# 34. Arcanum: Geheimnis der Vergeistigung [+ Audio]

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Worin bestanden Methode und Zielsetzung der naturphilosophischen Forschung in der frühen Neuzeit? Die alchemistische Arzneimittelherstellung in der Nachfolge des Paracelsus, die in der Wissenschaftshistoriographie als Chemiatrie, Iatrochemie oder auch chemische („chymische“) Medizin bezeichnet wird, ist für unsere Fragestellung aufschlussreich. Es ging dabei weniger um die Herstellung eines potenten materiellen Medikaments, als vielmehr um die Gewinnung eines „reinen“, geistigen Heilmittels: eines arcanum. Die alchemistischen Prozeduren zielten darauf ab, die verunreinigenden Ballaststoffe auszuscheiden, die „Schlacken“ von den Heilmitteln abzutun, wie es Paracelsus einmal formulierte (Kap. 41). Mit anderen Worten: Die Naturdinge sollten durch systematische Bearbeitung möglichst vollständig vergeistigt werden. Gleichzeitig ging es bei der Alchemie immer auch um die Bildung, die Vergeistigung des Alchemisten selbst. Er war sozusagen selbst in den Reinigungsprozess, den er äußerlich im Labor vornahm, innerlich einbezogen. Die Idee lag nahe, dass er durch entsprechende Arbeit selbst zu einem arcanum werden könne. Wenn Paracelsus im „Paragranum“ von der „virtus“ des Arztes spricht, so ist damit diese alchemistische Selbstverfeinerung gemeint, und nicht eine angeborene, naturgegebene Kraft.

Die Verfeinerung oder Vergeistigung in oben angedeutetem Sinne fand in einer bestimmten Richtung statt: nämlich von unten nach oben, von der Erde zum Himmel, vom Menschen zu Gott. Der Magier sollte durch seine Forschungen wie auf einer Himmels- oder Jakobsleiter aufsteigen − vom irdischen Dunkel zum göttlichen Licht. Die Metapher der Himmelsleiter tauchte in der frühneuzeitlichen Naturforschung häufig auf. Das göttliche Licht galt nicht nur als Quelle aller Erkenntnis, sondern auch als Quelle aller Heilkraft. Wer dorthin gelangte, hatte das arcanum erreicht: objektiv als Arzneimittelhersteller und subjektiv als mystisch Erleuchteter, der die Magie der Natur in ihrem Ursprung erfahren hatte. Das arcanum bedeutete nach Zedlers „Universal-Lexicon“ „eine geheime, uncörperliche und unsterbliche Sache“. Es gab verschiedene Arkanbereiche: „Geheimnisse der Natur (arcana naturae), Geheimnisse Gottes (arcana Dei) und Geheimnisse der Obrigkeit (arcana imperii).“[1] Mehr oder weniger synonyme Begriffe zu arcanum waren secretum und occultum, die allesamt etwas Paradoxes zum Ausdruck brachten: neben den verborgenen Inhalten selbst sowohl deren Geheimhaltung als auch Aufdeckung.[2]


[1] D. Jütte, 2011, S. 11. [2] A. a. O., S. 12.

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