33. Kap./3 * Verräterische Schädel

Ein besonderer Bereich der Signaturenlehre betraf die seelische oder charakterliche Verfassung des Menschen, die man an der Gestalt des Schädels bzw. des Gehirns ablesen wollte. Eine solche „Schädellehre“ stellte insofern ein Analogon zur Physiognomik dar. Die Gall’sche Schädellehre um 1800 offenbarte die ideengeschichtliche Reichweite der Signaturenlehre. Bevor wir sie ins Auge fassen, soll die Geschichte der Lokalisierung seelischer Vermögen im menschlichen Organismus kurz rekapituliert werden. In der Medizingeschichte wurde immer wieder die Frage nach dem „Organ“ oder dem „Wohnsitz der Seele“ aufgeworfen. Die anatomische Ortsbestimmung ließ sich dabei allgemein von der Vorstellung leiten, die Seele als Lebensquelle des Organismus müsse an einer zentralen Stelle sitzen und dessen Mittelpunkt darstellen. So kam bei Homer das Zwerchfell (griech. phrén) in der Leibesmitte in Frage, während Aristoteles sowie Epikur und die Stoiker das Herz als den „springenden Punkt“ ausmachten. Jedoch wurde bereits in der Antike der Sitz der Seele ins Gehirn verlegt. Dementsprechend erschienen psychische Störungen, aber auch Anfallsleiden wie die Epilepsie als Krankheiten des Gehirns bzw. Störungen, die von ihm ausgingen. Beispielhaft lässt sich dies an der hippokratischen Schrift „Von der heiligen Krankheit“ (De morbo sacro) ablesen.

Nach Galen gelangten die spiritus vitales („Lebensgeister“) mit dem Blut vom linken Herzen kommend bei Eintritt in den Kopf in das rete mirabile („Wundernetz“) und wurden dort zu den spiritus animales verwandelt, in eine Art „psychisches Pneuma“, das als (geistige) Lebenskraft die Körpervorgänge ermögliche. Diese „Lebensgeister“ würden in den Hirnkammern gespeichert und gelangten von dort in die als Hohlgefäße vorgestellten Nerven, um auf diese Weise Bewegung und Empfindung zu bewirken. Eine Modifikation hiervon war die so genannte Dreikammerlehre, die im Mittelalter allgemein anerkannt war. Sie ordnete die verschiedenen Seelenvermögen den damals angenommenen drei Hirnvetrikeln (cellulae) zu: Die Sinnesorgane schienen mit der ersten Kammer verbunden, in der auch der „Gemeinsinn“ sowie „Imagination“ und „Phantasie“ vermutet wurden; in der zweiten Kammer saßen „Denken“ und  „Urteilen“ und in der dritten die „Erinnerung“. Die Zeichnung in der Margarita philosophica des Freiburger Priors Gregor Reisch von 1503 verdeutlicht dieses Schema. (Abb. [i]) Zwischen erster und zweiter Kammer befand sich der „Wurm“ (vermis), eine Art Schleuse, die den Durchgang der Seelenregungen kontrollierte. Im Falle einer Blockade entstanden seelische Störungen, da dann das Denken von den Sinneseindrücken abgekoppelt war.

In der Diskussion über den anatomisch zu bestimmenden Sitz der Seele standen sich in der  frühen Neuzeit zwei unterschiedliche Positionen gegenüber: Zum einen hielten die Vertreter der alchemistisch-magischen Medizin, insbesondere die Anhänger des Paracelsus, den Magen, genauer gesagt: den Magenmund (kardía) bzw. Magen und Milz  für den Sitz des Lebensgeistes (archeus oder spiritus vitae), wobei die Verdauung im Magen als Analogon sowohl zum Stoffwechsel der äußeren Natur als auch zu dem im alchemistischen Laboratorium angesehen wurde. Zum anderen rückten bei den anatomisch orientierten Naturforschern zunehmend feste Strukturen des Gehirns in den Mittelpunkt des Interesses. Für René Descartes war die Zirbeldrüse (Corpus pineale) der Sitz der Seele: Sie wurde als Schmelztiegel, gemeinsamer Fokus aller ein- und ausgehenden Impulse gedacht, die eine Art Reflexbogen bildeten, an dessen Umschlagplatz angeblich das „Seelenorgan“ saß. Thomas Willis, der wohl bedeutendste Hirnanatom des 17. Jahrhunderts, verlegte das Seelenorgan noch eindeutiger in die festen Hirnsubstanzen. In der Groß- und Kleinhirnrinde sollten die animalischen beziehungsweise psychischen Geister (spiritus) abgesondert werden und nicht mehr in den Ventrikeln. Gleichwohl war bei ihm das traditionelle Dreikammer-Modell, wie wir es bei Gregor Reisch beobachten konnten (siehe oben), noch präsent: So sei der Gemeinsinn in den Streifenköpern zu Hause, die Einbildungskraft im Balken und das Gedächtnis in der Hirnrinde.

