38. Kap./2 * Minderwertigkeit der Frau

Die Verteufelung der Frau als einer moralisch minderwertigen Spezies von Mensch, die dem Mann gefährlich werden kann, ist von ihrer physiologischen Beurteilung als „schwächeres Geschlecht“ zu unterscheiden. In ersterem Falle kommt es zur Verachtung der Frau, in letzterem zu ihrer Respektierung. Manche Autoren waren zwischen beiden Positionen hin und her gerissen. Der römische Autor Publilius Syrus prägte im ersten vorchristlichen Jahrhundert das Sprichwort: „Amici vitia noveris non oderis“ (Die Fehler des Freundes solltest du kennen, nicht hassen). In einem gynäkophilen Traktat aus dem 16. Jahrhundert griff der Autor diesen Satz auf und wollte ihn vor allem auf den Ehestand beziehen. Dabei unterlief ihm ein desavouierender Fehler: Er übersetzte nämlich amicus aus dem lateinischen Sprichtwort mit „Feind“: „Deines Feindes [sic] fehle vnnd gebrechen soltu kennen / vnd nicht jn vmb der fehle willen hassen.“[1] Wenn dem Mann an der Frau etwas mangelhaft erscheine, solle er darauf achten, ob dies aus Gebrechen oder Bosheit herrühre. Untugenden und Sünden, von schwerem Fluchen bis zur Widerspenstigkeit („widerspennigkeit“), solle sich ein Mann keineswegs gefallen lassen. Der Topos vom schwachen Geschlecht wird metaphorisch ausgemalt. Paulus habe die Frau „des Mannes Leib“ genannt: „Also sol sich ein Christlicher Mann / auch gegen seiner Frawe schicken / vnnd dem Frawlichen / als einem schwachen Werckzeuge / seine Ehre geben.“[2]

Schon bald nach der oben ausführlich zitierten deutschen Übersetzung von Agrippas Traktat von 1720 erschien eine anonyme Erwiderungsschrift, die noch einmal die Argumente der traditionellen Misogynie unter dem polemischen Titel „Der gerettete Vorzug des Männlichen vor dem Weiblichen Geschlechte“ vortrug.[3] Unter dem Motto „Suum cuique“ warf der Autor Agrippa vor, er habe die gottgegebene Ordnung verkehrt, viel Streit verursacht und alte Vorurteile gegen das weibliche Geschlecht wieder aufleben lassen. Er drehte einfach den Spieß um und pries den Vorzug des männlichen vor dem weiblichen Geschlecht. Hatte bei Agrippa Maria gewissermaßen die Rolle als Ankerfrau übernommen, so wurde nun Adam, „erster und letzter Mensch“, zum Ankermann erklärt. Die allgemeine Priorität des Mannes und die moralische und physische Schwäche der Frau würde die Bibel beweisen: Adam sei vor Eva im Paradies erschaffen und diese um seinetwillen gemacht worden, das Weib habe die Übertretung eingeführt und überhaupt sei sie von schwächerer Natur. Damit war das Klischee bestätigt: Göttliche Priorität und Stärke des Mannes gegenüber Sündhaftigkeit und Schwäche der Frau. Wir werden bei Boccaccio sehen (siehe unten), dass sich Gynäkophilie und Misogynie nicht immer klar voneinander unterscheiden lassen und manche Autoren in einer Ambivalenz gegenüber den Frauen verharrten. Etwa drei Jahrzehnte vor dem Erscheinen von Agrippas Traktat, nämlich 1497, wurde die Schrift „De plurimis claris sesectisque mulieribus“ des Augustinermönchs Jacopo Filippo Foresti (da Bergamo) erstmals in Ferrara veröffentlicht. Der Autor übernahm zahlreiche Frauenbiographien von Boccaccio, vertrat aber im Unterschied zu diesem eine streng konservative Einstellung und kritisierte weit mehr als jener Frauen wegen ihres unstandesgemäßen bzw. unzüchtigen Lebens, indem er ihre negativen Zügen hervorkehrte und insbesondere ihre (vermeintlichen) sexuellen Perversionen besonders ausschmückte.[4] Das Buch war reich mit Holzschnitten illustriert, die in merkwürdigem Gegensatz zur Grundaussage des Autors standen: Die Frauen sahen keineswegs minderwertig aus, sie ähnelten vielmehr der Figur der Natura, worauf noch einmal zurückzukommen ist (Kap.40).

