35. Kap. 4 * Kabbala und magische Medizin

In seiner ausgezeichneten Studie über das „Zeitalter des Geheimnisses“ zwischen 1400 und 1800 analysierte der Wissenschaftshistoriker Daniel Jütte die „Ökonomie des Geheimen“, die sich im Austausch zwischen Juden und Christen entwickelte.[1] Er untersuchte die Wissenskulturen der Vormoderne, die knowledge economy, ausgehend von der jüdischen Geschichte. Gerade das Feld der Magie schuf ein großes Feld der „Zwischenräume“. Die Juden galten in den Augen der christlichen Zeitgenossen auf dem Gebiet der Magie als kompetent, man hielt sie für „natürliche Hüter des magischen Wissens“ (Thorndike).[2] Wir werden sehen, dass dies gerade auf die paracelsische Hochschätzung der Kabbala zutrifft (siehe unten). Juden selbst hofften, mit Hilfe der Magie die Gefahren von seiten der christlichen Mehrheitsgesellschaft abwenden zu können.[3] Wunderrabbis und insbesondere die Legende von der magischen Erschaffung eines „Golem“ durch den Prager Rabbiner Juda Löw ben Bezalel („Maharal“) übten eine starke Faszination aus. Die Praxis der Magie habe, so Jütte, „nicht selten Nischen für intensive und vertrauensvolle Kontakte zwischen Juden und Christen“ geschaffen.[4] Sie vollzogen trotz aller Verfolgungen durch Obrigkeit und Inqusition „in ihren eigenen Wänden […] gemeinsam magische Rituale.“[5] Juden traten ihrerseits „auf verschiedenen Ebenen ebenfalls als aktive Konsumenten christlicher Magie“ auf.[6] So stifteten Geheimwissenschaften wie Magie, Kabbala, Alchemie und Astrologie nicht nur „Grenzen von Kommunikationsräumen“, sondern auch grenzüberschreitende „Zwischenräume“.[7] Die Sphäre des Geheimen, der arcana, galt in der Vormoderne „keineswegs als der defiziente Modus offenen Wissens“, wie dies dem modernen Verständnis entspricht.[8] Im Gegenteil: Die Geheimhaltung konnte unter Umständen mehr Wirkung entfalten als das Enthüllen.

Magische Kunst und Kabbalistik werden in kultur- und wissenschaftshistorischen Studien oft in einem Atemzug genannt. In der Tat gab es in der frühen Neuzeit keine klare Abgrenzung zwischen beiden. Die Kabbala erschien einerseits als Sonderform der Magie, andererseits als deren mystischer Ursprung. Der Volkskundler Will-Erich Peuckert, der sich sehr intensiv mit Paracelsus auseinandersetzte, untersuchte die Bedeutung der „Gabalia“ in jenem Zeitalter.[9] Er beleuchtete das weite Panorama der magia naturalis, wobei er vor allem von Paracelsus und Agrippa von Nettesheim ausging. Allerdings fällt auf, dass er weder auf die Vorgeschichte der magia naturalis in Antike und Mittelalter, noch auf ihre Wirkungsgeschichte im 18. und 19. Jahrhundert näher einging. So bleiben etwa die magischen Implikationen der Elekrizität und des Mesmerismus außer Betracht. Besonders ging Peuckert auf die Verteufelung des Paracelsus ein. So polemisierte der reformierte schweizerische Pfarrer Batholomäus Anhorn der Jüngere in seiner Schrift „Mariologia“ gegen „Theophrastus Paracelsus“, der „seinen geheimen Geist in seinem Degen Knopf“ mit sich herumgetragen habe.[10] Die paracelsischen Elementargeister seien „in allen vier Elementen erzeugte Kinder / sind keine andere als Teufels Geburten“.[11] Paracelsus habe „durch hülff deß Teufels selber / allerley Krankheiten zuheilen / vnd zubehaupten / vnderstanden“.[12] Beginnend mit Wolfgang Hildebrand und Johann Staricius hätten die Gelehrten laut Anhorn in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Paracelsus „aus der magia naturalis anscheinend ausgestoßen“ und sich „in einem sehr viel stärkerem Maße“ Della Porta zugewandt: „der Neapolitaner ist ein reiner Naturkündiger und Gelehrter, der Hohenheimer aber war ein abergläubischer Lästerer und ein Teufelskind.“[13]

Besonders bemerkenswert sind Peuckerts Ausführungen zur geheimnisvollen Schrift „Le Comte de Gabalis“, die erstmals 1670 anonym erschien und in späteren Auflagen inhaltlich angereichert wurde.[14] Als Autor dieses von Rosenkreuzern als heilig verehrten Textes gilt Abbé de Montfaucon de Villars (Nicolas-Pierre-Henri de Montfaucon, Abbé de Villars).[15] Die deutsche Übersetzung erschien 1764 unter dem Haupttitel „Unterredungen über die geheimen Wissenschaften“.[16] In dieser Schrift, in der fünf Gespräche zwischen einem Meister und seinem Schüler aufgezeichnet wurden, erschien die „heilige“ Kabbala als Inbegriff aller geheimen Wissenschaften.[17] Sie sei nicht nur religiöse Philosophie der Juden, so Peuckert, sondern auch „die alte Lehre und Philosophie der Weisen, die von den indischen Brahmanen und von Zoroaster zu den Griechen kam, und weiter wuchs“.[18] Die Schrift wird heute als ein „Rosenkreuzerroman“, „a sacred text for Rosicrucians and spiritual adepts“, bezeichnet.[19]Auch aus Peuckerts Blickwinkel handelte es sich um einen „Rosenkreuzerroman“, wie eine Autorin im Hinblick auf dessen Rosenkreuzer-Studie formulierte.[20] Der Comte de Gabalis habe nämlich „ in allen Werken der Schöpfung nur die eine bewegende Kraft, die source de la vie, fontaine de tous les estres et principe des toutes choses“ gesucht.[21] Die Aufklärer traten nach Auffassung Peuckerts in die Fußstapfen der Rosenkreuzer. Ihr Suchen im Kosmos erscheine als letzte Abwandlung vom Suchen der Letzteren. So sei die Aufklärung „nichts als die letzte Auswirkung des Suchens nach dem, was hinter allem steht.“[22] Freilich unterschieden sich die Rosenkreuzer in einem wichtigen Punkt von den Aufklärern: Ihnen habe die Vernunft alleine nicht zur Gotteserkenntnis ausgereicht. In Übereinstimmung mit den zeitgenössischen mystischen Strömungen meinten sie, dass das „letzte Einswerden mit Gott“ nur durch göttliche Erleuchtung geschehe.

