31. Kap./1 * Ein-Bildung und Ein-Druck

Die Begriffe imaginatio und phantasía erlangten in der Renaissance eine besondere Bedeutung für die Medizin, insbesondere im Anschluss an den italienischen Arzt und Philosophen Marsilio Ficino.[1]Sie wurden bereits in der antiken Philosophie eingehend  diskutiert, insbesondere von Aristoteles. Zumeist wurden sie benutzt, um die Wirkungen der Dämonen von ihnen abzugrenzen.[2]Ficino stellte sein Modell der fascinatio, der Bezauberung, in seinem Werk „De amore“ vor. Die Strahlen, die jemand aus seinen Augen aussende, könnten jemand anderen, der diese Strahlen durch seine Augen empfange, aus sympathetischen Gründen verzaubern, liebeskrank machen (Kap. 46).[3]Diese Vorstellung, die zugleich die Wirkung des „bösen Blicks“ erklärte, war für die nachfolgenden Diskussionen über die Imagination als Vorgang der natürlichen Magie grundlegend. An den Universitäten und Höfen war die Ambivalenz gegenüber den Zauberkünsten zu spüren. Denn die „scharze Magie“ bediente sich angeblich der fascinatio, um anderen Menschen zu schaden. So enthielt die „Magia naturalis“, eines von Giambattista Della Portas Hauptwerken (Kap. 32), ein eigenes Kapitel, wie man durch die fascinatio besessen werde und wie man sich vor ihr schützen könne.[4]

Das Konzept der Imagination war eng mit dem der dämonischen Besessenheit verbunden. Ein krankmachendes Bild, eine pathogene Idee, konnte wie ein Dämon oder eine Parasit in den Organismus injiziert und von ihm einverleibt werden. In dieser so besessenen Person konnte es seine Kräfte entfalten, es konnte aber von da aus auch auf andere Individuen und sogar auf Naturdinge schlechthin übertragen werden. Die Idee des Magnetismus entsprach dem kosmologischen Konzept der Wechselwirkung zwischen allen „korrespondierenden“ Naturdingen, insbesondere zwischen dem Mikrokosmos Mensch und Makrokosmos Welt. Demnach beeinflussten verborgene Kräfte der Natur, insbesondere der Sternenwelt, den menschlichen Körper. Die magische Medizin wurde benutzt, Kranke durch so genannte magnetische Kuren zu behandeln. Sie sollten die Lebenskraft des Organismus stärken und in ihm akkumulieren. Aber es gab auch destruktive Kräfte des Magnetismus. Sie schwächten die Lebenskraft, saugten sie ab wie Vampire, eine Erfahrung, die bereits in der Antike gemacht, aber erst im 19. Jahrhundert gelegentlich mit dem Begriff „Od-Vampirismus“ belegt wurde (Kap. 26).[5]Die lange Tradition magischer Praktiken und sympathetischer Kuren zeigt die Bedeutung des magnetischen Einflusses als einer medizinischen Idee. Es ist bemerkenswert, dass der Magnetismus als Vektor der Imagination in der Medizin- und Wissenschaftsgeschichtshistoriographie weitgehend ignoriert wurde. Üblicherweise betrachtete man die Imagination aus philosophischer oder psychologischer Perspektive und vernachlässigte dabei die physikalische, substanzielle Gegenseite.[6] Während Imagination im Ausgang von Paracelsus und Johan Baptista van Helmont noch im frühen 18. Jahrhundert mit dem Magnetismus verbunden war, löste sich diese Koppelung endgültig erst im 19. Jahrhundert, wie ein Vergleich von Zedlers “Universal-Lexikon” mit dem Grimm’schen Wörterbuch belegt.[7]

Paracelsus äußerte sich vielfach über die „Imagination“, die wie gesagt seinerzeit eng mit dem  „Magnetismus“ verbunden war. So schrieb er: „[A]ls der ganz himel ist nichts als imaginatio, derselbige wirket in den menschen, macht pesten, kaltwehe und anderst.“[8]Dasselbe treffe auch auf den individuellen menschlichen Organismus, den Mikrokosmos, zu, wofür er die Metapher der inneren Sonne einsetzte: „[N]un was ist imaginatio anderst, als ein sonn im menschen, die dermaßen wirket in sein globum, das ist, do hin sie scheint?“[9] Dies mag an das kabbalistische Konzept der „Schechina“ (Gegenwart Gottes in der Welt) erinnern.[10] Das bis heute wenig aufgeklärte Verhältnis von Paracelsus zur Kabbala wird an anderer Stelle untersucht (Kap. 35). Immerhin unterstrich Walter Pagel die „concordances in detail between the lore of the Cabalah and the teaching of Paracelsus.”[11]

