36. Kap./3 * Natura als Lehrerin [+ Audio]

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Die Göttin Natura tauchte im Hohen Mittelalter erstmals in Schriften der Schule von Chartre auf und man kann dies Ereignis im Hinblick auf die nachfolgende Renaissance tatsächlich als die „Entdeckung der Natur“ bezeichnen.[1] Der Kölner Philosoph Andreas Speer untersuchte die theoretische Motivation dieser Gelehrten. Für sie war demnach Platons Aussage im „Timaios“ wichtig, dass „alles, was entsteht, aus einer notwendigen Ursache entsteht”.[2] Die „philosophia mundi“ suchte nach den „causae rerum“ und wollte diese auf die zugrundliegenden Prinzipien zurückführen.[3] Die Physik (physica) werde „zur Wissenschaft von der mathematisch zu begreifenden Natur der sinnfällgien Welt“ (mundus sensibilis). [4]

Das Erwachen der Metapysik müsse in einem ursächlichen Zusammenhang mit jenem Vorgang gesehen werden, den der französische Theologe Marie Dominique Chenu als „la découverte de la nature“ bezeichnet hat.[5] Hierfür war die verstärkte Aristoteles-Rezeption vor der Mitte des 12. Jahrhunderts entscheidend, wobei dessen Metaphysik als Modell diente.[6] Es kam zu deren Wiederentdeckung und Aneignung durch den lateinischen Westen im 12. bis 14. Jahrhundert. Dabei sei die scientia naturalis „als Prinzip im Kontext des christlichen Erbes als Bildungselement enthalten“ gewesen und als „eigenes Eigentum“ zu betrachten, wie der Bonner Philosoph Wolfgang Kluxen betonte. Es sei keine geschichtliche Legitimation für die heutige Wissenschaft möglich, „die das 12 Jahrhundert überspringt oder auch nur es nicht zum Ausgangspunkt nimmt.“[7] Mit dem Aufblühen allgemeiner Bildung im späten Mittelalter brach gleichzeitig „das Goldene Zeitalter der Magie“ an, die nun nicht mehr nur von einigen wenigen Spezialisten betrieben wurde.[8]

An erster Stelle ist Alanus ab Insulis zu nennen, der in seinem „Anticlaudian“ die Erschaffung des „neuen Menschen“ episch darstellte. Die Schrift schildert Natura als „große Künstlerin“, als „sollers“ (von sollus = ganz und ars = Kunst), als „ganz Kunst“ und jungfräuliche „Mutter aller Dinge“.[9] Die Natur wurde hier – im Unterschied zur Weltanschauung der Katharer (Kap. 9) – nicht verteufelt, sie repräsentierte nicht das Böse, sondern erschien ihm Gegenteil als die weise Führerin des Menschen, den sie mit Verstand (ratio) ausgestattet habe.[10] Nicht die Natur, sondern das, was von ihrer Wahrheit ablenkt, erschien jetzt als böse. Die Natur als Malerin male die Blüten, die einer königlichen Botschaft glichen. Bei Bernhard von Silvestris, einem weiteren Vertreter der Schule von Chartre, war Urania die „Königin der Sternenweisheit“. Diese Königin in Gestalt des Sternenhimmels spiegelte sich nach dieser Auffassung in der irdischen Blütenwelt. [11] Damit wurde ein naturphilosophischer Topos ins Spiel gebracht, der immer wieder bis ins 19. Jahrhundert hinein in der wissenschaftlichen Literatur auftauchte. So formulierte der Schweinfurter Arzt und Mitbegründer Academia naturae curiosorum, der späteren „Leopoldina“: „Im Himmel gibt es einen Glanz von glitzernden Sternen gleichwie Blümchen, auf Erden gibt es die auserlesenste Ausstrahlung von seltensten Blumen gleichwie Sternen […]. Das ist das Werk der Baumeisterin Natur (Architectricis Naturae)“. Und im Geiste des Hermetismus, namentlich der Tabula smaragdina, forderte er die Leser auf: „glaube (crede) das unten, was du oben siehst. Kein Wunder.“[12] Einen späteren Nachklang zu dieser magischen Verknüpfung der Sterne mit den Blüten, des himmlischen Lichts mit der irdischen Blumenwelt, finden wir bei dem Physiker und Naturphilosophen Gustav Theodor Fechner in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In seiner Aufsehen erregenden Schrift „Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen“ erklärte er seinen Buchtitel folgendermaßen: „Nanna, Baldurs (des Lichtgottes) Gattin, ist die Blüte, die Blumenwelt, deren schönste Zeit mit Baldurs Lichtherrschaft zusammentrifft. […] die Poesie des Alterthums denkt sich den zartesten Blumenglanz nie anders als vom Thau [Tau des Himmels] gebadet.“[13]

