# 38. Kap. Querelle des femmes: Kontroverse Frauenbilder

In der Geschichte der abendländischen Medizin gilt die Frau im Allgemeinen als minderwertiger als der Mann. Zwei Theorien der antiken Medizin waren hierfür grundlegend. Zum einen besagte die hippokratische Lehre von der Gebärmutter (griech. ὑστἐρα; hystera), dass diese wie ein Tier im Leibe der Frau herumvagabundieren und verschiedene Krankheitssymptome hervorrufen könne, die dem klassischen Krankheitsbild der „Hysterie“ zugeordnet wurden. Zum anderen besagte die antike Säfte- bzw. Qualitätenlehre, die so genannte Humoralpathologie, dass die Frau kalt und feucht und deshalb krankheitsanfälliger und schwächer sei, als der Mann, dem die Qualitäten heiß und trocken zugeschrieben wurden. Die analogen Zuordnungen waren damit vorgegeben: Die Frau wurde der Erde, dem Mond und der Nacht zugeordnet, der Mann dagegen dem Himmel, der Sonne und dem Tag. In letzter Konsequenz repräsentierte die Frau die Finsternis, das Böse und Teuflische und der Mann das Lichte, Gute und Göttliche. Dieser Dualismus, der dem gnostischen und teilweise dem christlichen Weltbild entsprach, trennte also nicht nur die Geschlechter scharf voneinander, sondern konstruierte zugleich einen grundsätzlichen Gegensatz, der ein fundamentales Werturteil enthielt: Die Frau erschien physisch schwächer und moralisch schlechter als der Mann. Damit schien die soziale Rollenverteilung ein für allemal fixiert: Die Frau hatte die passive, dienende Rolle als Hausmutter zu übernehmen, der Mann die aktive, erobernde Rolle im „rauen Leben“. Dieses Klischee war trotz aller modernen Frauenrechts- und Sozialreformbewegungen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein vorherrschend.

Der moderne Feminismus in seinen verschiedenen Spielarten kämpfte und kämpft aus plausiblen Gründen gegen die sozialen Folgen dieses historisch fest verwurzelten Klischees. Dies geschah und geschieht auf verschiedenen gesellschaftlichen Feldern, etwa in Kultur und Kunst, Politik, Wirtschaft und Recht, wobei uns hier vor allem die historischen Analysen interessieren. Einschlägige Studien, wie etwa der Sammelband „Körper – Geschlecht – Geschichte“[1] sind durch zwei Kennzeichen geprägt: (1) Sie gehen – zumindest implizit – von einer Gleichheit der Geschlechter aus, als deren Goldstandard die soziale Stellung des Mannes identifiziert wird, um von daher die Schlechterstellung der Frau als Minusabweichung festzustellen; und (2) sie blenden in der Regel vormoderne Anschauungen, insbesondere die aus Mythologie, Religion und Naturphilosophie, aus, die möglicherweise altenative Erklärungspotenziale enthalten. Die arbeitsrechtliche Forderung der „Gleichstellung“ hat in der heutigen Arbeitswelt großes Gewicht. So interessieren vor allem Fragen wie: „Will women ever get to earn as much as men?” oder “Will a woman ever become president?”[2] Die Benachteiligung der Frau hinsichtlich der Berufswahl, des Einkommens oder der Stellung in der Unternehmenshierarchie soll aufgehoben werden. Nicht nur der öffentlich politische Diskurs geht von der These der Unterdrückung der Frau aus, auch der wissenschaftliche Diskurs, die gender studies, bauen auf ihr auf. Dass jedoch Minderwertigkeit und Unterdrückung der Frau auch in der Vergangenheit von prominenten Autoren beklagt und sogar der Vorrang des weiblichen Geschlechts vor dem männlichen emphatisch behauptet wurde, wird weitgehend ignoriert.


[1] Mixa / Malleier / Springer-Kremser / Birkhan (Hg.), 1996. [2] Fausto-Sterling, 1992.

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