Welche Vorstellung hatte nun Paracelsus vom Zusammenspiel von Imagination und Magnetismus? Zunächst symbolisierte die Anziehungskraft des Magneten die Kraft oder besser gesagt: die Macht der Imagination: „Dan kan der magnes an sich zihen stahel, so ist auch ein magnet do in der imagination, wie ein magnet und ein impressio, wie die sonn und wie der himel, der ein menschen macht in der kraft vulcani.“[12] Paracelsus gab ein „Exempel”, um die Identität von Imagination und Magnetismus zu erläutern. Dabei zog er den Magneten metaphorisch zur Erklärung der Imagination heran: „[D]er magnet zeucht an sich das eisen on hend und füß. Zu gleicher weis wie also der magnet das sichtig an sich zeucht, also werden auch die corpora unsichtig durch die imagination an sich gezogen, nicht das das corpus hinein gang, sonder das get hinein, das die augen sehen und nicht greiflich ist, also die form und die farbe.“[13]Dieser Anziehung oder Einverleibung des Objekts – Paracelsus sprach auch vom „ding“ – durch die Imagination, die wie ein Magnet wirke, folgte die impressio, der Ein-Druck des introjizierte Objekts, genaus so, wie Sonne oder Himmelskörper den Menschen beeindrucken. „Und das herauf kompt in himel, ist imaginatio und wieder herab felt, ist impressio, die geboten ist aus der imagination.“[14] Diese Umkehrung der Bewegung stellt quasi einen Reflexvorgang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos dar. Das Zentrum des Reflexes liegt aber nicht im Gehirn, was der modernen Theorie entsprechen würde, sonden im Gestirn (Himmel). Wir könnten insofern von einem makrokosmischen Reflex spechen, als die (böse) Imagination eines Menschen die Sterne vergiften kann, die dann das Gift auf die Erde zurückschicken und somit Pest und andere Krankheiten verursachen.

In seiner Schrift “De causis morborum invisibilium” (Über die unsichtbaren Krankheiten) benutzte Paracelsus des Terminus imaginatio, um das Leibe-Seele-Verhältnis zu bestimmen: „die imagination ist ein werkmeister in ir selbst und hat die kunst und allen werkzeug, alles was sie gedenken mag dasselbig zu machen, es sei auf kieferei, malerei, schlosserei, weberei etc. zu disen dingen allen ist sie bereit und kunstreich. was get ir nun ab? nichts als allein die kuglen darauf sie es mach, das ist die wand darauf sie mal, was sie haben wil.“[15] Auf diese Weise drücke sich die Imagination der schwangeren Frau direkt auf ihr Kind im Mutterleib ab: „Also ist die frau in irer einbildung der werkmeister und das kind ist die wand, da das werk auf volbracht wird. Nun ist zu reden von der hand der bildunge [sic] die das entwerf, die verstand kurzlich also. Die hand ist unsichtig, auch der werkzeug und sind doch für und für beieinander. […] also verstanden wo der griff der inbildung hingat, da gat der unsichtbar cörpel mit seim werkzeug hin und bauet das, das im in sein gemüt gefallen ist.“[16]

In diesem Kontext definierte Paracelsus die Macht der Imagination als „Glaube“. Dieser sei „wie eins werkmans instrument“, das zu guten wie zu bösen Zwecken eingesetzt werden könne.[17] Der Glaube könne jegliche Krankheit hervorrufen. Paracelsus verglich ihn mit einer Waffe. Krankheit entstehe, wenn die Waffe gegen ihren Urheber gewendet würde. Auch diesen selbstdestruktiven Vorgang, der an die „Affektverkehrung“ in der modernen Psychologie erinnert, erläuterte Paracelsus an einem bildhaften „Exempel“: Er verglich ihn mit einem Mann der ein Gewehr trägt. Die Menschen produzierten ihre Krankheit „in gleicher weis als da ist ein man, der mit allen seinen waffen und geweren wol versorget ist. Und so er sicht ein hinkents menlein gegen im ston mit einer angezünten büchsen, und der groß man fürcht sein geschüz, leßt sich dasselbig erschrecken. also ist es hie an dem ort auch. […] so wir aber in die schweche fallent, so geht die sterke des glaubens wie ein büchs gegen uns und müssen gedulden und leiden was wir auf ein ander werfen.“[18]

