35. Kap./6 * Unio chymica von Macht und Weisheit

Ein Ziel der alchemischen Prozedur war dass Zusammengehen oder Verschmelzen von zwei gegensätzlichen Einheiten in eine neue, höhere Einheit. Hierfür wurden die Metaphern der Hochzeit beziehungsweise der Ehe (coniugium) verwandt. Vor allem C. G. Jung setzte an der Symbolik der Alchemie an, die er als „Mysterium coniunctionis“ in den Mittepunkt seines Spätwerks rückte. Doch wir wollen hier nicht auf die tiefenpsychologischen Deutungen von C. G. Jung näher eingehen, die zwar dem modernen Bedürfnis entgegenkommen, die befremdliche magia naturalis und Alchemie dem heutigen Verständnis nahezubringen, aber wissenschafts- und sozialhistorische Bezüge außer Acht lassen. Die „chymische Hochzeit“ hatte mindestens drei Dimensionen im Selbstverständnis der frühneuzeitlichen Autoren: Die alchemistische Dimension betraf das Arbeiten im Labor, die soziale die reale Hochzeit von Brautleuten und die psychologische die Veredelung des Charakters. Das Ineinanderfließen dieser drei Ebenen können wir an einem Theaterstück von Christian Knorr von Rosenroth, dem gelehrten Hof- und Kanzleirat am Sulzbacher „Musenhof“, beobachten.

1676 verfasste er das alchemistisch inspirierte Singspiel „Conjugium Phoebi & Palladis. Oder Die erfundene Fortpflanzung des Goldes“ als „Chymische Allegorie“.[1] Phönix bedeutete in der zeitgenössichen Literatur der Alchemie Quintessenz des Feuers oder Stein des Weisen.[2] Anlass war die Hochzeit von Kaiser Leopold I. mit Eleonora Magdalena Theresia von Pfalz-Neuburg, einer nahen Verwandten des Sulzbacher Hofes.[3] Knorr schuf mit diesem Stück einen „mythologisch-alchemischen Fürstenspiegel“, wie der Herausgeber erläuterte. Phoebus (Apollon), der leuchtende Sonnengott, heiratet in dem Stück Pallas Athene, die Göttin der Klugheit und Weisheit. „Nach Knorrs Absicht soll damit das Gelegenheitsstück das Versprechen einer unio chymica von Macht und Weisheit zugunsten der friedlichen Bürger aller vom Wiener Kaiser beherrschten Völker und Nationen versinnbildlichen.“[4] Phoebus (Apollo) wurde dem Kaiser, Pallas der Pfalzggräfin zugeordnet. Knorr strebte also eine Verschmelzung der Phoebus-Macht und mit der Pallas-Weisheit an, ein „Goldwerden der Weisheit“. Doch der Vermählung von Macht und Weisheit stehen in dem Stück zersetzende Mächte gegenüber, nämlich Mars und Venus. Mars nimmt Pallas gefangen, Mercurius befreit sie und vermählt sie mit Phoebus. Der endgültige Frieden wird hergestellt: Im Colosseum Solis, einem Tempel der Ehre, kann sich die Sonne in ihrem Glanz zeigen.

Knorr ergriff Partei gegen den Krieg; die Idee vom gerechten Krieg tauchte bei ihm nirgends auf. Nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges plädierte er für den Frieden als Folge von Weisheit und Gerechtigkeit.[5] Er verdammte den Krieg als Zerstörung der Harmonie und Vernichtung des Lebens und drückte seine Hoffnung aus, der Kaiser möge Pallas heiraten „und Mars von seinem Hof und aus seinem Reich verbannen“. [6] Hymenaeus, der Gott der Hochzeit, lobt die Braut mit überschwänglichen Worten:

„Die Klugheit stralet ihr aus beyden Augen her:

So weißlich redt ihr Mund / als ob es Phoebus wär.

O könt’ es müglich seyn die Beyde zu verbinden!

Wo wär’ auf dieser welt ein gleicher [sic] Paar zu finden?“ [7]

Pallas deutet ihren Sieg schließlich an und vergleicht sich mit einem Frucht bringenden Baum. Sie stellt die personifizierte Vereinigung von Sophia und Natura dar:

Das sag ich nimmermehr/ dass ich gefangen sey.

Frey ist die Weisheit stets: ein Thor die Sclaverey.

[…]

Die Weißheit träget Frucht / wie Bäum’ an ihren Zweigen.“[8]

Alchemistisches Denken hatte eine ambivalente Einstellung gegenüber der Natur und ihrer Erforschung. Einerseits sollte die Alchemie mit ihren technischen Prozeduren die Materie verwandeln, andererseits sollte der Erkenntnisprozess des Alchemisten zur Erleuchtung, zur Begegnung mit göttlicher Weisheit führen. Letzteres setzte Demut und Gottesfurcht voraus, was eine gewaltsame Enthüllung der Naturgeheimnisse ausschloss. So bildete sich die Wunschphantasie aus, die Natur möge von sich aus ihre Geheimnisse demjenige offenbaren, der dessen würdig sei. Die Titelvignette (Holzschnitt) von „Schola ludus“ des Pädagogen und Bischofs der Böhmischen Brüder Johann Amos Comenius illustrierte die Idealvorstellung einer gewaltfreien und allgemeinen Aufklärung (Abb. [i]). Sein Wahlspruch umgibt die Vignette, auf der Sonne, Mond und Sterne über einer friedlichen Naturlandschaft stehen: „Omnia sponte fluant; Absit violentia Rebus.“ (Alles fließe aus eigenem Antrieb, Gewalt sei fern den Dingen).[9]   

