37. Kap./3 * Maleficium, teuflische Magie

Die historiographische Auseinandersetzung mit der Hexenverfolgung hat eine lange Geschichte.[1] Aber erst seit dem späten 20. Jahrhundert etablierte sich die „Hexenforschung“ explizit als Spezialgebiet der Geschichtswissenschaft. Sie korrigierte mit ihren systematischen Untersuchungen, insbesondere durch vergleichende Mikrostudien, viele unhaltbare Legenden und schärfte den Blick für die Komplexität der abendländischen Hexenverfolgung in ausgehendem Mittelalter und früher Neuzeit. Der US-amerikanische Historiker Eric Midelfort trug wesentlich zu einer differenzierteren Betrachtung der gesamten Problematik bei.[2] Ihm wurde ein großes Sammelwerk des „Arbeitskreises interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH)“ gewidmet, das mustergültig den gegenwärtigen Stand der Forschung repräsentiert.[3] Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Hexenprozesse ein spezifisches Phänomen der frühen Neuzeit waren, dass ein solcher Prozess „ein rechtlich abgesicherter und quasi vernunftvoller“ war, [4] und dass die Hexenjagd „weder einen Massenmord noch eine Lynchjustiz“ darstellte. Im späten Mittelalter bildete sich die Hexerei als neues Strafdelikt (crimen magiae) heraus, in deren Zauberpraktiken sich aus Sicht der Kirche heidnischer Aberglauben (superstitiones) bzw. Ketzerei manifestierte. So wurde das Zauberdelikt mit dem der Ketzerei verschmolzen.[5] Dabei gerieten gerade in der ersten Zeit der Hexenverfolgung keineswegs nur Frauen ins Visier der Verfolger, was nicht gerade auf eine „immerwährende, beständige Frauenfeindlichkeit“ schließen lasse.[6] Der berüchtige „Hexenhammer“ (siehe unten) wollte zeigen, dass „die weltlichen Gerichte zur Führung von Hexenprozessen ebenso berechtigt seien wie die kirchlichen Instanzen.“[7] So wurde schließlich nördlich der Alpen ab dem frühen 16. Jahrhundert der Mehrheit der Menschen, die wegen Hexerei verurteilt wurden, vor weltlichen Gerichten der Prozess gemacht.[8] Im Bereich der griechischen und russischen Orthodoxie gab es nur vereinzelt Hexenprozesse, so dass diese „fast ausschließlich ein Phänomen des Westens“ waren.[9]

So aufschlussreich solche sozialhistorischen Studien zur Hexenverfolgung in rechts- und kirchgeschichtlicher Perspektive sein mögen, so wenig können sie zur Aufklärung der unterstellten oder real durchgeführten magischen Techniken selbst, ihrer Bedeutung für die praktische Medizin und die medizinische Anthropologie beitragen. Im Grunde brachte die inkriminierte Hexerei vor dem Hintergrund der zulässigen magischen Künste keine völlig andersartigen Phänomene als diese hervor. Der Unterschied lag einzig und allein in der moralischen Bewertung: Die magischen Künste wurden im Einklang mit Gott bzw. der Natur vollzogen und galten insofern als gut; die Hexenkünste dagegen standen im Dienste des Teufels und unter dem Vorzeichen der „Unnatur“ und galten insofern als böse. Gerade weil  so genannte magische und dämonische Effekte als solche einander ähnelten (beipielsweise die gezielte Fernwirkung mit bestimmten Mitteln), konnten Anhänger der natürlichen Magie leicht in Verdacht geraten, Schwarzmagier oder Hexer zu sein und mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Die Auseinandersetzung Johan Baptista van Helmonts mit den Jesuiten im frühen 17. Jahrhundert ist hierfür ein markantes Beispiel (Kap. 30). Die Fokussierung der Hexenforschung auf das Zauberdelikt (crimen magiae) und die gleichzeitige Ausblendung der „magischen Künste“ (artes magicae) vernachlässigte medizin- und wissenschaftshistorische Korrespondenzen. Denn Hexerei und „wissenschaftliche Magie“, etwa in alchemistischer oder kabbalistischer Form, spielten sich nicht in getrennten Welten ab, sondern entsprangen demselben kulturellen Boden oder Klima und wurden vom selben „Zeitgeist“ geprägt. Im Folgenden wollen wir uns dem „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum), dem Hauptwerk der Hexenverfolgung, zuwenden und ihn mit unserem Thema „Magie der Natur“ in Beziehung setzen.

