37. Kap./1 * Stigmen des Bösen

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Wie wir an früherer Stelle im Kontext der Signaturenlehre bemerkten, bildeten die Stigmen des Bösen in der modernen physiognomischen und rassenbiologischen Lehre ein wichtiges Moment (Kap. 9). Als Zeichen der „Entartung“ oder „Degeneration“ wurden sie schließlich um 1900 zu einem diagnostischen Kriterium in der Psychiatrie und insbesondere in der Kriminalanthropologie. Wir wollen nun auf die Bedeutung der „Monstren“ in der frühen Neuzeit näher eingehen. In dieser Lehre traten individuelle Verfehlungen zurück, die ja im medizinischen Diskurs eher im Vordergrund standen. Nun ging es vor allem um die Kollektivschuld und ihre drohende Bestrafung nach dem biblischen Vorbild von „Sodom und Gomorra“, die Gott den sündigen Menschen durch die Monstren anzeigen wollte.

Die Auseinandersetzung mit den oft phantastisch-bizarr dargestellten Monstren, mißgestalteten Lebewesen, an denen wir heute zum Teil angeborene Fehlbildungen diagnostizieren können, etwa einen Hydrocephalus („Wasserkopf“), ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Die Monstren (lat. monstra) sollten einen sonst verborgenen Tatbestand offenbaren. Im Folgenden seien einzelne Deutungsmuster vorgestellt, die die moderne Wissenschaft als „Aberglauben“ verworfen hat, die jedoch hintergründig im Seelenleben der Menschen weiter wirken. Die Frage, in­wieweit solche irrationalen Muster auch unsere wissenschaftliche Rationalität durchsetzen, ja, inwieweit diese selbst wiederum nur ein solches irrationales Muster darstellt, wird seit geraumer Zeit auch im Diskurs der Naturwissenschaften aufgeworfen: Angesichts der Massenmedien, welche den modernen Aberglau­ben als wissenschaftlich bewiesen millionenfach weitergeben würden, stünden wir sogar in der Gefahr, „die abergläubischste Bevölkerung aller Zeiten“ zu werden, meinte der austro-amerikanische Pädiater und Teratologe Joseph Warkany.[1]

Die Mantik (Weissagung) in der Antike war eine hoch­differenzierte Wissenschaft, die eine lange Ausbildung und zumeist die Zugehörigkeit zur Priesterkaste voraussetzte. Nicht nur Himmelskörper und Vogelflug, auch Tiereingeweide − insbesondere die Leber − und Träume waren wichtige Gegenstände der Deutungskunst. Die „Miss­geburt“ forderte schon früh die Deutungsarbeit der Mantiker heraus. Zu den frühesten Schriftzeugnissen der Menschheit gehören Tontafeln, die in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal (7. Jahrhundert v. Chr.) in Ninive (Mesopotamien) aufbewahrt wurden. Die Keilschrifttexte berichten von Fehlbildungen der verschiedensten Art, die nach strengen Regeln zu interpretieren waren. „Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dessen rechtes Ohr klein ist, so wird das Haus, in dem es geboren wurde, zerstört werden. / Wenn ein Kind keine Füße hat, werden die Wasserstraßen des Landes unter­brochen und das Haus zerstört. / Wenn das Kind sechs Zehen an jedem Fuß hat, so werden die Menschen der Welt in Unglück gestürzt.“[2]

Die Monstren waren also Zeichen des herannahenden Unheils. Dieser Glau­be erblühte noch einmal in der Renaissance. Wenngleich Monstren auch auf glückliche Umstände verweisen konnten und ihnen sogar der Sinn zuge­schrieben wurde, die unbewohnteren Gebiete der Erde und Meere zu schmücken, so herrschte gerade bei den Medizinern doch ihre Be­deutung als böses Omen vor.[3]Ein illusteres Beispiel für die satirische Deutung einer Mißgeburt als ein göttliches Mahnzeichen finden wir in dem Cranach-Luther’schen Flugblatt „Papstesel zu Rom“, das ähnlich wie Luthers „Mönchskalb“ ein Phantasieprodukt war, um gegen Papst- und Mönchtum zu polemisieren.