Die Doktrin von der Minderwertigkeit der Frau ist ein illustres Kapitel der Medizingeschichte. Sie wurde systematisch bereits in der antiken griechischen Medizin ausgearbeitet und wie oben dargelegt humoralpathologisch begründet. Hierbei ging es in erster Linie um die physiologische Schwäche. Im christlichen Kontext kam dann die moralische Schwäche hinzu: Die Frau als Verführerin des Mannes, als Verderben bringender Lockvogel, als Männer verschlingendes Ungeheuer. Die Geschichte der Hexenverfolgung, die nicht im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit ihren Höhepunkt erreichte, zeigt die Konsequenzen dieses religiös vergifteten Frauenbildes. In der Medizin des 19. und 20. Jahrhunderts, der Ära von Naturwissenschaften und Biologie, lassen sich analoge Prägungen des Frauenbildes ausfindig machen, insbesondere in der physischen Anthropologie und ihren physiologischen Schlussfolgerungen sowie in der Sozialmedizin und ihren sexualwissenschaftlichen Fragestellungen. Vor allem die Psychiatrie oder „Nervenheilkunde“ und ihre Grenzbereiche boten eine vorzügliche Gelegenheit, die spezifische Pathologie der Frau zu diskutieren, wobei die „Hysterie“ im Vordergrund stand. Die schweizerische Medizinhistorikerin Esther Fischer-Homberger hat schon vor der Ära der modischen gender studies die medizinhistorischen Hintergründe ausgeleuchtet, auf die hier nicht mehr im Einzelnen einzugehen ist.[5]

Die wissenschaftliche Misogynie bediente sich biologischer bzw. physiologischer Theorien, um die Minderwertigkeit der Frau zu beweisen. Besonders zu erwähnen ist hier der Leipziger Psychiater Paul Julius Möbius. Er veröffentlichte 1900 seine wirkmächtige Streitschrift  „Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes“.[6] Sie erlebte innerhalb von sechs Jahren acht Auflagen, ihr Umfang wuchs durch Anhänge von Kritiken und Zuschriften verschiedener Provenienz von 24 Seiten auf über 200 Seiten an.[7] Man kann dieses Pamphlet durchaus als einen Klassiker des Antifeminismus bezeichnen, der sich durch zwei Charakteristika auszeichnete: Einerseits griff Möbius auf die traditionellen Argumente der Misogynie zurück, die von einer konstitutionellen Schwäche der Frauen ausging (das „schwache Geschlecht“), andererseits wollte er die physiologische Minderleistung („Schwachsinn“) mit aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen der Neurowissenschaften bzw. der Hirnforschung objektiv beweisen. Bewusst sprach er von „Weib“ und „Weibern“, denn dem Manne stehe nun einmal das Weib gegenüber und nicht die „Frau“ als „ehrende Anrede“ für „Herrin, Domina, Dame“.[8] Beim Begriff „Schwachsinn“ ging es Möbius um den „Beweis der geistigen Inferiorität des Weibes“.[9] Diese wollte er durch eine analogisierende Betrachtung plausibel machen: Körperlich sei „das Weib ein Mittelding zwischen Kind und Mann und geistig ist sie es, wenigstens in vielen Hinsichten, auch. Im Einzelnen gibt es freilich Unterschiede. Beim Kinde ist der Kopf relativ grösser als beim Manne, beim Weibe ist der Kopf nicht nur absolut, sondern auch relativ kleiner. Ein kleiner Kopf umschliesst natürlich auch ein kleines Gehirn“.