In der „Klage der Natur“ stellte Alanus Natura als Nährmutter dar, die den Mikrokosmos dem Makrokosmos ähnlich gestaltet habe: „Wie konnte dich mein Erscheinen so erschrecken? […] Wie konnte deinem Gedächtnis entschwinden, daß ich [Natura] es bin, deine dir so innig vertraute Nährmutter, die die menschliche Natur der großen Welt so ähnlich gestaltete, daß in ihr wie in einem Spiegel die Weltenschrift erscheint?“[14] Die Metapher des Risses im Gewand der Natur und die ihrer gewaltsamen Enthüllung verdeutlichen die Laster der Menschen, die sich an ihr gewissermaßen vergreifen und sie in ihrer Integrität verletzen. „Es sind die Laster, die den Menschen zu seiner Ehrfurchtlosigkeit gegen die eigene Mutter Natur verführen, so daß er sie mit gewalttätiger Hand ihrer Hüllen berauben will, indem er das größte Chaos der Mißhelligkeit (maximum chaos dissensionis) zwischen sich und ihr zu einem Dauerzustand macht. Es ist einzig und allein der Mensch, von dem ich [Natura] solches erdulden muß!“[15] Hier tritt bereits das von Friedrich Schiller bearbeitete Motiv des „verschleierten Bildes zu Sais“ in Erscheinung: die Vergewaltigung der Natur durch den Menschen (Kap. 4). Im Unterschied zu diesem schilderte Alanus jedoch nicht die Folgen der Freveltat für den Menschen, sondern das subjektive Leiden der Natur, indem er ihre Klage über das maximum chaos dissensionis zu Sprache bringt.

Die Humanisten der Renaissance knüpften an dieser neuen Aufwertung der Natur an. So verwies Erasmus von Rotterdam in seiner Schrift „Lob der Torheit“ (Moriae Encomium) auf die Natur als Maßstab für das Leben der Menschen. Wir wollen im Folgenden der deutschen Übersetzung von Sebastian Franck folgen.[16] Erasmus lobte darin das „schlecht einfeltig volck“, das ohne alle Künste „allein auß anregen vnd eingeben der natur lebt.“ [17] Wo viel Weisheit, da sei auch viel Unnützes, steht in einer Randglosse, „vnd wer vil erfert der mûß vil leiden.“[18] Die Natur hasse alles Blendwerk, meinte Erasmus im Hinblick auf die Bienen: „Die natur haßt das fitzen / vermenteln / gleissen / vnd bekompt vil glücksäliger das mit keiner kunst ist gefälscht vnd geschwecht.“ Überhaupt sei die Natur „der kunst meisterin / lererin / erfinderin / angeberin“ nicht umgekehrt – ein Schatz, der vergeudet sei, wenn er nicht gebraucht werde.[19] Erasmus nahm die „Gelehrten / die verkerten“, darunter auch Ärzte und Juristen als „böse Christen“ aufs Korn, die die eigene Seele zu heilen versäumten bzw. Gottes Gebot missachteten, sodass „weder der Artzt wol lebt / noch der Jurist wol stirbt.“[20] Erasmus referierte das „Lob des Esels“ von Agrippa von Nettesheim. Einem „jungen der weissheit“ seien Art und Eigenschaft eines Esels vonnöten, nämlich: „Eins vnschüldigen reinen hertztens / on Gallen / mit allen Thieren fried habende / der seinen ruck [Rücken] gedültig vnder alle bürde thůt.“[21] Erasmus mahnte den Leser, eine christliche Haltung einzunehmen: „gedencke nun das du zum Thoren vnd Esel werdest / wiltu vor Gott / weyß / ein Engel / vnd ein Gaist mit jm werden.“[22]

Rund 70 Jahre nach Agrippa demonstrierte ein Emblem aus der „Atalanta fugiens“ (1618) von Michael Maier treffend die Natur als Führerin des forschenden Menschen. (Abb. [i]) In Gestalt der wissenden Frau schreitet sie voraus, in ihren Fußstapfen (quasi Wegweiser) läuft ihr ein Naturforscher mit Gehstock (quasi Vernunft), Brille (quasi Erfahrung) sowie einer Laterne (quasi Licht zum Studium der Schriften) hinterher. Der Gelehrte soll also den Spuren der Natur folgen, in ihre Fußstapfen treten, lautet die Botschaft. In der Übersetzung von 1708 wurde dieses Emblem als „Zwey und viertzigstes Sinnbild von Geheimnuß der Natur“ folgendem Motto unterstellt: „Dem Sucher der Chymischen Kunst muß die Natur / Vernunfft / Erfahrenheit und das fleissige Lesen / Leiten / und an statt eines Führers / Stabs / ja einer Leuchte und Lampe dienen.“ Das entsprechende Epigramm („Überschrifft“) lautete:

„Dich leitet die Natur / drum folge ihren Wegen /

Sonst tritt’st du aus dem Pfad der rechten Wahrheits Bahn:

Dein Staab sey die Vernunfft / das Licht muß dir zulegê

Die edle Wissenschafft / wañ du das Werck fängst an.

