36. Kap./1 * Natura als Nährmutter [+ Audio]

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Der Bonner Romanist Ernst Robert Curtius widmete in seinem Hauptwerk „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ der „Göttin Natura“ ein eigenes Kapitel.[1] Es stellt eine Fundgrube der Metaphorik und Ikonographie der abendländischen Naturvorstellungen dar. Wenngleich Curtius auf Medizin und Magie nicht einging, waren seine Hinweise doch entscheidend für ein Verständnis der Idee von der Natur als magischer Künstlerin. Seine Klassifikation der Natura im Sinne der von ihm entfalteten „historischen Topik“ kreiste – ausgehend von der Spätantike – um den Topos „Natura mater generationis“. Er unterschied 14 Kategorien:

  1. Natura artifex mundi
  2. Natura parens omnium rerum
  3. Natura domina omnium rerum
  4. Natura plasmatrix terrae et locorum
  5. Natura dotatrix hominum
  6. Natura formatirx hominum
  7. Natura domitrix feritatis et mater pietatis
  8. Natura discretis veteris tumultus
  9. Natura deos Iovi famulos tradens
  10. Natura plangens [klagende Natur]
  11. Natura de Phoenicis avis immortalitate laborans
  12. Natura Pronuba [Ehestifterin]
  13. Natura Dei serva
  14. Natura altrix hominum [Ernäherin][2]

Hiervon sind für unsere Thematik die Natura artifex mundi und die Natura dei serva von besonderer Bedeutung. Als Dienerin Gottes ist die Natur zugleich die Weltkünstlerin, die alles hervorbringt und insbesondere den Menschen formt.[3] So thematisierte Alanus ab Insulis (Alain de Lille), der berühmte Gelehrte aus der Schule von Chartre, in seinem „Anticlaudian“ nach Curtius „die Schöpfung des vollkommenen Menschen“: „die Erlösungstat Christi scheint nicht geholfen zu haben; helfen kann nur die Schaffung eines neuen Menschen; mit ihm kommt das goldene Zeitalter wieder.“ Und Curtius merkte an: „Die kirchliche Druck-Erlaubnis würde der doctor universalis [Alanus] heute nicht erhalten.“[4] Wie der Anthroposoph Wilhelm Rath, ein Kenner der Schule von Chartres, hervorhob, gab es − als ein „offenbares Geheimnis“ − eine „innere Beziehung der Göttin Natura zu der jungfräulichen Mutter der Evangelien“, auch wenn dies an keiner Stelle in den Büchern der Schule von Chartres ausdrücklich zur Sprache gekommen sei. [5] Das krichliche Dogma hätte eine solche Assoziation wohl nicht gestattet.

Die Natur als Ernährerin des Menschen (Natura altrix hominum) meinte beides: körperliche und geiste Ernährerin. Insbesondere als geistige Nährmutter (alma mater) wurde sie im Kontext von Magie und Alchemie zugleich als Erzieherin, Lehrerin und Führerin gesehen. Ausgehend von Curtius sollen in diesem Kapitel einige Personifikationen der Natura vorgestellt werden, die in Medizin und Naturforschung unter dem Vorzeichen der natürlichen Magie eine besondere Rolle spielten. In den emblematischen Sammlungen der frühen Neuzeit tauchte Natura in der Regel auf. So schuf der französische Bildhauer Jean Baptiste Boudard mit seiner dreibändigen „Iconologie“, die 630 Stiche mit Legenden enthielt, eine wahre Fundgrube für bildsuchende Autoren seiner Zeit. In alphabetischer Reihenfolge stellte er die Personifikationen der verschiedenen Natureigenschaften, Künste, Wissenschaften und menschlichen Tugenden zumeist in Frauengestalt vor. So erschien die „Nature“ als Standbild der vielbrüstigen Isis, auf deren ausgebreiteten Armen Vögel sitzen, während ihren Sockel springende Wildtiere ziehren. (Abb. [i]) Das von einem Schleier bedeckte Haupt zeige nach Meinung der Ägyper, „que les plus parfaits secrets de la nature sont réservés au Créateur.“ Vor allem in ihrer Funktion als Ernährerin und Säugamme erinnerte Natura an Maria, sodass sich hier tatsächlich eine Mischperson herausbildete (Kap. 40).

Anmerkung vom 21.09.2015

Die Vielbrüstigkeit der Göttin ist in der Regel paarig angelegt. Eine interessante Ausnahme macht eine moderne Skulptur: Die so genannte Venus von Merseburg. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Ein religiöses Vorbild der alma mater war sicher Maria als „gotheits-ammen“, wie Konrad von Würzburg, ein Dichter des Minnesangs aus dem 13. Jahrhundert, es formulierte:

„do hete dich zů brůt erwelt

der frone geist her under

und wolde dich besunder

als ein gotheits-ammen

entzünden und enflammen.“[6]

Wie der Kommentator Wilhelm Grimm anmerkte, wurde die Milch dieser Amme als wirksames Heilmittel angesehen: Die Sage, „daß sie Frommen, die krank darnieder lagen, erschienen, und aus ihrer Brust labende Milchtropfen zugesprützt, oder sie daran hat trinken lassen, wovon sie alsbald genesen, scheint sich gleichfalls auf die Idee der All-Mutter, Artemis, zu beziehen.“[7] Im Begriff „Gottheitsamme“ wird die Verschmelzung von Maria und Natura besonders sinnfällig.

 


[1] Curtius, 1954, S. 116-137. [2] Curtius, 1938, S. 182-184. [3] Modersohn, 1997, S. 17 f. [4] Curtius, 1954, S. 131. [5] W. Rath, 1983, S. 76. [6] Konrad von Würzburg, 1816, S. 37 f.: Verse 290-294. [7] W. C. Grimm in: Konrad von Würzburg, 1816, S. 15.


[i] Boudard [1766], 1976, 3. Bd.: Bild 1; http://ia600401.us.archive.org/5/items/iconologietireed00boud/iconologietireed00boud.pdf (14.07.2012); Abb. Boudard 1766 Nature