29. Kap./2 * Das Auge Gottes

Die Begriffe „Augenstern“ und „Augenlicht“ verweisen auf die Vorstellung vom Auge als einem Licht ausstrahlenden Organ. Dies hat einen mystisch-religiösen Ursprung. Das „Auge Gottes“ wurde als Quelle göttlicher Kraft angesehen, wie der Frankfurter Rechtshistoriker Michael Stolleis, der sich mit der „Bildlichkeit der Rechtssprache“ auseinandergesetzt hat,[1] feststellte: „Das alles sehende Auge ist in der Metaphernwelt monotheistischer Religionen das geläufigste Bild für jede menschliche Vorstellung überschreitenden Eigenschaften des einen Gottes.“[2] Die Mystik unterschied zwischen dem äußeren Auge, das der Welt zugewandt ist, und dem inneren Auge, das dem Auge Gottes nahekommt und zur Gotteserkenntnis führt. Es ist faszinierend, das diese Vorstellung bei den mittelalterlichen wie neuzeitlichen Mystikern, den Kabbalisten und Theosophen bis hin zu den romantischen Naturphilosohen lebendig geblieben ist. Besonders intensiv befasste sich Jakob Böhme mit dem Augenmotiv, das in Illustrationen seiner Schriften immer wieder auftaucht.

Der Hamburger Kunsthistoriker Christoph Geissmar setzte sich ausgiebig mit den Illustrationen zu Jakob Böhmes Werk auseinander. In einer ikonographischen Studie analysierte er vor allem sämtliche Titelkupfer der Amsterdamer Gesamtausgabe von 1682 und stellte eine Typologie zum „Bildmotiv Auge“ auf.[3] Indem er der „ikonographische Genese der mystischen Augenmetaphern des 17. Jahrhunderts“ nachspürte, wollte er einen Weg aufzeigen, um die „hermetische Bilderverschlüsselung“ aufzuklären. Das Auge Gottes im Dreieck symbolisierte die göttliche Dreifaltigkeit.[4] Es sollte zu einem zentralen Motiv in der Freimaurerei und Esoterik werden, bis hin zu seiner Fixierung als „Großes Siegel der Vereinigten Staaten“ 1782 und seiner Verwendung auf der Rückseite der Ein-Dollar-Note der USA seit 1935.[5] Bei Jakob Böhme taucht dieses Bildmotiv als Buchillustration verschiedentlich auf, besonders markant auf dem Haupttitelkupfer der Amsterdamer Gesamtausgabe von 1682. (Abb. [i]) Auf der vertikalen Achse sind drei kugel- bzw. kreisförmige Gebilde zu sehen. Im oberen, strahlenden Kreis ist ein Gottesauge mit einer Krone dargestellt. Im mittleren Kreis befindet sich das Auge Gottes (als rechtes, das bedeutet göttliches Auge) in einem kleineren Dreieck mit Spitze nach oben, das sich in ein größeres Dreieck mit Spitze nach unten einfügt. Ein Dreieck symbolisiert die Trinität, die ineinandergehden Dreiecke haben alchemistische Bedeutung und verweisen auf das Ineinadergehen von Feuer und Wasser oder Himmel und Erde.

Das Auge im Dreieck war seinerzeit eine Neuheit, die erst kurz zuvor auf der Bidlfläche aufgetaucht war.[6] Es ist bei Böhme von einem schmalen Strahlenkranz und weiteren Kreisen umgeben, die mit Buchstaben und Ziffern besetzt sind und als Hinweis auf die Zahlen- und Buchstabensymbolik der von Böhme angedachten „Natursprache“ interpretiert werden können. In der Horizontalen sieht man zwei nach außen gekehrte Halbkreise, die auf die Philosophische Kugel hindeuten, die bei Böhme eine wichtige Rolle spielt. Der rechte Halbkreis mit durchgezogener Linie symbolisiert die Finsternis, der gegenüberliegende linke Halbkreis mit fein gestrichelter Linie die ewige, lichte Welt. Unten ist die Erdkugel zu sehen, die mit einem Flammenschwert, das vom Reich der Finsternis ausgeht, bestrichen wird.