Das Lesen ist die Lamp so in dem Finstern scheinet /

Doch überleg dabey was auch der Weiß recht meinet.“[23]

Wie in der Erläuterung dargelegt wird, seien hiermit die vier Räder des philosophischen Wagens dargestellt: Natur, Vernunft, Erfahrung und die philosophischen Bücher. Für die „Chymisten“ sei die Natur zu beachten, denn sie sei „auff dieser Reise der Wegweiser[,] deren Fußstapffen man folgen muß.“[24] In diesem Sinne wurde die Natur als „Dein Führerin“ (dux natura tibi) bezeichnet:

„Dein Führerin die Natur sey / welch’r du must folgen von weiten /

Williglich / anderst du jrrst, wo sie dich nicht thut leyten“.[25]

Eine hermetisch aufgeladene Modifikation dieser Illustration ist auf dem Titelblatt des Musæum Hermeticum“ (1625) zu sehen. Gegenüber der oben skizzierten Abbildung fallen einige interessante, aber nicht wesentliche Abweichungen auf. (Abb. [ii]) Hier ist Michael Maiers Natura-Dux-Emblem in etwas gröberer Ausführung in ovalem Rahmen zu sehen. Natura trägt einen sechseckigen Stern (Hexagramm, Davidstern), ein mehrdeutiges hermetisches Symbol der Verwobenheit von Himmel und Erde, in einer Leuchtkugel in der rechten Hand. Sie ist doppelbrüstig und bis zum Gürtel entblößt, was an Darstellungen der vielbrüstigen Isis erinnert. Einem Gelehrten mit Brille, Stock und Laterne folgt ein zweiter in einiger Entfernung mit denselben Attributen. Hier erscheint also Natura noch eindeutiger als Göttin eines alten Geheimwissens, in deren Fußstapfen die Naturforscher treten sollen, um ihr nachzufolgen.

Anmerkung vom 20.07.2016

Die Natur kann auch als eine „Schifferin“ erscheinen, die dem Betrachter einen Platz in ihrem Kahn anbietet, womit sie ihn über ein Gewässer setzt. Zu diesem Bildmotiv siehe mein Supplementary Blog.

Auch im frühen 18. Jahrhundert begegnen wir in naturhistorischen Abhandlungen dieser Metaphorik von der notwendigen Nachfolge, wie folgendes Zitat zeigt: „Denn so ein Künstler den Weg der Natur nicht weiß, weiß auch nicht, wie die Natur arbeitet, derselbe kann ohnmöglich die Natur verstehen, sondern er muß blind auf die vorgeschriebenen Processe fallen, solche arbeiten und vielfältig drinnen fehlen, dieweil er weder regulam noch rationem verstehet.“[26] Freilich benötige die kranke Natur im Menschen der Beihilfe des gelehrten Arztes: „Denn die kranke Natur oder morbose Archaeus hat nichts von Nöthen als eine starcke Beyhülffe, dieweil ihn die Kranckheit überwunden und obsieget […] Denn ein gelehrter Medicus weiß wohl, daß die Natur nicht mehr als eine confortation vonnöthen, durch welches sie schon selbst wieder potens wird sich zu helffen; solche confortation aber könne besser nicht erlanget werden, als durch solche regeneration in Quintam Essentiam, da alles rein und pur und eine fixe und spiritualische Medicin ist.“[27]


[1] Speer, 1995. [2] Ebd., S. 290. [3] A. a. O., S. 291. [4] A. a. O., S. 293. [5] Chenu, 1957, S. 21-30; Speer, 1995, 294. [6] A. a. O., S. 297. [7] Zit. n. Speer, 1995, S. 301; Kluxen, 1981, S. 289. [8] Kieckhefer, 1992, S. 78. [9] Zit. n. W. Rath, 1983, S. 51. [10] W. Rath, 1983, S. 54. [11] A. a. O., S. 56. [12] Bausch, 1666, S. S. 202 f.; [Übersetzung:] zit. n. H. Schott, 2008 [a], S. 209. [13] Fechner, 1848, S. IV. [14] Zit. n. W. Rath, 1983, S. 59. [15] Zit. a. a. O., S. 65. [16] Erasmus von Rotterdam, ca. 1543. [17] Ebd., Bogen 28, S. 3. [18] A. a. O, Bogen 29, S. 1. [19] A. a. O., Bogen 112, S. 1. [20] A. a. O., Bogen 116/S. 1. [21] A. a. O., Bogen 86, S. 2. [22] A. a. O., Boten 90, S. 1. [23] Maier, 1708, S. 124; http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/nd-773 (21.01.2012). [24] A. a. O., S. 125 ; http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/nd-773 (21.01.1012). [25] Maier, 1618 [a]; S. 176 ;  http://dfg-viewer.de/show/?set[image]=178&set[zoom]=default&set[debug]=0&set[double]=0&set[mets]=http%3A%2F%2Fdbs.hab.de%2Foai%2Fwdb%2F%3Fverb%3DGetRecord%26metadataPrefix%3Dmets%26identifier%3Doai%3Adiglib.hab.de%3Appn_664504825 (21.01.2012). [26] Kirchweger, 1723: Vorrede. [27] Ebd., S. 283 f.


[i] Maier, 1618 [a], S. 177; De Jong, 1969, S. 418 ; → Abb. Michael Maier Natura [ii] Musaeum hermeticum, 1625; http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/11683/7/cache.off?Seite=&cHash=a69b932d870b9c2a98ca4178d360d826 (14.07.2012); → Abb. Musaeum hermeticum Titelblatt