In seiner evolutionsbiologischen Hierarchie stellte Möbius die Frau auf eine Stufe mit dem Kind und dem „Neger“. Was auf dieser Stufe normal sei, erscheine auf der nächst höheren, nämlich der Stufe des Erwachsenen, des Mannes bzw. des Europäers, als pathologisch. Es ging ihm hier um den Gruppenvergleich, der erst eine Einordnung der Individuen ermögliche. „Schwachsinn ist eine Relation und Schwachsinn schlechtweg kann nur bedeuten im Vergleiche mit Seinesgleichen.“[10]  Dies erläuterte er an folgendem Beispiel: „Ein Eskimo, der nicht bis Hundert zählen kann, ist als Eskimo nicht schwachsinnig, aber weil es so ist, ist der Eskimo als solcher schwachsinnig im Vergleiche mit dem Deutschen oder Franzosen.“ Die zeitgenössische Hirnanatomie schien den objektiven wissenschaftlichen Beweis zu liefern. Möbius berief sich auf den Münchner Anatomen Nikolaus Rüdinger, der bei „geistig niedrig stehenden Männern (z. B. einem Neger) […] den weiblichen ähnliche Verhältnisse des Scheitellappens“ gefunden habe, „während bei geistig hochstehenden Männern die mächtige Entwicklung des Scheitellappens ein ganz anderes Bild gewährte.“[11]  Besagter Rüdinger habe bei einer bayerischen Frau „geradezu von ‚thierähnlichem Typus’ gesprochen.“ Kurzum: Die Hirnausstattung der Frau (des „Weibes“) schien mit der eines „Negers“, tendenziell also eine Tieres, vergleichbar. Hier klingt auch die klassische Frage der physischen Anthropologen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert an, ob der „Neger“ mehr zum Tier- oder mehr dem Menschenreich gehöre.[12] Er schien eine Art Mittelwesen zwischen Tier und Mensch zu sein. Das wissenschaftliche Verdikt war damit klar ausgesprochen, „dass für das geistige Leben ausserordentlich wichtige Gehirntheile, die Windungen des Stirn- und des Schläfenlappens, beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne und dass dieser Unterschied schon bei der Geburt besteht.“

Die angebliche Tierähnlichkeit der Frau wurde von Möbius keineswegs nur als Defizit, sondern auch als Vorzug angesehen. Ihre Instinkthaftigkeit sei Schwäche und Stärke zugleich. Er definierte die unbewusste Tätigkeit als „Instinkt“, wenn nämlich „eine zweckmäßige Handlung ausgeführt wird, ohne dass der Handelnde weiss, warum.“[13] Der Instinkt mache nun das Weib „thierähnlich, unselbständig, sicher und heiter. In ihm ruht ihre eigenthümliche Kraft, er macht sie bewundernswerth und anziehend. Mit dieser Thierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigenthümlichkeiten zusammen.“[14] Drei Jahrhunderte vor Möbius hatte auch Della Porta in seiner „Physiognomia“ die Frau mit einem Tier (Panter) verglichen (Kap. 33). Abgesehen davon, dass er die äußere Gestalt und nicht das Gehirn als Kriterium ansah, gibt es doch einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden Autoren: Auch die Gestalt des Mannes wurde von Della Porta mit einem Tier (Löwe) verglichen und der physiognomisch diagnostizierbare Schwachsinn wurde beiden Geschlechtern gleichermaßen zugeschrieben. In seinem „Vorwort“ stellte Möbius seine fragwürdige empathische Fähigkeit voller Sarkasmus zur Schau, gleichsam in Form eines persönlichen Intelligenztests. Herablassend meinte er: „Ist man über die Befähigung einer Frau nicht im Klaren, so lässt man sie den ‚Schwachsinn’ [Möbius’ eigene Schrift] lesen. Wenn sie dann meint, eigentlich habe der Verfasser so Unrecht nicht, so schliesse man sie in die Arme, denn sie ist eine ausgezeichnete Frau. Die Probe hat sich schon recht oft bewährt.“[15] Für ihn galt die Verteilung der Geschlechterrolle in der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere der „wahre“ Beruf der Frau,  als ewig gültiges Gesetz: „Die wahre Mutterschaft und die Berufserfüllung im Sinne des Mannes werden immer unverträglich sein und auch in der fernsten Zukunft soll die Mutterschaft des Weibes Hauptberuf, sein etwaiger ‚Beruf’ Nebenamt sein.“[16]

