38. Kap./4 * Mutterrecht und Muttergottheit

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es eine interessante Neuauflage der querelle des femmes. In einer misogynen Atmosphäre der Wissenschaft meldete sich ein Autor mit einer mythologischen Argumentation zu Wort und behauptete in seinen rechts- und religionshistorischen Betrachtungen den historischen Vorrang des weiblichen Geschlechts. Der schweizerische Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen veröffentlichte 1861 sein epochales Werk „Das Mutterrecht“.[1] Damit wollte er in eine unbekannte, fremde Welt einführen, die bisher von der Forschung übergangen worden sei: „Fremdartig steht das gynaikokratische Familienrecht nicht nur unserm heutigen, sondern schon dem antiken Bewußtsein gegenüber. Fremdartig und seltsamer Anlage erscheint neben dem hellenischen jenes ursprünglichere Lebensgesetz, dem das Mutterrecht angehört, aus welchem es hervorgegangen ist, aus dem es auch allein erklärt werden kann.“[2] Bachofen berief sich auf die „mythische Üerlieferung […] als unmittelbare historische Offenbarung, folglich als wahre, durch hohe Zuverlässigkeit ausgezeichnete Geschichtsquelle.“[3] Folglich hatte für ihn die „Trennung von Mythus und Geschichte“ keine Berechtigung, sie solle aufgegeben werden.[4] In der Gedankenwelt des Mutterrechts sei die linke Seite vor der rechten bevorzugt worden (linke Isishand), ebenso die Nacht vor dem Tag, der Mond vor der Sonne, die empfangende Erde vor dem befruchtenden Meer etc.[5] Die Mutterliebe sei ursprünglicher als die Vaterliebe, die „einen höhern Grad moralischer Entwicklung als die Mutterliebe, jene geheimnisvolle Macht, welche alle Wesen der irdischen Schöpfung gleichermaßen durchdringt“, verlange.[6] Letztlich rekurrierte Bachofen auf ein theologisches Argument der größeren Gottesnähe, um die Überlegenheit des weiblichen Geschlechts über das männliche zu erklären: „Zu allen Zeiten hat das Weib durch die Richtung seines Geistes auf das Übernatürliche, Göttliche, der Gesetzmäßigkeit sich Entziehende, Wunderbare den größten Einfluß auf das männliche Geschlecht, die Bildung und Gesittung der Völker ausgeübt. […] Älter als die männliche ist die weibliche Prophetie, ausdauernder in der Treue der Bewahung, ‚steifer im Glauben’ die weibliche Seele“.[7] Insofern sei die Frau stärker als der Mann: „Der höhern physischen Kraft des Mannes setzt die Frau den mächtigen Einfluß ihrer religiösen Weihe, dem Prinzip der Gewalt das des Friedens, blutiger Feindschaft das der Versöhnung, dem Haß die Liebe entgegen“, Bachofens religiös motivierte Hochschätzung des weiblichen Geschlechts erinnert unmittelbar an die entsprechende Argumentation des Agrippa von Nettesheim im frühen 16. Jahrhundert (siehe oben). Sein Einfluss auf die Lebensreformbewegung und den Jugendstil um 1900, die ja eine gewisse Renaissance der Verehrung des Weiblichen implizierte, war vermutlich stärker, als es in der gegenwärtigen Fachliteratur zum Ausdruck kommt.

Ihre Kraft beziehe die Frau durch ihre Hinwendung zur Erde, indem sie die „chthonischen Mächte über die des uranischen Lichts“ stelle und „das zeugende Naß dem gremius matris [Mutterschoß], den Ozean der Erde“ unterordne. [8] Bachofen identifizierte das „zeugende Naß“ mit den „tellurischen Gewässern“. Tellurisch bedeutet irdisch. Möglicherweise lehnte er sich hier aber auch an den Begriff  des Tellurismus an, den der Arzt und Naturphilosoph Dietrich Georg Kieser als Synonym für den „thierischen Magnetismus“ eingeführt hatte (Kap. 27).[9] Für unsere Thematik interessant ist Bachofens primäre Verknüpfung der „Gynaikokratie“ mit dem Mondkult, im Kontrast zur Verknüpfung des Vaterrechts mit dem Sonnenprinzip.[10] Dabei entwarf er ein dreistufiges Schema der Kulturentwicklung mit den drei Instanzen Erde, Mond und Sonne: „Das reine außereheliche Naturrecht ist das tellurische [irdische] Pirnzip, das reine Vaterrecht das Sonnenprinzip. In der Mitte zwischen beiden steht der Mond, die Grenzscheide der tellurischen und der solarischen Region, der reinste Körper der stofflichen, vergänglichen, der unreinste der unstofflichen, keinem Wechsel unterworfenen Welt.“[11] Der Mond steht also in der Mitte zwischen Sonne und Erde und übernimmt die Aufgabe eines Mediums, analog der zwischen Mensch und Gott stehenden Natura. Der Mond erscheine insofern androgyn – weiblich gegenüber der Sonne und männlich gegenüber der Erde –, weil er die von der Sonne empfangene Befruchtung an die Erde weitergebe. Freilich entspreche diese Doppelnatur des Mondes einer „Ehe mit Gynaikokratie“, weil dieser „erst Weib, folgeweise auch Mann“ sei. So habe das Verhältnis der Geschlechter im „Kampf von Sonne und Mond um den Vorrang im Verhältnis zur Erde“ seinen „kosmischen Ausdruck“ gefunden.[12] Schließlich habe das väterliche Sonnenprinzip den Sieg über das mütterliche Mondprinzip davongetragen, was in keinem Mythus so klar zum Ausdruck komme wie in der „indisch-ägyptischen Priesterlehre von dem großen Phönixjahr“.[13] Nicht das Ei des Phönix sei der letzte Grund der Dinge, sondern dessen „Befruchtung von einer höheren Macht, von der Sonne“, die vis genitalis werde von ihr eingepflanzt, wie es Tacitus formuliert habe.[14] Bachofens Einfluss auf feminisische und okkultistische Strömungen im 19. und  20. Jahrhundert war enorm.


[1] Bachofen [1861], 1948. [2] Ebd., 1. Bd., S. 9. [3] A. a. O., S. 13. [4] A. a. O., S. 16. [5] A. a. O., S. 17 f. [6] A. a. O., S. 20. [7] A. a. O., S. 27. [8] A. a. O., S. 34 f. [9] Kieser, 1822. [10] Bachofen [1861], 1948, 1. Bd., S. 126-135  [§8]. [11] Ebd., S. 130. [12] A. a. O., s. 131. [13] A. a. O., S. 133. [14] A. a. O., s. 132.