Die Vorstellung, wonach die Götter den Menschen für einen begangenen Frevel mit Krankheit bestrafen, geht ebenfalls auf die Antike zurück. Damit wurde vor allem der Ausbruch von Seuchen erklärt. Das Christentum verschärfte diese Sündentheorie: Die „Erbsünde“ sei auch für die Missgeburten verantwortlich. So schrieb der Gelehrte Konrad von Megenberg im 14. Jahrhundert: „Die geseelten Wundermenschen nenne ich, die eine menschliche Seele haben und die doch Gebrechen haben […] und die kommen […] von Adam und seinen Sünden.“[4]Auch für Paracelsus waren Missbildungen Zeichen des Bösen. „Und als zu gleicher weis, wie der henker zeichnet seine kinder mit lesterlichen zeichen, desgleichen die bösen ascendenten ire kinder mit unnatürlichen lesterlichen zeichen bezeichnen, auf das man sich vor inen zuhüten wiß wie vor den henkermeßigen leuten “.[5] Missbildungen zeigten also Charaktereigen­schaften ihrer Träger an, verrieten deren moralischen Defekte oder die ihrer Verfahren. Insofern waren die Stigmen der Mißbildung zugleich Signaturen des Bösen. So cha­rakterisierte der französische Wundarzt Ambroise Paré im 16. Jahrhundert die Monstren als Zeichen der Strafe für Unzucht, Ausschweifung und Maßlosigkeit. Nicht nur die Gottlosigkeit der Eltern offenbare sich somit, sondern zugleich auch die Verworfenheit der monströsen Kinder selbst.

Die Erklärung der Krankheit als Folge einer Sünde spielte bis weit in die Neuzeit hinein eine wichtige Rolle in der Krankheitslehre der Medizin. So wurde noch im frühen 19. Jahrhundert, der Entstehungszeit der modernen Psychiatrie als medizinisches Fach, die „Geisteszerrüttung“ von einem Teil der „Irrenärzte“ auf die Sünde des betreffenden Menschen zurückgeführt. Die „Psychiker“ unter den Psychiatern sahen hierin nämlich den Hauptgrund für die Geisteskrankheiten ihrer Patienten. Freilich unterschieden sich ihre Behandlungsmethoden kaum von denen der „Somatiker“. [6] Gerade in der Psychosomatik und Psychotherapie des 20. Jahrhunderts lebt dieser Gedanke in säkularisierter Form bis heute weiter. Vor allem die Neurosenlehre unter dem Vorzeichen der Psychoana­lyse erblickt in der Verdrängung bzw. Abwehr unbewußter Impulse eine Art seelische Selbstunterdrückung, welche die Krankheit erzeuge. Letztlich war der Betroffene gewissermaßen selbst an seinen Symptomen schuld. Die Bedeu­tung der Sinn- und Schuldfrage in der Theoriebildung der Psychosomatik und Psychotherapie unserer Zeit ist bislang noch nicht hinreichend aufge­deckt worden. Im Übrigen finden wir auch in der modernen „Organmedizin“ Reste dieser alten Sündentheorie. So wird das Bronchialkarzinom („Raucherkrebs“) gewissermaßen als Folge der Sünde des Kettenrauchers angesehen, der für sein Fehlverhal­ten mit Krankheit und Tod bestraft wird. Es liegt nahe, ein solches Fehlverhal­ten sozial zu ächten und womöglich durch höhere Krankenkassenprämien zu bestrafen.

In der Renaissance blühte – im Kontext von Signaturenlehre, Astrologie und Hexenwahn – der Glaube auf, Missgeburten und „Kretine“ (franz. crétins) stamm­ten direkt vom Teufel ab. Für Paracelsus und seine Zeitgenossen wie Martin Luther war es selbstverständlich, dass Mißgeburten aus der Ver­bindung von Teufeln und Hexen zustande kommen können: „Nun ist […] versamlung aller hexen und unholden zusamen […] dieweil die geist mit den hexen in gestalt succubi und incubi zu hantlen und zu schaffen haben, und gleich als ob sie schwanger seien anzusehen und auch schwanger mit den seltsamen monstris“.[7] Im 16. Jahrhundert entspann sich eine Kontroverse, ob solche Mißgebilde­ten getötet werden durften oder nicht. Paracelsus sprach sich – im Gegensatz zu Martin Luther (siehe unten) – gegen eine Tötung aus, er wollte sie als Geschöpfe Gottes bestehen lassen: „drumb so laß ich sie sten als tiere.“[8] Der „Hexenhammer“ dagegen, das Handbuch der Inquisition, erblickte in Monstren, insbesondere in den „Wechselbälgen“ oder „Wechselkindern“ Dämonen- und Hexenwerk. Folgerichtig ging es  dann um die „Ausrottung der Hexen“ gemäß dem Bibelspruch: „Die Zauberer sollst du nicht leben lassen.“[9] Auch ihre vermeintliche Brut sollte tendenziell vernichtet werden: Im Zuge der Hexenverfolgung wurden selbst einjährige Kinder gefoltert und umgebracht.[10]