Was Möbius auf weniger als dreißig Seiten über das „Weib“ aussagt, stellt eine einzigartige Blütensammlung von gängigen Klischees, Allgemeinplätzen und Werturteilen dar, die in dieser geballten Konzentration den Zweck erfüllen sollte, das zeitgenössische Publikum zu warnen und aufzurütteln. Ihm ging es um nichts Geringeres als den Fortbestand der Menschheit, der durch die „Civilisation“ bedroht war. Denn diese fördere einseitig die „Gehirnthätigkeit“, die im Gegensatz zur „Fortplanzung“ stehe.[17] „Beide Functionen sind eng verknüpft, aber je mehr die eine das Uebergewicht erhält, umso mehr leidet die andere. Die Gehirnmenschen sind nervös und ihre Nachkommenschaft ist erst recht nervös.“ Zur selben Zeit bemerkte der katholische Pfarrer und Schriftsteller Heinrich Hansjakob, der sich aus physiologischen Gründen vehement gegen die Frauenbildung im „Weibergymnasium“ aussprach, ganz in diesem Sinne: „Solche Gehirndamen können höchstens Mütter von Kaninchen und Hühnern in Menschengestalt sein und werden.“[18]

Für den Psychiater Möbius waren die Folgen solcher Zivilisationsschäden klar: die „Entartung“, nämlich die Vermischung der Geschlechtscharaktere, „weibische Männer und männliche Weiber“.[19] Konsequenterweise war ihm die Frauenbewegung ein Dorn im Auge und so richtete sich sein Kampf insbesondere gegen die „Damen der Emancipation“ und die „widernatürlichen Bestrebungen der ‚Feministen’“.[20] Auf die einzelnen recht markanten und süffisanten Kennzeichnungen des „Weibes“, ein Sammelsurium der gängigen Vorurteile, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Bewertungsgrundlage war ein emphatischer Naturbegriff, wie er im biologistischen bzw. naturalistischen Menschenbild der zeitgenössischen Medizin vorherrschte. Die „Natur“ erschien als oberste Instanz. „Mütterliche Liebe und Treue will die Natur vom Weibe.“[21] Männliche Eigenschaften wie Kraft und Drang ins Weite, Phantasie und Verlangen nach Erkenntnis würden das Weib an „ihrem Mutterberufe hindern, also gab sie die Natur nur in kleinen Dosen.“ So habe die „ewige Weisheit nicht neben den Mann noch einen Mann mit einem Uterus“ gestellt. Der „weibliche Schwachsinn“ sei eben nicht nur „physiologisches Factum, sondern auch ein physiologisches Postulat.“ Diese naturalistische Argumentation gipfelte in der Aussage: „Die Natur ist eine strenge Frau und bedroht die Verletzung ihrer Vorschrift mit harten Strafen.“[22]


[1] Freder, 1569, S. LIIII. [2] A. a. O., S. LIIII [r]. [3] Anonymus, 1721. [4] Kolsky, 2005, S. 117-121. [5] Fischer-Homberger, 1979. [6] Möbius, 1900. [7] Kindt, 1994, S. 65. [8]Möbius,  1900, S. 3. [9] A. a. O., S. 6. [10] A. a. O., S. 5. [11] A. a. O., S. 7. [12] Schott, 2004. [13] Möbius, 1900, S. 8. [14] A. a. O., S. 9. [15] Möbius, 1902, S. 3. [16] A. a. O., S. 10. [17] A. a. O., S. 17. [18] Zit. n. Kindt, 1994, S. 67. [19] Möbius, 1902, S. 18. [20] A. a. O., S. 17. [21] A. a. O., S. 15. [22] A. a. O., S. 17.

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