Es erregte deshalb Ende des 18. Jahrhunderts großes Aufsehen, als Samuel Thomas Soemmerring, ein führender Anatom der Goethe-Zeit, in seiner Schrift „Über das Organ der Seele“ noch einmal auf die längst aufgegebene Ventrikelhypothese zurückgriff und den „Wohnsitz der Seele“ in die „Hirnhöhlen“ verlegte.[1] Die Nerven endeten nach Soemmerring an den Wänden der Hirnhöhlen und stünden somit in ständiger Wechselwirkung mit der Feuchtigkeit derselben, welche somit das „Organ der Seele“ sei. Die Kammerflüssigkeit erschien somit als das Medium, in dem sich alle Bewegungen gegen das Gehirn „concentriren“, aber auch „alle aus dem Hirne kommenden Bewegungen“ entstehen. Die Gesamtbewegung wurde als eine Art Reflexbogen begriffen: Die Einwirkung der Nerven auf das Organ der Seele führe je nach Spontaneität des Hirns zu einer Rückwirkung, die sich im Körper äußere. Soemmerrings Spekulationen stießen auf einhellige Kritik: Kein Geringerer als der Philosoph Immanuel Kant („unserem Kant“), dem er seine Schrift gewidmet hatte, kritisierte diese Lokalisierung des Seelenorgans.[2] Mit dem Hinweis auf den Streit der Fakultäten schlug Kant vor, den „Begriff von einem Sitz der Seele […] ganz aus dem Spiel zu lassen“. Er gab zu bedenken, dass Wasser unorganisiert sei und sich nicht zum unmittelbaren Seelenorgan schicke. Vor allem könne sich die Seele nicht selbst im Raum „anschaulich machen“, da sie sich hierzu selber zum Gegenstand ihrer äußeren Anschauung machen müsste, was sich widerspreche.

Während also Soemmerring mit seiner Suche nach dem „Seelenorgan“ im Inneren des Gehirns von manchen seiner Zeitgenossen nicht mehr ganz ernst genommen wurde, bahnte sich ein für die spätere Neurowissenschaft bahnbrechender Umbruch an: Aufgrund verbesserter Methoden der Präparation von tierischen und menschlichen Gehirnen gelangte der Wiener Arzt Franz Joseph Gall zur Ansicht, dass die seelischen Anlagen auf der Oberfläche der Hemisphären säßen. 1805 gab Gall seine Wiener Praxis auf und begab sich zur öffentlichen Demonstration seiner Schädellehre auf eine weithin beachtete „kranioskopische Reise“, bevor er sich 1807 in Paris niederließ.[3] Galls Lehre ging davon aus, dass das Seelische wesentlich vom Körperlichen mit beeinflusst wird. Es sei an bestimmte Werkzeuge gebunden. Wie jede Körperfunktion ihr eigenes Organ besitze, so müssten auch die seelischen beziehungweise geistigen Fähigkeiten („Fakultäten“) jeweils über ein unabhängiges Organ im Gehirn verfügen. Diese Organe glaubte Gall im Sinne seiner „Organologie“ an bestimmten Stellen der Hirnrinde lokalisieren zu können. Jeder Grundfunktion musste demnach ein definierter Bezirk im Gehirn entsprechen. Die Aktivität eines Organs beeinflusse seine Größe – ein Gedanke, der an die heutige Theorie von der Plastizität des Gehirns erinnert. Dies gelte, so Gall, auch für die „Hirnorgane“. Die Schädellehre – von Galls Schüler Johann Kaspar Spurzheim später „Phrenologie“ getauft – ging grundsätzlich davon aus, dass sich der Schädelknochen seiner Form nach der Hirnoberfläche anpasst, sodass sich ein besonders aktiver und deshalb vergrößerter Bezirk der Hirnrinde in einer Vorwölbung des Schädels ausdrückt. Mithilfe der „Kranioskopie“ glaubte Gall, 27 unterschiedliche „Organe“ für die jeweiligen Grundeigenschaften gefunden zu haben, von denen später aber nur die Lage des Broca’schen Sprachzentrums in der unteren Stirnhirnwindung bestätigt wurde.

