32. Kap./7 * Ambivalente Skeptiker

Cardano war Skeptiker, er wollte den (übernatürlichen) Zauber entzaubern. Ihn interessierte die magia artificialis, die sich als mechanische Kunst verstand und ihre magischen Effekte mit Automaten und Maschinen erzielte. So beschrieb er in „De rerum varietate“ einen „umlauffenden Brotspiess“, d. h. einen mechanischen Bratenwender, und lieferte zu diesem „auch wunderbaren instrument“ eine genaue Gebrauchsanweisung.[1] Im Register findet sich das Schlagwort: „Zauberey von Cardano verworffen“, der betreffende Abschnitt lautet „Cardanus verwirfft hie alle Zauberische und Abergleubische Kunst“.[2] Entsprechend argumentierte er auch in „De subtilitate“ gegen die „absurden Wohltaten der Magie“ (Disputatio contra magiae quaedam absurda placita).[3] Als Beispiel führte er die angebliche Praktik an, mit einer Wachskerze, die zuvor in eine Leiche gesteckt worden war, durch Bestreichen der Vulva oder des männlichen Gliedes das betreffende Individuum vom Geschlechtsverkehr abzuhalten (prohibetur à Venere).[4] Er demonstrierte an seiner eigenen Person, wie man „Zauwer wunderbarlich vertreiben“ könne. Als er an heftigen Zahnschmerzen litt, konnte er diese vertreiben, indem er den am meisten schmerzenden Zahn „senfftiglich“ mit der linken Hand ergriffen habe: „Dieses ist wunderbar / je senffter ich jhn anrürete / je eher unnd besser der schmertzen nach ließ: es ward auch der schmertz von stund an gestillet“.[5] Für Cardano war die „schwartze Kunst“ Eitelkeit und Betrug, ja Unsinnigkeit: „Deshalben soll man alle Wunderzeichen / Bildtnussen / erdichte Wunderwerck / Hexerey / Zauberey / Beschwerung / unnd anders dergleichen fahren lassen / unnd sich zu der reinen Lehr unsers Herren unnd Gottes bekehren.“[6] An konkreten Beispielen wollte er nachweisen, daß „die Magi unnd Zauberer nicht allein betruglich / sondern auch unsinnig gewesen seyen.“

Der Londoner Wissenschaftshistoriker Michael Hunter, Herausgeber der Schriften von Robert Boyle, hat das Verhältnis der Royal Society zu Magie und Hexerei im 17. Jahrhundert im Einzelnen erforscht. Er entlarvte die bis heute verbreitete Legende, wonach die Society magische Erscheinungen kritisch erforscht und somit zum Niedergang der Magie beigetragen habe – gemäß dem Schlagwort „decline of magic“ von Keith Thomas (siehe Prolog).[7] Tasächlich, so Hunters These, habe die Royal Society als Körperschaft die Problematik der Magie offiziell ausgeklammert, als Thema vermieden und so zum Niedergang der Magie beigetragen. Anstelle einer offenen wissenschaftlichen Auseineinandersetzung seien entsprechende Untersuchungen dem Bereich der Pseudo-Wissenschaften zugerechnet worden. Diese wurden durch die insitutionaliserte Haltung der Society ausgegrenzt und ließen die Beschäftigung mit Fragen der Magie allenfalls noch als vereinzelte private Unternehmungen außerhalb ihrer offiziellen Verhandlungen zu.[8] Als markantes Beispiel wäre hier Robert Boyles teilnehmende Beobachtung der Kuren des irischen Heilers („stroker“) Valentine Greatrakes im April 1666 zu nennen, worüber er Buch führte.[9]Greatrakes veröffentlichte dann in Form eines Sendschreibens an Boyle einen Bericht (“Brief Account”) über seine Kuren. Das Frontispiz – die einzige Abbildung, die wir von ihm besitzen – zeigt ihn in der Pose des Heilers, „famous for curing several Diseases and distempers by the stroak of his Hand only“, wie es in der Unterschrift heißt. (Abb. [i])

