33. Kap./4 * Physiognomische Deutungskunst

Der Terminus „physiognomonia“ tauchte erstmals in einer hippokratischen Schrift auf, die Idee einer physiognomischischen Deutungskunst lässt sich aber schon an babylonsichen Schriftzeugnisse aus dem zweiten Jahrtausend vor Chrisuts nachweisen.[1] Der Begriff der Physiognomik wurde in der Aristoteles zugeschriebenen Abhandlung „Physiognomonica“ geprägt. Insofern war er auch den mittelalterlichen Gelehrten bekannt. So meinte Albertus Magnus, dass aus den Körperteilen zwar erkannt werden könne, „zu welchen Charaktereigenschaften der Mensch von Natur veranlagt ist; welche Charaktereigenschaften er aber pflegt und in Wirklichkeit besitzt, kann nicht erkannt werden.“[2] Doch erst der Neapolitaner Arzt und Universalgelehrte Giambattista Della Porta begründete die neuzeitliche Physiognomie und machte sie zu einem viel diskutierten Gegenstand der Anthropologie und Medizin. Er gilt als einer der wichtigsten Promotoren der „natürlichen Magie“. Diese als „Medienwissenschaft“ zu deklarieren, wie diese neuerdings geschieht, bringt keinen Erkenntnisgewinn.[3] Nach seiner „Magia naturalis“, die in der Erstauflage 1558 erschien (Kap. 29), pulizierte er 1586 sein zweites großes Werk unter den Titel „De humana physiognomonia“, das zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erlebte.[4] Sein Porträt auf der Rückseite des Titelblatts zeigt seinen hageren schlanken Kopf mit einem spitzfindigen Ausdruck in Seitenansicht. Möglicherweise wollte er sich selbst als ein „Spürhund“ stilisieren, wie Platon einer gewesen sei (siehe unten). (Abb. [i]) Die „heimliche Kunst“ der physiognomia solle des Menschen „Natur und Art“ erkunden, so Della Porta, die sich durch äußerliche Zeichen zu erkennen gäben: „Denn also hat es der Allwissente vnd getreuwe Gott verordnet / daß des Menschen heimliche Art oder Sitten / vnd verborgene Neygungen durch solche Zeichen offenbahr vnd gleichsam einem jeden für Augen gestellet würden / damit männiglich seiner selbst eygenen Wolfahrt zum besten sich zu dê frommen vnd Tugentliebenten gesellen“.[5] Diese Deutungskunst hatte einen recht praktischen Zweck. Ging es im Alltagsleben doch darum, den Guten zu folgen („anhangen“) und die Lasterhaften zu fliehen. Zu Etymologie und Definition des Begriffes Physiognomia“ (auch als Physiognomonia und Physiognomonica bezeichnet) erklärte Della Porta: „Daß Wörtlein Physiognomia wird genommen auß dem Griechischen φύσις so die Natur bedeut / und denn dem andern gleichfals Griechischen Γνώμη, daß ist / eine Regel / also daß man es zusammen gezogen / eine Regel der Natur verdeutschen kan /  Dieweil nemlich nach der Regel unnd Ordnung der Natur auß einer solchen LeibsGestalt nothwendiglich solche Sitten und Zuneygungen des Gemüts erfolgen.“[6]

Einige Holzschnitte aus diesem Werk sollen uns Della Portas phantastische Deutungskunst veranschaulichen. Die beiden „Mannspersonen“ als Vorder- und Rückansicht eines Mannes zeigen die prachtvolle Ausstattung des männlichen Körpers. (Abb. [ii]) Die Männer seien „von Natur eines grossen Leibs“, sie hätten „breyte Angesichter / die öberste Augenbrawê etlichen massen eyngebogen und gekrümpt“. Es folgte dann die plastische Beschreibung des gesamten Körpers, der mit dem eines Löwen zu vergleichen sei. Die Glieder beider würden „ mit ein ander uber ein stimmen“. (Abb. [iii]) Analog stellte er zwei „Weibsbilder“ vor. (Abb. [iv]) Ihm erschien das „Panterthier“ am ehesten dem Weib zu entsprechen, „dieweil fast alle desselbigen Gliedmassen mit den Weiber Gliedern uber einstimmen und denselbigen gleich sind.“ (Abb. [v]) Weiter führte er aus: „Das Panterthier ist unter allen andern Thiern beydes an Gestalt unnd Gemüt oder Sitten den Weibern am meisten ähnlich / denn es hat ein klein Angesicht / kleinen Mund / kleine weise und umbherschweyffende Augen“. Witzig ist der Vergleich „zweyer Häupter“, die er nebeneinander abbildete: den Kopf eines „SpürHundts“ und den Platons. (Abb. [vi]) Letztere Abbildung habe er in seines Bruders „Studier Stüblein“ gefunden. Della Porta berief sich hier sogar auf Aristoteles, der in seinen physiognomischen Büchern gesagt habe: „Welche ein groß Haupt haben / wie die Hunde / die sind Sinnreich / gleich wie die Hunde einen uber die Massen scharpffen Geruch haben.“

