36. Kap./2 * Embleme der Natur

Die Emblematik blühte im 16. Jahrhundert auf. Dabei trat vor allem das Bild der Frau in unterschiedlicher Gestalt, Kleidung und Pose in Erscheinung. Der italienische Humanist Andrea Alciato führte in seinem 1531 publizierten „Emblematum liber“ die klassische Form der Dreiteilung ein: (1) Bild (Ikon, Pictura, Imago, Symbolon) nach dem Vorbild der Hieroglyphik; (2) Lemma (Titel/Überschrift); Motto, Inscriptio (im Sinne einer Imprese); und (3) Epigramm, Subscriptio Unterschrift).[1] Im Gefolge dieses Emblembuches entwickelte sich die barocke „Sinnbildkunst“.[2] Beliebt war die Darstellung der Venus, deren Auftreten  häufig an Natura erinnerte, wie zum Beispiel das betreffende Emblem, das der französische Humanist Guillaume de La Perrière im Le Théâtre des bons engins“ in der Erstausgabe von 1539 vorstellte. (Abb. [i]) Wir sehen hier eine nackte Frau mit wehendem langem Haar in einer Berglandschaft stehen. In der rechten Hand hält sie einen großen Schlüssel, mit dem linken Zeigefinger deutet sie auf den Mund und ihr rechter Fuß ruht auf einer Schildkröte. In der Ausgabe von 1545 ist die Komposition deutlich verändert: Unter der Überschrift „Ce qu’est requis en la femme prudente“ sitzt „Dame Venus“ unter einem Baldachin, halb bekleidet, auf einem Kissen; Schlüssel, Schildkröte und Finger auf den Lippen sind analog ins Bild gesetzt. (Abb. [ii]) Dies wird im Begleittext symbolisch gedeutet: Eine Göttin zeige für ehrbare Frauen das richtige Verhalten: Die Schildkröte zeige die Treue zum Ort (n’aille loing), der erhobene Finger die Vermeidung von Geschwätzigkeit, der Schlüssel bedeute die Verwaltung der Güter des Ehemanns (du mary) durch Klugheit (prudence). Ein ähnliches Bild findet sich im Emblembuch des italienischen Humanisten Andrea Alciato unter dem Titel: „Mulierum famam non formam vulgatam esse oportere“ (Der gute Ruf der Frauen ist bekannt zu machen, nicht ihre äußere Gestalt). (Abb. [iii]) Die nur mit einem Tuch umgürtete „Alma Venus“ hält statt eines Schlüssels einen Apfel in der Hand. Ihre angedeutete Geschlechtsspalte und ihr sinnlicher Gesichtsausdruck kennzeichnen sie als eine „Venus“, zugleich erinnert sie neben dem Baum (Lebensbaum) an Eva im Paradiesgarten. Freilich ist von der Schlange und von Adam nichts zu sehen, stattdessen scheint von oben die Sonne als Gottessymbol. So erscheint Alma Venus nun doch als eine Alma Mater.

Die Aufwertung der Natura zu einer göttlichen Instanz, die sich der Mensch zum Vorbild für seine eigene Entwicklung zu nehmen habe, wurde wesentlich durch den von Alanus ab Insulis Ende des 12. Jahrhunderts verfassten „Anticlaudian“ beeinflusst (siehe unten). Teppichserien des 15. und 16. Jahrhunderts orientierten sich an diesem Werk. Man begegne dort oft der Gestalt der Natura, wie Wolfgang Kemp bemerkte, „aber nie in einer Art und Weise dargestellt, die sie aus der Vielzahl der anderen Allegorien herausheben würde.“[3] Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür zeigt ein großer Wandteppich, der im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg ausgestellt ist. Es handelt sich um den wahrscheinlich 1531 gefertigten Gobelin „Weg der irdischen Klugheit zur himmlischen Weisheit“ aus dem Nachlass des Pfalzgraf-Kurfürsten Ottheinrich von der Pfalz. (Abb. [iv]) Dieser „Prudentia-Teppich“ wurde kunsthistorisch bereits eingehend analysiert.[4] Das Verhältnis der drei Figuren Natura, Prudentia und Sapientia, um die sich das Bildgeschehen rankt, ist höchst interessant. Zunächst fällt die in der Bildmitte thronende Prudentia auf, die dann auf der rechten Seite nach oben steigt und von der Sapientia, die als Himmelsgöttin herabschwebt, das Szepter übernimmt. Auf der linken Seite steht Natura mit nach oben gerichtetem Haupt unterhalb von Juppiter, der als Himmelskönig analog zur Sapientia auf der gegenüberliegenden Seite in der Luft schwebt. Natura lenkt weiter im Vordergrund die Pferde mit ihrem Szepter, auf denen Engel sitzen und mit Schildern auf die Sinne verweisen. Placella, die gekrönte Figur im Vordergrund, ist nicht eindeutig zu interpretieren.[5] Vielleicht handelt es sich auch um ein Wortspiel um das Verb placere, so dass diese Frau die Gefälligkeit, das Angenehme, symbolisiert. Ob der Sinngehalt tatsächlich einem „’pädagogisch’-allegorischen“ Programm entspricht, wonach dem Menschen „die Möglichkeit zur Vervollkommnung, ja, zur Vollkommenheit in sich selber gegeben“ sei, wie eine Interpretin meint, sei dahingestellt.[6] Der männliche Betrachter rechts im Vordergrund, der den Aktivitäten der weiblichen Majestäten aufmerksam zusieht und mit dem Geschehen durch die Gestik der Concordia einbezogen wird, legt dies nahe.

