38. Kap./1 * Vorrang des weiblichen Geschlechts

Anmerkung vom 2. August 2015

Ein Hinweis auf den gerade auf Englisch erschienenen Artikel “On the Imagery of Nature in the Late Medieval and Early Modern Periods”, der sich u. a. auch auf diesen Unterabschnitte (38. Kap./1 *) bezieht, findet sich in meinem Supplementary News Blog.

Die vielleicht prominenteste frauenfreundliche Schrift verfasste der Arzt und Naturphilosoph Agrippa von Nettesheim (siehe unten). Doch bereits zwei Jahrhunderte früher waren entsprechende Töne zu vernehmen, wenngleich auch leiser und weniger eindeutig als bei Agrippa. So verfasste der Dichter Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob, um 1300 ein Lexikon der „gelehrten Weiber“, das mehr als 200 Personen aufführte und 1531 gedruckt wurde.[1] Für ihn war augescheinlich, „dass die Weibspersonen eben so wol / und offtmals viel subtilere ingenia, als die Manspersonen haben“ und bei enstprechender Ausbildung könne „manches Weibsbildt wol so gelehrt / als manche Mansperson“ werden.[2] Zwar sprach Frauenlob nicht explizit von der Göttin Natura, aber er erwähnte dafür Minerva, die er in der Rolle der weisen Frau sah: „Diese ist ein solches hochgelehrtes Weib gewesen / dass die Heyden sie gar zu einer Göttin gemacht und verehret haben / ihrer Geschicklichkeit unnd grossen Wissenschaft wegen in den Künsten / die sie auch zuerst soll erfunden haben.“[3] Maria fehlte in dieser Aufzählung von Frauenlob. Dies ist nicht verwunderlich, da er sie als einzigartige Himmelskönigin und Muttergottes zu seiner Zeit nicht im selben Atemzug wie andere Frauengestalten, selbst wenn sie göttlichen Rang einnahmen, nennen konnte. Er zog das eindeutige Fazit, „dass nicht weniger Weibspersonen Ingenia haben / dann die Männer / wann sie nur excoliret, und zu den Studia unnd Lernung guter Künste gehalten werden / dieweil man sihet / dass sie mit Scharffsinnigkeit offt die Mannspersonen ubertreffen.“[4] Dieses Plädoyer für die Bildung der Frau, die (mindestens) ebenso begabt sei wie der Mann, klingt modern. Als mittelalterliches Zeugnis konnte es sich wohl kaum auf die politische Idee der Menschenrechte und der Gleichberechtigung der Geschlechter berufen, vielmehr speiste es sich aus einer innigen Marienverehrung, die einer allgemeinen Frauenverehrung Bahn brach, wie sie die Minnesänger pflegten.

Agrippas Schrift „Declamatio de nobilitate et praecellentia foeminei sexus“ erschien 1529 im Druck.[5] Sie wird im Unterschied zu seinen Hauptwerken „De occulta philosophia“ und „De incertiducine et vanitate scientiarum et artium“ von der gegenwärtigen  Wissenschaftshistoriographie ignoriert und in Übersichtswerken und Spezialstudien nicht erwähnt.[6] Ihr programmatischer Titel verweist auf sein Anliegen: Der „Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechtes“ sollte dargelegt werden. Der höhere Rang gegenüber dem Mann ergab sich aus einer Kaskade von Argumenten, die Agrippa vor allem von Naturphilosophie und Theologie ableitete. Die deutsche Übersetzung einer französischen Übersetzung aus dem Latein von 1720 belegt die nachhaltige Rezeption von Agrippas Schrift. Diese Ausgabe habe ich den folgenden Ausführungen zugrunde gelegt.[7] Zu Beginn stellte Agrippa fest, dass die Frau von Gott ebenso viel Verstand erhalten habe wie der Mann, so dass „in Betrachtung der Seelen und des Verstandes“ kein Geschlecht einen Vorzug vor dem anderen habe.[8] Beide Geschlechter hätten „von Natur gleiche Freyheit“, was aber „die anderen Sachen“ anlange, gehe das weibliche Geschlecht dem männlichen weit voran!

