35.Kap./2 * Utopie der Rosenkreuzer

Wir wollen unsere Untersuchung auf die originäre Rosenkreuzerbewegung des frühen 17 Jahrhunderts beschränken. Die Weiterentwicklungen des Rosenkreuzertums über die Freimaurerei bis hin zum Antiquus Mysticusque Ordo Rosae Crucis (AMORC), der 1909 von dem US-amerikanischen Okkultisten Harvey Spencer Lewis gegründet wurde und heute seinen Sitz in Kalifornien hat, soll hier außer Betracht bleiben.[1] Moderne Rosenkreuzer-Orden berufen sich freilich auf einen Mythos, der im frühen 17. Jahrhundert in Tübingen als „ludibrium“ (Spielerei) kreiert wurde und dessen Geschichte sie im populärwissenschaftlichen Stil rezipieren, wie das Beispiel des französischen Autors Christian Rebisse zeigt.[2] Dort wird der Orden folgendermaßen vorgestellt: „A.M.O.R.C. – Die Rosenkreuzer ist eine philosophisch-mystische Vereinigung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die höheren Gesetze der Natur und des Kosmos zu erforschen.“ Ebenso wollen wir fragwürdige Publikationen zum „Mythos der Rosenkreuzer“ auf dem gegenwärtigen Büchermarkt übergehen.[3]

Wir werden also im Folgenden nur auf die Rosenkreuzerbewegung des frühen 17. Jahrhunderts eingehen, die sich vor allem auf die paracelsische Naturphilosophie stützte und das emanzipatorische Potenzial der magia naturalis nutzen wollte. Die „Rosenkreuzer“ waren eine fiktive Bruderschaft, die der württembergische Theologiestudent und spätere Superintendent Johann Valentin Andreae durch anonyme Schriften inaugurierte, die zwischen 1614 und 1616 publiziert wurden. Der Autor gehörte zu einem Tübinger Freundeskreis, der sich um den chiliastischen Juristen Tobias Hess scharte und Andreae beeinflusste. Anfang des 17. Jahrhunderts war die gesellschaftspolitische und geistige Situation im Deutschen Reich sehr gespannt: Die nachreformatorischen Konfessionskämpfe wüteten und der Dreißigjährige Krieg stand bevor. Heterodoxe Schriften, insbesondere von Paracelsus beeinflusst, kursierten: Spiritualisten, Alchemisten, Hermetiker, Apokalyptiker und Enthusiasten entfalteten ihre Wirkung und wurden von der Obrigkeit unterdrückt. So entstand bei den Intellektuellen jener Zeit ein gewisser Widerstandsgeist. Der Herausgeber der Rosenkreuzer-Manifeste Richard van Dülmen kennzeichnete die Situation folgendermaßen: „Überdrüssig vor allem der kirchenpolitischen und theologischen Streitigkeiten, enttäuscht von der Wirkung der lutherischen Reformation, erwarteten viele eine neue, zweite Reformation der Kirche, der politischen Verfassung und der Wissenschaften. Alchemistische und astrologische, spiritualistische und sektiererische, theosophische und pansophische, theologische und naturphilosophische Gedanken und Strömungen finden sich bei diesen Schriftstellern fast unlöslich vereint.“[4]

Aus einem gewissen Übermut heraus – Andreae sprach von einem „ludibrium“ –, in dem sich „humanistisch-barocker Spieltrieb mit reformerisch-sinnhaftem Ernst“ vereinte, hatte Andreae die sagenumwobene Figur des „Christianus Rosencreutz“ geschaffen.[5] Die 1614 publizierte „Fama Fraternitatis“ verfasste er wohl nicht vor 1609/11, während die 1616 publizierte „Chymische Hochzeit“ bereits 1605/6 entstand. Der Autor der 1615 erschienenen „Confessio Fraternitatis“, die zuerst in lateinischer Sprache verfasst wurde, ist dagegen unbekannt.[6] Die „Fama“ schilderte das Leben, die Ordensgründung und das Begräbnis Christian Rosenkreuz’, während die „Confessio“ eine weiteführende Interpretation darstellte. Die beiden Schriften „rufen die Gelehrten Europas auf, sich der hundertzwanzig Jahre nach dem Tode Chr. Rosenkreuz’ 1604 offenbarten Bruderschaft anzuschließen, die eine neue Wissenschaft und eine Reformation der Weltzustände verspricht.“ Wir wollen uns hier der zuletzt publizierten Schrift, der „Chymischen Hochzeit“, zuwenden. Nicht diese selbst stehe im Mittelpunkt, so van Dülmen, sondern die „Konfrontation von Christian Rosenkreuz mit den falschen Alchemisten“ und seine „Auserwähltheit“, dank seiner Geisteshaltung Einblick in diese „Hochzeit“ zu erhalten.[7]

