30. Kap./1 * Natur, Nacht und Tod

Die Auffassung der Natur als ein Reich der Nacht ist in der Kulturgeschichte doppeldeutig, sozusagen janusköpfig. Zum einen erscheint die Nacht als beruhigender Gegenpol zum aufreibenden Tagleben und der Schlaf als ihr physiologisches Insignium. Zum anderen symbolisiert sie das Reich des Todes im irdischen Leben. Der Schlaf selbst ist im Hinblick auf den Tod ebenfalls doppeldeutig: In der griechischen Mythologie erscheint er als Hypnos, regenerierender Schlaf, „Heilschlaf“ einerseits, und als Thanatos, als Zwillingsbruder des Todes andererseits. Hesiod schilderte in der „Theogonie“, wie Ker, die Göttin der Nacht und des Todes, ihre Söhne Hypnos und Thanatos gebar.[1] Dieses bildhafte Motiv wurde noch um 1800 aufgegriffen, um ein Standardwerk des animalischen Magnetismus auf dem Titelblatt zu illustrieren (Kap. 18).[2] Daneben existierte gerade in der frühneuzeitlichen Naturphilosophie die Vorstellung einer von Natura in göttlichem Auftrag erleuchteten und ernährten sublunaren Welt, die keineswegs als solche schon verderblich und böse war (Kap. 35). Es ist bemerkenswert, dass in der Theosophie der frühen Neuzeit Natura neu bewertet wurde. Sie trat nicht mehr als Vermittlerin des göttlichen Lichts, als Medium zwischen Gott und Mensch in Erscheinung, sondern als Neben-, ja Gegenspielerin göttlicher Weisheit im Menschen. Der anonym erschienene „Hertzens Spiegel“ von 1680, der von dem Böhme-Anhänger Paul Kaym verfasst wurde, enthält Illustrationen, die an Bildmotive aus Böhmes Werk erinnern und wahrscheinlich vom selben Kupferstecher, nämlich Nicolaus Häublin, gestaltet wurden.[3] Diese führen dem Betrachter die finstere, ja teuflische Natur vor Augen. [4]

Auf den 16 mystischen Herzdarstellungen wird der Kontrast zwischen göttlicher Licht- und irdischer Schattenseite als Grundmuster auf die rechte bzw. linke Herzhälfte projiziert. Wir wollen uns hier auf die beiden Abbildungen konzentrieren, denen das Wort „Natura“ eingeschrieben ist. Licht und Schattenseite werden von der Sonne bzw. dem Mond dynamisch beherrscht, ihre Strahlen strömen ins zweigeteilte Herzgefäß durch zwei Öffnungen wie in eine zweigeteilte Flasche ein. Auf der vierten Abbildung ist in die göttliche Sonne mit der Inschrift „Gratia“ der Heilige Geist als Taube eingezeichnet. (Abb. [i]) Sie erzeugen im (rechten) Herzen „Glaube“. Neben der göttlichen Sonne, getrennt durch eine Wolkenwand und etwas tiefer, scheint der Mond mit der Inschrift „Natura“. Seine Strahlkraft ist geringer als die der Sonne und lässt die linke Herzhälfte mit der Inschrift „Unglaube“ im Dunklen. Eine auffällig analoge Struktur weist die sechste Abbildung auf. (Abb. [ii]) Auch hier strahlen „Gratia“ und „Natura“ als Sonnen- bzw. Mondstrahlen in die beiden gefäßartigen Herzhälften ein und versorgen den Menschen mit dem Schlüssel zur Himmelspforte bzw. zum Tor des Todes und der Hölle. Bei beiden Abbildungen fällt auf, dass Gott und Natur als Leben und Tod in einem Schwarz-Weiß-Kontrast horizontal nebeneinander gestellt sind. Freilich erscheint hier die Natur nicht als schöpferische Dienerin Gottes (natura naturans), sondern als tödliche und verderbliche Gegenwelt zum himmlischen Licht. Daran ändert auch die vertikale Anordnung von Sonne („Gratia“) und Mond („Natura“) und ihre Einstrahlung in zwei getrennte Herzen nichts, wie sie auf der siebten Abbildung zu sehen ist. (Abb. [iii]) Auf der obern Bildhälfte erleuchtet die „Gratia Dei“ das Herz des Glaubens, in der unteren Bildhälfte, getrennt durch eine horizontale Wolkenwand, gießt der Mond sein Licht in das dunkle Herz des Unglaubens, das im Finsteren platziert ist. Ganz ähnlich ist die achte Abbildung komponiert. (Abb. [iv])


[1] H. Schott, 1986 [d], S. 75. [2] Kluge, 1811. [3] Geissmar, 1993, S. 49. [4] Kaym, 1680; Geismar, 1993, S. 218–227 [Abb.en 102-121].


[i] Geissmar, 1993, S. 220; http://www.levity.com/alchemy/kaim-04.html (5.02.2011); → Abb. Hertzens Spiegel IV [ii] Geissmar, 1993, S. 221; http://www.levity.com/alchemy/kaim-06.html (5.02.2011); → Abb. Hertzens Spiegel VI [iii] Geissmar, 1993, S. 220; http://www.levity.com/alchemy/kaim-04.html (5.02.2011); → Abb. Hertzens Spiegel VII [iv] Geismar, 1993, S. 222 [Abb. 111]; http://www.levity.com/alchemy/kaim-08.html (5.02.2011); → Abb. Hertzens Spiegel VIII

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