29. Kap./3 * Kabbala, das göttliche Natur-Alphabet [+ Audio]

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Auf das Verhältnis von Paracelsus zur Kabbala gehen wir an anderer Stelle ein, er bezog sich zwar häufiger auf diesen Begriff, ohne ihn jedoch näher zu bestimmen (Kap. 35). Kabbala, Alchemie und magia naturalis wurden seinerzeit oft in einem Atemzug genannt, wobei Kabbala zumeist als wunderwirkende religiöse Zauberkunst verstanden wurde, die in der hebräischen Sprache wurzele und ursprünglich von den Juden stamme, aber für Christen von ebenso großer Bedeutung sei. Morgenröte (aurora) und Sonnenaufgang symbolisierten insbesondere in der Literatur des 17. Jahrhunderts das Heraufdämmern eines neuen Zeitalters der Wissenschaft. „Aufgang der Artzney-Kunst“ war das von dem Kabbala-Experten Christian Knorr von Rosenroth ins Deutsche übersetzte Werk Johan Baptista van Helmonts.[1]

Auch Jakob Böhme benutzte diese Metaphorik im Titel seiner Schrift: „Morgen-Röte im Aufgangk Das ist: Die Wurtzel oder Mutter Der Philosophiae, Astrologiae, und Theologiae, Aus rechtem Grunde. Oder Beschreibung der Natur“. Auf dem Frontispiz geht den Menschen auf der Erde hinter einem Hügel in der Ferne die Sonne auf und erhellt mit ihren Strahlen die Umgebung. (Abb. [i]) Die Inschrift am linken unteren Bildrand verweist auf den enstprechenden Vers beim Propheten Jesaja: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“[2]Zugleich zeigt sich nämlich über den Wolken die himmlische Sonne mit dem göttlichen Feuerthron, auf dem ein leuchtendes Dreieck sitzt, ohne Inschrift, von dem Flammen ausstrahlen. Auf der rechten Seite des Throns (links vom Betrachter) ist ein Phönix, auf der gegenüber liegenden Seite ein geflügelter Löwe, Symbol des Evangelisten Markus, zu sehen. Auf Wolken sitzen in zwei Halbkreisen je zwölf betende Männer, die zum Thron aufblicken. Diese Darstellung spielt wohl auf einen Vers in der „Offenbarung des Johannes“ (Apokalypse) an: „Und um den Thron waren vierundzwanzig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen.“[3] Vor dem Thron, außerhalb des Flammenkreises, liegt ein aufgeschlagenes Buch, die Heilige Schrift, daneben steht ein Widder, dessen Sternzeichen mit Feuer, Aufbruch und Frühling assoziiert ist. Im Kontrast hierzu herrscht unterhalb der Wolken der Tod, der als geflügelter Sensenmann (Skelett mit Flügeln) die irdische Szene beherrscht.

Böhme verschränkte Naturphilosophie und Theosophie miteinander. So habe Moses die „allerinnerste Essentien- oder Natur-sprache/ wornach alle wörter formiret werden/ und der welt // gantz unbekannt ist / verstanden“, ebenso die „wahre Philosopiam und Magiam nebenst dem verborgenen secreto Philosophorum“.[4] Böhme behauptete, dass ihm die Jakobsleiter gezeigt worden sei, „darauff bin ich gestiegen biß in Himmel / und habe meine waare empfangen / die ich feil habe / will mir nun jemand nachsteigen / der sehe auch, dass er nicht truncken sey / sondern er muß umbgürtet seyn mit dem Schwerdt des Geistes.“[5] Im „Mysterium magnum“ sieht man ihn als liegenden Wanderer am Fuße der Leiter, die in den lichten Himmel mit dem strahlenden Dreieck, dem Gottessymbol, führt und auf der engelhafte Wesen auf und nieder steigen. (Abb. [ii]) Natura identifizierte er mit dem „7. Quellgeist“, in dem ein jeder Engel geschaffen werde.

