38. Kap./3 * Loblieder der Frauenverehrung

Es ist ein überraschender Befund, dass zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, einem Zeitraum von 400 Jahren, mehr Schriften zur Überlegenheit der Frauen als zu deren Minderwertigkeit erschienen sind. Misogyne Darstellungen waren also gegenüber den gynäkophilen in der Minderzahl. Der belgisch-kanadische Literaturhistoriker Marc Angenot konnte allein im französischen Sprachraum 80 Schriften über die supériorité des femmes ausfindig machen.[1] In der chronologischen Auflistung steht Agrippa, dem er einen „enthousiasme mystique pour la féminité“ bescheinigte, keineswegs am Anfang.[2] Sein Buch sei ein Vademecum der „Feministen“ um Margarete von Navarra (Marguerite d’Angoulême), der gelehrten protestantischen Königin von Navarra, gewesen. Agrippas Engagement im frühen 16. Jahrhundert mag an das des französischen Frühsozialisten Charles Fourier rund drei Jahrhunderte später erinnern, der in seinem Plädoyer für die Frauenemanzipation im frühen 19. Jahrhundert die Verteidigung der Frau mit utopischen Spekulationen verknüpfte.[3] Daneben gab es populär gehaltene Verteidigungsschriften, welche sich gegen die Klage über böse Weiber richteten. So wurden „heyligte weiber“ wie Sara, Rebecca, Rachel, „durch welche Gott wunder / vnnd grosse ding gethon hat“ ins Feld geführt, sowie die „Hochwirdige Jungfraw Maria […] / welche aller weiber eyn kron ist.“[4]

Die querelle des femmes in Renaissance und früher Neuzeit wurde entscheidend von Giovanni Boccaccio angestoßen, der seine Schrift „De mulieribus claris“ in den frühen 1360er Jahren verfasste.[5] Sie war der seinerzeit umfassendste Text über bekannte Frauen der Kulturgeschichte und wurde für Schriftsteller nachfolgender Generationen zur unerlässlichen Fundgrube. Es ist sehr bemerkenswert, wie Boccaccio die traditionelle Einschätzung von männlicher und weiblicher Physiologie vertauschte: Nicht der Organismus des Mannes sei reiner und deshalb für Göttliches empfänglicher, sondern derjenige der Frau. Letztere stehe deshalb der geistigen Welt näher, ersterer der irdischen. So hießt es in der deutschen Übersetzung von 1566 lapidar: „Das Weib ist Gottes / der Mann der Natur werck“: Der Mann sei aus „Koth oder Erden“ gemacht, das Weib „auß einer gereynigtê Materi/ die da lebendig/ besinnt/ vernünfftig […] ist.“[6] Diese Qualität der Frau wurde auch von Agrippa fast wortwörtlich hervorgehoben (siehe oben), der sich offenbar weitgehend von Boccaccio inspirieren ließ. Aus diesem Grunde, so Boccaccio, sei das Weib „gemeinlich Göttlicher erleuchtung fähiger dann der Mann / Ja offtmals in derselben vil vollkommener. Diß alles mag leichtlich bey jhrer reynigkeit vnnd wunderbarlichen schöne abgenommen werden.“[7] Auch dies entsprach Agrippas Einschätzung, wonach die Frau über die Kunst der Divination verfüge. Auch die „unleiblichen Geister“ und Engel liebten die Weiber „auff das höchst“.[8] Boccaccio sah in der Menstruation den Grund für die weibliche Reinlichkeit, gerade in jenem Vorgang also, der traditionell seit der Antike für die Minderwertigkeit und größere Krankheitsanfälligkeit der Frau verantwortlich gemacht wurde.[9] So war es nur folgerichtig, wenn er das Fazit zog, dass der Mann auf die Stimme des Weibes hören solle.[10]

Boccaccio zeichnete jedoch ein zwiespältiges Frauenbild, subversiv und konservativ zugleich, was die männliche Ambivalenz gegenüber Frauen zum Ausdruck brachte. Wie der australische Romanist Stephen Kolsky herausgestellt hat, gibt es in „De mulieribus claris“ im Gegensatz zum „Decamerone“ keine thematische Gruppierung der Biografien, so dass die Lektüre frustrierend sei.[11] Die Vorreiterrolle Boccaccios sei aber unbestritten: Als Humanist trieb er die gesellschaftliche Analyse entgegen der kirchlichen Lehrmeinung über die Frauen wagemutig voran.[12] Eine besondere Wirkung entfaltete die Geschichte der armen Bauerntochter Griseldis, die von einem Fürsten geheiratet und von diesem in grausamer Weise auf die Probe gestellt wird. Geduldig erträgt sie alle Pein und bleibt ihrem Mann Valterius unerschütterlich treu, was schließlich zu einem happy end führt. Diese letzte Novelle im „Decamerone“ griff Petrarca, der das Werk seines Freundes vom Italienischen ins Lateinische übersetzte, auf, da es ihn vor allem als moralphilosophisches Exempel tief beeindruckte. [13] Er verfasste unter expliziter Anerkennung der Leistung Boccaccios eine eigene Version in Form eine Briefes (Griseldis-Brief).[14] Dieser erfuhr eine starke Rezeption und wurde als eines der frühesten Werke Petrarcas ins Deutsche übersetzt und mit Holzschnitten illustriert gedruckt.[15]

