# 32. Kap. Effluvia: Wirkmechanismus der Magie

In der Volksmedizin und nicht zuletzt in der Tierheilkunde der frühen Neuzeit waren magische Praktiken gang und gäbe. In christlicher Tradition wurden sie zumeist als heidnische Relikte verurteilt. So zeugen die Meersburger Zaubersprüche von ihrem heidnischen Ursprung. In einem Traktat über die „abgötterischen Sagen“ aus dem 16. Jahrhundert heißt es apodiktisch, nur Gott könne segnen und wer selbst segnen wolle, mache sich zu Gott, „wie Lucifer gethon [getan]“.[1] Magische Behandlungsmethoden waren per se des Teufels, auch und gerade dann, wenn sie sich als wirksam erwiesen. So habe man beim Beinbruch eines Haustiers („viech“, „schaaff“, „hund“) oft ein Stuhlbein verbunden und das Tier unbehandelt gelassen. Dem Tier sei damit oft geholfen worden, das aber „hat der teüffel gethon / damit der mensch betrogen“ würde. Sobald dem Tier nicht mit natürlichen Mitteln geholfen werde, „der teüffel dañ artzet ist.“[2] Der Autor nannte ein weiteres Beispiel für eine teuflisch-magische Prozedur: Eine Hexe verzauberte ein Pferd und übergoss es mit „eyttel wachs“; das habe ein „segner“ gemerkt und das Wachs vom Pferd geschabt, eine Kerze daraus gemacht und mit dieser „vil zauberey vnd segen“ getrieben.

Die Anhänger der natürlichen Magie hatten ein großes wissenschaftstheoretisches Problem zu lösen: Sie mussten die „übernatürlichen“ oder gar „teuflischen“ Einwirkungen als natürliche enttarnen, um sie rational begreifen und bewusst manipulieren zu können. Vor allem musste die Fernwirkung der betreffenden Prozesse einleuchtend erklärt werden. Dabei ging es um Mechanismen und Techniken der Übertragung von Kräften und in der Medizin insbesondere um die Übertragung von Heilkräften oder Krankheiten. Der von der Psychotherapie und Psychoanalyse definierte Übertragungsbegriffs hat insofern eine große historische Reichweite (Kap. 19). Er wurzelt ideengeschichtlich auch im Denken der magia naturalis. Man bediente sich dort des traditionellen Begriffs der „Ausdünstungen“ (effluvia), um diesen geheimnisvollen, unsichtbaren Transfer zu erklären. Dieser Begriff spielte in der Sympathielehre, bereits in der antiken Physiologie Galens, eine wichtige Rolle. Er verdeutlichte die Natürlichkeit der Magie, denn die Ausdünstungen oder Aus-Flüsse, wie effluvia wörtlich zu übersetzen wäre, gingen von den Naturdingen selbst aus, ohne dass Dämonen oder Teufel hierfür nötig seien.


[1] Spretter, 1543, Aiiij; S. 5. [2] A. a. O., S. 5 f.

Advertisements