35. Kap./1 * Kosmische Begattung [+ Audio]

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Es gibt keine bessere Einführung zur „chymischen Hochzeit“ als die eindrücklichen Buchillustrationen von alchemistischen Begattungen, coniunctiones. Personifierte Planeten und ihnen analoge Metalle kopulierten als Mann und Frau, etwa Sonne (Gold) und Mond (Silber), wie der Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren in Michael Maiers „Atalanta fugiens“ zeigt. (Abb. [i]) Unter der Überschrift „Im Wasserbad wirt empfangen / und in der Lufft geboren […]“ (in balneis concipitur, & in aere nascitur […]) ist im deutschen Epigramm ist zu lesen:

„IM Wasserbad geschehn ist sein Empfängnuß / aber in Lüfften

Ist er geborn und roht geht uber die Wasserklüfften /

Er wirt auch weiß in der Höhe der Berg / so der Weisen allein

Angenemmer und einig Hertzenlust pfleget zuseyn /

Es ist ein Stein / und auch nicht / welch himmlisch und edle Gaben /

Gelücklich ist / so jemand auß Gotts Geschenck wirt haben.“[1]

Auch im „Donum Dei“, einer alchemistischen Zitatensammlung aus dem 17. Jahrhundert, werden kopulierende Paare gezeigt, um einzelne Stufen der alchemistischen Operation zu veranschaulichen: So die Solutio Perfecta (Abb. [ii]) und die „Putrefactio“(Abb. [iii]) Das „Rosarium philosophorum“ mit dem „Sol und Luna“-Gedicht, das Arnald von  Villanova zugeschrieben wird und erstmals 1550 anonym im Druck erschienen ist, enthält eine Serie von 20 Holzschnitten, die die „Coniunctio“ in ihrem prozesshaften Ablauf darstellt. Seiner psychologischer Deutung von C. G. Jung widersprach der Germanist und Paracelsismusforscher Joachim Telle, der diese Engführung angesichts des mangelhaften Wissens um die naturkundlich-handwerkliche Verankerung des Textes kritisierte.[2] Die Vereinigung von Sol und Luna wird auf dem fünften Holzschnitt gezeigt. (Abb. [iv]) Die unten liegende Luna sagt zu Sol: „O Sol / du bist über alle liecht zu erkennen / So bedarffstu doch mein als der han der hennen.“[3] Dass Sol und Luna einander begehren wie Hahn und Henne machte auch Michael Maier, der von der Bildwelt des „Rosarium“ beeindruckt war, in seiner „Atalanta fugiens“ deutlich. Im Emblem XXX, das wie die übrigen von Matthäus Merian getochen wurde, sind zu Füßen der beiden Himmelsgestalten Hahn und Henne unter der Überschrift „Sol indiget lunâ, ut gallus gallinâ“ (die Sonne braucht den Mond wie der Hahn die Henne) leibhaftig zu sehen. (Abb. [v])

Die eingehendste Interpretation dieses Bildmotivs der coninuctio lieferte Telle, der wohl als erster dessen literatur- und alchemiegeschichtlichen Zusammenhänge und Hintergründe systematisch aufdeckte und die entsprechenden Bilderserien im Anhang seines Werkes zusammenstellte.[4] Solche Darstellungen der coniunctio oder „chymischen Hochzeit“ vermittelte als Akt der Vereinigung eine wichtige Botschaft: Sie sollte den Stein der Weisen hervorbringen, die „rote Rose“ (rosa rubea), die höchste Form der Geistigkeit, und eine neue harmonische Ordnung als Vorzeichen einer neue Weltharmonie (harmonia mundi) stiften.