Der Abschnitt über die magia naturalis soll mit einem Beispiel zur alchemistischen Heilkunde im 20. Jahrhundert seinen Abschluss finden. Das „Laboratorium SOLUNA Heilmittel GmbH“ in Donauwörth bietet noch heute apothekenpflichtige „Soluna-Heilmittel“ („Solunate“) an.[10] Laut Anzeige entsprechen sie „allen Merkmalen der ‚Astrologischen Homöopathie’ des berühmten Arztes und Alchemisten Paracelsus. Vor diesem Hintergrund hat später Hahnemann die klassische Homöopathie entwickelt!“ Die Arzneimittelhersteller wollen damit ein „ganzheitliches Therapiesystem“ vertreten, das „von einem der größten Alchemisten des vergangenen Jahrhunderts […] Alexander von Bernus (1880-1965)“ konzipiert worden sei. Dieser hatte seine Position in dem posthum veröffentlichen Aufsatz „Alchymie und Heilkunst“ programmatisch dargelegt.[11] Darin zeigte er zunächst auf, wie die Medizin die „nichtschulmäßigen Disziplinen“ während der letzten vier bis fünf Jahrzehnte schweigend assimiliert habe: „die Isopathie ist mehr oder minder ein Ableger der Homöopathie, denn sie bekämpft die Infektionsrkankehiten durch Stoffe, die von der selben Krankheit geliefert sind, durch die Anwendung spezieller Impfstoffe (Serumtherapie: Übertragung des antitoxinhaltigen Serums  zur Immunisierung), und vollends die verschiedenen Pflanzenextrakte und Alkaloide sind ein, wenn auch unzulänglicher Ersatz für die früheren Teekuren und Tinkturen, weil die so gewonnenen, aus ihrem organischen Zusammenhang herausgerissenen Bestandteile der lebendigen, pflanzlichen Heilkräfte (Vitamine) beraubt sind.“[12]

Die Spagyrik war nun Bernus’ Arbeitsreich. Nur wenige (Gift)Pflanzen müssten spagyrisch bearbeitet werden, vor allem gehe es um Metalle und Mineralien.[13] Er berief sich immer wieder auf Paracelsus, insbesondere die „Archidoxa“. So habe das „Arkanum“ das Wissen um die Darstellung des Steins der Weisen zur Voraussetzung.[14] Bernus nahm es in seiner schwärmerischen Haltung für den Okkultismus mit Paracelsus nicht so genau. Paracelsus wusste angeblich „auch durch Einweihung – eine Erkenntnis, die auch in den Rosenkreuzer-Logen lebte – (Paracelsus selbst war kein Rosenkreuzer [!]), daß die bis dahin noch […] für wenige zugänglichen okkulten Schulungswege in ein bis zwei Jahrhunderten vielleicht schon nicht mehr gangbar sein würden“. Dass von „Rosenkreuzer-Logen“ allenfalls ab dem 17. Jahrhundert die Rede sein kann, interessierte Bernus nicht weiter. Sein Interesse galt vor allem der praktischen alchemstistischen Arzneimittelherstellung, die er als „alchymistische Homöopathie“ bezeichnete. Diese aber greife „noch viel tiefer [als die übliche Homöopathie], denn sie ist mikrokosmisch, das heißt, sie gründet sich auf das Gestirn. Das homöopathische Axiom Simila similibus curantur (Gleiches wird geheilt durch Gleiches [!])ist gewissermaßen der exoterische Aspekt des von Paracelsus aufgestellten Satzes: Das Gestirn wird geheilt durch das Gestirn.“ Da beispielsweise das Zentralnervensystem „lunarisch“ sei, kämen Silber, Opal, Perlen und Mohn als Heilmittel in Frage: „Das ist kosmische Homöopathie. Der hermetische Arzt wird dahier in einem solchen Fall [Erkrankung des Zentralnervensystems] in erster Linie Silber in spagyrischer Aufschließung, vielleicht auch kombiniert mit Perlen und Mohn, spagyrisch zubereitet, zur Anwendung bringen.“[15]

Die Definition der „Spagyrik“ sei von Paracelsus in den alchemistischen Sprachgebrauch eingeführt worden und leite sich von spao und ageiro (trennen und verbinden) ab. Das entspreche dem „Grundaxiom alchymistischer Praxis: solve et coagula“.[16]Scheidekunst ist also die Spagyrik, aber nicht im Sinne heutiger Analyse, sondern in dem der Trennung des Feinstofflichen von dem Terrestrischen, Grobstofflichen, des Assimierbaren vom Nichtassimilierbaren, eine völlig andere Denk- und Arbeitsweise als die heutige“.


[1] Knorr von Rosenroth, 2000. [2] Rulandus [1612], 1984, S. 249. [3] Knorr von Rosenroth, 2000,  S. 7 (Vorwort d. Hg.), [4] A. a. O., S. 83 f. (Nachwort d. Hg.). [5] A. a. O., S. 85. [6] A. a. O., S. 86. [7] A. a. O., S. 61. [8] A. a. O., S. 66.[9]http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Amos_Comenius (15.01.2012). [10]http://www.soluna.de/html_d/service/start_service.html (10.03.2012). [11] Bernus, 1969, S. 9-84. [12] Ebd., S. 12. [13] A. a. O., S. 13. [14] A. a. O., S. 63. [15] A. a. O., S. 72. [16] A. a. O., S. 77.


[i] Rebisse, 2007, S. 186; Comenius, 1657; http://www.bbf.dipf.de/cgi-opac/bil.pl?t_direct=x&f_IDN=b0015265berl (15.02.2012); → Abb Comenius 1657