# 36. Kap. Natura: Eine Göttin taucht auf [+ Audio]

Audio auf Youtube: http://youtu.be/cwBVLURmqU4

Anmerkung vom 2. August 2015

Ein Hinweis auf den gerade auf Englisch erschienenen Artikel „On the Imagery of Nature in the Late Medieval and Early Modern Periods“, der sich vor allem auf die ersten vier Unterabschnitte (36. Kap./1 * – 4 *) bezieht, findet sich in meinem Supplementary News Blog.

Zwei Charakterisierungen der Natur waren von besonderer Tragweite: Natura als heilige Schrift, die es zu entziffern galt, deren geheime Sprache erlernt werden sollte; und Natura als göttliche Frau, deren geheimnisvoller Schleier nur mit äußerster Behutsamkeit und Einfühlsamkeit gelüftet werden durfte. Beide Auffassungen waren kaum voneinander zu trennen. Den „Geheimnisen der Natur“ auf die Spur zu kommen, war das zentrale Anliegen der magia naturalis.[1] Die Natur war dabei die übergeordnete Instanz, deren magische Kunst man nicht nur bewundern wollte. Sie sollte zum einen analysiert, wissenschaftlich untersucht werden, zum anderen nachgeahmt und vervollkommnet werden. Die in der frühen Neuzeit aufblühenden wissenschaftlichen Akademien hatten sich diesem Ansatz verschrieben. Der italienische Arzt Giambattista Della Porta, der in Neapel wirkte und sein Epoche machendes Werk „Magia naturalis“ erstmals 1558 publizierte, gründete bereits 1560 eine er ersten naturwissenschaftlichen Akademien in Europa, nämlich die Academia Secretorum Naturae (Accademia dei Segreti).[2] Sie hatte sich ausschließlich die Erfoschung der Natur auf die Fahnen geschrieben und nahm als Mitglied nur auf, „wer ein bisher unbekanntes Geheimnis auf dem Gebiet der Medizin oder der mechanischen Künste präsentieren konnte“.[3]„Enzyklopädien der Geheimnisse“ wurden verfasst und die Naturforschung verstand sich explizit als Jagd.[4] Letztlich bestand ihre Aufgabe darin, die natürlichen Geheimnisse zu erklären. So wollte etwa der italienische Arzt und Universalgelehrte Gerolamo Cardano diese mit seinem Begriff der subtilitas einsehbarer machen. Der Topos von der verhüllten Natur wurde zu einem beliebten Bildmotiv der Ikonographie und Emblematik. Natura trat als eine Frau in verschiedenen Gestalten auf, die in diesem Kapitel im Einzelnen vorgestellt werden sollen. Die biblische Geschichte vom Verbot Gottes, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen,[5] entsprach der griechischen Legende von Plutarch, die später in zahlreichen Variationen überliefert wurde, wonach es verboten war, den Schleier des verhüllten Standbilds der Isis in Sais gewaltsam zu lüften – ein Symbol zweifel- oder gar frevelhafter Naturforschung (Kap. 4).

Es gab in der abendländischen Tradition eine zwiespältige Einstellung zur Naturforschung, die gerade in der frühen Neuzeit thematisiert wurde: Einserseits war ihre selbstherrliche Durchführung verboten, andererseits sollte sie ernsthaft in Demut betrieben werden. Da Gott die Natur verbergen wolle, erschien die Naturforschung (curiositas) zunächst als verwerflicher Akt. Der christliche Apologet und Kirchenvater Laktanz (Lactantius) hatte darauf hingewisen, dass Gott Adam als letztes Geschöpf hervorgebracht habe, um zu verhindern, dass er Kenntnisse vom Schöpfungsakt erlangen konnte. „In confirmation of this, the popular image of the goddess Natura implied that nature covers herself with a veil in order to hide her secrets from mortals.”[6]Den Sterblichen sollten eben die Geheimnisse der göttlichen Natur verborgen bleiben. Es sei hier nur noch angemerkt, dass Natura in der Religionsgeschichte generell übergangen und selbst in einschlägigen Handbüchern wie dem von Eliade und Culiaono nicht erwähnt wird.[7] Während die Bilder weiblicher Gottheiten wie Sophia und Maria in Judaistik und Theologie immer wieder untersucht worden sind, blieben sie in der Wissenschafts- und Medizinhistoriegraphie in der Regel unbeachtet. Es ist eine spannende Frage, ob sich nicht auch schon in der frühen Kabbala des 11. und 12. Jahrhunderts Vorstellungen der Natura bemerkbar gemacht haben, die zur späteren Naturphilosophie und Naturforschung überleiteten, gerade wenn man Maria und die „Schechina“ ins Auge fasst, wie dies der Judaist Peter Schäfer getan hat.[8]


[1] Eamon, 1954. [2] Ebd., S. 194-233 (Part 1, Ch. 6); http://de.wikipedia.org /wiki/Academia_Secretorum_Naturae (21.01.2012). [3] Gronemeyer, 2004, S. 87. [4] A. a. O., S. 273-285. [5] Gen. 2, 17. [6] Eamon, 1954, S. 59 f. [7] Eliade / Culiono, 1995. [8] Schäfer, 2002.

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