34. Kap./1 * Himmelsleiter und Goldene Kette

Wie die Kunsthistorikerin Mechthild Modersohn herausgestellt hat, begann die „mittelalterliche Bildwerdung der Natura mit einer Allegorie der Naturüberwindung“.[1] Sie verwies auf eine byzantinische Miniatur aus dem ausgehenden 11. Jahrhundert. Sie zeigt einen Mann, der mit erhobenen Armen auf einer in den Himmel führenden Leiter balanciert, während am Fuße der Leiter eine Frau mit auf den Rücken gebundenen Armen liegt: Natura. (Abb. [i]) Die Illustration ist in einem Manuskript der Tugendlehre des Johannes Klimakus enthalten, der als Einsiedler auf dem Berg Sinai lebte und in der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts eine in zahlreichen Handschriften überlieferte „Himmelsleiter“ verfasste. Die betreffende Schrift befindet sich in der Vatikanischen Bibliothek.[2] Die Szene wird folgendermaßen erläutert. Natura spricht zur Seele: „Weil du meine sichere und grundsätzliche Schwachheit kennst, hast du mir die Hände gebunden“, während der Engel dem aufsteigenden Mönch mitteilt, dass derjenige, der die Natur überwinde, „nur noch ein wenig geringer als die Engel“ sei.[3] Auf der rechten Bildhäfte erblickt man in der Mitte Klimakus, der zwei Mönche belehrt und auf drei Frauen zeigt: Die Personifikation der Caritas verweist gerade die beiden personifizierten Laster Avarice (Habgier) und Impietas (Gottlosigkeit) des klösterlichen Raums. Der Aufstieg zum Himmel erscheint demnach nur durch Überwindung der (eigenen) Natur möglich zu sein. Hier transzendiert die Himmelsleiter die Natur, die gefesselt am Boden zurückbleiben muss. Wir werden gleich sehen, wie in der Renaissance die Himmelsleiter gewissermaßen naturalisiert wird und selbst zum Symbol der Naturforschung mutiert.

Eine andere Darstellung der Himmelsleiter des Klimakus zeigt den Aufstieg als einen ständigen Kampf gegen die bösen Dämonen, die den Menschen in den irdischen Abgrund reißen wollen. (Abb. [ii]) Diese Ikone befindet sich im Katharinenkloster (Sinai, Ägypten). Sie wurde im 12. Jahrhundert hergestellt, in Anlehnung an ein Manuskript des Johannes Klimakus. Auf der Leiter steigen Mönche zum Himmel auf, wobei manche jedoch von Dämonen weggezogen werden und herunterfallen.[4] Die Sonne, die in himmlischer Höhe leuchtet, verschwimmt im goldenen Hintergrund. Die Leiter bildet eine Diagonale von links unten nach rechts oben und verläuft zwischen zwei Gruppen, die das Schauspiel auf der Leiter beobachten − einer Gruppe von Heiligen im Himmel links oben und einer von ehrwürdigen Männern auf der Erde rechts unten. Die Himmelsleiter sollte später, vor allem bei Giordano Bruno im ausgehenden 16. Jahrhundert, anthropologisch die Dynamik im Seelenleben des Einzelnen verdeutlichen: Dem Streben nach oben zur intelligiblen Welt stand das Streben nach unten zur animalischen Welt, sozusagen einem Rückfall in die Welt der Sinne, gegegenüber. Dieses Szenario beschrieb Bruno in der Schrift „De gli eroici fuori“ (Von den heroischen Leidenschaften). Darin wurde die Seele  von ihm als eine „Wesenheit […] mit zwei entgegengesetzten Zielen“ definiert, die dort sei, „wo körperliche und unkörperliche Natur aneinanderstoßen“.[5] Sie habe „einen Teil, der sich zu höheren Dingen erhebt und einen, der sich zu den niederen beugt.“