Eine besondere Form des Teufelswerks war der „Wechselbalg“. Im Volk herschte der Glaube, dass kurze Zeit nach der Geburt der Teufel oder ein anderer böser Dämon das neugeborene Kind mit einem Teufelskind vertauschen könne. Diese vertauschten Kinder zeigten alle Zeichen des Bösen und „sie sollen insgemein erschrecklich gefreßig, faul und ungestalt seyn.“[11] In der Geschichte der europäischen Volkskunde konnten „Wechselbälge“ aber auch gutartige Züge aufweisen. Sie konnten als Elfenkinder erscheinen, die von Fabelwesen („guten Leuten“) den Menschen untergeschoben wurden, um so als Säugling einer menschlichen Mutter doch noch eine Seele zu erhalten. Diese Bedeutungsverschiebung von „Wechselbalg“ im Rahmen der christlichen Dämonologie war beachtlich, wie der Basler Kinder- und Jugendpsychiater Carl Haffter herausgestellt hat.[12] Durch die schlechte Behandlung des Wechselbalges sollte die Rückgabe des wahren Kindes erzwungen werden. Die übelste Kindsmißhandlung wurde hier als legitimes Druck­mittel empfohlen. Sogar die Tötung schien erlaubt, wie Martin Luther im Jahre 1541 in einer seiner Tischreden vorbrachte. Er meinte, „dass solche wechselkinder nur ein stück fleisch, eine massa carnis seien, da keine seele innen ist, denn solches könne der teufel wol machen, wie er sonst die menschen, so Vernunft, ja leib und seele haben, verderbt, wenn er sie leiblich besitzet, dass sie weder hören, sehen noch etwas fühlen, er machet sie stumm, taub, blind. Da ist denn der teufel in solchen wechselbälgen als ihre seele.“[13]

Aus den soeben zitierten Einstellungen können wir erahnen, wie breit das Spektrum der kindlichen Behinderungen war, das als Teufelswerk angesehen und damit der potenziellen Vernichtung preisgegeben wurde. Es ist erstaunlich, daß diese historische Tatsache ver­glichen mit der Hexenverfolgung bislang weniger beachtet wurde. Wie die früheren Hexen und Teufelsbesesse­nen wurden auch die Monstren und Wechselbälge erst im 18. Jahrhundert endgültig als Problematik der akademischen Medizin aufgefasst und somit „medikalisiert“. Es sei hier an eine medizinische Dissertation unter dem Chirurgen Lorenz Heister von 1725 aus Helmstedt erinnert, in der die „Wechselbälge“ als rachitische Kinder identifiziert wurden.[14] Erst im Zeitalter der Aufklärung konnten die Eltern durch die medizinischen Befunde gewissermaßen „entschuldigt“ werden. Die kindliche Behinderung erschien nun nicht mehr als Strafe für eine begangene Sünde der Eltern bzw. für deren Unaufmerksamkeit im Falle der Wechselbälge, sondern als eine natürlich zu erklärende Krankheit. Es sei angemerkt, daß auch diese naturwissenschaftliche Erklärung in der Antike wurzelte, vor allem in der Lehre des Aristoteles.[15] Mit der Französischen Revolution kam es erstmals zu praktischen Ver­suchen, den Behinderten medizinisch zu helfen. Die Irren, Blinden und Taubstummen wurden nun einem medizinisch-pädagogischen Regime unter­worfen. Die Ausgrenzung und Abwehr der Abnormen verkehrte sich zu dem Versuch ihrer Anpassung an die Normalität. Dies betraf im besonderen Maße das behinderte Kind, vom Rachitiker bis hin zum Taubstummen.[16]


[1] Warkany, 1972, S. 14. [2] Zit. n. Püschel, 1970, S. 1 f. [3] Wahl, 1974, S. 10. [4] Zit. n. Wahl, 1974, S. 19. [5] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 11, S. 376. [6] Schott / Tölle, 2006, S. 53-56. [7] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 26 f. [8] A. a. O., S. 145. [9] Ex 22,18; Kramer [1487], 2000, S. 596. [10] Wahl, 1974, S. 38. [11] Zedler, Bd. 53, 1747, Sp. 1079. [12] Haffter, 1968. [13] Zit. n. Wahl, 1974, S. 40. [14] Broke, 1725; Haffter, 1968, S. 60. [15] Michler, 1964. [16] Weiner, 1977.

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