# 37. Kap. Teufel, Hexen, böse Geister: Widersinn der „Unnatur“

Der Generalnenner für das Böse, nämlich das Reich des Teufels, die Taten der Hexen oder die Einflüsterungen der bösen Geister, war die „Unnatur“, Übergriffe jener verfinsternden Mächte, die das „Licht der Natur“ verdunkelten oder gänzlich zum Verlöschen brachten. Man könnte auch in der Denkwelt der frühneuzeitlichen Naturphilosophie sagen: Alles, was den Menschen daran hinderte, Natura zu folgen, war böse. Dies galt für die Ärzte und Naturforscher ebenso, wie für alle anderen Berufsgruppen und betraf Gelehrte wie Laien. Die Polemiken eines Paracelsus hatten hierfür deftige Ausdrücke parat. So wurden insbesondere Krankheiten und Missbildungen als Folge eines widernatürlichen Lebens angesehen: Beispielsweise konnte der widernatürliche Geschlechtsverkehr wie die „Sodomie“ Monstren erzeugen. Freilich konnten Krankheiten und Gesundheitsstörungen auch Folge eines Schadenszaubers sein, der von außen verhängt wurde. Ein gängiges Musterbeispiel für die Wirkung von Hexerei war die Impotenz des Mannes, die im „Hexenhammer“ (siehe unten) dementsprechend interpretiert wurde. Er spiegelte nur das wider, was im Mittelalter  Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung ohnehin geglaubt haben. Eine quellenbasierte Studie mit Fallbeispielen zeigte die magische Erklärung der Impotenz über mehr als sechs Jahrhunderte hinweg.[1] Die Sünde gegenüber Gott zeigte sich vor allem als Verstoß gegen die Natur und ihre Gesetze. Dies ging nicht spurlos an den schuldig gewordenen Menschen vorbei: Sie wurden gezeichnet, erhielten sozusagen ein Brandzeichen (griech. stigma), wurden stigmatisiert. Die Stigmen des Bösen spielten eine wichtige Rolle in der Geschichte der medizinischen Semiotik: von der Physiognomik im 16. und 17. Jahrhunderts bis zur physischen Anthropologie im 19. und 20. Jahrhundert, von der psychiatrischen Kriminalanthropologie bis zu esoterischen Charakterlehren. Allen Doktrinen gemeinsam war die Auffassung, ein Verstoß gegen die an und für sich gesunde Natur werde mit Krankheit und Elend bestraft. Die Hexen als Medien des Teufels vergifteten demnach Leib und Seele des Menschen, böse Geister, wie sie beispielsweise aus einer schlimmen Gestirnskonstellation hervorgingen, führten den Menschen in die Irre. Wir wollen in diesem Kapitel nicht das unter dem Stichwort „Hexenforschung“ kulturhistorisch schon hinlänglich beackterte Feld der Hexenverfolgung betreten, sondern lediglich das ideologische Moment der „Unnatur“, der Gegenspielerin der Göttin Natura, ins Auge fassen.


[1] Rider, 2006.

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