Anmerkung vom 20.11.2014:

Die Skulptur „Miss Expanding Universe“ von Isamo Noguchi (1932) erinnert an frühneuzeitliche kosmologische Natura-Darstellungen.

Näheres siehe Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/20/314/

Der deutsche Arzt und Naturforscher Joachim Camerarius publizierte um 1600 sein mehrbändiges Werk über Symbole und Embleme.[7] Mehrere Embleme nehmen in den Unterschriften explizit auf Natura Bezug, ohne dass diese selbst in der üblichen Frauengestalt auftritt. So zeigt das Emblem Naturae maturavit opus (Das Werk der Natur ist gereift) eine Laube, von der die Blätter abfallen. In der Unterschrift ist zu lesen: „Cur adeò, huic fatum vim properare, doles?“ (Warum leidest du so sehr, dass dich dieses Schicksal ereilt?)[8] In dem Emblem Natura potentior ars (Die Natur ist mächtiger als die Kunst) leckt ein Bär an einer Frucht oder einem Stein, wohl um dessen Oberfläche zu glätten. „Ars polit, haud  fingit, natura utrumque ministrat“ (Die Kunst glättet, gestaltet aber nicht, die Natur hilft beidem) heißt es in der Unterschrift. In der Sammlung der handschriftlichen Embleme, die 2009 publiziert wurde und nicht identisch mit der soeben erwähnten, von Camerarius publizierten Ausgabe ist, findet sich das Emblem Naturae dictante feror“ (Auf Geheiß der Natur hebe ich mich empor). (Abb. [v]) Ein Reiher durchstößt eine regnende, die Erde benetzende Wolkendecke, die eine Art Grenze zur sublunaren Welt darstellt, während von oben die strahlende Sonne scheint. Seine Beine ragen durch die Wolken hindurch nach unten, so dass der Vogel Unten und Oben miteinander verbindet. In der Druckfassung wurde das Emblem (III, 17) mit einer neuen, kunstvoller gestalteten Pictura versehen, die den Reiher über den Regenwolken fliegend darstellt.[9] Auf einem anderen Emblem, das nicht in die Druckfassung übernommen wurde, sehen wir unter der Überschrift Naturae non artis opus (Ein Werk der Natur, nicht der Kunst) ein felsig-zerklüftetes und mit Diamanten besetztes Bergmassiv. (Abb. [vi]) Es lässt sich als Hinweis auf auf die naturgegebene und nicht künstlich erworbene Tugend (virtus) interpetieren.[10]

Die barocke Emblematik war insbesondere für die Freimaurer von Interesse.[11] Einige Beispiele sollen im Folgenden aufgeführt werden. Auf einem Kupferstich sehen wir neun Brüder um einen Tisch sitzen. (Abb. [vii]) Aus dem Auge Gottes im Dreieck trifft ein Lichtstrahl mit der Inschrift „Lux lucet in tenebris“ (Das Licht leuchtet in der Finsternis) machtvoll auf einen Spiegel. Der nach unten abstrahlende Reflex des Lichtstrahls trägt die Inschrift: „Tenebrae eam non comprehenderunt“ (Die Finsternis hat es nicht begriffen). Auf die Bedeutung des Spiegels als Instrument der Selbstreflexion und die des „Auge Gottes“ als Quelle allen Lichtes sind wir wir bereits an anderer Stelle eingegangen (Kap. 18 und 29). Die Natur taucht in dieser Abbildung zwar nicht als Person auf, ihre Funktion entspricht jedoch im Strahlengang dem hier gezeigten Spiegel. Auf anderen Illustrationen hält sie als Frau Natura den Spiegel und wird somit selbst zum Spiegel des göttlichen Lichts (Kap. 34).

In einem Emblem, das im„Nucleus Emblematum Selectissimorum“ des Magdeburger Dichters Gabriel Rollenhagen von 1613 enthalten ist, sehen wir unter der Überschrift „Serva Modum“ (Wahre das Maß!) eine Frau mit Winkelmaß und Zügel vor einer Kulturlandschaft zwischen Kirche und Burg als Symbole geistlicher und weltlicher Macht. (Abb. [viii]) Die Unterschrift lautet: „Das Herz weiß das Maß nicht zu wahren und den Gefühlen Zügel anzulegen, wenn es vom Glückshauch getroffen wird.“ Das Emblem kann je nach Standort recht verschieden gedeutet werden. Wer von der sozialhistorischen These der Unterdrückung der Frau im Sinne der gender studies ausgeht, wird hier die Bändigung der gefühlsanfälligen Frau vermuten; wer den naturphilosophischen Blickwinkel vorzieht, kann die Frau mit der Klugheit (prudentia) identifzieren, die ein Charakteristikum der Natura darstellt.

