32. Kap./3 * Wunderwerke der Natur und der Technik

Die mechanischen Schöpfungen, insbesondere die Erfindung von Automaten, schufen eine eigene Art von Wunderwerken, die als Produkte der magia artificialis denen der magia naturalis als weißer Magie nachempfunden waren, was „einer ‚Selbstreinigung’ im Rahmen wissenschaftlichen Denkens“ gleichkomme, wie der Theaterwissenschaftler Jan Lazardzig anmerkte.[1] Dabei stand bei den diversen Maschinen, wie sie neben anderen Autoren auch von dem gelehrten Jesuiten Kaspar Schott vorgestellt wurden, weniger der Nutzen im Vordergrund des Interesses, als vielmehr die bewundernswürdige, automatisch anmutende Leistung.[2] So wurden nach Lazardzig mit jeweils unterschiedlichen Zielen „Nutzen und Unterhaltung in der magischen und in der mechanischen Literatur am Objekt der Maschine miteinander verklammert.“[3] Beispielhaft waren die Grottenmaschinerien von Salomon de Caus, die im Garten des Heidelberger Schlosses (Hortus palatinus) untergebracht waren und wundersame Wasserspiele ermöglichten.[4] In der wahrscheinlich vom Kupferstecher Matthaeus Merian illustrierten Publikation „Hortus Palatinus“ werden die Anlagen genauer beschrieben.[5] Merian schuf zwischen 1717 und 1720 auch das große Panoramabild von Heidelberg und pries den gerade angelegten Schlossgarten („newe Garten“) „mit schönen kunstreichen Grotten, Brunnen und Wasserwercken“ mit den Versen: „All Wunderwerck der Welt v[o]r diesem Gart sich neigen, in welchem die Natur all ihr Kunst thut erzeigen.“[6] Auch Theatermaschinen nach dem antiken Vorbild des deus ex machina erlebten in dieser Zeit einen Aufschwung. Bei den spektakulären Maschinen trat ihr Nützlichkeitsanspruch gegenüber ihrem Unterhaltungswert immer mehr in den Vordergrund. Die Abhandlung „Mathematical Magick: Or the Wonders That may be perforemd by Mechanical Geometry“ von John Wilkins, dem Gründungsmitglied und ersten Sekretär der Royal Society, ist hier zu erwähnen, deren Titel er folgendermaßen begründete: „Diese gesamte Abhandlung nenne ich Mathematische Magie, da die Kunst solcher Mechanischen Erfindungen, wie sie hier hautpsächlich behandelt wird, dereinst so verstanden wurde. Ferner in Anlehung an die allgemeine Auffassung, die normalerweise alle solche merkwürdigen Operationen der Kraft der Magie zuordnet, aus welchem Grund die Alten diese Kunst als Mirandorum Effectrix [wundersamen Auslöser] bezeichnet haben.“[7]

Auf einer Illustration von Wilkins kann man das Inaneinadergreifen von natürlicher Magie und technisch produziertem Wunder erahnen. Wir sehen einen mit Zahnrädern bestückten Apparat, dessen unteres Ende mit einem Flaschenzug versehen ist, womit er einen großen Baum entwurzelt. (Abb. [i]) Diese Maschine wird durch ein Windrad auf dem oberen Rahmen angetrieben, auf das drei Kräfte einwirken. Folgen wir zunächst der Interpretation von Lazardzig: Die Flügel des Windrads werden von oben durch einen Faden angetrieben, den die Hand Gottes hält; der Windgott Äolus treibt sie von links mit seinem Atem an, und von rechts weist eine Hand mit einem Zeigestab auf das Windrad, das in Form von aufgeblätterten Buchseiten erscheint. Doch, so möchte ich fragen, stellt der Zeigestab wirklich Demonstrationsinstrument dar, gehört die Hand von oben wirklich zu Gott und ist der Männerkopf mit aufgeblasenen Backen wirklich Äolus? Der Faden von oben könnte die Verbindung dieser magisch anmutenden Maschine mit Göttlichem symbolisieren, eine Art Goldene Kette (catena aurea), die Himmlisches und Irdisches miteinander in Beziehung setzt, götttliche Kraft und irdische Mechanik, wobei das Windrad als ein Medium fungieren und die Stelle der Natura einnehmen würde. Diese Interpretation liegt vor dem Hintergrund der magia naturalis nahe. Sie entspricht aber keineswegs der expliziten Vorstellung des Autors!

Denn John Wilkins wollte hier nicht die Wunderkraft Gottes oder der Natur, sondern die der „mechanischen Geometrie“ demonstrieren. Jedermann könne mit Hilfe der Maschine wie Samson übermenschliche Kräfte gewinnen – mit nur einem einzigen Haar die größte Eiche entwurzeln: „[…] by these Mechanical contrivances, it were easie to have made one of Sampsons [sic] hairs that was shaved off, to have been of more strength than all of them when they were on. By the help of these arts it is possbile (as I shall demonstrate) for any man to lift up the greatest Oak by the roots with a straw, to pull it up with a hair, or to blow it up with his breath.”[8] Dank der mathematischen Magie sei es jedermann möglich, mit einem Haar, einem Atemstoß oder einem Strohhalm ungeheure Kräfte zu entfalten. Der Mensch, und nicht mehr die Natur oder Gott waren nun die Ursache für das Wunderwerk. So verwandelt sich im Selbstverständnis des Autors die göttliche Hand aus den Wolken in eine menschliche, der blasende Windgott in einen Atem ausstoßenden Menschen und der magisch anmutende Zeigestock in einen schlichten Strohhalm. Das neue Programm war klar: Magische Wunder sollten in eine Wunder wirkende Mechanik überführt werden. Was war faszinierender als die Möglichkeit, mit einem einzigen Haar einen Windenapparat mit Zahnrädern so in Gang zu setzen, dass damit beispielsweise ein Mann hochgezogen werden konnte? Dies sei „evident“, meinte Wilkins, wenn man seine Konstruktion eines mechanischen Gewichthebers betrachte. (Abb. [ii]) Diese seltsame Mischung aus göttlicher und menschlicher Hand, die einen wunderbaren technischen Vorgang dirigiert, lässt sich als Bildmotiv in der naturwissenschaftlichen und medizinischen Literatur bis in die Zeit um 1800 verfolgen, insbesondere im Kontext der Elektrizitätslehre und der „elektrischen Medizin“ (Kap. 22). Die betreffenden Illustrationen zeigen immer wieder Hände aus einem nebulösen Nichts kommend, die mit diversen Instrumenten wie Elektrisiermaschinen, Konduktoren, die wie Zauberstäbe aussehen, oder Pendeln merkwürdige und teilweise belustigende elektrische Effekte demonstrieren bzw. in Gang setzen.


[1] Lazardzig, 2008, S. 114. [2] A. a. O., S. 116. [3] A. a. O., S. 122. [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Hortus_Palatinus (9.07.2011). [5] Hepp, 1993, S. 59-64. [6] Zit. a. a. O., S. 48. [7] Zit. n. Lazardzig, 2008, S. 126. [8] Wilkins, 1680, S. 96.


[i] Lazardzig, 2008, S. 131; Wilkins, 1680, S. 98; → Abb. Wilkins 1680 [ii] Wilkins, 1680, S. 88; → Abb. Wilkins 1680 Gewichtheber

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