Die Hexen repräsentierten die Unnatur, Widernatur, Gegennatur, die angeblich Unglück brachte, krank machte und Leben zerstörte. Dies konnte auf verschiedene Weise geschehen. Der direkte Weg war die Traumatisierung des Körpers durch eingeschossene Pfeile. Paradigmatisch war hierfür der buchstäbliche „Hexenschuss“, wie folgendes Beispiel illustriert. Der Konstanzer Jurist und Hexentheoretiker Ulrich Molitor (Molitoris) veröffentlichte 1489 erstmals sein Hexenbüchlein „De laniis et phitonicis mulieribus“ („Von den unholden oder hexen“), das zahlreiche Hexenprozesse in Konstanz verarbeitete und große Popularität erlangte.[10] Eindrucksvoll ist die Darstellung des Hexenschusses: Eine Frau mit Bogen und einem Pfeil, der büschelförmig auseinandergeht und an einen „Schrotschuss“ erinnert, zielt auf den entblößten Fuß eines Mannes, der vor Schmerz das Bein anzieht. (Abb. [i]) Dieser Holzschnitt kommt in verschiedenen Varianten vor. Auf einer wirft der getroffene Mann die Arme in die Luft und versucht wegzulaufen – eine nachvollziehbare Symptomatik eines Schmerzanfalls, der medizinisch verschieden gedeutet werden kann. (Abb. [ii]) Die Abbildungen verweisen eher auf einen Gichtschmerz als auf eine Ischialgie, die in einer Legende behauptet wird.

Als Gegenbild der Natura konnte aber auch die verblendende, vergiftende Hexe in Gestalt der Venus auftreten. Albrecht Dürer zeichnete im Bildholzschnitt „Von Buhlschaft“, der das 13. Kapitel von Sebastian  Brants „Narrenschiff“ (Basel 1497) illustriert, die geflügelte Venus zusammen mit Amor, ihrem Sohn, der mit Pfeil und Bogen und mit verbundenen Augen vor ihr herläuft. (Abb. [iii]) Venus hält drei Narren an ihrer Leine, hinter ihr erscheint mit drohender Pose der Tod als Gerippe. Venus ist gewissermaßen die Gegenfigur zu Maria. Im Gegensatz zu dieser geht sie mit dem Tod einher und hat einen schlimmen Sohn. Sebastian Brant lässt sie sagen:

Und wer einmal von mir wird wund,

Den macht kein kräftig Kraut gesund.

Ich habe einen Sohn, der blind:

Kein Buhler sieht, was er beginnt“.[11]

Der schweizerische refomierte Theologe Bartholomaeus Anhorn von Hartwiss warnte in seiner „Magiologia“ vor Aberglauben und Zauberei.[12] Seine „christliche Warnung“ basierte auf dem fundamentalen Gegensatz zwischen Heiden und Christen. Nach der Dichtung der „Alten Heiden“ habe nur Herkules die „lerneische Wasser-schlang“ (Lernäische Hydra) überwinden können, indem er ihr die Köpfe abgeschlagen und die Halsstümpfe ausgebrannt habe, damit keine neuen nachwachsen konnten. „Wir Christen haben weit einen gewisseren / sichereren und besseren Herculem, nemlich JEsum Christum / den Helden von zweyen Naturen / welcher die höllische Schlang / die uns mit ihrem Gifft ansteket / überwunden / derselben den Kopf zertretten / und unsere Sünden-wunden geheylet hat.“[13] Das Frontispiz stellt auf einer Tafel „Aberglaub und Zauberey“ acht Typen von zauberischen Akteuren vor: „Vogel Prophet“, „Sternguker“, „Beschwerer“, Warsager“, „Unholdin“, „Allraun“, Christallseher“ und „Zaubermeister“. (Abb. [iv]) Die einzige weibliche Gestalt ist auffälligerweise die „Unholdin“, ein Hexe. (Abb. [v]) Sie reitet auf einem Geißbock und hat eine zweizackige Gabel als Kennzeichen des Teufels geschultert.