Paracelsus nannte den selbstdestruktiven Glauben „Verzweiflung”, die Kehrseite des stärkenden Glaubens, die uns schwach und krank mache. Das Gewehr sei dann gegen uns selbst gerichtet. Diese pathologische Imagination könne sogar eine Seuche auslösen. Die bedeutendste Ursache der Pest sei deswegen die Verzweiflung der Menschen, „das sie den himel vergiften, das er etlichen pestilenz gibt, nach dem ir glaub ist.“[19] Die Imagination bedeutete also dann eine besondere Gefahr, wenn sie mit Verzweiflung gepaart war und in einer Art kosmischem Reflex gegen ihren Urheber zurückschlug.

Paracelsus weitete seine Theorie der Imagination und des Magnetismus auf gesellschaftliche und politische Phänomene aus und erklärte somit massenpsychologische Ereignisse, etwa die Anziehung, die ein Führer auf seine Gefolgschaft ausübt. Gerade in diesem Kontext bediente er sich des Magneten zur Veranschaulichung: „du findest ein man, der kan reden, das im alle welt zulauf, und hört im zu. nu wiß, das das maul ein magnet ist, zeucht an sich die leut in der kraft.“[20] Die machtvoll anziehende Kraft der Rede, des „Mauls“ nach Paracelsus, wurde im Zusammenhang von Hypnotismus und Suggestionslehre zu einem großen Thema der Massenpsychologie um 1900. (Kap. 20) In seiner Abhandlung „Philosophia magna” diskutierte Paracelsus die Wirkung des “rechten Glaubens“, der die stärkende und heilende Imagination befördere.[21]

Diese Meinung wurde auch von dem Paracelsisten Oswald Croll vertreten, der das Phänomen des heute so genannten Placebo-Effekts in seiner Schrift „Chymisch Kleynod“ wunderbar im barocken Deutsch beschrieben hat: „Der Glaub gibt ein Einbildung / die Einbildung aber das Sydus oder Gestirn (vermög deß Matrimonij oder Verehligung mit der Einbildung) den Effect oder das Werck. Den Artzneyen Glauben zustellen / gibt derselbigen Medicin den Spiritum oder Geist: Der Geist aber die Erkenntnuß der Medicin: Die Medicin oder Artzney aber selbst die Gesundtheit: […] Dannenhero dann erfolgt / daß der Medicus oder Artzt auß dem Glauben entspringt: Wie er nemblich geglaubt hat / also hilfft und befördert ihn der Spiritus oder Geist / nemblich der Geist der Natur oder deß Gestirns der Artzney. Der Mensch verrichtet durch den Glauben der Einbildung offtmals das jenige / daß die aller beste Medici mit allen ihren […] Artzneyen nicht vermögen“. Der Begriff der Verehelichung ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert: Einbildung und Gestirn gehen in einer Art medizinischem Coitus zusammen und erzeugen ein besonders wirksames Heilmittel.    


[1] H. Schott, 1998 [a]; Schott (Hg.), 1998, 28-38; Garin, 1988. [2] Le Loyer, 1586 [3] Ficino, 1994, S. 320 ff. [4] Della Porta, 1612, S. 262-80. [5] Spiesberger, 1953. [6]  Trede, 1976; ainusch, 1976, Vietta, 1992. [7] Zedler, Bd. 8, 1734, Sp. 533-537; a. a. O., Bd. 14 , 1735, Sp. 571 f.; Deutsches  Wörterbuch, 3. Bd., 1862, Sp. 152 f. [8] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 311. [9] A. a. O., S. 310. [10] http://de.wikipedia.org/wiki/Schechina (14.12.2011).  [11] Pagel, 1982, S. 217. [12] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 313. [13] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 9, S. 290. [14] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 314. [15] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 9, S. 287. [16] A. a. O., S. 289. [17] A. a. O., S. 265. [18] A. a. O., S. 280. [19] Ebd. [20] A. a. O., S. 363. [21] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 371.

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