31. Kap./2 * Magnetismus und Weltseele

Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert wurde der Magnetismus zu einem zentralen Gegenstand in Naturphilosophie, experimenteller Naturforschung und medizinischer Theorie. Der Einfluss, den prominente Autoren wie William Gilbert, Johannes Kepler and Athanasius Kircher auf Naturforschung und Medizin bis ins 18. Jahrhundert hinein ausübten, war enorm. Der englische Arzt und Physiker William Gilbert veröffentlichte seine wegweisende Studie über magnetische Phänomene im Jahr 1600 unter dem Titel “De magnete, magnetisque corporibus, et de magno magnete tellure”.[1] Im selben Jahr wurde er Leibarzt der Königin Elisabeth I. Als erster Naturforscher unterschied er zwischen einer elektrischen (vis electrica) und einer magnetischen Kraft (vis magnetica). Erstere Anziehungskraft würde vom geriebenen Bernstein (griech. elektron), letztere vom Magnetstein ausgeübt. Geriebener Bernstein oder Substanzen, die sich in ähnlicher Weise verhielten (so genannte electrica), sendeten seiner Meinung nach effluvia, Ausdünstungen, Ausflüsse aus, um kleine Partikel nach innen zu ziehen. Magnetische Materialien wie der Magnetstein (so genannte magnetica) teilten ihre Fähigkeit der Anziehung mit der Erde als einem großen Magneten. Gilbert nannte den kugelförmigen Magneten, mit dem er selbst experimentierte, terella, kleine Erde, da dessen Anziehungskraft nicht von der Aussendung von effluvia abhinge. Jeder Magnet sei von einem unsichtbaren Kraftfeld umgeben. Magnetica innerhalb dieses Feldes würden zum magnetischen Körper gezogen.

Im Unterschied zu anderen Quellen der Anziehung war die “magnetic coition”, die wechselseitige Aktion des anziehenden und des angezogenen Körpers, the „coming together of two bodies harmoniously.“[2]Magnetische Körper hätten jeweils für sich eine ursprüngliche Primärkraft (primary native strength [vigor])), eine Primärenergie (primary energy), die nicht abgeleitet sei und ihrer eigenen Form (forma) entspreche.[3] Der Begriff coition (Koitus) verwies auf die erotische Konnotation von Gilberts naturphilosophischer Betrachtung, die durchaus zeitgemäß war. Gerade in der Alchemie waren Vermählung, Verschmelzung, Legierung, Amalgamierung von Metallen Vorgänge, die häufig mit der geschlechtlichen Vereinigung eines Menschenpaares verglichen wurden. Das liebevolle Zusammengehen von Naturdingen einschließlich der Menschen wurde von nun an in Wissenschaft und Literatur sehr häufig mit „magnetischer“ oder „chemischer“ Anziehung verglichen, bis hin zu Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ (1809). Der Magnetismus erschien als Wirkung der Weltseele, und die magnetische Kraft als psychische Kraft, wie Gilbert es formulierte: „The magnetic force is animate or imitates a soul; in many respects it surpasses the human soul, while that is united to an organic body.“[4]Dabei bezog er sich auch auf Thales, der nach Aristoteles in „De anima“ auch dem Magnetstein eine Seele zugeschreiben habe, da er Eisen bewege. [5] Die magnetischen Kräfte der Erde und überhaupt aller magnetischen Körper seien zwar ohne Sinne, aber agierten ohne Irrtum pausenlos und erzeugten harmonische Bewegungen in der ganzen Masse der Materie. Diese würden eben nicht wie beim Menschen durch zufällige und unvollkommene Gedanken hervorgerufen, vielmehr sei ihnen seit Urzeiten Vernunft und Wissen (reason, knowledge, science, judgment) angeboren. Diese Vorstellung eines in den Naturvorgängen selbst vorhandenen Wissens entprach dem Prinzip der magia naturalis: In ihnen schiend das primäre Wissen gespeichert, das die Naturforschung sekundär erwerben sollte. Freilich hatte Gilbert kein Interesse an „Imagination“ und „Phantasie“ – ebenso wenig wie Franz Anton Mesmer zweihundert Jahre später, der den „animalischen Magnetismus“ nach dem Vorbild Newtons physikalisch erklären wollte (Kap. 22).