Greatrakes Bericht enthält zahlreiche Protokolle von einzelnen Sitzungen mit Beglaubigungen anwesender Zeugen, darunter auch Robert Boyle, dem prominenten Mitglied der Royal Society. So bestätigte dieser – neben drei weiteren Zeugen – im April 1666 unter anderem die Heilung einer gewissen 45 Jahre alten Eleonor Dickinson von der Wassersucht (dropsy).[10] Greatrakes behandelte sie mit täglichem Handauflegen. Die Heilung trat ein, als sie wegen des Gedränges nicht zu ihm gelangen konnte, seinen Urin trank und sich bestimmte Körperstellen mit diesem einrieb. In der Nacht darauf kam es zu drastischen Ausscheidungen und sie war geheilt. Boyle bezeugte auch eine weitere Heilung im selben Monat. Ein gewisser Robert Furnace litt unter starken Schmerzen in seinen Hüften und Beinen und war seit sieben Jahren auf Krücken angewiesen. Auch Monate lange Aufenthalte im St. Bartholomews Hospital änderten nichts an seinem Zustand. Durch Handauflegen konnten die Schmerzen nach und nach in die Fuß getrieben werden, waren dort unterträglich, „which being stroked, he [the patient] was quite freed from all pain, and walked without his crutches“.[11] Trotz Boyles offensichtlichem Interesse an Greatrakes’ Heilmethode, die großen Eindruck auf ihn gemacht haben muss, war diese absolut kein Diskussionsgegegenstand der Gesellschaft: „as a corporate body, the Royal Society was not involved in the episode at all.“[12] Das Motiv der Ausklammerung lag wohl auch am Zeitgeist. „Atheisten“ und Freidenker, die so genannten wits, die sich als Londoner “intelligentsia“ in Kaffeehäusern und Theatern trafen, karikierten Zauberei und Hexerei zunehmend als lächerliche Erscheinungen.[13] Gleichwohl waren die wissenschaftlichen Experimente der Royal Society mit Ideen der Naturphilosophie und natürlichen Magie verbunden, wie ihr Umgang mit der Musik belegt (siehe oben).

Im ausgehenden 18. Jahrhundert war die Entzauberung der natürlichen Magie im Sinne der Aufklärung angesagt. Die Vorführung von Zaubertricks in Schulen gehörte dazu. Der Magdeburger Schulrektor Gottlieb Benedict Funk war als Physiker davon überzeugt, „daß die Zauberey zu allen Zeiten nichts anders als eine Art Experimentalphysik gewesen ist“.[14] Er integrierte entsprechende Zauberstücke in seinen Unterricht. Die Erfahrung habe ihn gelehrt, daß er nicht  vergeblich gearbeitet hätte: „man sahe wohl ein, daß die Zauberey nicht von den Hohen Geistern müsse, sondern von Professoren könne gelehret werden.“[15] Alle angegebenen Experimente hatte er offenbar auch selbst durchgeführt. Für Funk war der Gebrauch der Wünschelrute „bloßer Betrug“, da der Rutengänger sich bewegen lassen könne, ohne daß es der beste Beobachter merkt.“[16] Ehemals seien Rutengänger in Bergstätten gehalten worden, ob Erz oder Wasser „an einem Orte unter der Erde zu finden sey, oder nicht“. Jetzt sei das nicht mehr der Fall. Man können „wohl einige Spuren“ von Erz oder Wasser entdecken, wozu man aber keine Wünschelrute nötig habe.[17]


[1] Zeller, 2008, S. 120. [2] Cardanus, 1627, S. dcxvj. [3] Cardanus, 1560, S. 1164 ff. [4] A. a. O., S. 1165. [5] Cardanus, 1627, S. cccxlj f. [6] A. a. O., S. dcix f. [7] Hunter, 2011, S. 103. [8] A. a. O., S. 111. [9] A. a. O., S. 105.[10] Greatrakes, 1666, S. 44 f. [11] A. a. O., S. 48 f. [12] Hunter, 2011, S. 106. [13] A. a. O., S. 110; O’Callaghan, 2007. [14] Funk, 1783, S. IV. [15] A. a. O., S. V f. [16] A. a. O., S. 181. [17] A. a. O., s. 187.

[i] Greatrakes, 1666; → Abb. Greatrakes 1666 Frontispiz