Aus dem reichhaltigen Material möchte ich nur auf drei weitere typische Darstellungen hinweisen. Auf dem Titelkupfer von „Aurora“ von 1682 sehen wir in der unteren Bildhälfte die mit (rechten) Augen dicht besetzten und kugelförmig angeordneten Felgen des Thronwagens neben der Erdkugel und dem Himmelsrad. (Abb. [ii]) Die obere Bildhälfte wird in Anspielung auf die Vision des Propheten Ezechiel (Hesekiel) von strahlendem Licht erfüllt, welches die erleuchtende Botschaft darstellen soll.

Das Motiv des geflügelten Auges befindet sich auf dem Titelkupfer von „Die Gelassenheit“, der ebenfalls in der Gesamtausgabe von 1682 enthalten ist. (Abb. [iii]) Das Auge als Spiegel der göttlichen Weisheit lokalisiere, so Geissmar, „im Schnittpunkt der Welten Böhmes den Sitz der Seele“. Die hermetische Flügelsymbolik gehe wohl auf die Rosenkreuzerliteratur zurück, in welcher der mit dem Tetragramm versehene göttliche Feuerball mit Flügeln dargestellt werde. Ein Kupferstich des „Seraphinisch Blumen-Gärtlein“ von 1700 zeigt ein rechtes Auge inmitten eines Strahlenkranzes, umgeben von einem ringförmigen Band mit der Aufschrift: „Je länger, je lieber“. (Abb. [iv]) Hier fließen offenbar das Auge Gottes und das menschliche Auge der Erkenntnis Gottes in mystischer Einheit zusammen.

Die englische Theosophin Jane Leade berichtete im ausgehenden 17. Jahrhundert in ihrem veröffentlichten Tagebuch sehr ausführlich von ihren Visionen und unio mystica-Erlebnissen. Am 16. Juli 1676 hatte sie eine „Erscheinung des hellflammenden Auges Gottes.“ [7] Hierzu fügte sie eine Zeichnung in den Text ein, die sie folgendermaßen erläuterte: „Es stund ein hellflammend Auge mitten in einem Zirckel / und rings um denselben her war ein Regenbogen von allerhand Farben / und über dem Regenbogen am Firmamente eine unzehliche Menge Sternen / die alle auf dieses hellflammende Auge warteten.“ (Abb. [v]) Als es verschwand, habe es „aber seine flammenden Influentien in meinem Herzten“ hinter sich gelassen.[8] Anschaulich beschrieb Leade die schützende Kraft dieses „hellflammenden Auges“, das sich in „ein neu Hertz“ setzen werde. Von da würden „heilige und reine Gedancken von dannen aufsteigen / und zu einer solchen Gewonheit erwachsen / auch so starck und mächtig seyn / daß sie alle fremde Essentien oder Geister auszutreiben vermögen werden / die sich wieder darein einschleichen / und darinne nisten wollten. Haltet euch demnach innerhalb dieses umzirckten Auges / auf daß ihr also alle üble Bewegungen aus und von euch abhalten möget“.[9]

Das Auge Gottes wurde auch als Kontroll- und Lenkungsinstanz gedacht. Gott konnte demnach offenbar durch dieses Auge alles sehen und lenken, was auf Erden geschieht. So predigte Gerhard Philip Scholvin, Pastor an der Kreuzkirche in Hannover, über „das offene Auge Gottes, das auf die irdischen Thronen gerichtet ist.“[10] Anlass war ein „Dankfest“ im Jahre 1786 wegen der Errettung Georg III. „aus einer sichtbaren Lebensgefahr“. Gott und König wurden im Bild des Auges miteinander identifiziert und zugleich in eine hierarchische Ordnung zueinander gesetzt. Zunächst ist vom Auge des Königs die Rede: „Der König lebt! Der König ist gerettet! Der König sieht mit Huld von seinem Throne auf uns! Die Gotteshäuser erschallen.“[11] Dann spricht der Prediger von Gottes Auge, das „auf die irdischen Thronen“ gerichtet sei: „das ist: Gottes Vorsehung erstrecket sich vorzüglich auf die Regenten des Erdbodens. Der Allwissende sieht alles, was sie vornehmen. Seine Weisheit lenket ihr Thun und Lassen.“[12] Somit kommt wieder einmal die „große Weltkette“ (catena aurea) ins Spiel, die von Gott über den Regenten zu den Untertanen verläuft: „Gott träget die Zügel der Welt in seinen Allmachtshänden. Es muß alles nach seinem weisen Winke erfolgen! […] Trägt seine Hand diese ganze schwere Welt, so trägt solche auch die Thronen. […] Schauet ihr Völker, die in allen vier Welttheilen den Großbritannischen Zepter verehren; bemerket das offene Auge Gottes, das auf den Thron eures Monarchen gerichtet ist.“[13] Der Monarch übernahm hier jene Vermittlungsfunktion göttlicher „Vorsehung“, die in der magia naturalis der Natura zugedacht war.