Das göttliche Licht konnte den Menschen durch zwei entgegengesetzte Bewegungen treffen: Zum einen durch das Ergriffenwerden, eine Bewegung von oben nach unten, eine „Erleuchtung“ im Sinne des Enthusiasmus, der Gottesbesessenheit; zum anderen durch eine Art Erhebung, eine Bewegung von unten nach oben, wenn sich der Mensch der himmlischen Lichtquelle zuwendet und ihr zustrebt. Letztere Bewegung entsprach der Vorstellung von der Himmelsleiter, wie sie Jakob nach der biblischen Erzählung in einer Traumvision erlebte: „ Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.“[6] Am oberen Ende dieser Jakobsleiteraber war der Herr in Gestalt des Tetragramms (JHWH) zu sehen. Im Johannesevangelium erscheint sogar Christus selbst als Himmelsleiter: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“[7]. Die Leiter mit ihren Stufen symbolisierte die Grundlage des Gehens, insbesondere die Möglichkeit des Hinaufsteigens, des Aufstiegs zum göttlichen Glanz. Die Himmelsleiter schaffte somit die Verbindung des irdischen Lebens mit dem himmlischen, war ein Medium zwischen Gott und Mensch. In der Bibel begehen nur „Engel“ diese Leiter, die Naturphilosophie in Renaissance und früher Neuzeit sah jedoch den aufstrebenden Menschen, insbesondere den Naturforscher, auf dieser Leiter wandeln.

Interessant ist die Begegnung auf dieser Leiter, wenn der von unten nach oben Strebende einer von oben herabkommenden himmlischen Gestalt begegnet. Diese Situation wird auch in der Gegenwartskunst dargestellt, wie die beiden folgenden Beispiele belegen. Gerhard Richter verweist in seinem 1966 geschaffenen Ölgemälde „Ema (Akt auf einer Treppe)“ implizit auf dieses Arrangement.[8] Der Betrachter identifziert sich automatisch mit demjenigen, der − auf dem Bild nicht sichtbar − der nackten Frau entgegensieht oder auch entgegengeht. Es handelt sich um Marianne Eufinger, die Ehefrau des Künstlers, die wie ein leuchtender Engel niederkommt. In dem US-amerikanischen Spielfilm „Pretty Woman“ (1990) von Gerry Marshall sehen wir eine solche Begegnung mustergültig in der Schlussszene, wo sich die beiden Hauptdarsteller auf einer langen und steilen Feuerleiter vereinigen: Julia Roberts fliegt von oben dem aufsteigenden Richard Gere zum happy end-Kuss in die Arme. Die himmlische Frau steigt über eine Treppe oder Leiter zum erdgebundenen Mann hinab − eine archetypische Konstellation, die ein zeitunabhängiges Motiv begründet. Doch zurück zur Renaissance.

Anmerkung vom 14.12.2014:

Das Motiv der Himmelsleiter taucht in US-amerikanischen Spielfilmen immer wieder in Form der Feuerleiter auf. 

Näheres siehe meinen Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/12/14/355/

Der Philosoph Giovanni Pico della Mirandola legte in seinem 1486 verfassten Hauptwerk „Über die Würde des Menschen“  dar, dass der Schöpfer den Menschen als ein „Geschöpf von unbestimmter Gestalt“ in die Mitte der Welt gestellt habe, damit er sich von dort aus besser umsehen könne, was es auf der Welt gäbe. Der Mensch sei frei, sich selbst zu derjenigen Gestalt auszuformen, die er bevorzuge: „du kannstzum Niedrigeren, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.“ (Poteris in inferiora quae sunt bruta degenerare; poteris in superiora quae sunt divina ex tui animi sententia regenerari).[9]Der „Patriarch Jakob“ habe, so erläuterte Pico an einer späteren Stelle der genannten Schrift, dies mit dem Gleichnis von der Himmelsleiter illustriert: Es gebe „eine Leiter, die vom Grund des Bodens bis zum höchsten Punkt des Himmels reiche und in eine lange Reihe von Sprossen unterteilt sei. Ganz oben darauf sitze der Herr. Die Engel stiegen der Betrachtung hingegeben, einander abwechselnd an ihr auf und ab. Wenn wir also, da wir nach einem engelgleichen Leben streben, dasselbe betreiben müssen frage ich: Wer wird die Leiter des Herrn mit schmutzigem Fuß oder mit unsauberen Händen berühren? Dem Unreinen, so wollen es die Mysterien, ist es untersagt, das Reine zu berühren. […] Wir müssen zuvor gut gerüstet und unterwiesen sein, uns auf die rechte Weise von Stufe zu Stufe vorwärtszubewegen [sic], nirgends abzuweichen und die hinauf- wie herunterführenden Wege zu begehen. Wenn wir das durch die Kunst der Rede oder Dialektik erreicht haben […], werden wir in philosophischer Betrachtung über die Stufen der Leiter, das ist die Natur, von einem Endpunkt zum anderen alles durchschreiten […], bis wir endlich im Schoß des Vaters über der Leiter ruhen und durch die Glückseligkeit der Theologie zur höchsten Vollendung gelangen.“[10]

