34. Kap./5 * Das “lebendig feur”

In der Sonne als Zentralgestirn waren Licht und Feuer sinnlich erfahrbar miteinander verbunden. Für die Lichtmetaphorik des Paracelsus war vor allem der Begriff des Feuers bedeutsam, was in der pseudo-paracelsischen Schrift „Coelum philosophorum“ im Einzelnen dargelegt wird. Zunächst: Licht bringe Leben hervor; Licht sei “des lebens natur”, eine Bewegung, hervorgerufen durch des Feuers Hitze. Das „lebendig feur” sei mit einem Hausbewohner vergleichbar: „das haus ist alwegen tot aber der einwohner ist lebendig feur.“[1] Es sei hier angemerkt, dass Franz Anton Mesmer in analogem Sinne vom „Lebensfeuer“ sprach, um die heilsame Wirkung des magnetischen „Fluidums“ zu veranschaulichen (Kap. 24). Sodann meinte Paracelsus, Leben sei Feuer, das den Körper der Seele forme, die vom dreifaltigen Feuer geschaffen werde. So lesen wir in der pseudo-paracelsischen Schrift „Liber Azoth”, die durchaus paracelsisches Denken widerspiegelt: „nemlich aus dem feur des sulphurs, aus dem feur des salzes, also auch aus dem feur des mercurii, denn ein solch feur muß einen dreifachen leib haben aus dem yliastro“. Yliaster (oder iliaster) bedeutete die prima materia als eine göttliche Emanation von Gottes Wort „Fiat“. Schließlich bilde das “elementare feur” die natürliche Umgebung der „vulcanischen völker“, einer Klasse von Elementargeistern, und sei für ihr Leben so wesentlich wie Luft für die normalen Menschen. Das elementarische Feuer sei insofern das „chaos“ der Geister des Elements Feuer. Sie wurden besonders mit der alchemistischen Bedeutung des Feuers assoziiert, wobei „vulcanus“ sowohl den natürlichen Alchemisten im Bergesinneren als auch die künstlichen Prozeduren in den Öfen des alchemistischen Labors bezeichnete.

In der Alchemie symbolisierte das Feuer, in der Naturphilosophie das Licht Leben schlechthin. Im pseudo-paracelsischen Traktat „Coelum philosophorum sive Liber Vexationum“, der sich mit der wissenschaftlichen Einschätzung des Goldes befasst, findet sich eine interessante Textpassage. Demnach seien alle lebendigen Dinge Feuer, weil sie Wärme in sich hätten. Gold sei zwar „lauter feur“, aber nicht in Aktion auf der Erde, da es ein himmlisches Feuer sei, das auf der Erde als ein kaltes „gefrorens feur“ – etwa im Gold – erscheine.[2] Es könne durch das elementare Feuer auf der Erde nicht zerstört werden­, denn „es mag ein feur das ander nit verbrennen oder verzeren, sonder so feuer [sic]und feur zusamen komen, wirts nur ie größer und sterker in seiner wirkung.“ Die Idee der Licht- oder Feuerbrücke zwischen Himmel und Erde war entscheidend. Sie harmonierte mit der Idee der Goldenen Kette und der Himmels- oder Jakobsleiter (siehe oben). Der Heilige Geist, meinte Paracelsus, sei der „anzünder“ des Lichts der Natur und befeuere die natürliche Materie.[3] Er thematisierte freilich auch böse Feuer, nämlich die Krankheitserreger („samen“), die von den fünf „Entien“ (Ens astrale, Ens veneni, Ens naturale, Ens spirituale, Ens deale) aktiviert werden können: „darumb fünferlei feur sind uber den leib, wan der leib muß warten, welches feur in betret und im ein krankheit mache.“[4] Die Samen attackierten den Körper von außen wie Dämonen und verursachten so Entzündungen.[5]Nach Pagel wird hier das gnostische Erbe des Paracelsus offensichtlich: Das “schwarze” oder “dunkle Feuer” im Gegensatz zum weißen göttlichen oder himmlischen Feuer.[6] Freilich könne, so Paracelsus, jemand seinen eigenen Geist oder “samen” einer Krankheit durch seinen Willen, d. h. seine Imagination erzeugen: „wie ein feur aus eim kisling gemacht wird, also wird durch den willen dieser geist auch gemacht.“[7]