In der magia naturalis trat die Natur als Vermittlerin göttlicher Weisheit auf, welche die Naturdinge zeichnet und benennt. Die „Sprache der Natur“, die „Ursprache“ war identisch mit dem Wort Gottes. Diese Sprache war in der Tradition der jüdischen und christlichen Kabbala das Hebräische. Der flämische Arzt und Kabbalist Franciscus Mercurius van Helmont, Sohn des paracelsistischen Arztes und Alchemisten Johan Baptista van Helmont, veröffentlichte 1667 den Traktat „Kurtzer Entwurff des Eigentlichen Natur-Alphabets der Heiligen Sprache“.[6] In der wahrscheinlich von Christian Knorr von Rosenroth verfassten Vorrede wird die hebräische Sprache als die Ursprache bzw. Natursprache gepriesen: „Denn es ist 1. nicht eine bloß-menschliche / sondern zugleich eine recht-göttliche Sprache / so wol ihres ursprungs / als ihres gebrauches wegen.“ Die hebräische Sprache habe den Vorzug, „dass sie von Gott / der aller Könige König ist / geredet und gebrauchet worden.“ Der Sulzbacher Gelehrtenkreis um Franciscus Mercurius van Helmunt und Christian Knorr von Rosenroth setzte sich intensiv mit Texten der jüdischen Kabbala auseinander, die als göttliche Naturoffenbarung begriffen wurde. So verwundert der in diesem Kontext geäußerte Vorschlag nicht, eine Gesellschaft zum Studium der hebräischen Sprache, vergleichbar mit der Royal Society und den  „Curiosen“ (gemeint ist die Academia Naturae Curiosorum, die später so genannte Leopoldina), zu gründen.

Van Helmont glaubte, durch sein „Natur-Alphabet“ mit Hilfe von Zeichnungen zur Stellung des Mundes und der Zunge, die den hebräischen Buchstaben nachgebildet war, taub Geborenen das Sprechen beibringen zu können. Er nahm an, dass die Zungenbewegung bei der Aussprache hebräischer Buchstaben exakt deren geschriebener Form entspreche. Als göttliche Sprache der Schöpfung sei das Hebräische allen anderen Sprachen überlegen. In seiner Perspektive war, wie es die englische Religionswissenschaftlerin Allison Coudert ausdrückte, die Schöpfung ein Prozess, „that began with the thoughts of God’s mind and ended with the articulation of these thoughts.”[7]Die Sprache der Schöpfung war zugleich eine Sprache der Natur, die das Wesen der Dinge hervorbrachte und repräsentierte. So nahm van Helmont an, dass die Tiere erst entstanden, als Adam ihnen den Namen gab. Vorher waren sie „simply ideas in his mind.“ Die Dinge bei ihrem Namen nennen bedeutete, ihnen ihre Natur geben (Et quia nomina imponere, est naturam dare).[8] In der Natursprache lag die innere Macht Gottes, die gemäß dem fiat lux!“ als Emanation, Externalisierung von Licht, vorgestellt wurde.[9]

Van Helmont teilte die allgemeine Auffassung, wonach die Luft eine geistige Kraft enthielt, die der Weltseele (anima mundi) der Neuplatoniker und dem pneuma der Stoiker entsprach. Atem bedeutete Lebenskraft und in seiner Sicht atmeten alle Naturdinge. Ideen strahlten aber nicht nur von der Stimme oder dem Körper des Menschen aus, sondern auch von Steinen oder anderen Naturdingen, die eine große Macht auf die Empfänger ausüben könnten.[10] Im Streit der Konfessionen wollte van Helmont zwischen Protestanten und Katholiken einen Mittelweg gehen. Er war überzeugt, dass die Entdeckung des hebräischen Natur-Alphabets zu einem Ende der Auseinandersetzungen führen und selbst Nicht-Christen zur christlichen Gemeinschaft bringen würde.[11] Denn die Ursprache, das Natur-Alphabet, war die Sprache, die Gott, Adam und die Menschen vor dem Turmbau zu Babel gebrauchten.[12] Van Helmont schöpfte aus den Schriften jüdischer Kabbalisten, die er zusammen mit Knorr von Rosenroth übersetzte und ab 1667 als „Kabbala denudata“ veröffentlichte.[13] Die hebräischen Buchstaben erschienen als Bausteine des Universums, mit denen Gott durch bestimmte Kombinationen und Anordnungen die Welt erschaffen hatte. Nach dem Sündenfall und dem Turmbau zu Babel wurde diese Sprache gleichsam verschüttet und zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Kabbalisten fühlten sich verpflichtet, die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen, das Natur-Alphabet wieder lesen zu können und damit die Welt zu verbessern (hebräisch: tikkun). (Es ist bemerkenswert, dass sich ein anonymes gesellschaftskritisches Autorenkollektiv, das gegenwärtig in Frankreich auf dem Grenzgebiet von Philosophie und Politik öffentlich Stellung bezieht, Tiqqun nennt.)[14] Um hierfür Kräfte zu sammeln, hatten sich Kabbalisten für das Innewohnen des heiligen Geistes (shekhinah) zu öffnen. Auch wenn am Ende des 17. Jahrhunderts die Idee allgemein zurückgewiesen wurde, dass das Hebräische die göttliche Ursprache sei und die Wörter schon das Wesen der Dinge reflektierten, die sie bezeichneten, ging die Suche nach der „Ursprache“ weiter. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts suchten romantische Naturphilosophen, die „Hieroglyphensprache Natur“ – der ägyptisch orientierte Hermetismus stand nun im Mittelpunkt – unter anderem aus den phantastischen Phänomenen somnambuler „Eröffnungen“ herauszulesen (Kap. 25 und 26).

