32. Kap./6 * Subtilität und Zaubertricks

Kommen wir nun zu einem eine Generation älteren Zeitgenossen Della Portas. Der italienische Naturforscher und Arzt Gerolamo Cardano (Hieronymus Cardanus) setzte sich in „De rerum varietate“, seinem Hauptwerk neben „De subtilitate“ (siehe unten), mit der magia naturalis als einer Methode der natürlichen Aufklärung auseinander.[1] Der Untertitel der deutschen Übersetzung lautet: „Das ist: Eine geheimnußreiche / scharpffsinnige erkundigung der Natur.“ Die Magie sei „so natürlich“.[2] Im Kapitel „Von der natürlichen MAGIA und Wahrsagung“[3] unterschied er zwei Wirkungsweisen („zweyerley werck“) der Magia: die Veränderung der Dinge und die der Sinne. Die Dinge könnten „in dieser Kunst […] durch ein verborgene natürliche ursach“ selbst verändert werden, so auch die Sinne. Als Beispiel führte er die Cohoba-Pflanze aus Indien an. Menschen würden davon wahnsinnig werden: „also daß man vermeynet / diese sagen wahr auß des Teufels eyngeben: doch sagen sie nicht wahrhafftige ding / sondern dunckel / unnd ungewisse / oder liebkosen diesem / von dem sie gefragt werden.“ Die Wirkung komme aus der Pflanze, nicht vom Teufel: „Darumb ist eine natürliche krafft in der Artzney / nicht daß sie lehre / sondern daß sie die Menschen von ihren Sinnen bringe.“[4]

Ein weiteres Bespiel für die Erklärungskraft der magia naturalis lieferte nach Cardano die Schatzsuche mit Kerzen aus Menschentalg. Kerzen aus „Menschen unschlet gemacht und angezündet“ würden durch Geräusch oder Getöse anzeigen, wo ein Schatz vergraben sei und sogar in dessen unmittelbarer Nähe ausgelöscht werden. „Wann dieses wahr ist / geschicht es auß einer Sympathia unnd mitleidenden Natur. Dann das unschlet ist auß dem Geblüt / unnd ist aber das Blut ein Sitz der Seel und leblichen Geystern / welche beyde / weil der Mensch lebt / ein begierd zu Gold unnd Silber haben / unnd deshalben auch das Geblüt betrüben.“ Die Erklärung ist also relativ einfach: Die Gier des Menschen nach Edelmetall ist auch seinen Körpersubstanzen, die von seinem „Geblüt“ imprägniert sind, eigen. Da ein „Hispanier“ aber ohne alle Kerzen einen verborgenen Schatz gefunden habe, gebe es keine gewissere Rechnung, als die, die aus „Gründen der Weißheit“ kommen. Im Hinblick auf die Wünschelrute meinte Cardano, am sichersten sei der Erfolg, wenn sie von den natürlichen Dingen genommen werde, nämlich von dem Haselnussstrauch („weitnuss“). Auch der Magnet „zeigt die warheit an“.[5]

Cardano unterschied im Kapitel „Von Wahrsagen und Prophecey“ neun Wege „wahr zu sagen“, die im 16. Jahrhundert allgemein anerkannt waren und ähnlich auch bei Paracelsus zu finden sind.[6] Neben dem mathematischen („Himmels lauff“), dem künstlichen („in der Artzney / Atrologey / Physionomey / Schiffkunst / und Ackerbaw“) und dem wunderbarlichen Weg („auß den Geburten / Eyngeweiden / Blitzen / Vogelgeschrey / Zeichen am Himmel / Erbiden [Erdbeben]“) nannte er auch den Fall, „[w]ann einer durch ein Betrug die wahrheit erfahret“ – indem man den Schlafenden einen  Magneten untergelegt, damit sie „die Heimlichkeiten sollten offenbaren“. Die „eigentlichen“ Wahrsagekünste seien freilich mit „reinem Hertzen“ von Gott zu erbitten und durch ein Gebet, um eine Botschaft im Traum zu gewinnen, oder durch die Wasserschau von Kindern oder schwangeren Frauen zu erreichen. Auch könne man durch ein reines Gemüt als Spiegel zukünftige Ereignisse voraussehen und schließlich auch weissagen, wenn man in „ein Klufft oder Hüle [Höhle] gehet“. Hier verwies Cardano auf die „Trophonien“, die durch Dampf aus der Erde ermöglichten Orakel von Jungfrauen im griechischen Kult des Gottes Trophonios.