Für den von Paracelsus ausgehenden Theosophen Jakob Böhme war das Feuer eine Schlüsselmetapher, welche die Vereinigung von Mikorkosmos und Makrokosmos, Natur und Geist, Gott und Menschen versinnbildlichen sollte. Das „Centrum Naturae“ sei das Herz, nämlich „das allerinnerste der Natur, die Grimme Schärffe des Natur-Feuers“.[8] Dieses Zentrum der Natur identifizierte Böhme mit dem ewigen Leben, „denn es ist das Feuer-leben und der Geist, so aus dem, Centro Naturae erboren wird und ausgeht, der in der Tinctur wohnet, ist das das ewige Seelen-Leben; und der Geist Luft, mit der Qualität des Sternen-Regiments ist das anfängliche und endliche zerbrechliche Leben, das ist das viehische Leben.“[9] In Anlehnung an alchemistische Vorstellungen identifizierte Böhme den himmlischen Geist mit Gold, den viehischen mit Sulphur (Schwefel), einem Erkennungszeichen des Teufels. Er sah die Gefahr, dass der Sulphur das Gold verunreinigen könnte wie das „kindlich Gemüthe“, das „gleichwie das Gold ohne Macke ist“.[10] Somit erklärte er das grundsätzliche Elend des Menschen: „Aber der Teufel hat Sulphur darinnen [im Germüt] erwecket, und hat ihm den viehischen Geist zum Ober-Regenten gesetzet, über den der mensch solte herrschen, derselbe herrscht über ihn, und das ist sein Fall.“

In paracelsischer Tradition stehen auch die sogenannten Rosenkreuzer-Manifeste im frühen 17. Jahrhundert, in denen ebenfalls die Lichtmetaphorik auffällig ist. Da ist vom „Liecht von Gott“ die Rede, dessen Wahrnehmung ein typisches Kennzeichen eines Mitglieds der geheimen Gesellschaft darstelle, wie es in der „Confessio fraternitatis“ (1615) dargestellt wird. In der „chymischen Hochzeit“ (1616), auf die wir noch zurückkommen (Kap. 35), geschieht eine wunderbare Verdichtung des Sonnenlichts: Von den Spiegeln an allen Wänden einer Schloßhalle wird das Sonnenlicht gegen eine „Guldene Kugel“ gerichtet, die in der Mitte hängt und einen solchen „glantz“ ausstrahlt, daß niemand die Augen öffnen kann.[11] Hier wurde mit technischen Mitteln eine künstliche Sonne inmitten eines Schlosses geschaffen, welche die Betrachter durch ihren ungeheuren göttlichen Glanz blendete.

Der aus Speyer stammende Alchemiker und Merkantilist Johann Joachim Becher publizierte in der Schrift „Chymischer Glücks-Hafen“ ein umfangreiche „Collection“ von alchemistischen Rezepturen.[12] Die hermetische Sprache bereitet dem heutigen (und wahrscheinlich auch damaligen) Leser einige Verständnisschwierigkeiten. Licht und Feuer waren dabei wichtige Begriffe. Bezug nehmen auf Heinrich Khunradt definierte er das „philosophsiche Feuer“ als ein „himmlisches Feuer“. In einer Marginalie heißt es: „Das Philosophische Feuer ist das himmlische Saltz der Natur. Dieses Saltz-Feuer ist viel stärcker als das gemeine Holtz oder Kohlen-Feuer. Dieses Saltz-Feuer ermachet das Gold und alle Metallen zu einem lauteren Geist.“ Im Fließtext wird dann erläutert: „ohne dieses himmlische Feuer kan niemand zu der Kunst kommen / dieses ist das Feuer der Weisen“.[13] Becher verknüpfte diesen Gedanken eines himmlischen Feuers mit der Idee der eines magnetischen Salzes. Aus der Luft gezogenes Salz sei der Magnetstein der Philosophen, „dann dieses auß der Lufft gezogene Saltz / ziehet hernacher [sic] Magnetischer Weiß an sich in Gestalt eines Wassers die Lufft / daß also die Lufft / welche zuvorn unsichtbar ware / hernacher ein sichtbares / und handgreiffliches Wasser wird.“ Der himmlische Geist könne dann gewonnen werden: Denn es könne geschehen, dass man „diesen Astralischen Geist in Gestalt eines Wassers auß der Lufft extrahire / und hernacher auß diesem Wasser das Philosophische Saltz extrahire “.[14]

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts produzierte die Elektrizität religiös anmutende Effekte, wie zum Beispiel die als Gloriole erscheinende „Elektrisierkugel“. Ein solche wurde als Frontispiz in einer 1778 publizierten Schrift des Abbé de Sans, eines Kanonikers und Philosophieprofessors an der Universität Perpignan, abgebildet. (Abb. [i]) Sie erscheint als eine helle Sonne am Himmel, als absolutes Himmelslicht, das seine Strahlen in alle Richtungen aussendet und zwei Männer, vermutlich Naturforscher, in Erstaunen und Bewunderung versetzt, die das Lichtwunder in der Höhe von ihrem irdischen Standpunkt aus betrachten. Ihre Körperhaltung und ihr Gesicht drückt eine Mischung von Erschrecken und Verzückung gegenüber der „Elektrisierkugel“ aus. Sie wird hier offenbar mehr als überirdische Erscheinung denn als technischer Apparat wahrgenommen.

