30. Kap./2 * Krankmachende Bilder

Im Makrokosmos wurden bestimmte Himmelskörper als Ursprung des Übels angesehen. Der Saturn wäre hier an erster Stelle zu nennen. Im Mikrokosmos (Mensch) galten bestimmte Körperorgane als Einfallstore für den üblen Einfluss der Gestirne. Hier wäre vor allem die Milz zu nennen. In seinem Frühwerk „De occulta philosophia“, das in der Erstauflage 1530 erschien, zählte Agrippa von Nettesheim die Naturdinge auf, die dem Saturn zugehörten. An erster Stelle nannte er „unter den Elementen die Erde und auch das Wasser; unter den Säften die feuchte, schwarze Galle“.[1] Die weiteren Dinge aus den Naturreichen, die der Autor im Einzelnen aufzählte, hätten überwiegend einen traurig machenden, beißenden, bösartigen, melancholischen Charakter: so etwa „die Zypresse, ein Trauerbaum, düster, von herbem Geschmack“, und unter den Tieren seien „saturnisch die kriechenden, einsamen, nächtlichen, traurigen zur Betrachtung geneigten, […] und die, welche ihre eigenen Jungen fressen.“

Nach Jakob Böhme ist der göttliche Wille durch tödliche Natur vergiftet. Er sei vom „göttlichen Einhauchen“ in das geschaffene Bild des Menschen gekommen: „Es ist das gebildete Wort göttlicher Wissenschaft, und ist aber vom Gegen-Hauchen des Teufels und Grimmens der zeitlichen Natur vergiftet worden, daß sich des Lebens Wille hat mit dem äußern irdischen Gegenwurf der tödlichen Natur gebildet, und von seinem Temperament in Schiedlichkeit der Eigenschaften kommen ist.“[2] Aber Böhme zielte nicht auf eine krude Gegenüberstellung von tödlicher Natur und göttlicher Wissenschaft ab, vielmehr interessierte ihn die spezifische Vermischung beider. Denn die Natur ist durchdrungen von der „verborgenen Kraft göttlicher Weisheit“. So sei in den Metallen das Licht der Natur: „Und in ihrem inwendigen Grund sind sie [die Metalle] eine schön klar Corpus, darinnen das eingebildete Licht der Natur von göttlichem Ausfluß scheinet; in welchem Glast man die Tinktur und große Kraft verstehet, wie sich die verborgene Kraft sichtbar machet. […] Denn der Ruch [von hebr. ruach: Hauch, Geist] ist anders nicht als die Empfindlichkeit der Tinktur, durch welche sich der Ausfluß göttlicher Kraft offenbaret und also Empfindlichkeit annimmt.“[3] Die Dynamik von göttlichem „Einhauchen“ und teuflischen „Gegen-Hauchen“ erinnert an die Begriffsgeschichte der „Suggestion“ (Kap. 15) und die frühneuzeitliche Vorstellung, dass krankmachende „Grillen“ von Dämonen ins Ohr geblasen würden (Kap. 16). Zwei Illustrationen aus dem oben erwähnten „Hertzens Spiegel“ stellen dieses Ein- und Gegen-Hauchen recht plastisch dar. In der ersten der insgesamt sechzehn Abbildungen sieht man jeweils ein Herz mit Gesicht, das von oben durch eine Art Flaschenöffnung mit göttlichem Licht erfüllt wird. (Abb. [i]) Ins rechte Herzohr bläst ein himmlischer Engel das „Verbum Dei“ mit Hilfe eines Blasebalgs ein, während analog hierzu ins linke ein Teufel seine Botschaft einbläst. Der lichte Baum des Lebens auf der rechten Seite steht im Gegensatz zum dunklen Baum der Erkenntnis, der im Tod wurzelt, auf der linken Seite (vom Herzgesicht aus gesehen). Auf der fünften Abbildung der betreffenden Serie sehen wir eine ähnliche Konstellation. (Abb. [ii]) Anstelle eines Blasebalgs benutzen die beiden Gegenspieler Engel und Teufel Trompeten, so genannte Barock- oder Naturtrompeten, um die „Wahrheit“ bzw. „Lüge” ins Ohr zu blasen.