Die Jakobs- oder Himmelsleiter erschien somit als Symbol der zu erforschenden Natur, die dem Menschen einen Weg aus den irdischen Niederungen zu den himmlischen Höhen bot. Am unteren Endpunkt der Natur stand der ungebildete Mensch, der durch einen Prozess der Erziehung und Reinigung zum oberen Endpunkt, nämlich Gott, gelangen konnte. Wir haben hier eine klare hierarchische Ordnung, eine Ausrichtung von unten nach oben, die nicht nur der damaligen kosmologischen Vorstellung allgemein entsprach, sondern auch der speziellen Perspektive der Alchemie. Der Aufstieg auf der Leiter der Naturforschung setzte eine ständige Reinigung durch „philosophische Betrachtung“ voraus und war als ein zielgerichteter Prozess der Vervollkommnung gedacht. In Emblematik und Ikonographie der frühen Neuzeit tauchte dieses Motiv in verschiedenen Variationen auf, etwa bei Robert Fludd, dem namhaften Paracelsisten und Anhänger der Rosenkreuzer, der diese Leiter recht geradlinig und blank mit exakt bezeichneten Erkenntnisstufen ins Bild setzte. (Abb. [iii]

Anmerkung:

Der 1947 geborene italienische Künstler Guiseppe Penone gestaltete einen „Fünf-Meter Baum“ der an die geradlinige Himmelsleiter von Robert Fludd erinnert.

Näheres siehe Supplementary News Blog:

https://de.wordpress.com/post/53050053/163

Anmerkung 7.11.2014:

Das Bildmotiv der Himmelsleiter erscheint interessanterweise auch auf einem Poster aus den USA während des Erten Weltkriegs, auf  dem einem Soldaten eine Bücherbrckem den Weg vom Schützengraben in eine bessere Zukunft durch Bildung weist.

Siehe Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/07/anmerkung-zu-34-kap-1-himmelsleiter-und-goldene-kette-himmelsleiter-aus-dem-schutzengraben/

Ganz anders geformt war die geschwungene und von Engeln begangene Jakobsleiter im Gemälde von William Blake um 1800, die nicht auf Naturforschung, sondern auf religiöse Schau im Sinne der Romantik abzielte. (Abb. [iv]) Eine andere Spielart der Jakobsleiter zeigte der Nürnberger lutherische Theologe Johann Saubert in seiner 1625 veröffentlichten Sammlung erbaulicher Embleme mit christlichem Inhalt. Unter dem Motto „Christus allein Will mittler sein“ wird eine mit Triumphbögen versehene Himmelsleiter abgebildet, an deren oberem Ende Christus steht, mit der rechten Hand Gottes Hand fassend, die linke denen entgegengestreckt, die – noch nicht sichtbar – ihm auf der Treppe entgegengehen werden. (Abb. [v]) Die Himmelsleiter eignete sich aber auch als genealogische Metapher der Höherentwicklung, des Aufstiegs, etwa die Mondleiter des Hauses Habsburg, die im „Zaiger“ (1518) von Maximilian abgebildet wurde. (Abb. [vi]) „Wie bei der Jakobsleiter werden hier alle Grade der Adligen des Hauses Habsburg vom Landgrafen bis zum Kaiser auf einer silbernen Leiter in den Mondhimmel geführt, im Zentrum steht die Krönung Maximilians durch zwei Engel.“ [11]

Übernahm bei naturphilosophischen Emblemen Natura die Rolle der Vermittlerin, so erschien bei theosophischen Emblemen Jesus Christus in dieser Funktion. Der gender-Aspekt vollzog hier eine Wandlung. Standen sich in der Naturphilosophie (männlicher) philosophus und (weibliche) Natura gegenüber, die hin und wieder in die Rolle einer „verführerischen“ Frau schlüpfte, waren in der christlichen Theosophie die (weibliche) Seele (anima) und der (männliche) Christus Gegenpole. Der erotische Spannungsbogen war also gegenläufig aufgespannt: in der Naturphilosophie ging es um die Liebe des Philosophen zur Natur, in der christlichen Theosophie und Mystik stand die Liebe der Seele, insbesondere die der seherisch begabten Frau, zu Christus im Mittelpunkt. Insofern die Seele als weiblich angesehen wurde, übernahmen männliche Theosophen und Mystiker gegenüber Christus eine weibliche Rolle. Der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz (Juan de la Cruz) schilderte die Liebesvereinigung der menschlichen Seele als Braut mit dem göttlichen Bräutigam Christus in vollendeter Lyrik, insbesondere im „Geistlichen Gesang“ (cántico espiritual), einem „Wechselgesang zwischen der Seele und ihrem Bräutigam“.[12] Im Folgenden sei die fünfte und siebte Strophe seines bekannten Gedichts „Die dunkle Nacht“ (noche oscura) in deutscher Übersetzung zitiert:

„O Nacht, so hold wie nimmer
das Morgenrot erscheinet!
O Nacht, die du vereinet
dem Bräutigam die Braut,
die umgewandelt sich in Ihm erschaut!