Die Durchflutung des menschlichen Körpers mit dem „electrischen Feuer“ war plötzlich sichtbar, spürbar, mitteilbar. Die elektrischen Lichterscheinungen faszinierten Wissenschaftler und Künstler ebenso wie das ungebildetere Publikum (Kap. 22). Die früheren Spekulationen der Naturphilosophie und Magie über „Licht der Natur“ und „lebendiges Feuer“ mit ihren religiösen Konnotationen schienen nun von der Wissenschaft demonstriert werden zu können. Theosophen und Pietisten fühlten sich besonders angesprochen. Für den schwäbischen Pietisten Friedrich Christian Ötinger schien die Elektrizität sogar eine „verborgene Wissenschaft der Magie“ zu eröffnen, wie dies Ernst Benz im Einzelnen dargelegt hat.[15] Ötinger interpretierte unter dem Eindruck der barocken Bildwelt und unter dem Einfluss der Kabbala das „göttliches Feuer“ im Sinne der elektrischen Phänomene als „elektrisches Feuer“.[16] Er unterschied dabei zwei Stufen der „Herrlichkeit Gottes“ (gloria Dei), die man kurz als Glanz und Abglanz bezeichnen kann: Zum einen der Lichtglanz, der in Gott selbst und seinem Thron beschlossen ist (gloria Dei primitiva), zum anderen die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit (gloria dei derivativa), aus dem die Urkräfte (potentiae primitivae) und die „Erste Materie“ (materia prima) hervorgehen. Die theologische crucial question lautete für Benz: „Ist das elektrische Feuer selbst ein Ausfluß des Wesens Gottes oder ist es eine geschaffene Kraft, die der Schöpfung als kreatürliche Kraft von dem Schöpfer mitgegeben ist?“ Aus dem Blickwinkel der frühneuzeitlichen magia naturalis ist eindeutig die erste Frage zu bejahen: Die Lichtstrahlen, die die Natur durchdringen, sind göttlich, bilden die arcana und stellen die göttliche „Heilkraft der Natur“ dar. In diesem Sinne identifizierte auch Ötinger explizit das „electrische Feuer“ mit dem „Balsam der Natur“.[17]

Das Leben ist eine reine Flamme und wir leben durch eine unsichtbare Sonne in uns“ (life is a pure flame, and we live by an invisible Sun within us), schrieb der englische Arzt und Naturphilosoph Thomas Browne im 17. Jahrhundert. [18] Damit formulierte er eine griffige naturphilosophische Formel für die Heilkraft der Natur, die in der frühen Neuzeit nahe lag. Die Flamme, das „Lebenslicht“, diente als  Symbol der Lebenskraft. Friedrich Nietzsches bekanntes Gedicht „Ecce Homo“ in „Die fröhliche Wissenschaft“ nutzte diese Symbolik:

            Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr‘ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.[19]

Das „Lebenslicht“ als Metapher für die Vitalität des Menschen ist durchaus bekannt, dementsprechend auch die Redensart vom „Lebenslicht ausblasen“. Das ideale Sterben wurde seit dem 18. Jahrhundert als „friedliches Verlöschen“ bezeichnet, analog einer Kerze, deren Wachs aufgebraucht ist und deren Flamme deshalb ohne äußere Einwirkung verlischt.[20] Diese Idealvorstellung liegt dem Menschenbild der modernen Medizin und dem entsprechenden normativen Todesbild zugrunde: der „natürliche Tod“ als Naturgesetz, das „Recht auf den eigenen Tod“ und die absolute „Sterblichkeit des Menschen“. [21] Dagegen war das „Lebenslicht“ in der frühneuzeitlichen Naturphilosophie untrennbar mit dem theosophischen Denken verbunden: dem „Licht Gottes“.   


[1] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 414. [2] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 413. [3] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 8, S. 208. [4] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 1, S. 172. [5] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 7, S. 364 u. Bd. 10, S. 543. [6] Pagel, 1982, S. 212 f. [7] Paracelsus, Ed. Sufhoff, Bd. 1, S. 218. [8] Böhme [1730], 1960, Bd. 1, S. 13. [9] A. a. O., Bd. 3, S. 284 f. [10] A. a. O., S. 285. [11] H. Schott, 1998 [c], S. 293. [12] Becher, 1682. [13] Ebd., S. 150. [14] A. a. O., S. 151. [15] Benz, 1977, S. 20. [16] Benz, 1970, S. 52. [17] A. a. O., S. 53. [18] Browne, 1658, S. 80. [19] Nietzsche, KSA Bd. 3, 1999, S. 367.   [20] Haisch, 1974, S. 74. [21] Schott, 1986 [d], S. 73.


[i] H. Schott, 2005, S. 16; Abbé Sans, 1778: Frontispiz; → Abb. Elektrisierkugel Abbé de Sans 1778

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