Johannes Kepler arbeitete als Mathematiker am Hofe des deutschen Kaisers Rudolf II. in Prag ab 1599. Dort fand eine intensive Auseinandersetzung mit Alchemie, Astronomie (Astrologie), Hermetismus und Kabbala statt, welche die Bewegung der Rosenkreuzer am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges stark beeinflusste. Kepler schlug vor, das Wort “Seele” durch “Kraft” zu ersetzen, nämlich die Kraft des Magnetismus.[6]Dies entsprach durchaus dem späteren Konzept des animalischen Magnetismus oder Mesmerismus (Kap. 22 und 24). Zuerst erklärte er noch die Umlaufbewegungen der Planeten mit „bewegenden Seelen“. Dann vervollständigte er diese animistische Erklärung mit einer mechanistischen und nahm die Gegenwart einer physikalischen Kraft an.[7]Als er von „natürlichen, magnetische Kräften“ sprach, bezog er sich nicht auf eigene Forschungen, sondern orientierte sich an Gilberts magnetischer Philosophie, die die Erde als ein Lebewesen mit beseeltem Körper ansah. Die Kraft der Seele (der Planeten, der Welt, des menschlichen Körpers) strahlte nach seiner Auffassung mit geraden Strahlen vom Zentrum eines jeden Körpers in alle Richten aus. Die menschliche Seele entsprang demnach dem Herzen und strahlte zu allen Punkten des Körpers aus. Kepler identifizierte die Strahlen der Seele mit den spiritus der galenischen Medizin und passte seine Theorie in den zeitgenössischen medizinischen Kontext ein.[8]Wenn nun die Strahlen von verschiedenen Quellen aufeinanderträfen, etwa der Strahl eines Sterns mit dem der menschlichen Seele, könne es zu einer Offenbarung kommen.

Der jesuitische Gelehrte Athanasius Kircher war ebenfalls stark am Magnetismus interessiert. Er lehrte als Professor in Würzburg Philosophie, Mathematik, Hebräisch und Syrisch und publizierte 1631 sein erstes Buch: “Ars magnesia“, in dem er eigene Experimente vorstellte. Später verfasste er weitere Bücher über den Magnetismus. In der “Ars magna lucis et umbrae” (1646) identifizierte er die “anziehenden Magnete in allen Dingen”: Sie seien letztlich mit dem Himmel verbunden und wirkten wie ein Magnet.[9]In dieser Perspective verknüpfte dann Newton mit seinem Konzept der Schwerkraft die Naturphilosophie im Sinne von Neuplatonismus und Hermetismus mit der mechanistischen Korpuskulartheorie der Materie. Newtons Einfluss auf Medizin und Naturwissenschaft im 18. Jahrhundert war ungeheuer stark. Seine Äthertheorie bot eine Grundlage für viele Spekulationen über so genannte Imponderabilien, extrem feine Substanzen, in denen man die physikalischen Träger aller Kräfte vermutete. In der Medizin waren damit die Kräfte der Elektrizität, des mineralischen Magnetismus, der Nervenflüssigkeit, das Prinzip der Irritabilität und schließlich das Konzept des magnetischen Fluidums als Agens des animalischen Magnetismus gemeint.[10]Diese neuen Konzepte beeinflussten nicht zuletzt die Naturphilosophie von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. In seiner Abhandlung „Von der Weltseele“ (1798) erläuterte er − ohne explizit auf Paracelsus, van Helmont oder Mesmer einzugehen −, die „erste Kraft der Natur“ und erklärte, dass „wohl das Gesetz der Polarität eine allgemeines Weltgesetz“ sei. [11] Die magnetische Polarität der Erde sei die „ursprünglichste Erscheinung des allgemeinen Dualismus, „der in der Physik weiter nicht abgeleitet, sondern schlechthin vorausgsetzt werden muß, und der elektrischen Polarität schon auf einer viel tiefern Stufe erscheint, […] und zuletzt in der belebten Organisation, (wo er eine neue Welt bildet), – für das gemeine Auge wenigsten – verschwindet.“

Im Gegensatz zur paracelsischen Tradition, in der Magnetismus und Imagination kaum voneinander getrennt werden können (siehe unten), ließ die oben geschilderte, quasi physikalische Tradition des Magnetismus das Konzept der Imagination außer Acht. Im Folgenden soll die Imagination vor allem bei Paracelsus und Johan Baptista van Helmont genauer betrachtet werden. Es wird sich herausstellen, dass van Helmonts Theorie der Imagination eine Verfeinerung und Dynamisierung des paracelsischen Ansatzes bedeutete.


[1] Gilbert, 1600. [2] Kelly, 1972. [3] Gilbert [1600], 1952, S. 36 f. [4] Zit. n. Feldt, 1990, S. 20; Gilbert, 1958, S. 314. [5] Gilbert [1600], 1952, S. 105. [6] Feldt,  1990, S. 9-30. [7] Ebd., 13. [8] A. a. O., 24-25. [9] Kangro, 1973, S. 374-78. [10] Feldt, 1900, Kap. 2 u. 3. [11] F. W. J. Schelling [1798], 2000, S. 179.

Advertisements