Das herausragende Attribut des Göttlichen war sein Glanz, der analog dem Sonnenglanz das menschliche Auge blende. In der abendländischen Ikonographie sind die Gottesdarstellungen, wie oben dargelegt, als Feuerwolke oder Lichterkranz, als sonnenähnliche Strahlungsquelle oder strahlendes „Auge Gottes“ ein bekanntes Motiv. Es wurde vielfach − in die Mitte eines Dreiecks eingezeichnet − zum Symbol der Freimaurerei. Zu erinnern ist an Franz Anton Mesmers Skizze, die Wolfart 1814 in dem von ihm herausgegebenen Hauptwerk Mesmers publizierte. (Abb. [vi]) In der Legende heißt es: „Der Begriff Gott ist hier in dem uralten bekannten Zeichen, das Auge im Dreieck, ausstrahlend d. h. schaffend, dargestellt. Mit dieser Uremanazion des Unerschaffenen beginnt auf dem raum- und formlosen Nichts, auf dem dunklen Grunde, die helle Schöpfung ihr unermeßliches Spiel, und in den zwei Hauptkreisen – Grundbild der Magnetströmung – schwingen sich unzählbare leuchtende Sonnen mit ihren Systemen“.[14] Im 20. Jahrhundert tauchte eine analoge Metapher im naturphilosophischen Diskurs auf. Eberhard Dennert, der Gründer des Keplerbunde, der sich in christlicher Perspektive gegen Haeckels Monistenbund richtete, griff jedoch nicht mehr zur Metapher des Auges, sondern zu der der elektrischen Lampe, um die göttliche Emanation zu verdeutlichen: „Die Anwendung des Bildes [der Lampe] auf die Welt liegt nahe. Es gibt eine Gotteskraft, die an sich außerweltlich, aber auch in der Welt wirkt und daudurch alle ihre Erscheinungen bis zum Zusammenhalt in den Atomen verursacht.“[15] Dies entsprach durchaus Mesmers Vorstellung vom göttlichen Fluidum, das das Universum durchwirke und erleuchte.


[1] Stolleis, 2012, S. 90. [2] Stolleis, 2004, S. 17. [3] Geissmar 1993, S. 58. [4] Geissmar, 1993,  S. 78. [5] Stolleis, 2004, S. 52. [6] Geissmar, 1993, S. 78. [7] Leade, 1697-1701, 1. T., S. 195. [8] A. a. O., S. 197. [9] A. a. O., S. 198. [10] Scholvin, 1786. [11] Ebd., S. 9. [12] A. a. O., S. 12. [13] A. a. O., S. 13. [14] A. a. O., S. LV. [15] Dennert, 1938, S. 13.


[i] J. Böhme, 1682: Titelkupfer; Geissmar, 1993, S. 77 f., 181; → Abb. Böhme 1682 Hauptitelkupfer [ii] Geissmar, 1993, S. 79 f., 181; → Abb. Böhme 1682 Aurora [iii] Geissmar, 1993, S. 83 u. 185; → Abb. Böhme 1682 Gelassenheit [iv] J. Böhme, 1700: Frontispiz; Geissmar 1993, S. 73, 156; → Abb. Böhme 1700 Blumen-Gärtlein

[v] Leade, 1697-1701, 1. T.A., S. 195 f.; → Abb. Leade Auge [HAB fragen!!]

[vi] Mesmer, 1814, Tab. II, Fig. 5 [Anhang]; → Abb. Mesmer Auge Gottes [OK]