Die genannten Rosenkreuzer-„Manifeste“, in denen  „Erbauung und Satire eine merkwürdige Verbindung eingehen“, erscheinen in ihrer literarischen und intellektuellen Qualität im Schrifftum des Okkultismus und der Esoterik aus heutiger Sicht singulär.[8] Sie riefen in allen Bevölkerungsschichten und insbesondere unter den Gelehrten Europas ein ungemein lebendiges Echo hervor, offenbar hatten sie am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs den Nerv der Zeit getroffen. So erschienen zwischen 1614 und 1622 fast 200, zumeist anonym veröffentlichte Antwortschriften.[9] Sie wurden zum größten Teil 1995 in einer gemeinsamen Ausstellung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Bibliotheca Philosophica Hermetica Amsterdam präsentiert, nachdem sich im Jahr zuvor ein internationales Symposium in Wolfenbüttel der Geschichte der Rosenkreuzer gewidmet hatte.[10] Erst kurz zuvor war die erste Antwortschrift − der erste gedruckte Rosenkreuzer-Text überhaupt − wieder aufgefunden worden, die der Tiroler Musiker und Paracelsist Adam Haslmayr bereits 1612 veröffentlichte, nachdem er die „Fama Fraternitatis“ als Handschrift 1610 zur Kenntnis genommen hatte.[11] Das einzige erhaltene Originalexemplar dieser Schrift von Haslmayr besaß die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Es wurde zusammen mit vielen anderen Büchern Opfer des Bilbliotheksbrands von 02004. Als Anhang an die Publikation der ersten beiden Rosenkreuzermanifeste von 1614 ist sie freilich erhalten und war schon immer bekannt.[12]

Mit theosophischem Pathos richtete sich Haslmayr an die ihm unbekannten Rosenkreuzer: Gott wolle, „daß wihr alle erleuchtet / wie seine Propheten […] sollen ersterben / als Feinde des Teuffels […] Liecht und Glantz sollen scheinen / also daß sich die Erkandtnuß beydes seines Sohns / und der Natur / je mehr und mehr / als ihr begehret und meldet / erweitern möge“.[13] Die Bruderschaft der Rosenkreuzer sei auserwählt: „So spüren und schliessen wir / daß ihr die jenige nun von Gott erkohren seyd / die die ewige Theophrastiam und Göttliche wahrheit / erweitern sollten wunderbarlicher weiß“.[14] Haslmayr bat inständig, dass sich die Bruderschaft zu erkennen geben möge, um sich ihr anschließen zu können: „wolt ihr euch alsbald den Antwortenden / gegenwertig / auch mit offenen Tauff und Zunahmen erzeigen / Persöhnlich oder Schrifftlich.“ [15] Er griff auch die Metphorik der Brautmystik von Christus als Bräutigam und der Gemeinde als Braut auf, indem er die Brüder sogar als Virgines bezeichnete: „Darzu ihr dann gute süsse Lehr gebt / oh ihr Virgines vom RosenCreutze / in dem ihr auch zweiffels ohne / mit ewerm Pater Christ: RosenCreutz / offentlich bekennet und saget: Jesus nobis omnia“.[16] Schließlich unterstrich Haslmayer die überragende Bedeutung des Paracelsus für die Reformationsidee der Rosenkreuzer. Die Welt solle mit Hilfe der „Priesteren vom RosenCreutz“ erkennen, „dass aller Weißheit bißhero nichts vor Gott sey gewest / als ein Thorheit / und Theophrasti doctrin gerecht und ohne mackel floriren muß in Ewigkeit mit den Weysen Gottes“.[17]

Der umfassende Ansatz der Naturforschung und ihr aufsteigender Weg − typisch für die magia naturalis − waren auch für die Rosenkreuzerbewegung maßgebliche Zielvorstellungen. Bilder jener Zeit sind aufschlussreich. Eindrucksvoll ist Valentin Weigels Sinnbild des „Studium universale“. (Abb. [i]) Hier sind naturphilosophische und theosophische Motive vereint, die nicht zuletzt an Jakob Böhme und das „Auge Gottes“ erinnern (Kap. 29). Wir sehen einen kosmischen Lebensbaum, auf den eine Hand von oben aus einer göttlichen Feuerwolke zugreift, von dessen Stamm eine Sonne mit konzentrischen Sternenkreisen ausstrahlt

Anmerkung vom 22.08.2015

Das Sonnengesicht ist ein Grundmotiv in der Geschichte der Bildenden Kunst. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts taucht es in einer Zeichnung von Johann Knopf in der Sammlung Prinzhorn auf. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

und in dessen Wurzelwerk in der Mitte ein großes Auge, umgeben von drei Augenkreisen, leuchtet. Das zentrale Auge scheint ein rechtes (göttliches) zu sein, während die Augenkreise mit linken (menschlichen) Augen bestückt sind. Das göttliche Auge ist mit „UNIVERSALE“ umschrieben, in die beiden Wurzelkreise und in den Stamm ist in drei Portionen „STUDIUM“ eingezeichnet. Der linke Wurzelkreis ist himmlisch-hell, auch gekennzeichnet durch ein mit der Spitze nach unten weisendes Dreieck, während der rechte irdisch-dunkel ist und ein mit der Spitze nach oben weisendes Dreieck enthält. Beide Dreiecke sind in der Mitte des  Stammes zu einem David-Stern vereint. Drei Paar Arme − die rechten Arme hell, die linken dunkel − strecken sich vom Zentrum aus nach oben, die Hände greifen nach Früchten und Blättern und symbolisieren wohl den wissenschaftlichen Zugriff auf die Dinge der Natur.