Cardano wollte mit dem Begriff der subtilitas die Geheimnisse der Natur aufdecken, wie der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker William Eamon formulierte: „The concept of subtlety was supposed to make natural secrets more intelligible.[7]Dabei orientierte er sich vor allem am Aristotelismus der Renaissance, während Neuplatonismus und Stoizismus eine untergeordnet Rolle spielten.[8] Er weitete die aristotelische Seelenlehre aus, da er annahm, dass die Elemente selbst zumindest minimal leben, also auch beseelt seien.[9] Ihre Lenkung geschehe durch eine himmlische Instanz, nämlich die Weltseele. Insofern sei auch die einzelne Seele zu den natürlichen Dingen zu zählen, die der Himmelswärme bedürfe: „Es ist allen Dingen gemeinsam, daß sie frei von jeder eingeborenen Wärme sind, es gibt nämlich keine andere Wärme als die vom Himmel und deshalb von der Seele oder vom Licht.“[10] Somit kann die Weltseele die Himmelswärme benutzen, um die Weltkörper zu lenken, so dass alles Leben eine „kosmologische astrologische Bindung an die Himmelswärme“ erhält, wie Ingo Schütze in seiner Spezialstudie dargelegt hat.[11] Für Cardano war die Himmelswärme identisch mit der Weltseele und da die Wärme früher als die Seele sei, könne diese nur selbst Wärme sein.[12] Damit habe er „den Rahmen des Aristotelismus“ verlassen, stellte Schütze fest. Der Einfluss der Stoa, der die Wärme des Kosmos als allgemeines Lebensprinzip galt, das sie als pneuma bezeichnete, werde deutlich. Im Unterschied zur Stoa war die Himmelswärme bei Cardano jedoch nicht feuerhaft gedacht.[13]

Die Identifikation der Seele mit dem calor coelestis, die Galen vornahm, geht auf Hippokrates zurück. Für Cardano wie für Aristoteles war das pneuma das formende Prinzip. Aber während es Cardano auf die Himmelswärme zurückführte, sah es Aristoteles „im Samen eingeschlossen“.[14] So habe Letzterer die Enstehung des Lebens auf das pneuma zurückgeführt, „in Analogie zum Element der Sterne“ und die Seele mit Sternenwärme gleichgesetzt.[15] Für Cardano dagegen war die Himmelswärme entscheidend, da er annahm, „daß ein in einem Samen angelegtes Lebewesen nicht durch dessen natürliche Wärme und seinen Spiritus hervorgebracht wird, sondern der Himmelswärme bedarf.“[16] Insofern ging Cardano weit über Aristoteles hinaus. Er nahm an, dass alles mit dem calor coelestis Vermischte beseelt sei und insofern entstehe und vergehe. So gebe es nach Cardano „keine anorganische Natur“.[17] Letztlich seien alle natürlichen Dinge in der Weltseele verankert. Die Himmelswärme sei nicht mit dem irdischen Feuer zu verwecheln. Nur die Erstere könne den Subtilisierungsprozeß bewirken und damit die Entstehung von Substanzen herbeiführen.