Ich lehnt’ an den Geliebten,
mein Antlitz liebestrunken,
und – alles war versunken.
Ich schwand mit allem hin,
die Sorgen ließ ich unter Lilien blüh’n.“[13]

 

Gerade in der frühen Neuzeit standen Naturforscher und Ärzte implizit oder explizit der Idee einer unio mystica mit der Gottnatur nahe. Im Folgenden möchte ich vor allem auf Paracelsus eingehen, in dessen Werk naturmystische Anklänge unüberhörbar sind. Wie der aus Rumänien stammende Religionwissenschaftler Mircea Eliade eindrucksvoll zeigen konnte, hatte die persönliche Erfahrung des „inneren Lichts” in der Religions- und Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart große Bedeutung.[14] Hatte nun Paracelsus dieses „liecht microcosmi“[15] in sich selbst erfahren? War er also nicht nur Naturforscher, sondern auch Naturmystiker? Es ist fraglich, inwieweit eine solche Unterscheidung in der frühen Neuzeit überhaupt sinnvoll oder möglich ist. War der Begriff „Licht der Natur“ für Paracelsus mehr als nur eine intellektuelle Redeweise, eine Metapher? Es gibt kein biographisches oder autobiographisches Zeugnis, dass diese Frage bejahen würde. Fasst man aber die bildhalfte Sprache des Paracelsus ins Auge, so ließe sich trefflich darüber spekulieren, inwieweit er zu mystischem Erleben fähig war, um dem „Licht der Natur“ in sich selbst zu begegnen.

Eliade unterschied fünf Typen des “inneren Lichts”, die möglicherweise auch im Leben des Paracelsus eine Rolle spielten: (1) Ein plötzliches Ereignis, wie beispielsweise vom Blitz getroffen werden, könne zu einer mystischen Wende im Leben führen. Ein solches Initiationserlebnis ist bei Paracelsus nicht dokumentiert, ob seinem Namenswechsel von Theophrastus Hohenheim zu Paracelsus ein solches zugrunde lag, ist müßig zu fragen. (2) Das intensive Erleben des übernatürlichen himmlischen Lichts, das die Materie durchflutet, wenngleich nach dem Sündenfall nur verborgen, mag ihm durchaus widerfahren sein. Seine emphatischen Spekulationen über das „Licht der Natur“ und das „ewige Licht“ zeugen von seiner Sensitivität für eine Fragestellung der Mystik. Auch die anderen Typen könnten für Paracelsus’ Erfahrung eines inneren Lichts bedeutsam gewesen sein: (3) die magischen Künste und das Hellsehen, (4) die Gewissheit der Unsterblichkeit der Seele in Verbindung mit dem göttlichen Himmelslicht und (5) die Erfahrung des göttlichen Lichts, das die Heiligkeit des Kosmos als göttliche Schöpfung enthüllt. Soche Erfahrungen des inneren Lichts erwiesen sich nach Eliade als Auslöser geistiger Umkehr. Die Paracelsusforschung, die sich mit seinem theologischen Werk auseinandersetzte, vermied im Großen und Ganzen die Frage, inwieweit ihr Held mystische Erfahrungen gemacht haben mag.

Himmelsleiter und Goldene Kette symbolisierten die Verknüpfung der irdischen mit der himmlischen Welt. Während jedoch die Himmelsleiter dem Menschen den Weg von unten nach oben wies, zeigte ihm die Goldene Kette (catena aurea) komplementär hierzu die Ausstrahlung des göttlichen Licht von oben nach unten. Der Münsteraner Philosoph Thomas Leinkauf nannte die catena rerum „ein Grundmotiv barocker Kosmologie“. [16] Goldene Kette und Himmelsleiter seien schon früh als Topoi miteinander verbunden worden. Sie ergänzten sich „durch die inverse Richtung des Aufstiegs auf derselben Seinsordnung.“ Athanasius Kircher sprach on einer „scala mystica“: „qua pia mens per visibilia quae facta sunt, ad invisibilium bonorum nunquam periturorum copiam ascendere posset …“.[17]Es handele sich hier, so Leinkauf, um eine „nach ‚innen’ geklappte catena“. Die catena rerum und die scala cognitium seien „so zu gossen Teilen miteinander und ineinander verknüpft.“[18] Goethe war, wie er in „Dichtung und Wahrheit“ mitteilte, von der Aurea Catena Homeri fasziniert, „wodurch die Natur, wenn auch vielleicht auf phantastische Weise, in einer schönen Verknüpfung dargestellt wird“.[19] Auf diese Verknüpfung hatte bereits der Marburger Arzt und Alchemist Oswald Croll hingewiesen, für den die platonischen „Annuli“ (Kettenglieder) und die „Catena Homerica“ eine miteinander verkettete Sympathie („Concatenata Sympathia“) bedeuteten.[20]