Da ist zunächst das etymologische Argument: „Eva“ bedeute „Leben“ gegenüber „Adam“, dessen Name von „Erde“ abzuleiten sei. Außerdem habe Evas Namen mehr Verwandtschaft mit dem Tetragramm JHWH (Jehova) als der von Adam. Aber auch die Reihenfolge der Schöpfung, wie sie die Genesis schildert, spreche für die Frau: Sie wurde als letztes Geschöpf von Gott erschaffen und sei deshalb am vollkommensten.[9] Aber auch hinsichtlich der Materie, aus der sie geschaffen wurde, unterscheide sie sich von Adam. Diese sei „nicht ein wenig lebloß Leimen oder Koth gewesen“ wie bei Adam, „sondern eine gereinigt, lebhaffte, und mit einer vernünftigen Seele begabte Materie, so des Geistes Gottes theilhafftig war.“[10] Mit dieser Vorstellung stellte Agrippa die traditionelle Geschlechterdifferenz auf den Kopf, wonach der Mann dem geistigen Prinzip und göttlichen Licht näher stand als die Frau. Er ging aber noch weiter und behauptete, der Mann sei aus einem Erdenkloß durch himmlische Einflüsse bereitet, also ein Werk der Natur − „aber das Weib ist von Gott allein geschaffen ohne Hülffe der Gestirn“ und könne deshalb „geschickter“ als der Mann die göttlichen Geheimnisse verstehen.[11] Was war das Motiv für dieses Argument? Die nächstliegende Erklärung ergibt sich aus der zeitgenössischen Personifikation der Natura als weibliche Gestalt mit ihren (positiv verstandenen) geschlechtsspezifischen, göttlichen Attributen, insbesondere als weise Frau und nährende Mutter. Insofern stellte Agrippas Traktat ein Stück angewandte Naturphilosophie dar.

Die weiteren Argumente ergaben sich aus der kosmologischen Stellung der Natura als Mittlerin zwischen Mensch und Gott. Die Frau übernimmt sozusagen die Rolle der Natur im Lebensbereich der Menschen. Ihre Stellung und Funktion sind analog zu denen der kosmischen Natura. Die Schönheit erscheint als Abglanz Gottes, als Glanz, der von seinem Licht ausgehe und sich über die Kreaturen verbreite. Da die Leiber der Frauen schöner als die der Männer seien, erwähle Gott „viel mehr die Weiber als die Männer […], seine Wohnung in ihnen zu machen.“[12] Wie Agrippa am biblischen Beispiel von Abigail, dem Weib Nabals, aufzeigte, sei Schönheit nicht nur am Leib zu erkennen, sondern ebenso an der Klugheit und an der Sprache. Die Hässlichkeit der Männer steche ins Auge: Glatzen und Bärte verunzieren ihr Gesicht, dass man es „kaum von den wilden Thieren unterscheiden kann“.[13] Die Natur habe die Frau in mehrfacher Hinsicht vorgezogen: Sie könne Kinder bekommen[14] und Milch als lebenserhaltendes Mittel geben, nicht nur für die Kinder, „sondern von solcher Kraftt, dass sie kann den Personen, so schon bey Jahren sind, das Leben erhalten“.[15] Überhaupt verfüge die Frau über mehr Heilkräfte, so könne sie durch Drücken ihrer Brüste „auf der alten abgelebten Männer Brust“ in ihnen „die Lebens-Wärme wieder herbey bringen“.[16] Die Frau sei beredter als der Mann, lernten doch alle Menschen von den Müttern und Ammen reden.[17]