Johan Baptista van Helmont hielt trotz seiner generellen Kritik an der Mikrokosmos-Makrokosmos-Lehre des Paracelsus doch an der astrologischen Lehre fest, dass über die Milz der Saturn als „Irrstern“ seinen üblen Einfluss ausübe. So entstünden dort durch die Einbildung und Phantasie krankmachende Bilder (ideae morbosae), die quasi als Krankheitssamen den Lebensgeist im Magenmund so stark beeindruckten, dass eine „sämliche“ Krankheit entstehe. Wir wollen van Helmonts Theorie später im Zusammenhang mit dem Begriff der Imagination im Einzelnen beleuchten (Kap. 31). In der Epoche machenden kulturhistorischen Studie „Saturn und Melancholie“ von Klibansky, Panofsky und Saxl, die allerdings die Lehre van Helmonts nicht mehr einbezieht, werden die faszinierenden Berührungspunkte zwischen humoralpathologischen und astrologischen Traditionen im Melancholiebegriff umfassend dargestellt. Die „humanistische Aufwertung des Saturn“ um 1500 knüpfte an jener positiven Wertschätzung der Melancholie an, wie sie Aristoteles als Erster (in „Problemata“ XXX,1) formuliert hatte: „Die italienische Renaissance verlangte nach einem Saturnbild, das nicht nur die beiden Seiten des saturninischen Wesens, das Böse und das Traurige wie das Erhabene und Tiefsinnig-Kontemplative, ins sich vereinigte, sondern auch jene ‚ideale’ Form aufwies, die nur durch eine Wiederanknüpfen an echt antike Vorbilder erreichbar schien.“ [4] So kam es zu einer gewissen Rehabilitierung des Unglücksplaneten Saturn, dem man in Anlehung an Aristoteles zugestand, dass er in Kombination mit Jupiter „in hervorragender Weise die Begabung (ingenium) mehrt und den Erfinder von mancherlei Künsten erzeugt.“[5]

Das Böse und seine Repräsentanten hatten bevorzugte Affinitäten zu bestimmten Naturdingen. So würden dunkle, braune Korallen die Nachtgespenster und Geister Verstorbener anlocken und seien insofern gefährlich, meinte Paracelsus im „Herbarius“.[6] Sein Zeitgenosse, der humanistische Arzt Johann Winter von Andernach nahm an, dass böse und widerwärtige Planeten wie Saturn und Mars die Luft verderben würden und dadurch die „Pestilentz“ verursachen könnten. Neben solchen magischen und astrologischen Vorstellungen von Krankheitsursachen gab es im Sinne der traditionellen Diätetik, der Lehre von der gesunden Lebensführung, eine Reihe von Faktoren, die als widernatürliche, pathogene Dinge (res contra naturam) angesehen wurden. Die Grundidee war, dass eine krankmachende Substanz: Gifte, Krankheitskeime wie Miasmen und Kontagien, eine schädliche Materie (materia peccans) den Körper bzw. die Körpersäfte verunreinige und das gesunde Gleichgewicht schädige.[7] Wir finden sie bei Winter von Andernach lehrbuchmäßig dargestellt: faulige Erddämpfe und naturwidriger Gestank (entsprechend der Miasmen-Lehre); vergifteter Samen, welcher durch die Luft übertragen werde, oder aber auch Ansteckungsstoffe (entsprechend der Kontagien-Lehre), die durch den Atem des Kranken, seine Berührung oder durch seine ungereinigten Kleider oder Gegenstände übertragen würden. [8] Neben dieser schädlichen Einwirkung von außen gab es auch innere Krankheitsursachen, wie etwa Verstopfung der Adern von Leber und Milz,  Mangel an gutem Essen, Störungen des Geblüts, die „pestilentzisches“ Fieber, böse Feuchtigkeit und rote Flecken hervorrufen würden. Daneben nannte Winter auch die „Verunreinigung der Geister“, die an jene Luftkeime erinnert, die Louis Pasteur erstmals im 19. Jahrhundert experimentell nachweisen konnte: „Wann aber die feule und vergifftung des Luffts / die spiritus oder geister vernunreinigt und entzündt/ welches doch selten geschicht / so můß der mensch also bald sterben / wie dann vor fünffvund zwentzig jaren zů Parß [Paris] in Franckreich ist geschehen worden“. [9]


[1] Agrippa von Nettesheim, 1982, S. 64. [2] J. Böhme, 1979, S. 190. [3] A.a.O., S. 205 f. [4] Klibansky et al., 1990, S. 309. [5] Johannes ab Indagine, zit. n. Klibansky et al, 1990, S. 398. [6] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 2, S. 40-42. [7] H. Schott, 1993 [a], S. 67. [8] Winter, 1564, S. 1 ff. [9] A. a. O., S. 5.


[i] Geissmar, 1993, S. 219 [Abb. 104]; http://www.levity.com/alchemy/kaim-01.html (2.02.2011); → Abb. Hertzens Spiegel Blasebalg [ii] Giessmar, 1993, S. 221 [Abb. 108]; http://www.levity.com/alchemy/kaim-05.html (2.02.2011); → Abb. Hertzens Spiegel Trompeten