Galls recht anschauliche und eingängige Lehre faszinierte nicht nur zahlreiche Gelehrte (so äußerte sich auch Goethe bewundernd), sondern begeisterte darüber hinaus ein breites Laienpublikum. Es schien nicht nur für Ärzte und Naturforscher verlockend, aus der Schädelform Eigenschaften und Fähigkeiten eines Menschen ableiten zu können: Das gegenseitige Betasten der Kopfform wurde schon bald zu einem modischen Gesellschaftsspiel. So konnte man beispielsweise das Organ des Geschlechts- beziehungsweise Fortpflanzungstriebes am Hinterhauptshöcker abtasten und damit die Triebhaftigkeit des Menschen beurteilen. Denn man lokalisierte den Geschlechtstrieb nach Gall im Kleinhirn (cerebellum) und konnte somit seine pathologische Stärke oder Schwäche an der betreffenden Stelle des Schädels ablesen. Ärzte interessierten sich vor allem für Impotenz und Anaphoridisie, d. h. mangelnden Geschlechtstrieb. In einer Stellungnahme aus dem Jahre 1842 rekapituliert der irische Arzt und Phrenologe David Jamison, assoziiertes Mitglied der britischen Phrenological Association (dort als „Jameson“ verzeichnet),[4] diese Sichtweise noch einmal in 24 Punkten, ausgehend von der These: „The sexual passion has its seat in the cerebellum, and is energetic or the reverse in proportion to the size and tone in this organ.“[5] Größe und Tonus des Kleinhirns galten als die objektiven Zeichen zur Einschätzung des Geschlechtstriebs. Eine durchschnittliche Ausstattung des Kleinhirrns sei sehr günstig für eine anhaltende Potenz, Kleinheit und verminderterter Tonus dagegen führten zur Impotenz. Ein stark herabgesetzter Tonus schwäche das Rückenmark und Nervensystem, den Intellekt und die moralischen Gefühle. Ein kleines und geschwächtes Kleinhirn konnte sogar Ursache einer Missgeburt (monstrocity) sein, wie Jameson in einem Falle durch eine Sektion beweisen zu können glaubte. Eine sexuelle Überanstrenung des Kleinhirns verschlechtere dessen Tonus, unabhängig von seiner Größe, weswegen Männer und Frauen mit einem Kleinhirn, dessen Größe stark unterdurchschnittlich sei, nicht heiraten sollten.

Die Gall’sche Kranioskopie ermöglichte es unter anderem, die Musikalität eines Menschen an der Stärke des „Organs des Tonsinns“ über der äußeren Wölbung des Augenbogens zu diagnostizieren. (Abb. [ii]) Die konsequente Herleitung aus der vergleichenden Anatomie zeigt, wie strikt diese Methode, die Signaturen der Natur zu entziffern, begriffen wurde. Gall sei hier ausführlich zitiert: „Und dieser Tonsinn muss an dem bezeichneten Orte seinen Sitz haben, da man an allen Menschen und Thieren, welche die Fähigkeit haben, Töne aufzufassen und selbst hervorzubringen, zum Beispiel Papagayen, Elstern, Raben, Gimpeln und allen männlichen Singvögeln jene beyden Erhabenheiten über den äußern Augenbogenwinkeln bemerkt, dagegen sie sich bey andern Vögeln und Thieren, welchen dieser Sinn abgeht, z. B. bey Pfauen, Hunden etc. so wie bey Menschen, welche nicht einmal Musik gerne hören, gar nicht finden. An großen Musikern, z. B. bey Mozart, Gluck, Hayden [sic], Viotti u. a. m. findet sich dieses Organ in ausgezeichneter Größe.“[6]