Überhaupt konnten auch körperliche Äußerungen den Charakter des betreffenden Menschen verraten. So könne man am Lachen und Reden negative Züge erkennen, wie Della Porta an einem Beispiel vom „lauten Lachen“ erläutert: „Welche uberlaut oder mit heller Stimme lachen / die helt man / sagt Rhases und mit ihm der Conciliator [verfasst von Petrus de Abano], für unverschampt. Solche böse Gewohnheit zu lachen hat / wie wir bei Suetonio [d. i. Sueton, der römische Kaiserbiograph] lesen / der Römische Keyser C. Caesar an jhme gehabt.“[7]

Doch Della Porta ging weit über die physiognomische Betrachtung der menschlichen Gestalt hinaus. In seiner „Phytognomonica“ untersuchte er nicht nur, was der Titel der Schrift nahelegt, die Pflanzen, sondern auch andere Naturreiche wie Tiere und Metalle, um von deren äußeren Gestalt und Beschaffenheit auf ihre jeweiligen inneren Kräfte zu schließen.[8] Gerade seine Pflanzen-Illustrationen zeigen sehr eindrucksvoll die Relevanz der Signaturenlehre. So empfahl er Polytrichon Apulei, volkstümlich auch „Jungfrauhaar“ genannt, wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Haarbüschel zur Bekämpfung des Haarausfalls (alopecia), was auf der betreffenden Abbildung in der Mitte zu sehen ist. (Abb. [vii]) Zur Stärkung der Zähne wurden u. a. Granatäpfel (mali punici) empfohlen. (Abb. [viii]) Aufgeschnitten geben sie den Blick auf reihenförmig angeordnete Kerne frei, die angeblich einem Gebiss ähneln sollen. Gegen Handbeschwerden sollte auch Fingergras (gramen digitatum) helfen, dessen Wurzeln handförmig anmuteten. (Abb. [ix]) Ähnliche Wirkung schrieb man der „Christushand“ (palma Christi) zu, deren Blätter an eine Hand erinnern. Schließlich sei noch an die Pflanzengattung Orchis – das griechische Wort für Hoden – erinnert. Die hodenförmigen Wurzeln führten dazu, die Orchideen, die auf Deutsch „Knabenkräuter“ (auch „Knabengüldenkraut“) genannt werden, als Aphrodisiakum anzusehen. (Abb. [x]) Entsprechende Abbildungen von Knabenkräutern finden sich in den zeitgenössischen Kräuterbüchern, etwa in dem von Leonhart Fuchs, wo ein „Breyt Knabenkraut mennle“ (Orchis militaris) und ein „Ragwurtz mennle“ (Orchis morio) dargestellt sind.[9] Darüber hinaus entwarf Della Porta auch noch eine „himmlische Physiognomie“, eine kosmische Signaturenlehre.[10] In dieser Schrift stellte er in schönen Abbildungen die Planeten in Menschengestalt paarweise gegenüber: Sol und Luna, Mars und Saturn, Juppiter und Mercurius. Schließlich handelte er auch Fehlbildungen beim Menschen und ihre Bedeutung ab. So bedeute ein Muttermal (naevus) am Hals großen Reichtum, ebenfalls bei der Frau.[11] Die Problematik der „Monster“ wurde um 1600 intensiv im Sinne der Mantik diskutiert und, wie bei Della Porta, auch bildlich vorgestellt.[12] Auf diese Thematik kommen wir noch zurück (Kap. 37).


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Physiognomonica (25.07.2012). [2] Albertus Magnus, 1932, S. 30. [3] Berns, 2010. [4] Della Porta, 1593; 1601; 1672. [5] Della Porta, 1601: “Vorrede”. [6] A. a. O., S. 63. [7] A. a. O., S. 269. [8] Della Porta, 1608. [9] L. Fuchs, 1543, S. 553: Abb. 312 bzw. S. 559: Abb. 317. [10] Della Porta, 1603. [11] Ebd., 5. Buch, 12. Kap. [12] A. a. O., S. 182.


[i] Della Porta, 1593; → Abb. Della Porta Porträt [ii] Della Porta, 1601, S. 46; → Abb. Della Porta 1601, S. 46 [iii] Della Porta, 1601, S. 47; → Abb. Della Porta 1601, S. 47 [iv] Della Porta, 1601, S. 49; → Abb. Della Porta 1601, S. 49 [v] Della Porta, 1601, S. 41; → Abb. Della Porta 1601, S. 51 [vi] Della Porta, 1601, S. 72; → Abb. Della Porta 1601, S. 72. [vii] Della Porta, 1608, S. 197; → Abb. Della Porta 1608, S. 197 [viii] Della Porta 1608, S. 211; → Abb. Della Porta 1608, S. 211 [ix] Della Porta 1608, S. 213; → Abb. Della Porta 1608, S. 213 [x] Della Porta, 1608, S. 216; → Abb. Della Porta 1608, S. 21

 
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