Die Griseldis-Erzählung wurde unterschiedlich interpretiert, etwa als mystische Ehe der menschlichen Seele mit Christus oder auch nur als praktisches Lehrstück für die Bewältigung der konkreten Ehesituation.[16] Was war der Grund für die Frauenverehrung in der Renaissance, vom Frühumanisten Boccaccio bis hin zum okkultistischen Naturphilosophen Agrippa und über diesen hinaus? Aus meiner Sicht ist das Hauptmotiv in der veränderten Naturauffassung zu suchen. Die Natur wurde neu entdeckt, gleichsam als primäre Heilige Schrift. Sie wurde nicht mehr assoziiert mit dunklen, feuchten, kalten Qualitäten, nicht mehr begriffen als irdische Materie. Sie trug also nicht mehr jene Charakterzüge, die traditionell dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben worden waren. Jetzt trat eine kosmische Natura auf den Plan, eine schöpferische, helle, geistige, die als Jungfrau, Himmelskönigin, Nährmutter etc. ins Bild gesetzt wurde.

Anmerkung 1.02.2015

Die Ikonografie dieser Art Himmelskönigin lässt sich auch in der profanen Kunst bis zum modernen Film verfolgen. Die Faszination, die von bestimmten Abbildungen des weiblichen Gesichts ausgeht, speist sich möglicherweise aus entsprechenden kulturhistorischen Quellen. Besonders eindrucksvoll finde ich Audrey Hepburn in ihrer Rolle als „Prinzessin Ann“ in „Roman Holidays“ (dt. Ein Herz und eine Krone) (1953).   

Siehe meinen Supplementary News Blog.

Anmerkung vom 7.08.2015

Eindrucksvoll ist ein Gemälde aus der Sammlung Prinzhorn (Heidelberg) mit dem Titel: „Das blaue Wunder der Natur“, das die Vision eines psychiatrischen Patienten darstellt: Eine Frau in Gloriole erscheint freischwebend. Siehe meinen Supplementary News Blog

Solche Imaginationen stellten die Natur als eine göttliche Magierin dar, deren Glanz auf das weibliche Geschlecht insgesamt ausstrahlte. So schienen die verschiedenen Vorzüge der Frauen vor den Männern einen gemeinsamen Nenner zu haben: Sie wurzelten in der Natura, die in der Renaissance zunehmend ins Zentrum der neuen Naturphilosophie und Naturforschung rückte. Dies zeigt eine Miniatur aus der Schrift „La Complainte de Nature à l’Alchimiste errant“, die der französische Hofmaler Jean Perréal 1516 verfasste. Er personifizierte die Natur bzw. die Alchemie der Natur als Engel mit einer Planetenkrone, die „dem ziellosen umherirrenden Alchemisten“ als mahnende Lehrmeisterin begegnet: „nie sollst Du Erkenntnis von etwas erlangen, wenn Du nicht in meine Schmiede kommst.“[17] (Abb. [i]) Damit war der Baum mit den drei Wurzeln Mineralia, Vegetabilia und Sensitiva gemeint, aus denen durch die natürlichen Umwandlungsprozesse das „vegetabile Gold“ als höchste Blüte sublimiert wird.

Anmerkung:

Leonhard Thurneysser hat die (göttliche) Alchemie der Natur sehr eindrucksvoll emblematisch in „Quinta Essentia“ (Münster 1570) dargestellt.

Thurneysser 1570

Diese emblematische Illustration wird im Katalog der Herzog August Bibliothek „Goldenes Wissen …“ (2014, S. 204) mit „Alchemie als Frau Heimlichkeit“ erklärt. Es handelt sich jedoch nicht um die menschliche Alchemie, sondern um „Die Ewige Heimligkeit“, wie in der Überschrift zu lesen ist. Es ist also die Alchemie der Natur, die hier zur Darstellung gebracht wird. Die majestätische Frau thront auf der Schatztruhe und zeigt alle Attribute einer Himmelsköngin: eben der Natura. Die Alchemie, die von Thurneysser hier angesprochen wird, unterscheidet sich kategorial von der Alchemie als menschlicher Kunst.   

Hinweis im Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/09/08/159/

Der Künstler war sowohl mit Leonardo da Vinci als auch mit Agrippa von Nettesheim persönlich bekannt, und es erscheint durchaus möglich, dass er sich mit Letzterem über die naturphilosophisch zu begründende Überlegenheit der Frau, ihre Erhöhung zur geistigen Instanz im Kontext der natürlichen Magie ausgetauscht hat.


[1] Angenot, 1977. [2] Ebd., S. 29. [3] Fourier, 1980. [4] Alberus, 1539, Diij, S. 4. [5]  Boccaccio, 1895 und 1995; Kolksy, 2005, S. 2. [6] Boccaccio, 1566, 2. Bd., S. 7. [7] A. a. O., S. 8. [8] A. a. O., S. 9. [9] A. a. O., S. 14. [10] A. a. O., S. 49. [11] A. a. O., S. 169. [12] A. a. O., S. 177. [13] Knape, 1978, S. 66. [14] Petrarca, 1992, S. 655-668. [15] Petrarca  [1473/74], 1921. [16] Knape, 1978, S. 68. [17] Zit. n. Roob, 1996, S. 504.


[i] Roob, S. 504; → Abb. Perréal Natura 1516

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