Auf dem Emblem Cuncta refundit (Sie gibt alles weiter) von Julius Wilhelm Zincgref erkennt man sehr schön die Hierarchie Gott – Natur – Mensch in der vertikalen Anordnung von Sonne, Monde und Erde wieder. (Abb. [ix]) Der Mond ist hier in der Position der vermittelnden Natur, während die Sonne mit Christus, dem „Licht der Welt“, gleichgesetzt wird. Gleichzeitig ist der Mond Symbol für den das göttliche Licht empfangenden Menschen. So lautet die Unterschrift:

„Der Mond wie die Natur bericht /

Hat von der Sonnen all sein Liecht /

Uns wiederfehrt all Liechtes Gab /

Durch Christum von oben herab.“

Der Holzschnitt unter dem Titel „Scienza“ aus der „Iconologie“ des französischen Bildhauers Jean Baptiste Boudard zeigt eine stattliche Frau mit einem Spiegel in der rechten und einer Erdkugel mit aufgesetztem Winkelmaß in der linken Hand. (Abb. [x]) Das Bild lässt sich als Allegorie der Wissenschaft interpetieren, mit dern Attributen die Frau als „Göttin“ ausgestattet ist. Der Spiegel wäre demnach als Instrument der Selbsterkenntnis, nicht als ein Kennzeichen der Eitelkeit zu verstehen.[12] Diese Personifikation von Scienza deutet wiederum auf Natura, denken wir nur an Robert Fludds Emblem der dem Naturforscher vorangehenden Natur (siehe unten). In Boudards „Iconologie“ gibt es noch weitere analoge Frauendarstellungen, die auf naturphilosophische Vorstellungen verweisen. So zeigt die Abbildung „Theorie“ eine Frau mit geschlossenem Buch auf den Knien und einem Zirkel auf dem Kopf. (Abb. [xi]) Die „Ethik“ wird von einer Frau repräsentiert, die in der rechten Hand eine Winkelwaage und in der linken einen gebändigtem Löwen an der Leine hält – ein Symbol der Ausgewogenheit. (Abb. [xii]) „Ruhige Betrachtung“ wird von einer Frau dargestellt, die auf einen aus den Wolken an einem Seil hängenden länglichen Gegenstand, der einem Lot oder Pendel ähnelt, blickt. (Abb. [xiii]) Sie fixiert mit ihren Augen sozusagen die goldene Kette, die vom Himmel kommt und versenkt sich – das Ganze erinnert an die hypnotische Methode der Augenfixation von James Braid Mitte des 19. Jahrhunderts (Kap. 17) – in das himmlische Anschlussstück.


[1] Wüsecke, 1990, S. 6. [2] A. a. O., S. 9. [3] Kemp, 1973, S. 11. [4] Stemper, 1956, S. 163-171; Stemper, 1958. [5] Stemper, 1956, S. 165. [6] A. a. O., S. 169. [7] Camerarius [1590–1604], 1986 u. 1988. [8] Ebd., Teil 1, Nr. 65. [9] Camerarius [1587], 2009, S. 513. [10] A. a. O., S. 562. [11] Wüseke, 1990. [12] Wüseke, 1990,  S. 61.


[i]Moseley, 1989, S. 54 ; La Perrière, 1539, Emblem XVIII; PURL : http://diglib.hab.de/drucke/lm-2057/start.htm?image=00050 ; Abb. Perrière 1539 [ii] La Perrière, 1545, Emblem XVIII;  → Abb. Perrière 1545 http://diglib.hab.de/drucke/162-3-eth-b/start.htm?image=00031 (14.07.2012) [iii] Alciato [1531], 1977: Emblem F 1; → Abb. Alciato F1 [iv] Stemper, 1956, S. 141; Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg: Inv. Nr. Te 25 → Abb. Prudentia Teppich Heidelberg [v] Camerarius [1587], 2009, S. 192 [Emblem 46] und S. 512 f.; → Abb. Camerarius 1587 Reiher [vi] Camerarius [1587], 2009, S. 290 [Emblem 44] und S. 561; → Abb. Camerarius 1587 Berlandschaft [vii] Wüseke, 1990, S. 74;  E. J. Lindner, 1976; → Abb. Freimaurer Brüder [viii] Wüseke, 1990, S. 95; Rollenhagen, [1611]-1613: 2. Teil, Nr. 53; → Abb. serva modum [ix] Wüseke, 1990, S. 103; Zincgref, 1619, S. LXXII;  http://diglib.hab.de/drucke/li-10083/start.htm?image=00165   (21.01.2012); → Abb. cuncta refundit [x] Wüseke, 1990, S. 120; Boudard, 1759; → Abb. Szienza [xi] Wüseke, 1990, S. 121 u. 62; Boudard, 1759; → Abb. Boudard Theorie [xii] Wüseke, 1990, S. 122; Boudard, 1759 ; → Abb Boudard Ethik [xiii] Wüseke, 1990, S. 123; → Abb Boudard ruhige Betrachtung

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