37. Kap./4 * Dämonologie in der Medizin

In Renaissance und früher Neuzeit hatten Alchemie, Astrologie und natürliche Magie im Diskurs der gelehrten Medizin Konjunktur. Wir wollen uns noch einmal Paracelsus zuwenden, der das dämonologische Denken vom Gebiet der Religion auf das Feld der Naturforschung übertrug – oder anders gesagt: keine Grenzlinie zwischen beiden Territorien zog – und damit die Grundlage für den sogenannten ontologischen Krankheitsbegriff legte. Jede Krankheit hatte demnach in einem spezifischen Krankheitssamen seinen Ursprung, von dem aus die Krankheit sich wie ein eigener Organismus, ein Parasit, entfaltete. Es ist bemerkenswert, dass zwischen religiösen und dämonologischen Vorstellungen einerseits und empirisch-rationalen Theorien der Medizin andererseits kein klarer Trennungsstrich gezogen wurde. Paracelsus hatte nicht den geringsten Zweifel an der Realität des Teufels. Der Aberglaube erschien ihm deshalb so gefährlich, weil er den Menschen einem teuflischen Einfluss aussetzte. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum von Wissenschaftshistorikern, dass die „natürliche Magie“ (magia naturalis) die Dämonologie abgelöst, entmystifiziert, in Naturphilosophie aufgelöst habe. Gerade dort, wo Paracelsus auf Hexen und Besessene einging, zeigte sich seine geistige Verankerung in der volkstümlichen, kirchlich kultivierten Dämonologie. Seine Ausführungen in dem einschlägigen Text „De sagis et earum operibus, fragmentum“ lesen sich buchstäblich wie Kommentare zum „Hexenhammer“.[1] Die „unholdischen Aszendenten“ als „aufsteigend zeichen der bosheit“ übernähmen die Rolle des Teufels, sie prädisponierten das Kind bei der Geburt zur Hexe: „Also wachsen auch die hexen in der geburt, so der geist, der hexenvater und mutter nit ausgetriben wird, so wurzlet es in der hexen so lang, bis er sie underricht.“[2] Die „erbare erzihung“ des Kindes bedeutete für ihn nichts anderes, als die stetige Austreibung dieser bösen Geister, analog dem Reinigungsprozess der alchimistischen Scheidekunst.

In der Schrift De daemoniacis et obsessis griff Paracelsus auf das traditionelle Konzept der Teufelsbesessenheit zurück. [3] Er definierte den Teufel als Krankheitskeim und stellte die Frage, „wie in den menschen wachsen die teufel“:  Wie kommt der Teufel in den Körper? Er komme hinein wie andere leibliche Dinge, nur ohne Verletzung der Haut. Der „ingriff“ von „geisten“ könne nämlich folgendermaßen geschehen: „zugleicher weis wie ein man mag ein stein in sein hant nehmen und mit dem selbigen greifen in ein wasser, und den stein lassen ligen, die hant wider heraus ziehen […] und das loch, das die hant gemacht hat, gehet zu, also niemant sicht, wo man hinein griffen hat. […] also komen die menschen durch angriff, das ingriff sind, die ding so aus inen schweren und gefunden werden.[4] Wir haben es hier also buchstäblich mit einem Ein-Griff zu tun, der unmittelbar krankmacht. Es erinnert an ein seinerzeit viel diskutiertes Hexenwerk, wenn Paracelsus damit auch erklären wollte, wie ein „unholder“ Aszendent Männer impotent machen kann. Er tue einen „Griff“ in den Körper, „der erlembt die nieren, zugleicher weis wie also ein fischer in ein wasser griff und zertruckte mit seim greifen einen fisch, das er stürb und verdürb.“[5]

Nicht nur die Besessenheit, sondern auch der Aussatz war in den Augen von Paracelsus ein geistliches, d. h. teuflisches Leiden, wogegen nur die „Arznei von Christus“ helfe. Folgerichtig empfahl Paracelsus die religiöse Teufelsaustreibung nach christlichem Vorbild bei solchen Erkrankungen. Drei Methoden seien wirksam, die übrigens auch der „Hexenhammer“ anführte: Exorzismus, Beten und Fasten.[6] Im Unterschied jedoch zur religiösen Heilkunde im klerikalen Raum spielten Besessenheit und Exorzismus im Paracelsischen Werk nur eine marginale Rolle. Im Zentrum seiner Arbeit stand seine kritische Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Humoralpathologie im Sinne von Galenismus und Arabismus, die er mit astrologischen und magischen Ansätzen konfrontierte. Allerdings war die religiöse Dimension im paracelsischen Denken allgegenwärtig und die Frage des „rechten Glaubens“ bzw. des „Aberglaubens“ erschienen für den Arzt und seine Heilwirkung von größter Bedeutung. In der Volksfrömmigkeit gehörten Besessenheit und Exorzismus zum Alltagsleben. Eine Votivtafel aus Österreich zeigt das Ausfahren der Dämonen aus dem Mund eines  Mädchens, das die Himmelskönigin Maria und ihren Sohn anruft. (Abb. [i]) Man kann die Szene als Selbstexorzismus interpretieren, da die junge Frau offensichtlich ohne einen (sichtbaren) ärztlichen oder geistlichen Exorzisten auskommt.

