicht, wie zwei verschiedene indische Kasten, abgesondert leben; der Eine kann und soll vom Andern lernen!“[20] Mit ähnlichem wissenschaftlichen Pathos und Ordnungssinn hörten seinerzeit die Brüder Grimm als Sprachwissenschaftler auf die Stimme des Volks und sammelten seine Märchen. Auch die Literatur der medizinischen „Magie“ bzw. des medizinischen „Aberglaubens“ wurde systematisch erfasst und bibliographiert, einschließlich der „Geschichte der magnetischen Curen und des Somnambulismus“.[21]


[1] J. Kerner, 1831, S. 1. [2] A. a. O., S. 4 f. [3] A. a. O., S. 8. [4] J. Kerner [1843], 1981. [5] Ebd. S. 187. [6] A. a. O., S. 188. [7] Carus, 1857. [8] J. Kerner [1843], 1981, S. 193. [9] A. a. O., S. 194. [10] J. Kerner, 1846. [11] Gehrts, 1982, S. 44. [12] Zit. n. Gehrts, 1982, S. 46. [13] Zit. a. a. O., S. 51. [14] Zit. a. a. O., S. 63. [15] Most, 1842; 1843. [16] Most, 1842, S. XIII. [17] A. a. O., S. XI. [18] A. a. O., S. XIV. [19] Most, 1843, S. XXVIII. [20] A. a. O., S. XIII. [21] Gräße [1843], 1906. S. 43-46.

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