Peuckert gint auf auf die Rezeption der Kabbala durch Paracelsus (siehe unten) näher ein: „für Paracelsus ist die Gabalia ein Teil der Magia naturalis. Er nennt sie zwar ein Erbe Gottes, aber das besagt nichts weiter, als daß Gabalia wie die übrigen Weisheiten oder Kunst Gottes Gabe sei“.[23] Gabalia könne aber auch „eine Art pansophischer Erkenntnis“ bei Paracelsus bedeuten. Dieser meinte nämlich im „Labyrinthus medicorum errantium“: „nun aber was das signatum ist, das da signiert hat, dasselbig zeigt an caballia ein species magicae, das da ist ein membrum astronomiae.“[24] Die „Gabalia“ wurde somit als hohe Kunst verstanden, die Signaturen zu lesen und das innere Wesen des Menschen und der anderen Naturdinge (naturales) zu entschlüsseln. Hierzu sei es „vonnöten, das die naturales alle gangen in den grund der gabalia, dan also durch sie sol man sehen in das verborgen, in die heimlikeit: das heißt gelesen beschlossen brief und bücher, so wir menschen inwendig erkennen.“[25] Die „Gabalia“ erscheint hier als eine hellseherische Gabe, die verborgene, verschlossene Botschaft lesen zu können. Dies erinnert an das „Lesen mit der Herzgrube“ oder das automatische Schreiben in einer „innern Schrift“ im Mesmerismus (Kap. 26).

In diesem Zusammenhang verwies Peuckert auf Georg von Wellings „opus mago-caballisticum“, das erstmals 1719 erschien und zahlreiche Auflagen erlebte – ein Werk, das den jungen Goethe auf Paracelsus aufmerksam machte.[26] Auch dieser theosophische Schriftsteller griff auf die Buchmetaphorik zurück: „In dem grossen Buch der Natur lesen wir zwar wohl vieles von dessen unendlicher Unbegreifflichkeit, Weißheit und Allmacht etc. durch unzehlbare Characteres[…]. […] Wer aber dieser GOtt sey? Und wie Er heisse? Davon findet man im Buch der Natur keinen eigentlichen Character, sondern muß solchen in der heiligen Schrift suchen“.[27] Insofern sei ein „Mago-Caballist“ ein „Gottweiser“.[28] Er habe seine Operationen an einsamem Ort zu machen, „da keine Unfläthereyen und sündlichen Wercke begangen, deren Ideen unserer Luft, als dem Welt-Spiegel, gar zu veste eingdruckt werden.“[29] Welling machte Ausdünstungen der Luft für epidemische Krankheiten verantwortlich, so „daß wann von dieser Exhalation oder Unter-Luft eine Lands[chaft] oder Gegend verderbt oder gleichsam giftig geworden, dieselbe überall durch epidemische Kranckheiten angesteckt oder verderbt wird“.[30]


[1] D. Jütte, 2011. [2] Zit. ebd. S. 128. [3] A. a. O., S. 129. [4] A. a. O., S. 130. [5] A. a. O., S. 132. [6] A. a. O., S. 134. [7] A. a. O., S. 137 f. [8] A. a. O., S. 368. [9] Peuckert, 1967. [10] Zit. ebd., S. 125; Anhorn von Hartwiss, 1674, S. 284. [11] A. a. O., S. 290 f. [12] A. a. O., s. 751 f. [13] Zit. n. Peuckert, 1967, S. 128; Anhorn von Hartwiss, 1674, S. 76. [14] Peukert, 1967, S. 497-503; Montfaucon de Villars, ca. 1720 ; 1721. [15]http://en.wikipedia.org /wiki/Comte_de_Gabalis ; http://fr.wikipedia.org/wiki/Nicolas-Pierre-Henri_de_Montfaucon_de_Villars (22.07.2011). [16] Montfaucon de Villars, 1764. [17] Peuckert, 1967, S. 497. [18] A. a. O., S. 498. [19] http://en.wikipedia.org /wiki/Comte_de_Gabalis (21.01.2012). [20] Peuckert, 1928. [21] Zit. n. Treske, 1933, S. 62. [22] Peuckert, 1928, S. 382. [23] Peuckert, 1967, S. 460. [24] Zit. a. a. O., S. 461;  Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 11, S. 206. [25] Peuckert, 1967, S. 463; Paracelsus, Ed. Sudhoff u. Matthießen, S. 102. [26] A. a. O., S. 504; http://en.wikipedia.org /wiki/Georg_von_Welling (25.07.2011). [27] Welling [1719], 1760, S. 445 f. [28] A. a. O., S. 205. [29] A. a. O., S. 463. [30] A. a. O., S. 464.