Die Metapher der Goldenen Kette ist noch in der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts präsent. So formulierte die französische Philosophin (und Mystikerin) Simone Weil einmal ein Gleichnis vom Schiffbrüchigen, dem Gott vom Himmel eine „Leine“ zuwerfe. Die Goldene Kette erscheint hier als eine dynamische Gegenkraft zur Schwerkraft: „Wir sind wie an Planken hängende und durch all Bewegungen der Wellen gänzlich hilflos umhergeworfene Schiffbrüchige auf dem Meer. Aus der Höhe des Himmels wirft Gott jedem eine Leine zu. Wer die Leine ergreift und trotz Schmerz und Furcht nicht losläßt, bleibt ebenso wie die anderen den Wellenstößen unterworfen; nur verbinden sich diese Stöße mit dem Gestrafftsein der Leine, um eine anderes mechanisches Gesamt zu bilden. Wenn so das Übernatürliche auch nicht in den Bereich der Natur herabsteigt, so ist die Natur dennoch durch die Anwesenheit des Übernatürlichen verwandelt.“[21] In ihren Reflexionen über „Schwerkraft und Gnade“ thematisierte sie die praktische Möglichkeit des Aufstiegs durch Aufmerksamkeit als Meditationsübung, die das „Ich“ zum Veschwinden bringe, worauf wir noch zurückkommen werden (Kap. 43).


[1] Modersohn, 1997, S. 23. [2] Biblioteca Apostolica Vaticana: Cod. gr. 394, fol. 89v. [3] Zit. n. Modersohn, 1997, S. 23. [4] http://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Ladder_of_Divine_Ascent.jpg (14.07.2012). [5] Bruno [1585], 1989, S. 78 f. [6] Gen 28,12; http://www.bibleserver.com/text/LUT/1.Mose28 (10.01.2008). [7] Joh 1,51; http://www.bibleserver.com/text/LUT/Johannes1 (10.01.2008). [8] http://www.flickr.com/photos/alirezaabrishamchi/5598645571/ (15.03.2013). [9]Pico della Mirandola [1486], 1990, S. 7 (§ 5, 23). [10] Pico della Mirandola [1486], 1990, S. 17. [11] Füssel, 2003, S. 15. (Wien, ÖNB, Cod. Vind. 7892). [12]http://www.liebes-kummer.com/liebe/gottesli/johan3.htm (26.12.2011). 13] http://www.marschler.at/worte-johannes-kreuz.htm (26.12.2011). [14] Eliade, 1958. [15] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 1, S. 338. [16] Leinkauf, 1993, S. 110-123. [17] Zit. ebd., S. 121. [18] A. a. O., S. 122. [19] Zit. n. Bernus, 1969, S. 164; Galley, 1985, S. 122. [20] Croll, 1611, S. 18. [21] Weil, 1951, S. 145.


[i] Modersohn, 1997, S. 291: Abb. 1; → Abb. Klimakus Himmelsleiter  [ii] → Abb. Klimakus Himmelsleiter mit Dämonen; Florian Prischl/Wikimedia Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Ladder_of_Divine_Ascent.jpg (13.07.2012) [iii]Fludd, 1619; Roob, 1996, S. 285; H. Schott, 2005 [a], S. 17 (Abb. 1); → Abb. Fludd 1619 Himmelsleiter [iv] Roob, 1996, S. 297; → Abb. Blake Jakobsleiter [v] Saubert [1525], 1977: Nr. 43; → Abb. Saubert Jakobsleiter [vi] Füssel, 2003, S. 15; aus: „Zeiger“ von Jakob Mennel,  Freiburg 1518 (Wien, ÖNB, Cod. Vind. 7892); → Abb. Mondleiter des Hauses Habsburg 

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