Die biblischen Argumente bildeten eine eigene Kette, wobei Eva und Maria eine Schlüsselrolle spielten. Der Sündenfall gehe nicht auf Eva, sondern auf Adam zurück, habe Gott doch diesem und nicht Eva verboten, von der Frucht zu essen. So hätten wir uns alle die Erbsünde „über den Hals geladen, nicht von dem ersten Weibe, sondern von dem ersten Mann unter den Lebendigen“, weshalb auch nur die Männer beschnitten würden.[18] Durch die „unaussprechliche Wirkung des Heiligen Geistes“ sei Maria als einzige unter den Weibern „nicht ordentlicher Weise schwanger geworden“. [19] Und Christus habe als Menschensohn nicht eines Mannes Sohn sein wollen, sondern „eines Weibes, deren Geschlecht er so solchergestalt geehret“.[20] Der wichtigste Grund für den Vorzug des weiblichen Geschlechts vor dem männlichen war für Agrippa, so der Gipfelpunkt seiner Argumentation, ohne jeden Zweifel Maria. Die„edelste unter allen reinen Creaturen“ sei ein Weib gewesen, „nämlich die heilige und gebenedeyete Mutter Gottes“.[21] Von ihrem Glanz ging ein Abglanz auf das weibliche Geschlecht insgesamt über, Maria adelte alle Frauen. In seiner Schlussrede berief sich Agrippa sogar auf Aristoteles und sein Argument, dass das Geschlecht edler sei, dessen Vortrefflichstes das Vortreffliche eines anderen übertrifft. Die heilige Jungfrau sei d4ie Edelste unter den Weibern, Johannes der Täufer der Edelste unter den Männern gewesen, „daher folget, daß das Weibliche edeler sey als das Männliche.“ Die Überlegenheit der Frau zeige sich auch in dem Umstand, dass in Wissenschaft und Geographie viele Frauennamen vorkommen. So hätten „viele Künste und Wissenschafften die Nahmen dererjenigen behalten […], so selbige erfunden“. Zudem sei festzustellen, „dass die fürnehmsten Theile der Welt Frauens-Namen haben“: Asia (Nymphe), Europa (Tochter des Agenois) und Afrika (Tochter des Epaphi).[22]

Frauen seien zudem die ersten gewesen, die göttliche Eingebungen gehabt hätten und als Prophetinnen aufgetreten seien, wie u. a. die Sybillen.[23] Hierzu passt die Feststellung, die einfache Frau sei weiser als der gelehrte Mann, eine Auffassung, die uns im Kontext der Romantik im frühen 19. Jahrhundert bei den somnambulen „Seherinnen“ bereits begegnet ist (Kap. 26). Agrippa konstrastierte die Naturnähe der einfachen Frau mit der abstrakten Wissenschaft gelehrter Männer, was er mit seiner rhetorischen Frage zum Ausdruck brache: „Sind nicht die Mathematici und Astrologi offtmahls weniger beschlagen in ihren Speculationen und Wissenschafften, als die geringsten Bauer-Weiber? Und offtmals hat ein altes Weib mehr Erfahrung als ein Medicus, den man vor [für] einen geschickten Menschen hält.“[24] Am Ende seiner Schrift plädierte Agrippa nachdrücklich für die Frauenemanzipation und beklagte die traditionelle Geringschätzung der Frau: „Sind demnach die Weiber mit Gewalt genöthiget worden denen Männern zu weichen, welche über selbige siegen, gleich als wären sie ihnen durch Kriegs-Recht unterworffen, keinesweges durch göttliche Verordnung, nicht durch die Krafft einer geschickten Ursache, sondern durch die Gewohnheit, durch die Erziehung, durch das Looß, und durch die tyrannische Gelegenheit.“[25] Sie müssten den Männern weichen, „als ob sie im Kriege überwunden wären“, heißt es in einer früheren Übersetzung.[26] Der Autor kann einfach nicht schweigen, wie er am Schluss sagt. Denn er möchte diesem „gottseligen Geschlecht“ nicht die Ehre rauben und „für einen ehren-dib […] angesähen wärden.“[27]

