32. Kap./2 * Fascinatio als Magie des Blutes und des Blicks

Der italienische Philosoph und Arzt Marsilio Ficino benutzte in seinem wirkmächtigen Werk „Über die Liebe oder Platons Gastmahl“ (De amore) den Begriff fascinatio (Bezauberung), um die sympathetischen Beziehungen, welche die Liebe zwischen zwei Menschen stiftet, wissenschaftlich zu erklären. Es sei dahingestellt, ob wirklich die magischen Rituale der Kirche, die neben sich keine anderen wie die Heilige Messe mit Weihrauch, Kerzenlicht und Transsubstantiation dulden wollte, die wichtigste Quelle für Ficinos Zugang zur Magie gewesen sind.[1] Seine wichtigste philosophische Quelle war sicherlich Plato. Die betreffende Kapitelüberschrift in „De amore“ lautet: „Die gemeine Liebe ist Bezauberung“ (Amoris vulgaris est fascinatio quedam), wobei Ficino generell die so genannte gemeine Liebe als eine Art infektiöse Liebeskrankheit auffasste: „Daß […] der Strahl, welcher von den Augen ausgeht, den Dunst der Lebensgeister mit sich führt, und daß dieser Dunst [vapor] wiederum das Blut mit sich nimmt, können wir aus der Tatsache erkennen, daß diejenigen, welche die kranken und geröteten Augen anderer scharf ansehen, durch die von den kranken Augen ausgehenden Strahlen leicht augenkrank werden. […] Stellet euch Phaidros aus Myrrhinus vor und den Redner Lysias aus Theben, welcher in jenen verliebt ist! … [Phaidros] richtet scharf nach den Augen des Lysias die Funkenstrahlen seiner Augen und entsendet zugleich mit ihnen gegen Lysias den Lebensgeist. Bei dieser gegenseitigen Begegnung der Augen […] verbindet sich der Lebensgeist des einen mit dem Lebensgeist des anderen. Der Dunst des Lebensgeistes, welcher von dem Herzen des Phaidros erzeugt war, strebt sogleich eilends nach dem Herzen des Lysias, verdichtet sich durch die feste Substanz von dessen Herzen und wird wieder zu Blut, und zwar zu dem, was es ursprünglich war, nämlich dem Blute des Phaidros. […] Phaidros kann sich nicht von Lysias trennen, weil sein Herz seinen Saft zurückverlangt, und Lysias nicht von Phaidros, weil der Blutsaft in seinen eigentlichen Behälter und an seinen Ort zurückkehren möchte. […] Wie also das Eisen zu dem Magnetstein hingezogen wird, nachdem es dessen Eigenschaft angenommen hat, selbst aber den Stein nicht anzieht, so schließt sich eher Lysias an Phaidros an, als Phaidros an Lysias.“[2]

Anmerkung vom 4.05.2016

Der romantisch inspirierte Dichter Friedrich Rückert hat diese  gefährliche Faszination durch den Augen-Blick in Verse gefasst. Siehe mein Supplementary News Blog.

Der niederländische Professor für Geschichte der hermetischen Philosophie Wouter J. Hanegraaff hat Ficinos Faszinations- und Liebeslehre im Hinblick auf dessen Biographie genauer untersucht.[3] Er kommt zu dem Ergebnis, dass Ficinos Ideal der „Sokratischen Liebe“ von starken homoerotischen bzw. homosexuellen Regungen unterminiert war, wovon seine Liebesbriefe an den jüngern Freund Giovanni Calcanti Zeugnis ablegen würden. Insofern habe Ficino mit „De amore“ den Versuch unternommen, mit seiner persönlichen Liebesaffäre fertig zu werden.[4] Hanegraaffs luzide Analyse leuchtet ein, soll hier aber nicht weiter verfolgt werden.

Anmerkung zur „fascinatio“ als Vorgang (homo)erotischer Anhziehung: Stefan Zweigs Beschreibung in „Verwirrung der Gefühle“. 

Näheres siehe mein supplementary Blog.

In dieser Kombination von Simile-Magie und Humoralpathologie lieferte Ficino eine naturphilosophische Begründung für die seit der Antike (Aristoteles) existierenden Vorstellung von der durchdringenden, faszinierenden Macht der Augenstrahlen, des „Augenlichts“, die noch im 19. Jahrhundert (und später) von Mesmeristen als „Faszinationsmethode“ technisch eingesetzt wurde, um den magnetischen Schlaf zu induzieren. Auch in unserer Zeit gibt es noch vereinzelt Hypnoseärzte, die mit der direkten (quasi mesmeristischen) Faszinationsmethode, sozusagen Aug’ in Auge, arbeiten. Die bösartige Variante dieser  Faszination durch die Augen wäre der „böse Blick“ (ital. mal occhio; span. mal ojo; engl. the evil eye), dem wohl in allen Kulturkreisen und zu allen Zeiten gesundheitsschädigende Wirkung zugeschrieben wurde.[5] Als Beispiel sei hier der Braunschweiger Arzt Johann Nicolas Martius zitiert, der sich auf die Alltagserfahrung berief, als er 1724 schrieb: „Daß nun mit den Augen Verzauberungen beygebracht werden können, solches bezeuget die traurige Erfahrung zur Gnüge. Denn ob gleich die Gesicht-Strahlen aus denen Augen nicht heraus gehen, so fliessen doch die Effluvia  heraus, welche, wenn sie aus Neid und Mißgunst entstehen, und durch die Intention auf ein gewisses Objectum gerichtet werden, ihre schädliche Gewalt daselbsten ausstreuen. Es giebt auch Menschen, deren Leiber mit so grosser Malignität behafftet sind, daß, so sie schon keine Gemeinschafft mit dem Satan, und keine Intention zu schaden haben, doch ihre Effluvia denenjenigen, so bey ihnen stehen, den größten Schaden zufügen […]. Darum lassen die Chirurgi nicht einen jeden Menschen die Wunden beschauen, sintemahl sie observiret, daß durch die bösartigen Ausflüsse der Augendie Zusammenheilung sehr verhindert worden.“[6]