Im Gefolge der Phrenologie kam es zu einer regelrechten „Schädeljagd“ mit makabren Auswüchsen: Nicht nur die Schädel berühmter Persönlichkeiten, insbesondere von Dichtern und Musikern, sondern auch die der eigenen Vorfahren wurden zu begehrten Deutungsobjekten und manchmal zu wahren Reliquien, wie etwa Schillers (angeblicher) Schädel, den Goethe bei sich aufbewahrte.[7] Gall verfügte übrigens in seinem Testament, daß sein eigener Schädel nach seinem Tod von einem Schüler in Galls Spezialsammlung zu integrieren sei, wo er noch heute unter der Katalognummer 19216 im Musée de l’Homme in Paris ausgestellt ist.[8]

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde Gall zunehmend von der scientific community abgelehnt, wohingegen die „Phrenologie“, wie nun die Schädellehre hieß, in Laienkreisen noch weit ins 20. Jahrhundert hinein Konjunktur hatte und zum ideologischen Inventar von sektiererischen Bewegungen gehörte, wie etwa die von Carl Huter angeführte (Kap. 9 und 10). Es ist bemerkenswert, dass die Verknüpfung von Phrenologie und animalischem Magnetismus, der so genannte Phrenomagnetismus, der zu Anfang des 19. Jahrhunderts nur am Rande praktische Bedeutung erlangte, noch zu Angang des 20. Jahrhunderts eine gewisse Nachwirkung hatte. So referierte der Magnetiseur Hector Durville, der bereits an früherer Stelle vorgestellt wurde (Kap. 24), verschiedene phrenologische Schemata und produzierte in Anlehnung an die phrenologische Tradition auch ein eigenes: nämlich die „Nervenzentren nach Durville“. (Abb. [iii]) Er versah 22 organbezogene Nervenzentren mit Ziffern und fünf „facultés morales [sic] mit Buchstaben.

Die physische Anthropologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine wichtige Grundlage der aufkommenden Rassenbiologie und Rassenhygiene, trat das Gall’sche Erbe an. Sie widmete sich im Unterschied zu Gall vor allem dem Studium der „Rassenschädel“. So setzte sich beispielsweise der Bonner Anthropologe Hermann Schaaffhausen als Erster mit dem „Schädel aus dem Neanderthale“ auseinander, dessen evolutionsbiologische Bedeutung er – im Gegensatz zu Rudolf Virchow – richtig einschätzte.[9] Obwohl Galls Schädellehre angesichts des Siegeszugs der naturwissenschaftlichen Medizin ab der Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker als unhaltbares Konstrukt kritisiert und ihr Urheber als Spintisierer belächelt wurde, ist sie aus heutiger Sicht für die Entstehung der modernen Neurowissenschaft bahnbrechend gewesen. Denn Gall hatte als Erster die hirnphysiologische beziehungsweise psychophysiologische Bedeutung der Hirnrinde erkannt, wenn auch auf höchst spekulativem Weg. Die heute bizarr anmutende „Organologie“ darf jedoch nicht vergessen machen, dass Gall selbst ein systematisch arbeitender und begnadeter Naturforscher und Hirnanatom war, der den Weg für die Lokalisation von Gehirnfunktionen bahnte (zum Beispiel die Entdeckung der motorischen Zentren 1870 durch Fritsch und Hitzig) und der die hirnanatomische Ausrichtung psychiatrischer Forschung („Hirnpsychiatrie“) im ausgehenden 19. Jahrhundert einleitete. Die Organologie Galls folgte der Idee der Signaturenlehre und stellte ein Spezialgebiet der medizinischen Semiotik dar, die sich um 1800 vor allem in der inneren Medizin entfaltete.[10] Nur wer die Kunst der Zeichendeutung beherrschte, so die These der damaligen gelehrten Medizin, konnte im Krankheitsgeschehen die Botschaften der Natur verstehen und die Naturgesetze erkennen.


[1] Soemmerring, 1796. [2] Kant, 1796. [3] Mann, 1984. [4] http://www.historyofphrenology.org.uk/phrens.html (9.07.2012) [5] Jameson, 1842. [6] Gall, 1807, S. 80 f. [7] Schöne, 2002.[ 8] http://erichs-kriminalarchiv.npage.de/phrenologie_99672687.html (13.11.2009). [9] Schaaffhausen, 1858, S. 469.[ 10] Eich, 1986. [i] Reisch, 1503: Fig. 14 http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00012346 /image_461 (0.07.2012) → Abb. Reisch 1503  [ii] Gall, 1807 [Anhang]; → Abb. Gall 1807 Tonsinn [iii] Hector Durville, 1921, S. 399 f.; → Abb. Durville Nervenzentren 1 / 2