Eine solche Eloge auf die Frauen unterscheidet sich fundamental vom Diskurs des modernen Feminismus, auch wenn sie in ihrem Schlusspunkt die Unterdrückung durch die Männer anprangert. Denn die moderne Frauenbewegung geht vom Grundsatz einer durchgehenden Gleichheit der Geschlechter sowie der Diagnose aus, dass die Frau sozial benachteiligt werde. Die Begriffe „Gleichberechtigung“ und „Gleichstellung“ sind deshalb von zentraler Bedeutung. Von einer Überlegenheit der Frau, wie sie Agrippa sowohl physiologisch als auch religiös begründete, kann heutzutage natürlich keine Rede mehr sein, obwohl unterschwellig das Frauenlob im heutigen Alltagsleben präsent sein kann, wie etwa die Redewendung von der „besseren Hälfte“ zeigt, die von Männern in launischer Stimmung gerne benutzt wird.

Der mittelalterliche Frauendienst, wie er in „Marienlob“ und Minnesang zum Ausdruck kam,  war (und ist) für den modernen Betrachter höchst verdächtig. Er wurde als Form des Masochismus angesehen und damit in die Nähe einer sexuellen Perversion gerückt. Der Berliner Sexualwissenschaftler Iwan Bloch verwies zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf das gespaltene Frauenbild: „Es ist eine Folge jener extremen mittelalterlichen Anschauung und Beurteilung der Frau, die in ihr entweder die Verkörperung der Erbsünde, der sündhaften Geschlechtslust sah, oder sie in der Konzeption der unbefleckten Jungfrau, der Himmelsbraut spiritualisierte. Die mittelalterliche Frau ist niemals die weise Gattin, niemals die Familienmutter, sondern entweder eine Heilige oder eine Prostituierte, Himmel oder Hölle, Maria oder Satansdirne.“[28] Wie beim modernen Masochismus spiele die Phantasie „bei dieser mittelalterlichen Liebessklaverei eine mindestens so große Rolle wie die Wirklichkeit, wenn auch […] der schließlich begehrte Lohn meist die wirkliche geschlechtliche Hingabe der ‚Herrin’ war.“[29] Ein ähnliche erotische Färbung hatte nach Bloch der Flagellantismus, wobei die Geißler „in heldenmütiger oder auch grausamer Peinigung ihrer Leiber, auf dem Schauplatz unnatürlicher Bußübung“ ihr Heil gesucht hätten.[30] In dieser Weise wurde die historische Frauenverehrung unter psychologischen Generalverdacht gestellt. Sie kaschiere nur die vorherrschende Frauenverachtung, sei deren Kehrseite.


[1] Frauenlob, 1531. [2] Ebd., S. 2. [3] A. a. O., S. 25. [4] A. a. O., S. 33. [5] Agrippa, 1997. [6] Friedrich / Müller-Jahncke, 2005, S. 57-62; Müller-Jahncke, 1973; 1985. [7] Agrippa, 1720. [8] Ebd., S. 8 f. [9] A. a. O., S. 18. [10] A. a. O., S. 23. [11] A. a. O., S. 23 f. [12] A. a. O., S. 24. [13] A. a. O., S. 33 f. [14] A. a. O., S. 35. [15] A. a. O., S. 37. [16] A. a. O., S. 39. [17] A. a. O., S. 43. [18] A. a. O., S. 47. [19] A. a. O., S. 41. [20] A. a. O., S. 50. [21] A. a. O., S. 63. [22] A. a. O., S. 73. [23] A. a. O., S. 74. [24] A. a. O., S. 87. [25] A. a. O., S. 110. [26] Agrippa, 1650, S. 204. [27] A. a. O., S. 216. [28] Bloch, 1912, Bd. 1, S. 663. [29] A. a. O., S. 665. [30] A. a. O., S. 662.

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