32. Kap./5 * Magia naturalis als „Wunder-Kunst“

In der akademischen wie in der Popularmedizin der frühen Neuzeit waren zahllose diagnostische und therapeutische Methoden gebräuchlich, die der magisch-sympathetischen Heilkunde zuzurechnen sind. Häufig wollte man verborgene Wahrheiten entdecken oder geheime Beeinflussungen vornehmen. Konrad von Megenberg, der bekannte Autor theologischer und naturkundlicher Schriften aus dem 14. Jahrhundert, schilderte einen magnetischen Test zur Feststellung der ehelichen Treue der Ehefrau. Wenn jemand wissen wolle, ob seine Frau eine Ehebrecherin sei oder nicht, solle er ihr einen Magnetstein während des Schlafs unterschieben. Wenn sie fromm ist, „so vmfecht sy iren man mit den armen im schlaff“, ist sie aber falsch, so falle sie vom Bett, als ob sie jemand herunterstoße.[1] Auch die Traumdeutung konnte entsprechend eingesetzt werden. Träume könnten nach Konrad von Megenberg Zustände des Körpers anzeigen. Wenn z. B. jemand von Regen und Wasser träume, habe er viele Feuchtigkeit in seinem Leib. Es gebe aber auch Träume, die kämen „von gedancken dye der mensch wachendt hat. vnnd auch ettlichen von dem einblasens des göttlichen geystes. Vnnd ettlichen von dem einblasens des bösen geystes.“[2] Die von ihm propagierte Lithotherapie umfasste einen langen Katalog von Steinen, deren jeweilige Heilwirkung angezeigt wurde. So sollte der Ametist gegen Trunkenheit wirken, „vertreibt die bösen denck“, „pringt gůte vernunfft“.[3]

Noch um 1800 war die magia naturalis ein Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses. Vor allem sollte die Idee der effluvia die magischen Wirkungen erklären. So stützte sich der Theosoph und gelehrte Schriftsteller Karl von Eckartshausen in seiner kurzen Abhandlung über die Wünschelrute auf die Lehre von den effluvia, um ihre magischen Ausschläge im Sinne des Okkultismus zu erklären.[4] Er ging von dem bekannten Grundsatz des Aristoteles aus, dass nichts auf einen Gegenstand wirken könne, ohne ihn zu berühren. „Nur kommt es auf die Art dieser Berührung an, und hierin steckt das Unbegreifliche, Unauflösliche so vieler Naturwunder. Oft ist unser Geist zu träge im Beobachten und Nachforschen, unsere Sinne zu stumpf und langsam, um die Feinheit, Geschwindigkeit und Tausendfältigkeit der Art, wie die Körper sich einander berühren, auf sich wirken, bemerken zu können.“[5] Im Grunde begegnen wir hier dem klassischen Argument, womit scheinbar übernatürliche Wirkungen immer wieder mit der natürlichen Magie erklärt wurden: unsere Sinne seien zu schwach bzw. das Agens zu fein, um ohne weiteres – sozusagen objektiv – seine Einwirkung fassen zu können. So griff von Eckartshausen auf die Lehre von den effluvia oder „Dünsten“ (genauer gesagt: Ausdünstungen) zurück: „Die Art der Berührung der Körper geschieht mittels der Dünste, die aus selben aufsteigen, und der Atmosphäre von Dünsten, die jeden Körper umgibt. Hierin liegt auch das Geheimnis der Wünschelrute.“[6] Die Wünschelrute wurde von jeher als Zauberinstrument angesehen, mit dem man nicht nur Bodenschätze auffinden, sondern auch böse Menschen oder versteckte oder verlorene Gegenstände ausfindig machen wollte. Entsprechende Zaubersprüche sollten ihre Wirkung verstärken.[7]

Doch kehren wir zur frühen Neuzeit zurück, als das Konzept der magia naturalis entfaltet wurde. Zwei Autoren, beide italienische Naturforscher und Ärzte, sind hier von besonderer Wichtigkeit: Giambattista Della Porta und Gerolamo Cardano. Der Neapolitaner Universalgelehrte Della Porta veröffentlichte erstmals 1558 sein Werk, das ihn berühmt machte und dessen Kurztitel „Magia Naturalis“ diesen epochalen Schlüsselbegriff der Wissenschaftsgeschichte prägte. Sein Werk erlebte bis ins 18. Jahrhundert hinein zahlreiche erweiterte Auflagen und Übersetzungen. Im Folgenden wollen wir uns an der deutschen Übersetzung von Christian Knorr von Rosenroth orientieren, die 1680 in Sulzbach erschien, einer damaligen Hochburg des gelehrten Diskurses über Naturphilosophie, Alchemie und Kabbala.[8] Das siebte Buch des ersten Teils handelt „Von den wunderbaren Würckungen des Magneten“.[9] Es zeigt exemplarisch, wie wichtig der Magnet − als physisches Instrument wie als naturphilosophisches Symbol − für die Geschichte des Magnetismus im Kontext von Medizin und Naturphilosophie war, die vor allem von Paracelsus initiiert wurde (Kap. 31).

