# 31. Kap. Imaginatio: Kraft der Ein-Bildung

Die Natur bediente sich in den Augen frühneuzeitlicher Naturforscher der Einbildung (imaginatio), eines magischen Mechanismus, um den Menschen im buchstäblichen Sinne zu beeindrucken, ihm ihr Siegel aufzudrücken. Dieser Vorgang wurde sehr plastisch und handgreiflich vorgestellt: als eine äußeres Bild, das in den Organismus einging und dort seine prägende Wirkung durch eine Verformung des Körpers entfaltete. In dieser Weie ging die Ein-Bildung immer mit einem Ein-Druck (impressio) einher. Imaginatio war bei Paracelsus ein Schlüsselbegriff, in dem psychosomatische, dämonologische und parasitologische bzw. infektiologische Momente ununterscheidbar zusammenflossen. Im Konzept der magia naturalis ging die imaginatio in der Regel von einem äußeren Bild aus, das verinnerlicht wurde, als inneres Bild eine Eigendynamik entwickelte und dadurch auch Krankheiten und Missbildungen hervorbringen konnte. Im ausgehenden 18. Jahrhundert änderte sich dieses Paradigma unter dem Einfluss der Aufklärung grundlegend: Nun bedeutete Einbildung die Projektion eines inneren Bildes auf die Außenwelt, dem jedoch kein äußerer Gegestand mehr entsprach. Die Introjektion wurde nun als Projektion umgedeutet. Einbildung bedeutete nun also Illusion, Wahn, „Grille“ (engl. spleen), Phantasterei. Die „eingebildete Krankheit“, durch das Molière’sche Theaterstück „Der eingebildete Kranke“ popularisiert, erschien dementsprechend als Ausdruck einer Charakterschwäche, eines überspannten Nervensystems, nicht aber als Leiden, das von verinnerlichten Bildern der Außenwelt herrührte.

Am Beispiel der Lehre vom „Zahnwurm“ und ihrer Widerlegung kann dieser Perspektivwechsel verdeutlicht werden. Im frühen 18. Jahrhundert waren „Zahnwürmer“ als Ursache für Zahnschmerzen allgemein anerkannt und wurden von den medizinischen Autoriäten als Tatsachen hingestellt. So empfahl der Pariser Medizinprofessor Nicolas Andry wie andere Ärzte das Räuchern der Zähne mit Bilsenkraut, dann würde man „alsbald aus dem Munde Würmer herausgehen sehen, welche dieser Rauch mit sich in die Luft zöge.“[1] Der Regensburger Prediger Jacob Christian Schäffer, der zahlreiche Studien zur Naturgeschichte verfasste, widerlegte diese Zahnwurmtheorie im Selbstversuch, um „der ganzen Wurmgeschichte den letzten Stoß zu geben“.[2] In seiner 1752 publizierten Aufklärungsschrift zeigte er, dass die angeblichen Zahnwürmer nicht von den Zähnen, sondern vom verbrannten Bilsenkraut stammten. Jeder könne sich selbst davon überzeugen: Man nehme nur „ein glühendes Eisen, lege es auf einen rein polirten Stein, werfe Bilsensaamen auf das glühende Eisen, und decke es schnell mit einem Trichter zu; so wird er gewis die Menge Wurmähnlicher Körper unter diesem Trichter gewahr, aber auch von dem Betruge obgedachter Wunderkuren überzeuget werden.“[3] Der innere Wurm entpuppte sich als Artefakt, der fälschlicherweise mit einem Objekt der Außenwelt identifiziert wurde, indem er in der Vorstellung buchstäblich von innen nach außen projiziert wurde, obwohl er tatsächlich von außen kam. Insofern handelte es sich um einen „eingebildeten“ Wurm.


[1] J. C. Schäffer, 1757, S. 10 f. [2] A. a. O., S. 26. [3] A. a. O., S. 42.

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