Freilich lebte der alte Geister- und Teufelsglaube in der Neuzeit weiter und wurde selbst von gelehrten Kritikern der Dämonologie nicht gänzlich verworfen. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein blieben Hexerei und Schadenszauber ein verbreiteter Diskussionsgegenstand. So wurde noch im frühen 18. Jahrhundert die paracelsische Lehre von den „Elementargeistern“ weiter tradiert, etwa die Vorstellung von den „Bergmännlein“. In einem „curiösen Tractat“, der 1702 erschien, heißt es, sie seien „böse Engel / welche in angenommenen Leibern und sonderlich Bergmannsgestalt / durch Göttliche Zulassung in denen Schächten der Leute zu äffen / erscheinen […] man nennet sie Berg-Gespenster / Erd-Männergen / Zwerglein / Erd-Kobold / die Griechen nennen sie Erd-Teuffel / die sich unter der Erden aufhalten die Teutschen aber / die Wichtelein / Bergmännlein / Schrötlein“.[7] In der Literatur des Okkultismus und der Kabbala wurde die paracelsische Lehre von den Elementargeistern jedoch positiv aufgegriffen und als zukünftiger Stoff für Dichter avisiert, wie der anonyme Übersetzer der legendären Schrift „Comte de Gabalis“ in seiner Vorrede erklärte. Die „elementarischen Geister“ würden sich als „neue Mythologie“ bestens für den Dichter eignen, diese „Geisterlehre […] scheint für ihn gemacht.“[8] Der Autor dieser denkwürdigen Schrift sie ihm nur deshalb willkommen, „weil er die Elementengeister ganz anders, als die übrigen, die derselben gedenken, und zwar gerade auf der guten Seite vorstellet, wie sie dem Dichter am bequemsten sind.“[9] In diesem Sinne erlebten die „Elementargeister“ schließlich in der Romantik eine poetische Renaissance.

Anmerkung vom 20.07.2016

Kürzlich stieß ich auf die Graphik „Erdgeister“ von Moritz von Schwind, Näheres siehe mein Supplementary Blog

Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzten sich die aufgeklärten Köpfe durch: Hexereien hätten natürliche Ursachen, der Teufelsglaube sei abzulehnen, ebenso die eingebildete Geisterseherei, die alle dem schillernden Begriff „Aberglauben“ zugeordnet wurden.[10] Teufel und Gespenster seien letztlich nur Einbildungen. Am Anfang dieser Aufklärungstradition stand der Hallenser Philosoph Christian Thomasius − sehen wir einmal von den früheren Kämpfern gegen die Hexenverfolgung wie Johannes Weier ab. In der deutschen Übersetzung seiner Dissertation über das „Laster der Zauberey“ von 1701 präsentierte Thomasius ein bezeichnendes Frontispiz: Es zeigt im Vordergrund ein Hexenhaus von dem die Hexen durch den Schornstein auf ihren Besen ausfahren, um durch die Lüfte zum Blocksbergauf („Zauber-Berg“) im Hintergrund zu fliegen. (Abb. [ii]) Die Legende lautet:

„Mein Leser! Willst du noch den Zauber-Berg verneinen ?

Es stellt dies Blat dir solchen deutlich für /

Du siehst der Hexen-Chor auff selbigem erscheinen.

Wiewohl ich irre mich: Er steht nur auff Pappier.