Im Unterschied zu Paracelsus kann man bei Cardano wohl von einer „rationalen, d. h. nüchtern beobachtenden Alchemie“ sprechen.[18] Er ordnete die Alchemie den mechanischen Künsten zu, für ihn war die „ars destillatoria“ eine besondere Handwerkskunst neben anderen. Als Quintesssenz nahm er – in aristotelischer Tradition – den Äther an. Diese feinste Substanz sollte aus dem „brennenden Wasser“ − dem Weingeist (aqua ardens) −, das „durch die zurückgehaltene Feinheit duftend wird“, herausdestilliert werden.[19] Äther habe dann eine lebenserhaltende Wirkung und gewähre „wahre Jugend“. Cardano kritisierte die Alchemie als Goldmacherkunst und versuchte, die traditionelle alchemistische Theorie von der Metallveredlung zu widerlegen, insbesondere die Lehre, wonach die Metalle aus Sulphur und Quecksilber entstünden.[20] Seine Argumentation gegen die alchemistische ars transmutatoria stützte sich auf seine These von der Subtilität des Goldes, das nicht durch das Feuer hergestellt werden könne, sondern nur auf natürliche Weise durch die Himmelswärme. So schrieb Cardano: „Das Feuer teilt, wenn es verdünnt, oder wenn es mischt, verfeinert es nicht. […] Allein die Natur kann eine Substanz zugleich mischen und verfeinern.“[21] Die Kunst kann also die Subtilisierung der Natur im Falle des Goldes nicht vollbringen. Die Alchemie im Sinne der Goldmacherkunst wurde somit naturphilosophisch kritisiert. Die subtilitas war Cardanos Schlüsselbegriff, um Wissenschaft vom Aberglauben zu unterscheiden.

Zu Cardanos Zeit hatten die magischen Künste Konjunktur. Sie waren nicht nur als Heilmethoden gefragt, sondern auch als Mittel, um Unheil abzuwenden und sein Glück zu machen. Die magische Medizin mit ihren „magisch-magnetische Kuren“ war eingebettet in eine allgemeine magische Lebenspraxis, an der akademische und volkstümliche Welt gleichermaßen beteiligt waren. Als Beispiel sei die Schrift „Magia naturalis“ von Wolfgang Hildebrand, einem Thüringer „Notarius“, genannt, der, wie es der Paracelismus-Forscher Joachim Telle etwas abfällig formulierte, „keine wissenschaftsgeschichtlich markanteren Leistungen“ aufzuweisen habe und dessen Schriften „eines literarischen Glanzes entbehren.“[22] Er sei „ein gerissener Räuber, der Fremdtexte kompilierte und damit eine nach Auffassung der Zeit gültige literarische Leistung vollbrachte.“[23] In seiner Schrift schilderte Hildebrand ein Arsenal von Methoden für den Hausgebrauch.[24] Dieses Standardwerk verbreitete das gelehrte Wissensgut in der Landessprache.[25] So lautete sein Ratschlag, „Weiche und hangende Brüste hart zu machen“: „Nim Lett [Latwerge] / Eyerklar / unzeitige Gallöpffel / Mastix [Harz] / Weyrauch / […], stosse es / unnd mische darunder warmen Essig / lege es auf die Brüste / eine Nacht lang / und da es von nöthen / magst du es widerumb zum andern / oder dritten mal aufflegen.“[26] Auch könnte man „Haar wachsen machen an welchem ort du wilt“. Hildebrands Rezept entsprach der frühneuzeitlichen „Dreckapotheke“: „Nim […] Heydechsen oder Meerfrösche / schneide ihnen die Köpffe und Schwentze ab / dörre sie in einem Backofen / stosse sie zu Pulver / mische darunter Eyeröl / schmiere die kale statt damit / so gewinnest du daselbst in kurtzer zeit Haar.“[27] Ähnlich war das von ihm empfohlene Empfängnismethode zur Auswahl des Geschlechts beschaffen („Das ein Weib Schwanger werde“), wobei er Albertus Magnus zitierte: „Nim die Matricem und Eingeweyde vom Hasen / dörre sie / und mache sie zu Pulver / mische es in Wein / und gibs der Frawen zu trincken / und brauche die Werck der Liebe mit ihr / wenn sie ihre Zeit gehabt / so wird sie Schwanger zu  einem Mägdlein / soll es aber ein Knäblein sein / so brauche sie die Testiculos leporis [Fuchshoden], und thue wie jetzt bericht.“[28]