Der „böse Blick“ stellt wohl die bekannteste Form des Schadenszaubers dar, der in allen Zeiten und Kulturkreisen zu beachten ist. So kann man heute noch weltweit Amulette mit Augenmotiv zur Abwehr des bösen Blicks kaufen, etwa in der Türkei oder in Japan. Er wurde als schlimmer Störfaktor im sozialen Leben empfunden. Nach antiker Auffassung sollte der Neid die Körpersäfte reizen und zu schädlichen, ja mitunter tödlichen Ausdünstungen über die Augen führen, prinzipiell also nach demselben Mechanismus wie bei Ficino oder Martius (siehe oben). Plutarch vertrat die Meinung, dass manche Menschen so häufig Neid empfänden, dass sie den bösen Blick schon eingeübt hätten.[7]Die Etymologie des „scheelen Blicks“ zeigt diese fatale Assoziation von „schielend“, „krumm“, „böse“, „missgünstig“, wobei noch im 17. Jahrhundert die Aussdrücke „Scheelsucht“ bzw. „scheelsüchtig“ gebräuchlich waren.[8] Entsprechend heißt es im Matthäus-Evangelium nach der Lutherübersetzung: „Siehst du darum so scheel, daß ich so gütig bin? [9] In Zedlers Universal-Lexikon wird das Bibel-Zitat folgendermaßen erläutert: „Nach dem Griechischen heißt es: Ist dein Auge böse, weil ich gut bin? Die Augen sind es gar sonderlich, woraus die innerlichen Gemüths-Bewegungen, vornehmlich Neid und Zorn, ihre Strahlen schießen lassen.“[10] Offenbar spiegelt sich in der Lehre vom bösen Blick die Erfahrung einer alltäglichen Magie im menschlichen Zusammenleben wider: Die Vergiftung durch Neid und Missgunst, quasi eine Infektion durch direkten Augen-Blick, die unmittelbarste Form des Schadenszaubers.

In der „Christlichen Mystik“ setzte sich der katholische Publizist Joseph Görres im Kapitel „Das böse und das gute Auge“ mit dieser Problematik auseinander.[11] Er hielt den bösen Blick für eine Ausstrahlung von tödlichem Gift. Der Tod könne in „magischer Infection […] seine verderbende, vergiftende Wirkung“ offenbaren. Görres referierte hierzu eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert aus Spanien: „Ich habe einen Mann gesehen, der ein also süchtiges Auge hatte; da er nun die Leute krank machte, wenn er sie mit diesem Auge ansah, so zwang man ihn, es mit einem Pflaster zu bedeckcn; denn das andere war bei ihm unschädlich, und hatte nichts Giftiges. Wenn er manchmal bei seinen guten Freunden war, so brachte man einige Hühner herbei; hierauf sagte er: sucht euch eines aus, das ihr wollet todtgehen sehen. Zeigte man nun auf eins, dann blickte er das Huhn starr an, und man sah es darauf bald einigemal im Kreis herumtaumeln, und in kurzer Zeit todt darnieder fallen.“[12] Eine entsprechende Geschichte habe der französische Arzt Peter Borell im 17. Jahrhundert berichtet: Er sei in seiner Praxis Menschen begegnet, „aus deren Augen so giftige Ausflüsse sich entwickelten, daß sie nicht allein die Milch in den Brüsten der Säugammen vertrockneten, sondern auch die Blätter an den Bäumen und die Früchte versehrten, die man erdorren und abfallen sah“.[13]


[1] Walker, 1975, S. 36. [2] Ficino, 1994, S. 320-329 (4. Kap., 7. Rede ). [3] Haangraaff, 2008. [4] Ebd., S. 192. [5] Hand, 1980. [6] Martius, 1724, S. 108 f. Johann Nicolas Martius: Unterricht von der Magia Naturali […], Frankfurt; Leipzig: Nicolai, 1724, S. 108 f. [7] http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ser_Blick (12.01.2008).[8] Etymologisches Wörterbuch, 1993, S. 1187. [9] Lutherbibel 1912: http://www.bibel-online.net /buch/40.matthaeus/20.html#20,15 (4.03.2008). [10] Zedler, Bd. 34, 1741, Sp. 1066. [11] Görres, 1836-1842, 3. Bd., S. 288-296. [12] Zit. ebd., S. 288 f. [13] A. a. O., S. 280.

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