Die Hexenverfolgung war keineswegs nur eine Spezialität der römisch-katholischen Kirche im Geiste der Inquisition, die überwiegend vom Orden der Dominikaner betrieben wurde. Sie fand auch im protestantischen Lager statt und wurde hier dogmatisch begründet. Dies zeigt sehr eindrücklich das Beispiel des Reformators Martin Luther, wie der evangelische Kirchenhistoriker Jörg Haustein in seiner Dissertation im Einzelnen dargelegt hat. Luther habe „für die Hexen und Zauberer grundsätzlich die Todesstrafe“ gefordert – unter der Voraussetzung, dass die Hexen „prinzipiell schädigungswillig“ seien und der Abfall von Gott von der Obrigkeit bestraft werden musste.[14] Luther kriminalisierte aber auch die weiße Magie und Superstition, was, wie Haustein vermutete, „den Kreis der potentiellen Angeklagten enorm erhöhte: superstitiös war jeder“.[15] Kriterium des Aberglaubens (superstitio), so Haustein, war die Missachtung von Gottes Willen, „wie er sich in der Heiligen Schrift offenbart, ein Kriterium, das reformatorischer kaum sein kann. […] Nun gilt, daß bewußtes Handeln gegen Gottes Wille Zauberei ist.“ Ebenso waren aber auch der Gegenzauber und die weiße Magie verpönt.[16] Luther unterstellte gerade den Frauen Zuneigung zum Aberglauben und zum Umgang mit dem Teufel: „Gemeyniglich ist das der weyber / natur, das sie sich fur allem ding schewen und furchten, darumb sie so viel / zewberey und aberglawben treyben, die die eyne die ander leret, das nicht zu / zelen ist“.[17] Luther habe ein „Janusgesicht“ in der Hexenfrage gezeigt, so Haustein. Er konnte einerseits im konkreten Fall „Gnade vor Recht ergehen lassen […] und gleichzeitig strengste Strafen für Quisquilien fordern.“[18]


[1] Behringer, 2004. [2] Midelfort, 2004. [3] S. Lorenz / J. M. Schmidt (Hg.), 2004. [4] Midelfort, 2004, S. 105 f. [5] A. a. O., S. 106 f. [6] A. a. O., S. 108. [7] A. a. O., S. 110. [8] A. a. O., S. 111. [9] A. a. O., S. 113. [10] Molitor, 1489. [11]http://www.zeno.org/Literatur/M/Brant,+Sebastian/Satire/Das+Narrenschiff+%28Ausgabe+1877%29/13.+Von+Buhlschaft (19.06.2011) [12] Anhorn von Hartwiss, 1674. [13] Ebd., S. 2 f. [14] Haustein, 1990, S. 128. [15] A. a. O., S. 174. [16] A. a. O., S. 173. [17] Zit. a. a. O., S. 178 [Weimarer Ausgabe 12, 345. 16-18]. [18] A. a. O., S. 182.


[i] Haustein, 1990, S. 186; Molitor, 1489, S. 4v; http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=inkunabeln/179-2-quod-2 (14.06.2012); → Abb. Molitor Hexenschuss Reutlingen 1489 [ii] → Abb. Molitor Hexenschuss Variante [iii] Dürer, 2000, S. 26; Bildholzschnit aus S. Brant, Narrenschiff, Basel 1497; http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n013.html /15.07.2012); → Abb. Dürer von Buhlschaft [iv] Anhorn, 1674: Tafel; http://www.gbv.de/du/services/gLink/vd17/3:600284P_001,800,600 (15.07.2012); → Abb. Anhorn 1674 Tafel [v] Anhorn, 1674: Tafel: Ausschnitt: http://www.gbv.de/du/services/gLink /vd17/3:600284P_001,800,600 (15.07.2012); → Abb. Anhorn 1674 Unholdin