Die Illustration stellte eine unmissverständliche Karikatur des Hexenwahns dar. Dass der „Zauber-Berg“ nur auf dem Papier stehe, wurde durch den Fettdruck des letzten Satzes der Legende bessonders hervorgehoben. Thomasius verurteilte die üblichen Foltermaßnahmmen: „ich fürchte / wenn man mich und dich marterte / wir würden alles aussagen / was man von uns begehrte / und wenn man uns weiter wegen der Umstände marterte / würden wir auch Umstände / und zwar solche darzu lügen / die wir wüsten / daß sie der Richter gerne hörete / und durch deren Aussage wir am ersten von der Marter abkämen; Mit einem Wort: Ich halte dafür / daß die Hexen-Proceße gar nicht taugen / und das der NB. gehörnete Teuffel mit der Pech-kelle und sein Mutter darzu ein purum inventum der  Päbstischen Pfaffen sey, derer gröstes arcanum ist / die Leute mit NB. solchen Teuffeln fürchten zu machen“.[11] Somit seien ökonomische Interessen der Behörden wie das Erpressen von Spenden maßgebend. Seine Kampfschrift beschloss Thomasius mit einem prägnannten Aphorismus über den Teufel, der nun einmal kein „Eckstein des christlichen Glaubens“ sei: „Dahmals hiesse es: Wer Christum läugnet / der läugnet GOtt. Heute heißt es: Wer den gehörneten und gemahlten Teuffel läugnet / der läugnet GOtt.“[12]

Ahnlich hatte sich bereits der Alchemist Johann Joachim Becher in seiner „Psychosophia“ von 1678 geäußert, deren zweite Auflage 1705 erschien, ein Jahr vor der soeben zitierten Ausgabe der Dissertation von Thomasius. Darin stellte sich Becher gegen den Hexenglauben und behauptete, der Teufel könne nichts gegen Lauf der Natur ausrichten, selbst wenn Zauberer oder Hexen entsprechende Geständnisse ablegen würden: „und wann gleich die Zauberer selbsten gestehen / daß sie dergleichen Sachen [ u. a. durch eine Mauer gehen] gethan haben / so ists doch nur eine Phantasey / oder vielmehr Krankheit und Verwirrung des Gehirns / oder eine Verblendung / dann die armen leute bleiben an dem Ort / so sie seyn / fallen in einen Traum / und wann sie erwachen / erzelen sie wunderliche Sachen“.[13] Übernatürliche Zauberkünste wurden somit „medikalisiert“, um es modern auszudrücken, nämlich als Krankheit, genauer: als Geisteskrankheit interpetiert. Die Phänomene der Hexerei konnten so  als subjektive, innerpsychische Prozesse aufgefasst werden, denen keine äußere Realität entsprach. Nichts anderes besagt die klassische Projektionstheorie der Psychiater, womit seit dem 19. Jahrhundert im Allgemeinen Halluzinationen und Wahnvorstellungen erklärt werden.

Was Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Schlüsselbegriff der Suggestion erklärt werden konnte, ließ sich Ende des 18. Jahrhunderts mit der „Einbildung“ bewerkstelligen: Alle Geistererscheinungen, alles Hexenwerk, alle psychischen Verirrungen und Geisteszerrüttungen, die bisher dämonologisch erklärt worden waren, wurden nun psychologisch entzaubert. So heißt es in einer Aufklärungsschrift „Dämonologie, oder Systematische Abhandlung von der Natur und Macht des Teufels“: „Die Furcht erwecket nur unsere Seelenkraft zu erdichten, daß sie zu diesem Bilde noch schrecklichere Sachen hinzudichtet und solche vergrößert. […] Ist man einmal dieser Wohltat [der Aufklärung] theilhaftig geworden, so wird man alle die Räthseln von Hexen und Gespenstern, von Geistern und Vampyren, u. s. w. aufgelöst finden […]. Auf dieser Weise werden die Geister und Gespenster sammt den Truten und Hexen gewiß entweder gar verschwinden, oder doch unendlich vermindert werden.“[14]


[1] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 5–27. [2] Ebd., S. 9. [3] A. a. O., S. 29–43. [4] A. a. O., S. 21. [5] A. a. O., S. 21 f. [6] A. a. O., S. 38 f. [7]Rumpel, 1702, S. 8 (§§ 7 u. 8); http://www.zeno.org/nid/2000555442X (22.02.2012); Schott / Tölle, 2006, S. 27. [8] Montfaucon de Villars, 1764, S. A2 f. [Vorrede]. [9] A. a. O., S. A4[v] [Vorrede]. [10] N. Freytag, 1996, S. 105. [11] Thomasius, 1703, S. 96. [12] A. a. O., S. 97. [13] Becher, 1705, S. 300. [14] Einzinger, 1775, S. 59 f.


[i] Daxelmüller, 2009, S. 287; → Abb. Votivtafel Dämonenaustreibung [ii] Thomasius, 1706: Frontispiz; → Abb. Thomasius Hexen-Karikatur

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