Der Augsburger Kupferstecher und Verleger Stephan Michelspacher illustrierte in seiner „Cabala speculum artis et naturae in Alchymia“ (1616), die im selben Jahr erschien wie die „Chymische Hochzeit“, sehr schön die alchemistischen Stufen zum Tempel der Weisheit. (Abb. [ii]) Claus Priesner führte in einer Legende hierzu aus: „Im Berginnern, im Palast der ‚königlichen Kunst’ Alchemie wird durch die Vereinigung von König und Königin der Stein der Weisen gewonnen. Die Stufen symbolisieren die Stadien des Prozesses. Sonne, Mond und Phönix über dem Palast sind Zeichen für Gold, Silber und den Stein der Weisen. Die Symbolfiguren der sieben Metalle, die vier Elemente und der Tierkreis als Bild für die Verbindung von Alchemie und Astrologie umgeben den Berg. Im Vordergrund agieren der unwissende Laie und der lernende Alchemist.“[18] Das Zusammenkommen von König und Königin, die sich hier gegenübersitzen, verweist auf die „Chymische Hochzeit“. Auch dort kommt es, wie hier in Form der alchemistischen Treppe, zu sieben Etappen des Aufstiegs – eine Art scala sancta der religiös inspirierten Naturforschung.

Die Zahl sieben spielt in Andreaes „Chymischer Hochzeit“ ein fundamentale Rolle: „Die Handlung verläuft in sieben Tagen, es gibt sieben Jungfrauen, sieben Gewichte, sieben Schiffe, und die letzte Transmutation vollzieht sich in einem Athanor [alchemistischen Ofen], der in einem Turm mit sieben Etagen thront.“[19] Die Geschichte schildert keine manifeste Hochzeit, sondern vielmehr die schrittweise Auferstehung eines königlichen Paares, das Christianus Rosencreutz als ein Auserwählter miterleben darf. Sein Aufstieg zum „Turm des Olymps“, in dem dies geschieht, kann in der hermetischen Tradition als die „sieben Stufen des Wiederaufstiegs der Seele“ interpretiert werden, so dass sich die Hochzeit als eine unio mystica verstehen lässt. C. G. Jung deutete die alchemistische Symbolik tiefenpsychologisch als „Mysterium coniunctionis“, wobei sich animus und anima im Prozess der „Individuation“ vereinigen würden.[20] Wir werden auf den Topos der „heiligen Hochzeit“ noch zurückkommen, der wesentlich von dem der „chymischen Hochzeit“ geprägt war – oder auch umgekehrt (Kap. 45).

Die Geschichte spielt sich also in sieben Tagen ab, deren ideengeschichtlicher, wisssenschaftshistorischer und symbolischer Inhalt überreich und vieldeutig ist hier nur umrisshaft skiziiert werden soll. Am ersten Tage erhält Christianus Rosencreutz als 81jähriger Einsiedler die Einladung und reist zur Hochzeit ab. Die Reise zum Schloss geschieht am zweiten Tag, wo er durch drei Ringmauern geht und zum Gastmahl im Schloss gelangt. Am dritten Tag wird das Urteil über die Zulassung der Gäste gefällt und er erhält als ein Auserwählter das Goldene Vlies. Am vierten Tag komme es zur „Bluthochzeit“: Die königliche Familie, sechs Personen insgesamt, werden hingerichtet und auf Schiffen aufgebahrt. Am fünften Tag geht die Reise über das Meer, Rosencreutz kommt auf der Insel an und gelangt zum Turm mit den sieben Etagen, dem Laboratorium. Am sechsten Tag werden die sieben Phasen der Auferstehung geschildert, die sich mit dem Erwachen des Königspaars vollendet. Schließlich kehrt Rosencreutz am siebten und letzten Tag auf dem Schiff nach Strafe und Begnadigung heim.[21]


[1] Edighoffer, 1995, S. 122 f. [2] Rebisse, 2007. [3] Hauf, 2007. [4] Van Dülmen, 1981, S. 7. [5] A. a. O., S. 8. [6] A. a. O., S. 9. [7] A. a. O., S. 10. [8] U. Frietsch, 2008, S. 297. [9] A. a. O., S. 12. [10] Gilly (Hg.), 1995; Rosenkreuz […], 2002. [11] Edighoffer, 1995, S. 28; Haslmayr [1612], 1995. [12] Haslmayer, 1614. [13] Ebd., S. 131. [14] A. a. O., S. 135. [15] A. a. O., S. 138. [16] A. a. O., S. 142. [17] A. a. O., s. 146. [18] Priesner, 2009, S. 69. [19] Rebisse, 2007, S. 143. [20] A. a. O., S. 141; Jung [1955/56], 1968, S. 240 f. [21] Rebisse, 2007, S. 144.


[i] Rebisse, 2007, S. 60; → Abb. Weigel Studium universale 1700 [ii] Rebisse, 2007, S. 114; → Abb. Michelspacher Cabala speculum artis

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