In seiner „Magia Naturalis“ stellte Della Porta die These auf, „[d]aß zwischen dem Eisen und Magneten eine grössere Liebe sey / als zwischen einem Magneten gegen den andern.“[10] Ein praktisches Experiment sollte dies beweisen: „Wenn ein Magnet ein ander Stück Magnetstein an sich gezogen und hält / und man allgemach ein Eisen herbeybringet / so bald dieses in den Krafft-Kreiß kömmt / so läst der Magnet den Magnetstein fallen / und nimmt das Eisen an sich. Wenn er aber ein Eisen angefasset hat / so wird kein Magnet so viel ausrichten / daß er dasselbe aus seiner Umarmung loß liesse.“[11] Der Magnet sollte sich auch als Liebesmittel eignen und eventuell als Testinstrument eingesetzt werden. Das folgende Zitat belegt die typische Assoziation der Magnetwirkung mit Sympathie und Antipathie bzw. Liebe und Hass („Feindschaft“): „Denn aus dieser wunderbaren Krafft das Eisen an sich zu reissen und zu reitzen / haben sie [unsre Vorfahren] ihn unter die Arten der Venus und Liebe gerechnet: Als wenn sie beyde einander lieb hätten / und solche unbesonnene Liebe sich nicht eher bändigen liesse / biß sie einander umarmet. Dahingegen / weil sei sahen / daß wenn sie einander den Rücken kehren / sei einander dergestalt hasseten / als könnte keines das andre leiden / und verstosse eines das andre von sich / so haben sie dabey vermeinet / daß auch ein Samen der Feindschafft in ihme steckte.“[12] Auch Della Porta verwies auf jenen Magnettest zur Entdeckung weiblicher Untreue, den bereits Konrad von Megenberg empfohlen hatte (siehe oben) und der auch von dem 1123 verstorbenen „Marbodeus“ (auch: Marbodius oder Marbodus) beschrieben worden war. Dieser war Bischof von Rennes und trat als Dichter in Erscheinung.[13]

„Er [der Magnet] kann die Männer auch zu ihren Weibern fügen /

Und machen daß Weiber treu bey ihren Männern liegen.

Denn welcher Mann sein Weib ihm nicht meint treu zu seyn /

Der leg’ ihr unters Haupt im Schlaffen diesen Stein.

So wird sie / wenn sie keusch / auch schlaffend um ihn fallen:

Die aber heimlich buhlt mus aus dem Bette prallen /

Als stiesse man sie raus, dieweil ein Stanck ensteht /

Der ihre Tück entdeckt / und aus dem Steine geht.“[14]

Deshalb, so Della Porta, hätten die Alten die Venus oft in den Magnetstein schneiden oder aus Magnetstein abbilden lassen, gemäß dem Diktum des römischen Dichters Claudian: Venerem magnetica gemma figurat”(„solls aber Venus sein / so bildet sie ein Magnet in seinem edlen Stein).“

Bemerkenswert ist die Erläuterung des Begriffs „Magie“ durch den Übersetzer Christian Knorr von Rosenroth: Die „Magia“ könne „auf teutsch gar füglich mit dem Namen der Wunder-Kunst benennet werden“.[15] Dementsprechend hatte Della Porta durchaus menschliche Wunderkünste im Blick, wie u. a. die Arzneimittelherstellung, die Schminkkunst („Von Schmincken / und andern Kunst-Mitteln zur Weiber-Zier“), die Kunstfeuer und die Koch-Kunst. Ganz zum Schluss  schilderte Della Porta unterschiedliche Kunststücke, Tricks und Betrügereien:  „Wie das See-Wasser zuzurichten / daß man es trincken könne“ (1. Kap.); „Wie man Wasser aus der Lufft machen könne“ (2. Kap.); „Wie man Gesicht und Gestalt verstellen könne (3. Kap.); „Daß sich die Steine von sich selbst bewegen“ (4. Kap.); wie weit man mit einem „Kunst-Rohr“ hören könne (5. Kap.). Besonders interessierten ihn betrügerische Künste, etwa „Wie man durch allerley Betrug ein und andre Sachen am Gewicht zu vermehr[en] pflege“ (6. Kap.). Angeblich wollte er hier aufklärend wirken und mitteilen, wie man sich vor Betrügereien schützen könne. Gleichzeitig aber verriet er auch die betrügerische Zauberkunst. So gab er eine offenbar gängige Betrugsmethode an: Um Honig zu vermehren „mischen sie Castanien-Mehl oder Mehl von Hirse drunter / so wird es dergestalt gemehret / daß manns nicht mercken kan.“[16] Schließlich berichtete er auch von „etlichen mechanischen Kunst-Stücken“, die an Lausbubenstreiche erinnern, wie dem mit einem „fliegenden Drachen“: „Etliche stellen eine Laterne darauf / daß es scheinet als wär es ein Comet. […] Etliche binden eine Katze / oder jungen Hund drauf / daß man etwas in der Lufft schwebendes solle schreyen hören“.[17]


[1] Megenberg, 1499, Ciij [v]. [2] Megenberg, 1499, Ciiij [v]; http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=inkunabeln/45-1-phys-2f (26.02.2011). [3] Megenberg, 1944, Biii [v]. [4] Eckartshausen, 1922, S. 7-29. [5] Ebd., S. 17 f. [6] A. a. O., S. 19. [7] Eis, 1964, S. 145-157. [8] Della Porta, 1680, Theil 1. [9] Ebd., S. 890-990. [10] Ebd., S. 933 f. [11] A. a. O., S. 934. [12] A. a. O., S. 985. [13] http://en.wikipedia.org/wiki/Marbodius_of_Rennes (3.03.2012). [14] Zit. n. Della Porta, 1680, Theil 1, S. 986. [15] Della Porta, 1608, Theil 2, S. 2. [16] A. a. O., S. 849. [17] A. a. O., S. 875.

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