Der Kirchenhistoriker Ernst Benz bezeichnete die christliche Kabbala zutreffend als „ein Stiefkind der Theologie“.[15] Denn mit der kirchlichen Diskriminierung mystischer Richtungen sei seit dem Beginn der Aufklärung auch die christliche Kabbala aus der Kirche herausgedrängt worden „und führt seitdem nur noch am Rande der Kirche, etwa im Bereich der Theosophie und Anthroposophie, ein wenig beachtetes Leben.“[16] Neben Knorr von Rosenroths Beitrag zur Erforschung der Kabbala wandte sich Benz vor allem dem pietistischen Pfarrer Christoph Friedrich Oetinger zu, der von Knorrs „Cabbala denudata“ beeinflusst worden war.[17] Dieser wirkmächtige Theologe predigte sogar von der Kanzel über die christliche Kabbala, die er als eine „Verlebendigung, als eine Aktivierung der Gottesschau der jüdischen Kabbala“ (Benz)[18] ansah und nahm entsprechende Texte in seine Predigtsammlung auf.[19] Besonders zu erwähnen ist seine 1763 veröffentlichte Monographie über die „Kabbalistische Lehrtafel der Prinzessin Antonia“.[20] Es handelte sich bei dieser „Lehrtafel“ um ein altarförmiges Bildzeugnis, das die württemberigsche Prinzessin Antonia, einer Schwester Herzog Eberhard III., gestiftet hatte und das 1673 in der Dreifaltigkeitskirche von Bad Teinach eingeweiht worden war.[21] Die Prinzessin war mit dem Verfasser der Rosenkreuzermanifeste Johann Valentin Andreae und dem Wegbereiter des Pietismus Philipp Jacob Spener befreundet.[22] Sie war eine Kennerin der Kabbala, die mit der Tafel „die tiefsten Lehren der hebräischen Philosophie“ bildlich vorstellen wollte, „dem wahren Gott und keinem andern zur Ehr“.[23] Wir können uns hier nicht im Einzelnen auf die ausladenden Interpretationen Oetingers einlassen. Einen Aspekt der Lehrtafel, der auf die „Brautmystik“ verweist, wollen wir an anderer Stelle ausführlicher behandeln (Kap. 45).


[1] J. B. van Helmont [1683], 1971. [2] Der Prophet Jesaja 9,1; Luther Bibel 1984: http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/23/90001/99999/ch/0c9ce36d9cc4792a2698a22b12e10e59/ (15.01.2013). [3] Offenbarung 4,4; in Luther Bibel 1984: http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/76/40001/49999/ch/0a9f555466f7bca6e384f149acc7254c/ (15.01.2013). [4] J. Böhme [1612], 1656: Vorrede. [5] A. a. O., S. 231. [6] Helmont, F. M., 1667. [7] Coudert, 2007, S. xvii. [8] Zit. ebd. [9] A. a. O., S. xix. [10] A. a. O., S. xxiii. [11] A. a. O., S. xxiv. [12] A. a. O., S. xxvi. [13] A. a. O., S. xxvii ff. [14] Tiqqun, 2009; Maak, 2011. [15] Benz, 1958. [16] Ebd., S. 8. [17] A. a. O., S. 18. [18] A. a. O., S. 40. [19] A. a. O., S. 39. [20] Oetinger, 1763. [21] Benz, 1958, S. 42. [22] http://de.wikipedia.org/wiki/Antonia_von_W%C3%BCrttemberg (14.05.2012). [23] Zit. n. Benz, 1958, S. 43.


[i] J. Böhme [1612], 1656; → Abb. Böhme 1656 Frontispiz [ii] J. Böhme, 1682 [d]; Geissmar, 1993, S. 179; → Abb. Böhme 1682 Jakobsleiter