29. Kap./1 * Sonne und göttlicher Glanz

In allen Kulturkreisen war Licht mit der Vorstellung des Göttlichen verbunden. Die Himmelslichter, allen voran das Sonnenlicht, schienen dessen Macht auszustrahlen. Die Religionsgeschichte belegt, dass Sonnengottheiten in den unterschiedlichen Kulturkreisen von Anfang an verehrt wurden und zum Teil heute noch verehrt werden: im alten Ägypten wie im heutigen Japan, bei den Inkas wie bei den Hindus.[1] Die Personifizierungen der Sonne charakterisierten diese Gottheit vielfach als Quelle des Lebens und der Gesundheit: So wurde etwa im alten Ägypten Aton – erstmals um 1500 v. Chr. erwähnt – in Gestalt der Sonnenscheibe verehrt. (Abb. [i]) Da er später eine Zeitlang als einzige Gottheit verehrt wurde, gilt sein Kult heute als eine Wurzel des Monotheismus. Im japanischen Shintoismus werden Sonne und Licht von der Gottheit Amaterasu personifiziert, der mythischen Begründerin des japanischen Kaiserhauses. Die Inkas verehrten Inti, den „Vater Sonne“, als Quelle des Lebens und Beschützer des Menschen; und die Hindus erblicken in Surya die Manifestation der Feuergestalt des Göttlichen (Sanskrit: agni), die sich am Himmel als Sonne manifestiert. Im Folgenden wollen wir Bedeutung der Sonnengottheiten für das Leben der Menschen und insbesondere für die Erhaltung ihrer Gesundheit ins Auge fassen. Eines wird bereits an dieser Stelle klar: Die Sonne als Naturding stach offenbar zu allen Zeiten den Menschen so stark ins Auge, dass sie in ihrer Pracht per se übermächtig schien, eben als eine Gottheit. Letztlich war ihre natürliche Erscheinung nicht von ihrer göttlichen Aura zu trennen und so hatte die Sonne – neben bestimmten anderen „Himmelslichtern“ wie vor allem dem Mond – immer auch einen metaphysischen Charakter. Witzigerweise hat sich die naturalistische Vereinigung „The Brights“, die mit ihrem bekannten Wortführer Richard Dawkins, einem englischen Evolutionsbiologen, gegen alle religiösen bzw. magischen Vorstellungen vom Übernatürlichen zu Felde zieht (Kap. 5), ein Logo gewählt, das mehr oder weniger identisch mit dem Symbol des ägyptischen Sonnengottes Aton (siehe oben) ist. (Abb. [ii])

Der göttliche Glanz zeigte sich auch in Form des Heiligenscheins, der so genannten Gloriole oder Aureole, um göttliche Menschen hervorzuheben: die heilige Familie, die Heiligen, herausragende, quasi gottähnliche Herrscher. Charismatische Ausstrahlung erschien somit als ein Abglanz göttlichen Lichts, das als Quelle des Heils und Ursache der Heilung angesehen wurde. In christlicher Tradition lieferte die Ikonographie unzählige Zeugnisse der charismatischen Ausstrahlung als sinnfälligen Ausdruck religiöser Heilung. Chrisus medicus, Christus als Arzt oder Heiland, trat hier als Vorbild auf: mit einem Heiligenschein, die rechte Hand mit gespreiztem Daumen, Zeige- und Ringfinger auf den einzelnen Kranken, etwa einen Fallsüchtigen, oder eine Gruppe von Kranken (etwa Aussätzigen)  gerichtet, wie eine Illustration des im 11. Jahrhundert entstandenen Evangeliars von Echternach (Codex Aureus Epternacensis) belegt. (Abb. [iii]) Dieser Heilgestus erscheint als ein Kraft spendender Segen, kann in anderen Fällen aber auch als Exorzismus gedeutet werden, wenn etwa ein teuflischer Schatten aus dem Mund des Kranken ausfährt wie bei der Heilung eines Fallsüchtigen durch Christus auf einer karolingischen Wandmalerei. (Abb. [iv]) Solche Bildmotive erschienen in der langen Geschichte der christlichen Heiligenverehrung in unzähligen Varianten. Sie stellten die religiösen Heiler immer mit dem Attribut des göttlichen Glanzes bzw. Abglanzes dar, in deren Licht Kranke eintauchen und geheilt werden können.

Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit sind die religiösen Konnotationen der Naturforschung allenthalben wahrnehmbar, insbesondere in den Illustrationen magisch-alchemistischer Literatur. So trägt ein reich bebildertes Buch aus dem frühen 16. Jahrhundert, welches die religiöse Wurzel des „Glanzes“ erahnen lässt, den Titel: „Splendor solis oder Sonnenglantz“[2]. Auch in einer klassischen  Rosenkreuzerschrift taucht dieses Phänomen des überwältigenden Glanzes auf: In der „Chymischen Hochzeit“ wird geschildert, wie eine „Guldene Kugel“, die mitten in einem Spiegelsaal an einer starken Kette hängt, so von reflektiertem Sonnenlicht getroffen wird, dass vor lauter „glantz“ keiner die Augen öffnen konnte, „dann es waren an allen Ortten Sonnen, so schein [sic] die Kugel in der mitten noch heller, daß wir sie so wol als die Sonn selbsten kein augenblick erleiden kundten.“[3]

Der Lichtglanz tauchte in den Illustrationen zu Jakob Böhmes Werk häufig auf. Er versinnbildlichte seine theosophische Grundidee, dass Gottes Wille und Wort in den Kosmos ausfließe, wie auf dem Titelbild zur „Gnaden-Wahl“ zu sehen ist. (Abb. [v]) Hier wird der Betrachter vor die Wahl zwischen dem lichten „Wohl“ und dem finsteren „Wehe“, zwischen dem geraden Kreuz „Vergebung Buße“ und dem krummen Kreuz „Verstockung Boßheit“, gestellt. Die Legende („Andeutung“) hierzu lautet: „Der erste Ursprung aller Dinge ist nur ein Wille / A und O, ein unanfänglicher Anfang / ein unendliches Ende / offenbaret sich durch seine ängstliche Schärffe der finstern Begierde mit dem Außgang in Krafft / Licht / Frewde / Herrlicheit und Wunder der Weißheit / und hauchet sich in Formen / Gleichnüssen und Figuren durch Engel und Menschen zu seiner Beschawligkeit.“ Wie die Äste und Zweige eines Baumes zusammenwirken, so sollen es auch die Menschen halten und keine Zwietracht pflegen („ein eygener Baum seyn wollen“). Vor allem sollten die Menschen nicht „des Teufels Gifft (der Eigenheit und falschen Magnetischen Impression)“ in sich aufnehmen, „daraus Streit und Widerwillen / auch Spaltungen und Trennungen entstehen / da sich ein Zweig des Menschlichen Baumes / vom andern abtrennet und ihme [sic] sein Ens und Krafft nicht gönnet“.[4]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnengottheit (14.01.2013). [2] Splendorsolis, 1972 [= 1582]. [3] Andreae [1616], 1981, S. 108 f. [4] A. a. O., S. 5.


[i] → Abb. Aton Sonnensymbol; http://de.wikipedia.org/wiki/Aton (5.05.2009) [ii] → Abb. Logo The Brights; http://de.wikipedia.org/wiki/Brights (5.05.2009) [iii] H. Schott, 1993 [a], S. 47; → Abb. Evangeliar von Echternach [iv] H. Schott, 1993 [a], S. 47; Karolingische Wandmalerei, Sylvesterkapelle in Goldbach/Überlingen; → Abb. Christus exorziert // http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sylvesterkapelle18017.jpg?uselang=de (4.07.2012)  [v] J. Böhme, 1682 [c]; → Abb. Böhme 1682 Gnaden-Wahl