# 33. Kap. Signaturen: Zeichen in der Natur [+ Audio]

Audio auf Youtube: http://youtu.be/LCcXqUIFnIA

Ein Theorem der magia naturalis besagte, dass die Natur ihre Geschöpfe zeichne. Aus deren Gestalt, Konsistenz und Farbe könne man ihr Wesen, insbesondere ihre verborgene Heilkraft ablesen: zum Beispiel aus der roten Farbe eines Steins dessen blutstillende Kraft oder aus der hodenförmigen Wurzel einer Pflanze deren potenzsteigernde Wirkung. Aber die Natur zeichnete auch den Menschen, seine Gestalt, sein Gesicht. Wir werden sehen, wie Natura bereits im ausgehenden Mittelalter als Menschen fabrizierende Schmiedin dargestellt worden ist (Kap. 36). Aber auch der Teufel konnte seine Hand im Spiel haben. Naturforscher und Ärzte interessierten sich gerade im Hinblick auf Unglück und Krankheit für die Stigmen des Bösen, die dämonologisch als diabolisches Werk gedeutet wurden (Kap. 37). Der Naturforscher und Arzt hatte die Aufgabe, die Zeichen der Natur zu erkennen und zum Wohle der Menschen kunstgerecht zu deuten. Die Signaturen sollten so ernst wie die Buchstaben der Heiligen Schrift genommen werden. Wir wollen uns hier vor allem mit jenen Signaturen beschäftigen, die den Menschen als von der Natur Gezeichneten selbst betrafen. Für die Geschichte der medizinischen Anthropologie waren besonders die Physiognomik von Giambatissta Della Porta (16. Jahrhundert) und die Schädellehre von Franz Joseph Gall (um 1800) von wegweisender Bedeutung. Ihre Ausstrahlungen sind bis heute spürbar. Ihre fragwürdigste Modifikation sollten sie im Kontext der rassenbiologischen Kriminalanthropologie im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert erlangen, die sich – wissenschaftshistorisch kaum gerechtfertigt – auf sie berief (Kap. 9). Wie, wonach zeichnete nun die Natur den Menschen in der Vorstellungswelt der frühen Neuzeit? Die Antwort fällt nicht schwer: nach dem Tier. Die individuelle menschliche Physiognomie wurde in eine Typenlehre eingeordnet, die sich an den Charaktereigenschaften jeweils ähnlicher Tierarten orientierte: der listige Mensch wurde zum Fuchs, der geizige zum Raben. Bei Della Porta funktionierte dies Verfahren nach dem Augenschein, während es Gall mit Hilfe der vergleichenden Hirnanatomie methodisch durchexerzierte.

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