Aber auch der Umgang mit Haus- und Raubtieren konnte man mehr oder weniger „magisch“ gestaltet werden. Damit ein Hahn „des Nachts nicht krehet“, wurde folgende in der Tat einschneidende Maßnahme empfohlen: „Wenn man einem Haußhahne das förderste Spitzlein von der Zungen abschneidet / so krehet er des Nachts nicht. Welches Bubenstück der mahl eins ein Knecht gethan / damit er nicht zu frühe hat dürffen auffstehen.“[29] Auch makabre Zaubertricks wurden angegeben, etwa dass „ein Huhn am Spiesse krehet“: „Nim Quecksilber / unnd thue es in ein Federkehl am Huhn / stecks an ein Spieß beim Fewer / unnd wenn es erwarmet / so pfeiffts / oder krehet wie das Huhn / wenn due den Kiel verbunden hast.“[30] Die magischen Künste betrafen auch lebenspraktische Aufgaben, wenn es beispielsweise darum ging, ein „Liecht zu machen / damit einen Schatz in einem Hause zu erfahren“: „Nim Weyrauch / Schwefel / und unbederbt Wachs / und nim Garn / und seud [siede] es / und mach ein Liecht daraus / und leucht damit in alle Winckel des Hauses / und wo Geld begraben ist / da geht das Liecht aus.“[31]

Ein anderer bekannter Autor des frühen 17. Jahrhunderts, der sich intensiver mit der praktischen Anwendung der magia naturalis befasste, war der Leipziger Alchemist und spätere Anhänger der Rosenkreuzer Johannes Staricius. In seinem Büchlein „Helden-Schatz“ schilderte er allerhand magische Tricks, die insbesondere das Kriegshandwerk betrafen, wie etwa den Schutz vor Verwundungen und Ratschläge zur Versorgung von Wunden.[32] Sein Rezept der Wundsalbe („Zu allen Wunden ein gewiß und leichte Artzeney“) reihte sich ein in die zeitgenössischen Gepflogenheiten, ist freilich nicht mit der „Waffensalbe“ (Kap. 30) zu verwechseln: „[…] man nimpt Griechisch Pech / Schwefel und olibanum album , eines jedewedern so viel alß deß andern / zerreib oder zerstoß diese Stück / unnd klopff sie wol durch einander in Eyerweiß / zeuch die Leffzen der Wunden fein zusammen / wisch das Blut ab / streich diß Werck auff ein leinen Tüchlein / leg es auff die Wunden / bind ein Tüchlein darüber / und laß ein Tag etliche darauff ligen. Das ist eine wunderbare Sach so offt probiret worden.“[33] So wollte Staricius „magische“ und „geheime“ Methoden unterrichten, nicht zuletzt„von der natürlich magischen Zubereitung der Waffen“. [34] Daneben informierte er über alte Haus- und Zaubermittel gegen alle möglichen Plagen und Krankheiten, z. B. Flöhe: „Fange den ersten Regen auf, so im May-Monat fället, besprenge die Zimmer damit, so wird kein Floh dasselbe Jahr darinnen wachsen.“[35]


[1] Cardanus, 1558, S. 782 ff. [2] Cardanus, 1627, S. dcvj (= Cardanus, 1558, S. 606). [3] Cardanus, 1627, S. dcvj-dcix (= Cardanus, 1558, S. 782 ff.). [4] A. a. O., S. dcvj. [5] A. a. O., S. dxxix (= Cardanus, 1558, S. 529). [6] A. a. O., S. dxxj-dxxxij. [7] Eamon, 1954, S. 280. [8] Schütze, 2000, S. 125. [9] A. a. O., S. 90 f. [10] Zit. a. a. O., S. 199. [11] A. a. O., S. 120. [12] A. a. O., S. 212. [13] A. a. O., S. 122. [14] A. a. O., S. 124. [15] A. a. O., S. 123. [16] A. a. O., S. 124. [17] A. a. O., S. 160. [18] A. a. O., S. 148. [19] A. a. O., S. 151. [20] A. a. O., S. 153. [21] A. a. O., S. 156. [22] Telle, 1976, S. 105. [23] A. a. O., S. 115. [24] Hildebrand, 1614. [25] Galley, 1985, S. 85. [26] Hildebrand, 1614, 1. Buch, S. 34. [27] A. a. O., S. 9. [28] A. a. O., S. 37. [29] A. a. O., 2. Buch, S. 32. [30] A. a. O., 3. Buch, S. 35. [31] A. a. O., 4. Buch, S. 24. [32] Staricius, 1605. [33] Ebd., S. 114 f. [34] Staricius, 1769. [35] Ebd., S. 346.