Neben der coniunctio von Sol und Luna in Gestalt eines kopulierenden Menschenpaares gab es auch eine Vereinigung der beiden innerhalb eines androgynen kosmischen Wesens in Menschengestalt. Das Titelblatt von Johann Joachim Bechers „Physica subterranea“ zeigt eines solche Zusammenführung, deren Erotik sich aus dem Binnenverhältnis von Körperteilen zueinander ergibt und nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. (Abb. [vi]) Wie der griechische Subtitel „ΤΟ ΣΥΜΠΔΝ“ (das Ganze) angibt, soll diese Abbildung das alles Umfassende darstellen. Der Wissenschaftshistoriker Claus Priesner verfasste hierzu unter der Überschrift „Die Reifung der Metalle im Schoß der Erde“ folgende Legende: „Der Körper smbolisiert die Erde, der Kopf die Sonne. Am Hals ist der Mond zu sehen. Sonne, Mond, Sterne und Planeten geben allem Leben die Kraft, zu gedeihen. Im Innern der Erde reifen die Metalle wie auch die Planeten und der Mensch heran. Die Erde hält Leier und Dreieck in Händen, Zeichen für Harmonie und Symmetrie. Die Hände an den Seiten stehen für Vernunft und Erfahrung, die der Forscher verbinden muss.“[5] Darüberhinaus präsentiert die Abbildung einige erotische Momente, die kaum zu übersehen sind. Der Rumpf der Erde stellt eine nackte Frau mit Brüsten dar, in deren Innerem eine menschliche Leibesfrucht mit Nabelschnur zu sehen ist. Sie liegt in einem Uterus, der wie ein Herz im Brustbereich unterhalb des Halbmondes lokalisiert ist: ein Kind von Sonne und Mond? In der Oberbauchhöhle reifen die Pflanzen, in den Eingeweiden des Unterbauchs die Metalle. Der „Schoß der Erde“ bedeutet nicht nur die soeben beschriebenen Inhalte des Leibs der Erde, sondern auch den Rahmen, der den Blick auf die Erde freigibt. Die gespaltene Vorhang, der lappenförmig aufgehoben ist und den Blick auf die Sonne-Mond-Erd-Frau freigibt, erinnert an die Vulva, deren Schamlippen den Blick in die Vagina freigeben.

Anmerkung vom 13.01.2017

Es gibt ein zeitgenössisches Gemälde von Markus Schinwald, das man an diese Konstellation erinnert. Näheres in meinem Supplementary Blog.

Diese anatomische Assoziation passt durchaus zum Thema, da so der Zugang zur „Mutter“, d. h. Gebärmutter, sichtbar wird. Die Sonne-Mond-Erde-Frau hält in ihrer linken Hand ein Dreieck („Symetria“ [sic]) und in ihrer rechten eine Leier („Harmonia“) − Andeutungen auf die harmonia mundi (siehe unten).

Der italienische Maler und Kupferstecher Agostina Carracci schuf um 1600 erotische Radierungen, die Götter der Mythologie wie Mars und Venus oder große historische Persönlichkeiten wie den römischen Feldherrn Marcus Antonius und die ägyptische Königin Cleopatra beim Geschlechtsakt zeigen.[6] Als Beispiel sei hier der Koitus von Mars und Venus wiedergegeben. (Abb. [vii]) Nur das prachtvolle Himmelbett mag noch an die Heilige Hochzeit des römischen Götterpaares erinnern (Kap. 45). In der Alchemie, in der es auch um die Legierung von Metallen ging, symbolisierte Mars das Eisen und Venus das Kupfer.   Diese Graphiken erschienen fast 200 Jahre später als Kupferstiche unter dem Titel L’Aretin d’Augustin Carrache“.[7] Gerade im Zeitalter der französischen Aufklärung, das auch als „das erotischen Jahrhundert“ in die Kulturgeschichte einging, waren solche Illustrationen von großer Attraktivität. Man könne beobachten, so ein Kommentator, „wie sich das erotische Klima dieses erotischen Jahrhunderts in der Kunst und in der Gesellschaft entwickelt, oder sagen wir auch: im Künstlerischen wie im Privat-Menschlichen.“[8] Wir werden auf dieses „erotische Klima“ noch einmal zurückkommen (Kap. 45).


[1] Maier, 1618, S. 144; Telle, 1980, S. 3. [2] Roob, 1996, S. 449. [3] Zit. ebd. [4] Telle, 1980, S. 189-251. [5] Priesner, 2009, S. 69. [6] http://it.wikipedia.org/wiki/Agostino_Carracci (11.08.2012). [7] Carrache [1602/1798], 1985. [8] Jacobson, 1989, S. 71.


[i] Maier, 1618, S. 145 [Emblem 34]; → Abb. Michael Maier Atalanta fugiens 34. [ii] Roob, 1996, S. 443; → Abb. Solutio perfecta [iii] Roob, 1996, S. 444; → Abb. Putrefactio [iv] Roob, 1996, S. 450; → Abb. Sol und Luna  [v]Telle, 1980, S. 249: Abb. 70; Maier, 1618, S. 29: Emblem 30 [http://diglib.hab.de/drucke/196-quod-1s/start.htm?image=00131 (23.07.2012)] → Abb. Maier 1618 Emblem 30 [vi] Priesner, 2009, S. 69; Becher, 1703: Titelblatt; → Abb. Becher 1703 physica subterranea [vii] Brunn, 1989, 3. Bd., S. 23; → Mars und Venus 1798